West-östlicher Irrwahn

Mir ist mittlerweile fast egal, was aus Deutschland wird. Die staatliche Einheit steht wohl seit 30 Jahren auf dem Papier, aber das reale Leben der 82 Millionen Staatsbürger spielt sich längst in lebensweltlich abgeteilten Territorien ab, in mentalen Gruppenwirklichkeiten, die durch fast unüberwindliche Grenzen getrennt sind. Diese neue Art von „Kleinstaaterei“ jenseits der Nation wäre womöglich erträglich, vielleicht sogar wünschenswert und vielversprechend, wenn Europa als Einheit fortbestehen würde.

Ich glaube jedoch nicht sehr fest daran, dass Europa noch lange überleben wird. Der Kontinent als Landmasse und Liegenschaft wird irgendwie weiterbestehen, vielleicht auch die EU, aber alles, was man jahrhundertelang mit dem Begriff des europäischen Kulturraums, der okzidentalen Weltauffassung, des abendländischen Menschentums verbunden hat, geht seinem Ende entgegen.

Jeder, der mit offenen Augen durch die Städte der alten Christenheit wandert, kann sehen, wie es steht, und jeder, der zu rechnen weiß, kann sich denken, wie es weitergeht.
Thilo Sarrazin kann gewiss rechnen, aber dass er eher zu vorsichtig kalkuliert hat, damals, als er in seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ mit Blick auf die Geburtenraten autochthoner und eingewanderter Bevölkerungsgruppen dies und das zusammenzählte und hochrechnete, ist mittlerweile kaum mehr zu bestreiten.

Freunde, die vor vielen Jahren – lange vor dem deutschen Jahr der grenzenlosen Gutmenschlichkeit – aus Syrien auswanderten, um in Europa ein Leben in Freiheit zu finden, ein Leben jenseits religiöser Engstirnigkeit und archaischer Sittenzwänge, wollen bald wieder wegziehen aus Deutschland: „Zu viele Ausländer.“
Als muslimische Migranten haben sie keine Scheu, das so einfach auszusprechen, wie es ist. Sie gehen vor die Haustür, und die Straßen sind voll von genau den Typen, vor denen sie einst geflohen sind: religiöse Fanatiker, die ihnen das Leben zur Hölle gemacht haben, Tugendterroristen, die ihnen verbieten wollten, Händchen zu halten im Bus. Voraufgeklärte Frömmler und Patriarchen, die Frauen vor der Welt verhüllen wollen. Frauen, Mädchen, die solche Zwänge schon derart verinnerlicht haben, dass sie zutiefst glauben, sie wollten das wirklich selbst, von sich aus: sich verbergen, sich unkenntlich machen, sich entweiblichen, sich unterordnen den Gesetzen angst- und eifersuchtsgepeinigter Männer. Und dazwischen ein paar gebrochene Biodeutsche, denen diese Art ausdünnender Vielfalt krankhaft willkommen ist, zur Buße und Abtragung ererbter Sündenlast.

Keine kulturelle Mitte

Aber ich will die Betrachtung nicht auf Religion und Psychopathologie reduzieren, denn hier liegt nicht der entscheidende Konflikt. Die hauptsächliche Konfrontationslinie ist nicht die zwischen vitalem Islam und masochistischem Restchristentum, sondern einfach die zwischen aufgeklärtem Okzident und voraufgeklärtem Orient. Und diese Kulturen passen nicht zusammen.

Bundespräsident Christian Wulff meinte in seiner berüchtigten Rede zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2010 keinen Geringeren als Goethe in seine Argumentation hineinzerren zu müssen: „Vor fast 200 Jahren hat es Johann Wolfgang von Goethe in seinem West-östlichen Divan zum Ausdruck gebracht: Wer sich selbst und andere kennt, wird auch hier erkennen: Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen.“

Aber, auch wenn der Präsident, der Deutschlandfunk, die Zeit und der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, es gern hätten – der Satz stammt nicht aus Goethes Divan, sondern aus einem Gedichtentwurf. Und vielleicht hat es einen Grund, dass es beim Entwurf geblieben ist. Zum Beispiel den, dass man beim Entwerfen schon mal ein bisschen flott daherimprovisiert. Die kleine Reimerei ist Teil eines spielerisch-experimentellen Selbstverständigungsprozesses und eignet sich nicht, auf Gesetzestafeln gemeißelt zu werden.
So oder so: Man kann auch Goethe ruhig mal widersprechen. Falls das nötig wäre. Denn vielleicht würde auch Goethe selbst sich widersprechen, wenn er sähe, was die Leutchen in den letzten Jahren so angestellt haben.

