Wie ich dieses Jahr überlebte

I think I‘m walking out of this fight / There‘s a spark and it‘s just within my sight / A little light means everything to a Halfbeliever like me // Eigentlich sollte diese Hommage an meine Lieblingsband ganz anders betitelt sein, und sie sollte auch soundmäßig ganz anders daherkommen, hymnisch und hoffnungsfroh, lallend und lächelnd in gemäßigter Melancholie, so sonnig, pazifisch und westcoastig, wie das eben geht bei einer Musik, die vorwiegend zwischen Hochhäusern spielt, in Subway trains, im Central Park, bei Wind und hochgeklapptem Mantelkragen. Und irgendwie ging es ja immer: den Sommer, die heißen Sände, die blaugrünen Küstenwälder wenigstens zu ahnen, wo immer man war in dieser verstädterten, versteinerten Welt. Zu singen, zu schreiben, als sähe man die Sonne noch auf ihrem Weg durch den Westen, durch die Nacht, um den ganzen festlich überstirnten Globus. – Aber was sollen wir heute noch anfangen mit irgendeiner metaphorischen Sonne … die Sonne ist ein belangloses Ding geworden, um das unser Planet, ein Planet voller panischer Primaten, ein weiteres Jahr lang herumgetaumelt ist, und in diesem Jahr ist allen, die gewohnt waren, mit Metaphern und Klängen und hohen Gesängen zu hantieren, gnadenlos aufgezeigt worden, was solche Kunstflausen wert sind, wenn es ernst wird. // Hold still, limit what you see / Be free for a while / (…) There is help for raw souls / A language for the shy // „Den Scheuen eine Sprache“, so sollte der Text eigentlich betitelt sein. Aber eine solch unbestimmt zarte Zeile, die noch mit Menschlichkeiten der vorpandemischen Ära rechnet, mit blinzelnden Sehnsüchten und Sonntagnachmittags-Träumereien, die passt einfach nicht mehr zu den Zuständen unseres Innern. In diesen Zeiten, in denen alles Eigentliche den Bach runtergeht, werden alle Entwürfe belanglos, Zeiger und Koordinaten baumeln schief in der Leere, Asche annullierter Lebenspläne geistert grau durch den Winterwind, der Alptraum aller Halbgläubigen und Sucher wird zusehends zum Alltag. / Unser Alptraum ist nicht von der Art herkömmlicher Zombie-Apokalypsen und Alien-Invasionen. Uns schrecken keine Toten, die ihren Gräbern entsteigen, weder Monster noch Menschenfresser noch all die Kindheitsdämonen, die nächtens lauern unter der Kellertreppe, um mit kalten Klauen nach unseren Knöcheln zu grabschen. / Unser Alptraum ist eine Welt, in der alle Träume ausgeträumt sind, eine Welt ohne Sehnsuchtsschmerzen und zufällige Zwischentöne, ohne all die rhythmischen Illusionen, die tanzenden Schrecken der Schönheit, die uns nach oben, in wärmere Richtungen trieben. Eine Welt ohne jedes zweideutige „Einst“, ohne Hall und ohne die Hoffnung, hinter der nächsten Ecke könnte ein neues Lied erklingen, ein neues Lächeln uns unser Schicksal singen. Eine Welt ohne den fernen Funken im Täuschungsbereich unseres Sehfeldes, die Glut, die immer da war, neben uns, solange wir nicht genau hinsahen. Unser Alptraum ist die erloschene, in Krämpfen stillstehende Welt – die Welt, wie sie jetzt ist. // There’ll be no black of night / There’ll just be turned out lights // Keine nächtliche Schwärze, nur ausgeknipste Lichter … das lässt sich noch singen und hören, aber nicht mehr als Beruhigung und Aussicht auf Erlösung. Nur noch als Diagnose eines Endstadiums, in dem das Nachtdunkel nicht mehr der Weiheraum Wagnerscher Liebespaare oder das Manhattan romantischer Komödien ist, sondern die Nulllinie der Lebensenergie. // When I was young / I didn’t know if I was better off asleep or up / Now I’ve grown up / I wonder what was that world I was dreaming of // Nie wieder wohl werde ich von einer Welt träumen können, über die ich mir all diese alten und neuen Kinderfragen gestellt habe. Eigentlich muss ich alles, was ich schon notiert und geschrieben hatte, umschreiben, alles mit einem negativen Vorzeichen versehen. Es stimmt alles nicht mehr. / Nur die Musik stimmt vielleicht irgendwie noch. Sie stimmt, solange man die Welt verloren gibt und aufhört damit, argumentieren und retten und rechthaben zu wollen. Und das muss man denn wohl: erwachsen werden, gefasst sein und alles verloren geben. Wir konnten schon als Kinder unsere Eltern nicht retten. Wir können auch als Künstler unsere Menschheit nicht retten. Wir können nicht mal unsere Nation, nicht mal unsre Nächsten