Wenn es ernst wird

Reste und Rudimente aus meinem Notizbuch 

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Zeit ist nicht Geld. Aber Zeit ist Zeit, und das ist schon schlimm genug, vor allem, wenn man zu wenig davon hat. Da ich einen gewissen Hang dazu habe, meine Zeit damit zu verschwenden, dass ich aus kurzen Notizen lange Texte entwickle, wirke ich diesem Laster hiermit entgegen, indem ich einfach ein paar dieser Notizen kurz und unentwickelt in die ewige Ediertheit entlasse, um sie somit meiner Ausarbeitungsakribie zu entziehen. Zack, da sind sie, und ich kann jetzt endlich weiter an meinen diversen Romanen werkeln:

Klonovsky

Ich äußerte vor einiger Zeit mal in einer Fußnote zum Erfurt-Eklat, der „gemütliche Dauersarkasmus“ Michael Klonovskys komme mir „angesichts der Sachlage zunehmend unangemessen und aufgesetzt“ vor. Ich muss mich an dieser Stelle energisch korrigieren. Seine Texte sind hier und da womöglich etwas überproduziert – es knallt und zischt und tuscht alle paar Silben –, aber seit ich seine Acta Diurna regelmäßig lese, habe ich mich an den gallig-gewitzten Sound gewöhnt, und mittlerweile scheint mir diese glossenpoetische Unternehmung fast das Angemessenste zu sein, was ein mit Geschmack und Vernunft ausgestatteter Literat heute leisten kann. Vielleicht ist es sogar die Pflicht des zeitgenössischen Homme de Lettres, seine Talente in den Dienst minutiöser, maliziöser Zeitzeugenschaft zu stellen. Alles, was falsch und dreist zurechtgelogen ist, kontinuierlich zu kommentieren, zu verspotten, zu verdammen, damit es niemals zur Normalität wird. Damit das Falsche, das Infame, das Unredliche und Dämliche als Falsches, Infames, Unredliches und Dämliches erkennbar bleibt.

Ich selbst wäre weder fähig noch willens, mich täglich zuzuballern mit so viel Lug und Trash und Niedertracht, mit all dem politmedialen Zeitgeistbullshit, den öffentlich-rechtlichen Desinformationsteufeleien und dem Schrottgezwitscher der Kulturschaffenden, und dann auch noch darüber zu schreiben. Könnt ich nicht. Gut, dass Klonovsky es kann. Gut, dass einer sich opfert und die Drecksarbeit macht. Und aus dem Dreck dann sogar etwas Ansehnliches und zuweilen Trostreiches zu formen in der Lage ist. Wahrscheinlich wird sein Diarium als eines von sehr wenigen Werken unsere literaturgeschichtlich belanglose Epoche überleben und von künftigen Generationen herangezogen werden als umfassende Quelle über die mentalen Entartungen des postkulturellen Zeitalters, oder des präapokalyptischen Zeitalters, oder wie immer man diese Schwachsinnszeit nennen wird, mit der sich viele, ach zu viele, jämmerlicherweise längst arrangiert und abgefunden haben. Zukünftige Historiker werden es nachlesen können, dass man diese Tage und Jahre auch anders sehen konnte, schon während sie passierten.


Textetesten im Netz

Das Internet ist für Texte das, was für Musik einmal das Cassettenradio war. Wenn wir früher mit der Band im Studio unsere Songs einspielten, nahmen wir abends immer die Ergebnisse des Tages auf Cassette mit nach Hause, um sie auf dem billigsten und blechernsten Abspielgerät, das verfügbar war, gegenzuhören. Wenn sich die Songs darüber einigermaßen anhörten, dann wussten wir, dass die Abmischung okay war.

Wenn man heute Schriftsteller ist, darf man sich nicht von Büchern, Papierausdrucken, auch nicht von der Word- oder Acrobat-Vollbildansicht täuschen lassen. Erst wenn die Texte im Netz stehen, sieht man, was sie taugen. Ein Text, der sich in dieser blechernsten und miesesten aller medialen Umgebungen behaupten kann, der taugt was. 