Europa – mit Deutschland an der Spitze – hat seit Jahrzehnten massenhaft Menschen aus dem Morgenland herbeigerufen oder einwandern lassen. Sie bringen ihre Kultur, ihre Sitten und ihre Mentalitäten mit, und zu diesen gehört sehr oft ein hochstolzer, hochthymotischer Ehrbegriff, der es offenbar erheblich erschwert, überhaupt nur den Wunsch aufkommen zu lassen, sich identitätsmäßig neu zu erfinden, um mit Leib und Seele Europäer zu werden, Franzose, Engländer oder Deutscher. Sie wollen Türken, Libanesen, Marokkaner bleiben. Und sie können es, denn sie ahnen, dass sie bald in der Mehrheit sein werden.

Es ist eine einfache demographische Tatsache, die jeder sehen kann, der einen Blick in Schulen wirft oder an einem schönen Sommerabend durch den nächstbesten Park schlendert: der Nachwuchs – vor allem der männliche Nachwuchs – aus den angesprochenen Gegenden ist deutlich in der Mehrzahl. Das wissen die Jungs auch, und sie benehmen sich so. Sie haben den deutschen Pass, aber sie sind keine Deutschen, sie wollen auch keine sein. Sie wollen nicht Michael und Martin heißen, auch nicht Mario oder Mirco oder Miguel oder Morten, sondern Mustafa und Muhammad. Sie werden sich niemals integrieren. Nicht, weil wir es ihnen so schwermachen, sondern weil sie uns verachten. Und man kann es ihnen nicht einmal übelnehmen. Die deutsche Kultur, die europäische Kultur ist so gut wie am Ende. Reste von Selbstbehauptung lassen hier und da die Slawen und die Ungarn noch erkennen, vielleicht wird von dorther irgendwann eine Neubesiedelung und Rekultivierung Resteuropas ausgehen, wenn die Orientalen sich hier in den kommenden Jahrhunderten ausgelebt haben werden.

Man hätte diese Entwicklung ziemlich sicher rechtzeitig stoppen können, wenn man gewollt hätte. Man wollte nicht. Man wollte das Europäische nicht verteidigen, man wollte das abendländische Menschentum nicht am Leben erhalten. Vielleicht, weil man es verachtete, vielleicht, weil man es gar nicht mehr als solches erkannte durch den Nebel postmodern-globalistischer Menschheitsbesoffenheit.

Es gab das Abendland einmal. Man kann es noch ahnen, wenn man durch Trier spaziert, zum Beispiel, oder Weimar. Es gab nie einen Grund, das freiwillig aufzugeben. Keinen geistig gesunden Grund. Man konnte immer schon wissen, dass der Orient der Feind des Okzidents ist. Kulturräumlich gesehen. Eine schwierig verwandte Nebenwelt. Nicht die einzelnen Menschen sind Feinde der anderen Menschen, aber die Kulturen sind und bleiben, trotz aller Nivellierung durch die Massenzurichtungen des Modernismus, einander feind, ganz unemotional gesprochen, im Sinne von abweisend, ausschließend, exklusiv. Die Kulturen können jede für sich gedeihen, in klarer Trennung voneinander, in austariertem Leben-und-leben-Lassen. Aber sie sind nicht mischbar. Ein Professor für kantische Philosophie und eine gläubige Muslima können niemals eine funktionierende Ehe eingehen. Sie können sich nicht in einer kulturellen Mitte treffen. Die gibt es nicht. Einer von beiden müsste seine Kultur aufgeben und sich assimilieren.

Dagmar Dagdelen?

Das Fremde ist für jede Gesellschaft, die sich entwickeln will, für jedes Volk, das irgendwie aufwärtsstrebt, überlebenswichtig. Thomas Mann sprach zu seiner Zeit vom „jüdischen Ferment“. Das Judentum wirke als eine Art Katalysator, ohne den das autochthon Deutsche nur blöde vor sich hin sumpfen würde.
Das ist wahr. Ein Volk, das nur „unter sich“ bleibt, bleibt unter seinen Möglichkeiten. Der Geist braucht Anregung, braucht die Provokation, Anstachelung, die Reizung und Stimulation. Durch das irgendwie Bessere oder Stärkere, durch das gefährlich Konkurrierende, das hinreichend Ähnliche und doch ganz Andere.