retten. Wir müssen mittaumeln und mitfallen. Aber singen müssen wir dabei, singen, ohne uns unserer schiefen Töne zu schämen, unserer Tränen, unserer Flüche, unsrer verzweifelten, lächerlichen Lustigkeiten. // I‘m trying to levitate, I’m trying to leave the ground / Tryin‘ to remember when I could fix anything with sound // Wenn man beim Musikhören immer wieder, von unmerklichem Zwang gezogen, mitsingen muss, dann hat das etwas zu bedeuten. Nichts besonders Kompliziertes, einfach nur, dass hier etwas zutiefst Eigenes, Lebenswesentliches, etwas Innerlichstes zum Einstimmen angeregt wird. Alfred Adler meinte, wenn man einen Menschen (der sich unbeobachtet wähnt) beim Essen beobachten könnte, wüsste man im Grunde alles über ihn. Ich meine, wenn man einen Menschen beim Singen seiner existenziellen Seelenlieder beobachten könnte, wüsste man noch wesentlich mehr über ihn. Es ist halt die Frage, ob man den Menschen näher am Tier oder näher am Gott verortet. Ob man ihn als gierig schlingenden, mehr oder weniger zivilisierten Beutegreifer sieht, als durch Konventionen gerade so im Zaum gehaltene Naturbestie, oder aber als ein Wesen, das wohl fressen und ficken, vor allem aber teilhaben will am Göttlichen, indem es sich ausdrückt und seine seltsame Existenz besingt, indem es das Dasein feiert und beklagt und sich in autogener Konsonanz in all die übernatürlichen Stimmungen hineinsteigert, die aus einem Erdenkloß einen Himmelskörper machen, für Momente zumindest. / Sage mir, welche Songs du mitsingst, und ich sage dir, wer du bist. Daran glaube ich zutiefst. / Nirgendwo singe ich derart frei und natürlich mit, nirgendwo stimme ich so ungezwungen ein wie bei den Worten und Melodien von Matt Caws. Und ich kann auch immer in kürzester Zeit die Texte auswendig. Was bei neuerer Musik ansonsten ganz unmöglich ist für mich. Die Lyrics meiner Kindheit und Jugend kann ich alle noch abrufen, nachts um drei kann ich jedem, der’s hören will, die gesammelten Werke von den Smiths, von REM, von Depeche Mode und den Beatles vorsingen, ich kann die Texte von Abba und Iron Maiden, von The Cure, The Church und The Cult runterbeten, die ersten fünf U2-Alben, alles von Suzanne Vega, Jane’s Addiction, Fugazi, den Pixies, den Lemonheads. Alles aber, was dann später dazukam, hat sich schon deutlich schwächer eingebrannt, ein paar Zeilen von den Foo Fighters und Radiohead, von Blink 182, Dubstar und Charlotte Hatherley krieg ich hin, von The Go Team, Phoenix, Aimee Mann, den Strokes und The most serene Republic. Nur, die neueren Sachen passen sich nie mehr so einfach ein, man ist starr und stur geworden mit den Jahren, man lässt sich nicht mehr alle dämlichen Zeilen eines naiv-sentimentalen Popliedchens in die Seele prägen. Es sei denn, das Liedchen ist halt schon drin in der Seele, es war schon immer drin, in etwas anderer Version vielleicht, vielleicht nicht einmal als Lied, sondern nur als unbestimmtes Summen, als Flüstern, als Farbe und zitternde Glut. Und das, was uns da nun aus dem CD-Player entgegenschallt, ist dann nur noch ein Anfachen, ein Aktualisieren von etwas längst schon Eigenem. Und aus dem Glühen wird ein Leuchten und Strahlen. Und dann, für Sekunden, lebt man plötzlich. / Die Songs des 2020er Albums „Never not together“ hatte ich im Handumdrehen drauf. Und ich habe sie seit Februar mindestens 300-mal mitgesungen. Ich singe immer die Harmonielinien drunter, weil ich nicht so hoch komme wie diese wohl schönste Männerstimme, die man sich ausdenken kann, und ich bilde mir ein, dass die Songs durch mein Mitsingen nicht viel schlechter werden. Aber falls es dereinst Schönheitsoperationen für die Stimmbänder geben sollte, dann würd ich mir die Singstimme so machen lassen. Wenn Matt Caws singt, ist das wie ein Wegpusten all des Staubs, der sich über lange verschüttete Seelenzustände gelegt hat. Und wenn der Staub weg ist, dann sieht man sofort, dass hier immer das Eigentliche war, um das es geht im Leben. Es geht um das, was das Wesen aller Kunst ausmacht und was weltenweit jenseits aller politischen Nichtigkeiten, himmelhoch über allen „Debatten“ und allen Tagesgeschäften der Öffentlichkeit lebt: Die Schönheit, die problematische Schönheit des einzelnen Menschen in seiner Innerlichkeit, seiner Unverstelltheit, seiner ewigen Machtlosigkeit gegen das große Ganze. Wir