Wir Zurückgebliebenen

Es steht zu befürchten, dass wir in diesem Jahr der 75sten Jahrestage derart exzessiv mit dem Gedenken beschäftigt sein werden, dass wir weder richtig zum Denken noch zum Trauern kommen.
Wir gedenken der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz und der Bombardierung Dresdens, wir gedenken des Hitler-Attentäters Georg Elser und der Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer, Hans von Dohnanyi, Carl Friedrich Goerdeler, Ewald von Kleist-Schmenzin, Julius Leber, Helmuth James Graf von Moltke, Hans Oster, es jähren sich die Versenkung der „Wilhelm Gustloff“, der Handschlag von Torgau und der Selbstmord Adolf Hitlers, die Kapitulation Deutschlands und die Nürnberger Prozesse, wir gedenken der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald, des Konzentrationslagers Bergen-Belsen, des Konzentrationslagers Sachsenhausen, des Konzentrationslagers Dachau, des Konzentrationslagers Ravensbrück und noch einiger anderer Konzentrationslager.

Können wir überhaupt so viel gedenken, vorausgesetzt, wir wollen darunter mehr verstehen als bloß das Aufsetzen eines ernsten Gesichts und das Falten der Hände? Gedenken ist eine diffuse, undurchsichtige Tätigkeit. Es hat offensichtlich mit dem Denken zu tun, aber als ein Denken, das sich deutlich Richtung Andacht bewegt, hat es mindestens genau so viel mit dem Nicht-Denken zu tun, mit der Aufgabe alles Rationalen und der Hingabe an frommes, wortloses Empfinden, das einverstanden ist mit dem einen oder anderen kathartischen Kontrollverlust. Gedenken ist ein Denken, das zum Fühlen führen soll.
Das ist für heutige Menschen, die zwar allerorten dazu ermuntert werden, sich hemmungslos ihren Leidenschaften und Sentimentalitäten zu überlassen, nicht aber, mit der gleichen Intensität auch an echter Innerlichkeit zu arbeiten, nicht mehr ganz so einfach.

Die Hilflosigkeit im Umgang mit der altertümlichen kognitiv-emotionalen Fertigkeit des Gedenkens kommt darin zum Ausdruck, dass immer öfter ersatzweise von „Erinnern“ gesprochen wird. Die einschlägigen Eminenzen und Würdenträger „gedenken“ bisweilen nicht mehr der Opfer von diesem und jenem Massaker, sondern sie „erinnern“ an die Opfer von diesem und jenem Massaker. Das hat mitunter wohl auch mit der Entfremdung der Menschen vom Genitivobjekt zu tun, vor allem aber damit, dass man diesem seltsamen innerlichen Tun allgemein ziemlich unbeholfen gegenübersteht.

Sinn und Zweck solchen Gedenkens werden immer undeutlicher. Einerseits will man die Menschen durch Akte der Aufklärung zu Einsichten bringen, die sie dauerhaft immunisieren sollen. Andererseits wirken solche gefühlsmäßigen Gewissheiten, die nicht spontan aus dem eigenen Innern in Tränen umgesetzt werden, sondern nur herbeigeredet, herbeiargumentiert worden sind, unauthentisch und dubios. Jemand, der erst eine präsidiale Rede braucht, die ihn darüber aufklärt, dass er traurig sein muss, der ist vielleicht nur situativ ein wenig weinerlich und will irgendwann vielleicht doch mal KZ-Wärter werden. 

Offizielles Gedenken mit Gottesdienst und Kranzniederlegung ist etwas Angeordnetes, etwas terminlich Angesetztes, ein Akt zwischen historischer Faktenschau und kirchenkühler Besinnlichkeit. Gefühlsausbrüche würden in einem solchen Rahmen etwas deplatziert wirken, obwohl jedem, der sich ein wenig mit Psychotherapie auskennt, klar ist, dass genau das eigentlich nötig wäre. Aber auch, wenn die Bundeskanzlerin von tiefer Scham spricht, sieht man sie nicht erröten, und der Bundespräsident, der seine Traurigkeit bekundet, bricht eher selten in Tränen aus. Was die Frage aufwirft, was solche Akte bloßer Staatsräson eigentlich bringen sollen.

Wie auch immer – zumindest möchte ich den Sprachpflegern der Republik, zum Beispiel diesem Verein, der immer irgendwelche Wörter und Unwörter kürt, vorschlagen, die Synonymisierung von „Erinnern“ und „Gedenken“ zu ächten. Erinnern ist etwas anderes als Gedenken.

Wer erinnert, tut etwas gegen anderer Leute Vergesslichkeit.
Wer gedenkt, wehrt sich gegen die eigene Gleichgültigkeit.