In Leinen gebunden und im Bleisatz auf Bütten gedruckt – so kann jedes Gestotter glänzen und wie ein Gedicht erscheinen. Erst ein Text, den man trotz aller Vulgarität und Billigkeit des Internets dort zur Gänze liest, hat den Härte- und Gütetest bestanden.


Auf dem Teppich

In unseren Gesprächen fördern wir, meine Katze und ich, zuweilen erstaunliche Weisheiten zutage. Eben fanden wir heraus: Menschen müssen lachen. Klingt banal, aber wenn man auf dem Teppich liegt und an etwas denkt und dabei lacht, und die Katze lacht nicht, dann kann man echt ins Grübeln kommen.
Katzen sind dem Erkenntnisgewinn noch weit förderlicher als Kinder mit ihren Warum-Fragen. Ihr ganzes ernstes Dasein ist eine einzige Frage, eine großäugige Infragestellung unserer komplizierten Lächerlichkeiten, unserer naturvergessenen Abgehobenheiten. Ein Mensch, der sich permanent von einer Katze beobachtet weiß, steht unter dauerndem Erklärungs- und Rechtfertigungsdruck.


Anregung

Man soll es nicht übertreiben mit der Erziehung seiner Mitmenschen, aber wenn man mal zum MRT in eine radiologische Praxis muss und im Wartezimmer vorab so einen Fragebogen ausfüllen muss, dann kann man unter „Beruf“ ruhig einfach mal „Privatgelehrter“ eintragen. Einfach damit die jungen Frolleins an der Theke, Frau Bairaktatis, Frau Yassine, Frau Choukri, Frau Zarnescu und Frau Mattenklott – Mandy Mattenklott – was zum Rätseln und zum Recherchieren auf Wikipedia haben. Vielleicht stellen sie ja fest, dass es interessante Dinge gibt.
Als ich eben nochmal selbst recherchierte, stellte ich übrigens eine bedauerliche Gleichstellungslücke fest: Es gibt offenbar überhaupt keine weiblichen Privatgelehrten.


Noch eine Anregung

Wenn man Post von Leuten bekommt, die Gutes und Sinnvolles tun, leider aber partiell irregeleitet sind, und einem daher ungefähr so etwas schreiben:

Liebe*r Tierpat*in, da das geplante Pat*innentreffen bei Deinem Patentier aufgrund der aktuellen Pandemie-Maßnahmen leider nicht stattfinden konnte, möchten wir etc. … Wir hoffen sehr, dass das nächste geplante Pat*innentreffen stattfinden kann und wir wieder einige der Pat*innen dort begrüßen dürfen, etc. … ,

dann kann man diesen lieben Leuten, um sie möglicherweise doch wieder in die Spur zu bringen, zum Beispiel auf diese Weise antworten:

Hallo, ich freue mich stets, zu erfahren, dass es den Tieren gut geht, aber die Freude wäre ungetrübter, wenn Sie auf das Gender-Gestammel verzichten würden. Menschen mit Herz sind manchmal auch Menschen mit Sprachgefühl. Mit freundlichen Grüßen

Meine Leser dürfen diesen Textbaustein – mutatis mutandis – gern für ihre eigenen Korrespondenzen verwenden. Vielleicht erreichen wir auf diese Weise mittelfristig mehr, als wenn wir Mitgliedern der Sprachgemeinschaft, die an schweren linguistischen Hautkrankheiten leiden, immer nur entgegenbrüllen, sie sollen sich mit ihren brechreizerregenden Dreckssternchen sonstwohin subtrahieren.


Zeitgeist!? Echt jetzt?!

In dysfunktionalen gesellschaftlichen Systemen die entscheidenden Akteure auszumachen, ist bekanntermaßen ausgesprochen schwierig. Nur selten kann man negative Entwicklungen eindeutig auf einzelne Entscheidungen einzelner Entscheider zurückführen. Selbst in Fällen offensichtlicher Unfähigkeit, selbst wo eine orientierungslose Regierungschefin ein Land mit einer schlechten Entscheidung in die Dauerschlamastik stürzt, liegen die Dinge nicht ganz so einfach. Merkels Dummheiten des Herbstes 2015 kamen nicht aus heiterem Himmel, der Irrsinn lag schon lange in der Luft, die oberste Entscheiderin exekutierte gewissermaßen nur den Willen des Zeitgeistes. Und dieser Geist war giftgrün und „weltoffen“, von Menschlichkeit besoffen und begierig, die historische Gelegenheit zur Buße, zur ultimativen Wiedergutmachung nicht ungenutzt verstreichen zu lassen.