Die Juden waren in dieser Hinsicht ideal: Sie waren hinreichend ähnlich und dabei halbwegs andersartig. Und in vielerlei Hinsicht, vor allem in geistiger Hinsicht, waren sie sehr viel besser. Sie fermentierten das Deutsche, man könnte vielleicht eher sagen, sie befruchteten es und brachten es somit überhaupt erst zur Blüte.

Die islamischen Orientalen aber, die Maghrebiner, die kleinasiatischen Türken dagegen sind nicht ideal, sie sind ganz und gar nicht ideal. Ich rede hier natürlich nicht von Einzelnen, ich rede von soziologisch-statistischen Tendenzen. Natürlich gibt es Türken, die hier vollständig integriert und assimiliert sind und so deutsch wie die blondeste Bäuerin aus der Soester Börde. Aber selbst ein Maximalschwabe wie Cem Özdemir heißt eben immer noch Cem. Das begreife ich einfach nicht. Warum haben seine Eltern ihm nicht einen deutschen oder irgendwie europäischen Namen verpasst, als unübersehbares Signal familiärer Deutschwerdung? Warum heißt er nicht Martin C. Özdemir? Warum heißt der durch und durch bayerische Fernsehkoch Ali Güngörmüs nicht Andi Güngörmüs? Warum heißt die Linken-Politikerin Sevim Dagdelen aus dem Ruhrpott nicht Tanja Dagdelen oder Elke Dagdelen oder Dagmar Dagdelen? Ich weiß nicht, wie diese Leute ihre Kinder nennen, aber ich habe noch nie einen türkisch- oder arabisch- oder persisch-stämmigen Menschen gesehen, der einen deutschen Namen gehabt hätte. Dass die Deutschen ihre Kinder auch nicht mehr deutsch benennen, sondern mit glitzernden Celebrity-Wortmarken wie Maddox oder Kimberley-Celina dekorieren, ist kein Argument. Gerade dann sollten die Fremden ihren Willen zum Deutschsein umso demonstrativer zum Ausdruck bringen.

25 von 25

Ich will bestimmt nicht in einem homogenen Germanenvolk leben. Aber noch weniger unter 90 Prozent Orientalen. Auch nicht unter 80, 70, 60 oder 50 Prozent Orientalen. Was zu der Frage führt: Wie viele wären denn okay?

Ich bin sicher, man könnte sehr genau herausfinden, was „das Volk“ – und damit meine ich jetzt nicht die abstammungsbedingten Biodeutschen, sondern die Kulturdeutschen, also die, die durch ihren ganzen Habitus problemlos als Deutsche zu identifizieren sind, auch wenn ihre Eltern möglicherweise noch Polen oder Rumänen waren (ich habe Freunde, auf die das zutrifft: Sie haben nach offiziell-behördlicher Definition tatsächlich einen Migrationshintergrund, aber ich würde im Traum nicht darauf kommen, sie als Migranten zu bezeichnen, sie sind Deutsche, ihre Heimat ist Deutschland, fertig) – was also dieses Volk für okay, für tolerabel, für wünschenswert hält. Man könnte das sehr leicht herausfinden, wenn man das wollte. Man will es nicht, weil man das Ergebnis ahnt, und weil man weiß, dass dieses Ergebnis den ideologischen Illusionen eklatant widerspräche.
Wenn die Meinungsforscher fragen würden:

Wie viele Kinder in einer deutschen Schulklasse sollen idealerweise Türken/Araber/Muslime sein?
1 von 25
2 von 25
3 von 25
. . . . .
24 von 25
25 von 25
Bitte den Wunschwert ankreuzen (Sie brauchen keine Gründe angeben, Sie bleiben anonym, es geht uns nur um eine statistische Idealvorstellung)

– dann wäre das Ergebnis höchstwahrscheinlich irgendwas zwischen 0 von 25 und 2 von 25. Ein Junge und ein Mädchen, höchstens. Das lässt sich integrationsmäßig gut verkraften.
So wird aber niemals gefragt. Gefragt wird:

Soll Deutschland seinen humanitären Verpflichtungen nachkommen?
Sind Sie für Vielfalt und Toleranz?
Soll rechter Hass konsequenter bekämpft werden?
Wie groß ist die Gefahr, dass völkische und rassistische Vorstellungen in Deutschland wieder Fuß fassen?
Et cetera, et cetera.