Es ist viel, vielleicht zu viel verlangt von Menschen, dass sie das Gedenken einfach so, von sich aus können sollen. Jugendliche nach Auschwitz zu karren und ihnen – unausgesprochen, aber dramaturgisch unmissverständlich – zu sagen: „So. Da sind wir. Jetzt gedenkt mal schön …“, ist pädagogisch sicher etwas zu optimistisch. Woran soll man denken, wenn man der Toten und der Befreiten von Auschwitz gedenkt? Wie soll man sich fühlen, wenn man der Menschen in Viehwaggons, in Baracken, in Gaskammern, auf Todesmärschen gedenkt?

Vielleicht sollte man das einfach lassen. Ich glaube, wenn ich als zerschundener, verlaust-vertierter, hohläugig-gespenstischer, maximal gedemütigter Häftling in einem KZ verreckt wäre, würde ich nicht wollen, dass empathische Teenager oder peinliche Präsidenten 75 Jahre später so tun, als könnten sie mein Leiden nachvollziehen.

Ich würde ihnen aus dem Totenreich zurufen, dass sie sich nicht immer wieder Leichenberge ansehen müssen, um im Gedächtnis zu behalten, dass das industrielle Töten von Menschen falsch ist. Dass sie nicht in Krematorien herumheulen müssen und sich versichern müssen, wie schrecklich das alles ist, damit man ihnen auch wirklich glaubt, dass sie aus der Geschichte gelernt haben. Ich würde wollen, dass sie langsam mal aufhören mit dem Mitleiden, dem Nachleiden und anfangen mit dem Selbstleiden. Denn Grund genug zum Leiden haben sie. Ich würde wollen, dass sie einsehen, dass sie kaum noch Täter, sondern vor allem Opfer sind. Sie, die sechzig Jahre nach Kriegsende geboren sind, sind nur noch Opfer. Schon ihre Eltern, mitunter schon ihre Großeltern waren Opfer. Opfer wovon? Nicht des Bombenterrors, das wohl auch, aber das geht leider Gottes in Ordnung. Strafe muss sein. Und die Strafe war aufs Ganze gerechnet maßvoll. Man würde es den Überlebenden von Dresden nur ungern ins Gesicht sagen, aber man kommt angesichts der Filmaufnahmen von befreiten Lagern, angesichts der Berichte alliierter Soldaten, die nach Jahrzehnten noch das Weinen nicht unterdrücken können über die Anblicke, die sich ihnen in Bergen-Belsen und anderswo boten, man kommt schwer umhin, sich Thomas Mann anzuschließen, der in einer seiner BBC-Ansprachen bitter bemerkte, er „habe nichts einzuwenden gegen die Lehre, dass alles bezahlt werden muss.“*  

Aber ihr, ihr Deutschen habt mehr verloren als eure schönen Städte, habt mehr zu beklagen als eure Bombenopfer und Gefallenen. Ihr habt euch selbst verloren, und seltsamerweise wisst ihr es nicht einmal. Ihr könntet langsam einmal zu ahnen beginnen, warum ihr selbst, ihr Deutschen von heute, Opfer, halbkrepierte Kadaver, lebende Leichname seid. Ihr könntet, wenn ihr den Blick von den Leichenbergen, den Brillen- und Schuh- und Kofferbergen auf euch selbst wenden würdet, euch als einen Haufen übriggebliebener Reste erkennen. Einen Müllberg verrenkter, verblichener, achtlos abgekippter Seelen.

Vergleicht euch mit denen, die ihr hättet sein können. Lest in den Schriften der Blütezeit deutschen Geistes, was zu denken, zu empfinden in eurem Land, was zu hoffen und beinahe zu glauben in eurer Sprache einmal möglich war. Lest mit Beschämung und unendlicher Wehmut.** Wie selbstverständlich man von innerer Gemeinschaft zwischen Deutschtum und Judentum schwärmen konnte, von der Weltbürgerlichkeit des deutschen Geistes, von Deutschland als dem Mutterland der jüdischen Seele.
Begreift, was das Nazigesindel angerichtet hat, welche Möglichkeiten, welche Wege hier abgebrochen wurden für immer. Welcher Zukünfte das Pack euch beraubt hat, um welches Geistesglück ihr betrogen seid.
Ihr Nachgeborenen seid aufgewachsen mit dem Holocaust beinahe als einer Normalität. Wohl einer singulär abscheulichen Normalität, aber einer, die eben hinzunehmen war als historische Tatsache, so wie Hiroshima, die amerikanische Sklaverei, der Dreißigjährige Krieg, die Pest und die Hexenverfolgungen hinzunehmen waren. Unschöne Kapitel im Geschichtsbuch, die nicht mehr zu ändern waren. Und die euch auch nicht mehr betrafen. Die Lehrer mit dem Geschichtsbuch aber, und die Politiker mit den Gedenktagsreden wollten, dass ihr betroffen wäret, und sie dressierten euch oberflächliche Posen aus Schuld, Verantwortung und nachträglichem Widerstand an. 