Aber es sind andersherum natürlich einzelne Leute, die den Zeitgeist machen. Dieser Geist fällt nicht vom Himmel. Er ist die Summe von Stimmungen einzelner Menschen, die diesen Stimmungen eine Stimme geben. Traditionellerweise sind das die Stimmen von Journalisten und sonstigen Leuten, die sich in Zeitungen, vor allem aber im Fernsehen und im Radio zu Wort melden. In jüngerer Vergangenheit sind zu diesen ehedem einigen hundert Stimmungsmachern noch einige hunderttausend hinzugekommen, die ihren Befindlichkeiten und Ansichten Ausdruck verleihen zu müssen meinen.

Nicht unterschätzt werden darf die Rolle der popkulturellen Akteure, zum Beispiel der Drehbuchschreiber von Serien oder auch nur die der Übersetzer. Millionen von Netflix-Rezipienten bekommen ihr Posen- und Gebärdenrepertoire von dort geliefert. Das Identifikationspotential ist extrem hoch. 

Auch in früheren vor-televisionären Zeiten haben die Menschen wohl schon Fiktionen nachgespielt, das ganze Programm der romantischen Liebe und der Seelenverwandtschaft ist ohne die Romanliteratur des 19. Jahrhunderts völlig undenkbar. Aber die Reichweite solcher Role scripts war immer sehr begrenzt, und die Multiplikatoren konnten nur auf kleine Zirkel einwirken und dort ihre Posen und Phrasen auf ihresgleichen übertragen. Die phrasische Gleichschaltung hat heute ganz andere Möglichkeiten als zu Werthers oder Madame Bovarys Zeiten.  

Dass eine Verbalpose wie „Echt jetzt?!“ zum exklamatorischen Hit avancieren konnte, dass innerhalb von etwa einem Jahr jeder Deutsche das etwa zwölfmal pro Tag von sich gibt und dazu eine Miene verhaltener Empörung macht, ist ein reines Serienphänomen. Ich kann nur leider nicht nachweisen, von wo aus es seinen Anfang genommen hat, da ich wohl immer noch zu wenige dieser populären optischen Opiate konsumiere.

Es ist jedenfalls deshalb ein Hit geworden, weil es genau die Falscher-Film- und Krieg-die-Krise-Stimmung ausdrückt, in der das Volk sich seit einigen Jahren befindet: Man versucht, den Irrsinn der Zeit noch irgendwie mit Sarkasmus und Hollywood-Coolness zu bewältigen, man erwartet schon nicht mehr, dass irgendwas Vernünftiges in der Welt passiert, aber man will es doch wenigstens irgendwie gesagt haben, dass man genervt ist von all den menschengemachten Irrealitäten im Alltag und im Ausnahmezustand. Ein bisschen zumindest. Nicht so sehr, dass man irgendwelchen Autoritäten widersprechen würde oder eine Kanzlerin abwählen würde. Aber für ein behagliches Entgeisterungssprüchlein mit Ausrufezeichen-Fragezeichen-Kombination reicht‘s.


Phonetische Entfremdung

Man kennt das Phänomen: Man sagt, man murmelt, man denkt irgendein Wort vor sich hin, das man inhaltlich zu fassen, zu begreifen versucht, und irgendwann kommt es einem so absonderlich vor, dass man gar nichts mehr begreift. Es steht als fremde Lautabfolge vor einem, und zu dem unbegriffenen Inhalt hat man jetzt auch noch den befremdlichen Ausdruck. Das Wort ist fürs Erste erledigt und unbenutzbar.
Wenn man zehnmal „Presbyter“ murmelt, wird einem extrem unbehaglich zu Mute.