sehen den Menschen in seiner Verzeihlichkeit, seiner schwierigen Liebenswürdigkeit, seiner Sehnsucht nach Erlösung durch die Liebe, in welcher Gestalt, in welcher Musik auch immer sie ihm begegnet. Und sie begegnet ihm! Und sie findet ihn, wenn er sich öffnet und offen bleibt und sich rühren lässt und der Angst keine Macht einräumt über sein Dasein. // There‘s no tiger in the room / There‘s no one lunging at you / Everything is trying to talk to you / And who you are becoming // Aber auch das alles haben die Menschheitsverbrecher in Politik und Medien mittlerweile beinahe vollständig zerstört. Sie haben unseren höheren Träumen, unseren halluzinatorischen Hellsichtigkeiten das materielle Substrat entzogen. Sie haben den Menschen jeden Rest von Schönheit, jede letzte Liebenswürdigkeit hinweggelogen. Sie haben hässliche, entstellte Angstwesen aus ihnen gemacht, in sich und ihre untersten Bangnisse zurückgescheuchte Maskenmonster, die sich wohl nie wieder öffnen werden. // There will be new lows / And new highs of suns / The same infinity / Around everyone // Ja, es war einmal eine Unendlichkeit um jede Seele herum. Darüber konnte man singen und weinen. Jetzt haben wir Sicherheitsabstände und Kontaktbeschränkungen um jedes blockierte Leben herum. Darüber kann man allenfalls noch fluchen und kotzen. //////// Soll ich so aufhören? Kann ich diesen Text, kann ich dieses Jahr fluchend und kotzend beenden? Nein, kann ich nicht. Ich bin Romantiker. Halfbeliever und Vollidiot. Ich lasse die Realität niemals siegen. Schon gar nicht diese Realität. Es kommt ein neues Jahr. Und dann kommt noch ein neues Jahr. Und noch eins. Und noch ein paar weitere, wahrscheinlich. Jahre voller Katastrophen, Jahre voller Elend und Irrsinn und menschlicher Niedertracht. Jahre voller Wendepunkte, voller Widerstände, voller wachsender Gegenkräfte, Jahre voller neuer Menschen, die selbst denken, selbst fühlen, selbst fragen, selbst suchen werden, lebensmusikalische Menschen, die sich früher oder später finden in der Zuversicht, dass eine wahrhaftigere, gesündere, freiere Welt möglich sein muss. / Als Romantiker muss man an Wunder glauben, als Halbgläubiger sogar doppelt. Und ja, ich glaube sogar an die Zeile, die Matt Caws* mit einem Kinderchor (ich hasse Kinderchöre in der Popmusik) singt, nicht nur singt, sondern geradezu verkündigt. Das ist nah dran an Coldplay-Kitsch, aber es ist nun mal einfach wahr, jedenfalls in dem Moment, da man es vorgesungen bekommt: What you’re looking for is looking for you, too. // Das ist wohl die letzte Überbietung aller Romantik. // What you’re looking for is looking for you, too. Don’t move! // Was du suchst, das sucht auch nach dir! Halt still! Halt aus! Mehr kann niemand ersehnen. Gefunden zu werden von allem, was scheu und sprachlos mit einem durch dieses große, lange Leben treibt. Von allem, was Weh und Wunder allein nicht bestehen kann, und auch nicht bestehen will. Dass es diese Gemeinschaft der ewig Sehnenden geben könnte, dass echte Menschen, echte Lebewesen sich finden und erkennen können, aus dem Geheimnis treten und die Welt für Augenblicke neu machen: das ist die hymnische Utopie von Nada Surf. Das ist die verwegene Hymne, die ich mein Leben lang gesungen habe. Und ich werde sie weiter singen, über alle Wirklichkeit hinweg und gegen alles bessere Wissen, wenn es sein muss.

 

* Da im Text immer nur der Sänger genannt wird, sollte ich vielleicht zumindest noch erwähnen, dass die Band Nada Surf auch noch aus den grandiosen Musikern Daniel Lorca und Ira Elliot (sowie zeitweise Doug Gillard und Louie Lino) besteht. Und dass die neue Platte keineswegs die beste ist. Die beste – und eines der besten Alben aller Zeiten – ist „Let Go“ von 2003.

Hörtipps:
Come Get Me
https://www.youtube.com/watch?v=DnVBJXZwqS8

Cold to See Clear
https://www.youtube.com/watch?v=YrHjtCSEGx4

Fruit Fly
https://www.youtube.com/watch?v=_IvYKoqWZ1I

Achtung: Komme bloß keiner auf die Idee, diese Songs oder irgendeinen anderen Nada-Surf-Song oder überhaupt irgendein ernstzunehmendes Stück Musik über die Lautsprecherchen seines Smartphones oder Notebooks abzuspielen. Wehe! Dem (m/w/d) mögen umgehend die Trommelfelle verdorren!

 

 

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© Marcus J. Ludwig 2020.
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