Niemand lehrte euch, zu fühlen, wie sehr ihr in Wahrheit betroffen seid. Niemand lehrte euch, zu weinen über die unendlichen Verluste, die grausigen Verstümmelungen, die ihr selbst erlitten habt. So lehrt euch denn selber. Ihr könnt es. Ihr könnt wissen und fühlen, was euch genommen wurde. Wisst, in welcher Welt ihr leben könntet, wenn euer Vorfahrenvolk nicht so erbarmungswürdig versagt hätte. Ihr sollt nicht sechsmillionenfach mitleiden und euch schuldig fühlen. Dafür ist es zu spät. Aber ihr sollt leiden und weinen um euch selbst. Um eure Gegenwart. 

Denn sehet: Dies ist die jämmerliche, hässliche, dümmliche Welt, in der ihr nun lebt. Leben müsst. Und sehet nun dort, dort hinten, hinter der Hitlerzeit: Dies ist die Welt, die im Entstehen begriffen war. Und die nie wieder sein wird. Dies ist das Reich des deutsch-jüdischen Geistes, der Kunst, des Wissens, der Humanität, das wir im Begriffe waren zu errichten! Dies ist die abendländische Kultur, die Ästhetik, die Geselligkeit, die Architektur, die Gesittung, die eurer Lebenswelt die Form geben könnte. Stattdessen lebt ihr in einer geistig-kulturellen Trümmerwüste, wenn auch in einer komfortabel eingerichteten Wüste, mit allen technischen und abartig-albernen Annehmlichkeiten, die Menschen das Vegetieren versüßen, denen man das Fragen und das Sehnen abdressiert hat.

Unsägliche Verbrechen sind begangen worden an Leib und Leben derer, deren tragische Liebe euer Land einst veredelt und zu einmaliger Blüte emporgetrieben hat. Das bleibt zweifellos das Schlimmste. Aber das Nächstschlimmste habt ihr selbst erlitten, erleidet es noch und wisst es nicht. Wisst nicht, wie allein ihr seid, wie zurückgeblieben und verkümmert.
Man lehrt euch Floskeln und Phrasen, die ihr mit nachdenklicher Betroffenheitsmiene hersagt. Dass ihr dafür sorgen wollt, dass so etwas nie wieder passiert, dass ihr den Anfängen wehren wollt, dass alle Menschen gleich seien und derlei Plattitüden. Das ist Kosmetik, keine Hygiene. Und schon gar keine Immunologie. 

Man will, dass ihr euch irgendwie im Spiegel ansehen mögt. Tut es, aber schminkt euch ab zuvor und impft euch mit eurem Anblick, mit Sehnsucht, Schmerz und Schande. Denn wo Recht und Moral, wo Humanität, Maß und Wert einst kläglich versagt haben, da muss wohl zukünftig die Angst vor der Abscheulichkeit und die Selbstverachtung und die Scham euch in Schranken halten, wenn der Blutdurst euch wieder überkommen will und die neidische Gier und der inzüchtige Drang, unter euch und euresgleichen bleiben zu wollen.
Ja, ihr müsst irgendwann wieder aufrecht und stark und widerständig werden. Doch zuvor müsst ihr euch brechen. Brechen überall dort, wo ihr schon gebrochen seid, gebrochen schon geboren wurdet und nur flüchtig wieder verwuchset und vernarbtet. Dass ihr spürt, was ihr seid: mit Ach und Krach ausgebesserte Trümmerseelen, dürftig rekonstruierte Krüppel, primitiv hergerichtete Invaliden. Schatten von Deutschen.
Ihr werdet keine Deutschen mehr. Lasst die Toten und werdet etwas anderes.

So was würde ich als KZ-Häftling aus dem Totenreich vielleicht ungefähr sagen. Was ich als zurückgebliebener Deutscher von heute sagen soll, weiß ich mit jedem Tag weniger. Vielleicht hilft mir einer der kommenden Gedenktage, es herauszufinden.

 

* Grauenhaft, es auszusprechen: aber die Bombardierung von Städten, Vertreibungen, Racheakte, Vergewaltigungen, Kriegsgefangenenlager … all das liegt – aller Verdammungswürdigkeit zum Trotz – gewissermaßen in der Logik, der perversen Logik des Krieges. Es lässt sich sogar unter den Kriegsparteien vergleichen und gegeneinander aufrechnen.
Auschwitz aber liegt vollständig außerhalb dieser Logik. Es ist das Unvergleichliche, Unbegreifliche schlechthin.

** Zum Beispiel in dem fantastischen Buch von Dieter Borchmeyer: „Was ist deutsch? Die Suche einer Nation nach sich selbst“, Rowohlt, Berlin 2017

 

© Marcus J. Ludwig 2020
Alle Rechte vorbehalten.