Obertöne

Auf Texte bezogen beginnt die Kultur da, wo die Sprache musikalisch wird, das heißt da, wo sie ihre informative Eindeutigkeit und Sinusklarheit aufgibt und mit Obertönen angereichert wird, wo sie vielstimmig und akkordartig wird. (Das Obertonspektrum der Wörter lässt sich mit Hilfe der linguistischen Komponentialsemantik bis zu einem gewissen Grad untersuchen.)
Ein nicht geringer Teil aller Komik basiert auf dem bewussten oder unbewussten Ignorieren der Obertöne und der Akkordhaftigkeit von Sprache. Die schiefen Zusammenklänge, das Ineinanderspiel von Soundeffekt und Widersinn, die ungebräuchlichen Konnotationen, die sich schräg überlagern, das skurrile Beharren auf der Denotation, während die Spiegelungen und Färbungen des Kontextes zum Schein geleugnet werden.
Es ist kein Zufall, dass talentierte Komiker oft auch ein Talent, mindestens ein Nebentalent zur Musik haben.
Das Lyrische – als die sprachliche Erscheinungsform der Musik – basiert natürlich ausschließlich auf der gekonnten Handhabung des Klangreichtums und der Bedeutungsvielfalt der Wörter.


Ironie und Zynismus

In einem Nietzsche-Kommentar von Peter Pütz wird die Ironie, die sokratische Ironie insbesondere, erklärt als „Verstellung zu etwas Geringerem hin“.* Man gibt sich etwas dümmer, um aus der Position des Unterlegenen heraus den tatsächlich Unwissenden zum Offenbaren seiner Unwissenheit zu provozieren, ihn zur Erkenntnis seiner Grenzen zu geleiten.

Außer Sokrates beherrschte auch ein gewisser „Praktikant Johannes“ diese Technik ganz hervorragend. Ich erinnere mich eines eindrucksvollen Interviews mit einem redseligen Gangsta-Rapper, welches – so sagt man mir – in philosophischen Lehrveranstaltungen zu den platonischen Dialogen bereits gleichrangig neben dem Charmides und dem ersten Alkibiades behandelt wird.**

Allerdings fehlte diesem Ironiker offenbar doch recht sehr der pädagogische Eros, denn er ließ den armen Bushido bis zum Schluss (und wahrscheinlich bis zum heutigen Tag) nicht merken, dass er hier eine schöne Chance bekam, sich gründlich in Frage zu stellen. Insofern kann man vermuten, dass wir es bei dem Praktikanten vielleicht eher mit einem Zyniker zu tun haben.

Auch der Zynismus wird von Peter Pütz sehr nachvollziehbar erläutert: Die Ironie wird zum Zynismus, wenn die Hinwendung zum Geringeren nicht mehr Verstellung ist, sondern zum Lebensprinzip wird. 

Sehr schön.

Aber – ich weiß nicht, ob es schon jemand vor mir beobachtet hat? – es gibt auch den Ironiker, der sich fallweise zum Höheren und Hervorragenden hin verstellt, um den Klienten zum Entdecken seines eigentlich besseren Wissens und zum Eingestehen seiner echten, aber vielleicht etwas peinlichen Vorzüge und Qualitäten zu provozieren.

Die Frage ist, wie dann die entsprechende Lebenshaltung zu nennen wäre. Tentativer Mentorismus? Mäeutischer Snobismus? Pädagogische Hochstapelei? So weit es mich selbst betrifft, würde ich einfach von romantischem Idealismus sprechen. Aber das müssen wohl andere entscheiden.