So wird gefragt, bis wir deutschlandweit bei 25 von 25 angekommen sein werden. Und dann werden sich keine Fragen mehr stellen.

Von Herzen Europäer

Ich gönne jedem Orientalen seine gewohnte Lebensart in seiner orientalischen Kultur. Aber ich will keine größeren Elemente dieser Kultur hier in Europa sehen. Ich will keine Minarettmoschee, keine Shishabar, keinen Gemüseladen, in dem sich alle Leute in einer Sprache unterhalten, die mich ausschließt und wo eine junge Frau mit einem Unterdrückungssymbol auf dem Kopf an der Kasse sitzt. Vor allem aber will ich keine Männer in wehr- und kampffähigem Alter, die sich in Kassel oder Stuttgart so verhalten, als seien sie in Kabul oder Tripolis.

Ist das alles rassistisch? Nein, ist es nicht. Es hat mit Rassen schlichtweg nichts zu tun, sondern allein mit Kulturen. Selten wohl war etwas so eindeutig ein kulturalistisches Problem wie dies hier. Und dazu ein Problem, das rein theoretisch so einfach zu lösen wäre. Die Orientalen könnten ihre Kultur da kultivieren, wo sie von alters her heimisch ist. Die Europäer könnten ihre europäische Kultur im Rahmen ihrer vielfältigen nationalen Ausprägungen kultivieren und niemanden hier hereinlassen, der eine Kultur mitbringt, die aufklärerische Werte negiert und offen verachtet.

Mir persönlich ist völlig egal, ob irgendeine Kultur höher steht als eine andere. Es geht auch nicht darum, ob eine Kultur mehr wert ist als eine andere. Es ist viel einfacher: Die orientalische Kultur verursacht mir Unbehagen. Ich mag gern orientalisches Essen, ich bin fasziniert vom historischen Ägypten, ich liebe die Wüste und die karge, trockene Exotik des biblischen Mythenraums. Aber die gegenwärtige Mentalität morgenländischen Menschentums ist mir zutiefst fremd. Sie soll von mir aus gern da gelebt und gepflegt werden, wo die Menschen sich einig sind, dass sie so sein wollen. In Deutschland, in Europa bitte nicht.

Mit inniger Umarmung und respektvoller Verbeugung wollen wir Menschen adoptieren wie Hamed Abdel-Samad, wie Necla Kelek, Ahmad Mansour, Laila Mirzo und Bassam Tibi, und alle, wirklich alle – meinetwegen auch fünf Millionen pro Jahr –, die nach Europa wollen, weil sie von Herzen Europäer werden wollen. Nicht weil sie Christen werden wollen, sondern weil sie die Aufklärung lieben, das freie Denken, die freien Künste, das freie Leben in Gleichberechtigung, den respektvollen Umgang gleichrangiger Bürger miteinander. Wahrscheinlich wäre solche Zuwanderung das einzige, was Europas Überleben sichern könnte.

Irgendwo anders auf der Welt

Der Zeitpunkt, bis zu dem die ganze leidige Sache noch geräuschlos und friedlich, durch Anreize und gutes Zureden zu regeln gewesen wäre, ist höchstwahrscheinlich überschritten. Ich will mir nicht ausmalen, welche radikalen Maßnahmen man ergreifen müsste, um die Entwicklung jetzt noch umzukehren. Wir, die konsumistisch verfetteten, spätzeitlich verweichlichten, vor Mikroaggressionen in Schutzräume flüchtenden Europäer, wir werden nicht hart genug sein, den Leuten, die hier orientalischen Sitten gemäß leben wollen, ihre Lebensart derart zu erschweren, dass sie sich entweder vollständig assimilieren oder auswandern.

Auswandern werden stattdessen die, die es sich leisten können, das ehemals Deutsche, das ehemals Europäische irgendwo anders auf der Welt zu suchen. Auswandern werden unsere syrischen Freunde. Sie werden dieses Multikulti-Elend bald verlassen. Sie sind einmal ausgewandert, sie schaffen das auch noch einmal. Ihre erste Heimat liegt in Trümmern, ihre zweite verdüstert und verengt sich Tag für Tag mehr. Das Deutschland, das Europa, für das sie alles aufgegeben und hinter sich gelassen haben, erkennen sie kaum wieder. Die nächste Station wird vielleicht Kanada sein.

 


© Marcus J. Ludwig 2020.
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