* vgl. P. Pütz‘ Anmerkungen, in Friedrich Nietzsche: Unzeitgemäße Betrachtungen, Goldmann, München 1992, S. 350 und S. 357

** https://www.youtube.com/watch?v=12hbon0Pvzw


12 mal 4

Zack de la Rocha / Tim Commerford / Tom Morello / Brad Wilk

Guy Picchiotto / Brendan Canty / Ian MacKaye / Joe Lally

Matthew Caws / Ira Elliot / Daniel Lorca / Doug Gillard

Steven Patrick Morrissey / Johnny Marr / Andy Rourke / Mike Joyce

John Lennon / George Harrisson / Ringo Starr / Paul McCartney

Agnetha Fältskog / Benny Andersson / Frida Lyngstad / Björn Ulvaeus

Mike Mills / Michael Stipe / Peter Buck / Bill Berry

Thomas Mars / Christian Mazzalai / Laurent Brancowitz / Deck D’Arcy

Black Francis / Kim Deal / Joey Santiago / David Lovering

Charlotte Hatherley / Ian Parton / Aimee Mann / Julian Casablancas

Katie White / Bethany Consentino / Suzanne Vega / Karen Carpenter

Jochen Distelmeyer / Hubert von Goisern / Rio Reiser / Klaus Dinger


Die Bedeutung des ÖRRs für den Kulturkampf

Angesichts einer regelrechten Verbissenheit im Bewahren von Gütern zweiten und dritten Grades (Diesel, Bargeld, Kohle, KiTa-Schweineschnitzel, Silversterböllerei) erscheint mir der unter oppositionellen Kräften recht verbreitete Drang zur Abschaffung des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks ziemlich seltsam. Seltsam leichtfertig auch, denn der Staatsfunk wäre doch offensichtlich das mächtigste Werkzeug für eine „geistig-moralische Wende“ – wie immer die auch aussähe. Die Tagesschau setzt – ob es einem passt oder nicht – noch immer die Nulllinie der Normalität. Die Talkshows (vor allem deren Themen- und Gästeauswahl) kalibrieren das öffentliche Klima. Wer über das Heute-Journal gebietet, beeinflusst maßgeblich das alltäglich Weltgefühl der Menschen. 

Einflussreich und wirkmächtig ist, wer über das Gerede, das Aufregungslevel, die politischen Intuitionen und Reflexe, den Raum des Vorstellbaren, kurz: wer über die Tagesthemen entscheidet.


Der Bürger und das E-Book

„Wir alle sind, was wir gelesen“, lautet ein Diktum und Buchtitel Golo Manns. Und in der Tat macht die Lektüreleistung eines Lebens einen eminenten Teil des Lebens(kunst)werkes aus. Die Sichtbarkeit jedoch dieses Werkes schwindet, jede Wirksamkeit und Greifbarkeit geht verloren, wenn die Bücher nicht mehr in den Regalen der hauseigenen Bibliothek stehen, sondern nur noch als Dateien im E-Book-Reader lagern. Ein Werk aber, das nicht sichtbar, nicht anschaulich ist, bleibt unproduktiv, regt nicht an, zeugt nicht fort.

Das E-Book mag einen praktischen Nutzen bieten, für Leute mit ausgeprägter Sehschwäche oder verkümmerter Unterarmmuskulatur, wo es vielleicht auf einen Gewichtsunterschied von 300 Gramm ankommt. Der bürgerliche Kulturmensch aber muss sich und seinen Hausgästen präsentieren, was er gelesen hat oder noch zu lesen gedenkt. Das hat nicht das Geringste mit Protzen und Prahlen zu tun. Es ist eine still und ernst sprechende Geste der Offenbarung und der dauernden Selbstvergewisserung. Dies bin ich, dies ist mein literarischer Lebenslauf, dies sind die wissenschaftlichen Werke, die mich geprägt haben, dies die Gedanken, die mich gebildet, dies die Gestalten und Geschichten, die mich bewegt haben.

Eine bücherreiche Umgebung diszipliniert den Menschen, stabilisiert seinen Habitus, stützt sein Bemühen, den dauernden Verlockungen zur Verlotterung zu widerstehen. Wer täglich zum Frühstück auf die mahnenden Buchrücken des Deutschen Klassiker Verlages blickt und bei jedem Gang ins Bad an der Großen kommentierten Frankfurter Thomas-Mann-Ausgabe vorbeimuss, der wird über die Jahre ein anderer, als der, der zwar dieselben Werke wortgleich auf einer Festplatte hat, aber seinen sichtbaren Lebensraum, sein bewohntes Präsens mit Bildschirmen, Motivationssprüchen, Spiegeln und Strukturtapeten ausstaffiert hat.


Kleist leuchtete

Der Film „Die Stunde der Offiziere“ ist als kunsthandwerkliche Schöpfung so schlecht wie alle Stauffenberg-Filme. Er scheint immerhin bemüht um eine gewisse historische Authentizität, aber die sagenhaft hölzerne Performance der Schauspieler macht es dem Betrachter einfach unmöglich, sich irgendwie auf das Geschehen einzulassen. 

Es gibt jedoch einige Zeitzeugenaussagen, die alle paar Minuten zwischen die Spielszenen montiert sind, und die sind teilweise hoch aufschlussreich. Am eindringlichsten ist eine kurze Erinnerung aus dem Munde Ewald-Heinrich von Kleists:
„Stauffenberg war die entscheidende Figur. Auch am 20. Juli selber. Und es war … faszinierend zu sehen, wie alles immer auf ihn zukam, ihn fragte … dieser Mann in einer unerhörten Erregung war – aber vollkommen ruhig und beherrscht, mit äußerster Höflichkeit. Aber man merkte seine Erregung an seinem Atem, und … es war beeindruckend ihn zu sehen an diesem Tage!“

Und während er das sagt, huscht eine Art Leuchten über das Gesicht des alten Widerstandskämpfers, ein kurzer Blick geht sinnend über die Kamera hinweg in die Ferne dieser Nacht, die über ein halbes Jahrhundert her ist für ihn, und über ein Zeitalter hinweg scheint er berührt vom Geist eines Mannes, dessen Ausstrahlung so ungeheuerlich gewesen sein muss, dass diese paar Filmsekunden all das sagen, was dicke Bücher über einen Menschen niemals sagen können. Hier zeugt sich fort, was der Geist am lebenden Menschen zum Ausdruck zu bringen vermag, ein Leuchten und ein Lächeln, das Zeugnis ablegt für ein Wunder, das der Historiker niemals in Schriftsprache zwischen zwei Buchdeckel gepresst bekommt und das kein Lehrer seinen Schülern durch Didaktik, Bildungsprozesse und Kompetenzgecoache je vermitteln wird.

Die Übertragung von Mensch zu Mensch, von Mund zu Ohr, von Auge zu Auge, von Seele zu Seele – die Begeisterung und die Beseelung des Nächsten mit allen Farben und allen Frequenzen der frohen Botschaft – das wäre das Mittel zur Rettung des geistigen Klimas. Es ist aus damit im Zeitalter der Anbetung des technischen Mediums, wo nur noch Geräte leuchten, aber keine Menschen.

Die Stunde der Offiziere
https://www.youtube.com/watch?v=01ypqDLF10M


Unser Heiliger

Stauffenberg ist nicht zuletzt auch deshalb „unser Heiliger“, der Star und Abgott aller Künstlerphilosophen und romantischen Interventionisten, weil er der Beweis ist, was die Poesie vermag: Er beweist, dass der künstlerische Mensch nicht der stuben- und elfenbeinturmhockende Weltfremdling bleiben muss, sondern zur Tat schreiten kann. Nicht der „reine Künstler“ vielleicht, nicht der Meister, der Seher und poetische Prophet, aber der Künstler zweiter Ordnung, jener in früheren Zeiten verbreitetere Typus des Schöngeistes, der auch noch was anderes ist: Offizier zum Beispiel. 

Es ist eben nicht Stefan George selbst, der zur Tat schreitet (und er wäre auch nicht geschritten, wenn er 1944 noch gelebt hätte), es ist sein Jünger Claus Stauffenberg: der inspirierte, der lyrisch durchdrungene, der erleuchtete, genialisierte und poetisierte Ausnahmemensch, der mehr als all die Realisten, die Manager und Macher, die Arbeiter, die Politiker, die Händler und all die andern praktisch-prosaischen Weltmenschen, wirklich etwas tut.

Wenn es ernst wird, ist es der künstlerische Mensch*, der die Welt rettet. Es zumindest versucht.


* Was ist mit Georg Elser? Der ist ein Spezialfall, mit dem wir uns später noch befassen werden …

 

 

© Marcus J. Ludwig 2020
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