Von der falschen Seite

Ein Paradebeispiel für die bis zur Unbewusstheit etablierten Spielregeln der öffentlich-rechtlichen Öffentlichkeit lieferte die jüngste Hart-aber-fair-Sendung zum Thema „Streit um die Sprache: Was darf man noch sagen und was besser nicht?“

Auf den ersten Blick hätte man meinen können, einer kontroversen Diskussion beizuwohnen. Es nahmen teil: Svenja Flaßpöhler (Philosophin, Chefredakteurin „Philosophie Magazin“), Stefanie Lohaus (Publizistin, Gründerin des „Missy Magazine“), Jürgen von der Lippe (TV-Moderator und Komiker), Stephan Anpalagan (Journalist und Theologe), Jan Weiler (Schriftsteller und Kolumnist). Es ging um Zensur und Tabus, um das N-Wort und den Mohrenkopf, um Rassismus, Political Correctness, Gendergerechtigkeit etc., und es wurde durchaus ein munteres Für und Wider geboten.

Auf den zweiten Blick aber (Leute, die mehr auf Zack sind als der Verfasser dieser Zeilen, sahen es vielleicht auch schon auf den ersten) wurde klar, dass es wie üblich eine Veranstaltung unter Linken war, unter radikalen, progressistischen und mehr oder weniger konservativen Linken. Und die konservativen Linken (das sind die, die immer ungefähr sagen: „Ich bin kein Rechter, aber wir müssen auch mal die Kirche im Dorf lassen“), die mussten beweisen, dass sie nicht in Wahrheit doch bloß verkappte Rechte sind.

Das Unbewusste an diesen täglich in Funk und Fernsehen aufgeführten Spielchen ist, dass gar keiner mehr merkt, wie erklärungs- und rechtfertigungsbedürftig die gesprächsmoralischen Mechanismen eigentlich sind.

Wenn der Moderator ein Bild von Jörg Meuthen einblendet, der sich einen Spruch von Jürgen von der Lippe über Greta Thunberg zu eigen gemacht hat, dann wird das als Zuspruch „von der falschen Seite“ gelabelt, und es wird keine Sekunde lang in Frage gestellt, dass Meuthens Seite die falsche Seite ist. Alle sind sich vollkommen einig, dass ein AfD-EU-Parlamentarier auf der falschen Seite steht.

Wenn Svenja Flaßpöhler von Stefanie Lohaus einer rechten Rhetorik geziehen wird, dann muss sie sich wortreich erklären und durch energische Argumente beweisen, dass an ihren Worten nichts Rechtes sei, so lange bis die Diskurshoheit vom Missy Magazine der Verdächtigen Absolution gewährt: „Ich weiß, sie ist nicht rechts.“

Und Jan Weiler muss unbedingt, bevor die Sendung mit einem falschen Eindruck zu Ende geht, die AfD als Vertreter der „Zombie-Apokalypse“ apostrophieren, damit bitte keiner auf die Idee kommt, er stünde den Rechten vielleicht nahe, nur weil er Astrid Lindgrens „Negerkönig“ nicht durch einen „Südseekönig“ ersetzen will.

Niemand aber von den radikalen Linken, weder Frau Lohaus noch Herr Anpalagan, muss sich des Vorwurfs erwehren, sie oder er sei links. Würde das Spielchen anders herum laufen, und Herr von der Lippe würde Herrn Anpalagan mit den Worten begnadigen: „Schon okay, ich weiß doch, Sie sind nicht links“, wäre das einfach ein schräger Gag.

Dass die rechte Position – ob sie einem passt oder nicht – immer noch eine legitime, ja, notwendige Position des demokratischen Spektrums ist, kommt in den Köpfen solcher Diskutanten als Denkmöglichkeit anscheinend nicht mehr vor.

Es gäbe übrigens genug rechte Intellektuelle, die man statt Jürgen von der Lippe und Jan Weiler hätte einladen können, um eine wirkliche Debatte zu ermöglichen. Beispiel für ein ausgewogenes Panel: Svenja Flaßpöhler als Mitte-Links-Liberale mit rechts-rationalen Capricen sitzt in der Mitte. Zu ihrer Linken sitzen die beiden stramm Linken, wobei man vielleicht noch einen von denen gegen einen moderaten Linken, sagen wir: Giovanni di Lorenzo ersetzen könnte. Und zur Rechten der klugen Frau mit der beneidenswert festflauschigen Frisur* sitzen dann – als bekennende Rechte – die Philosophin Caroline Sommerfeld und der Blogger Michael Klonovsky.

Ich wäre extremst gespannt, was bei so einer Konstellation herauskäme. Und ob sich durch solch eine kühne Tat der Plasberg-Redaktion noch mal was täte in der todgeweihten deutschen Debattenkultur.
Täte, täte, Tante Käthe …
Einen Tusch auf Traum und Konjunktiv!
Ende vom Brief.

 

* Svenja Flaßpöhler ist – abgesehen von ihrer Klugheit und Eloquenz – der lebende Beweis dafür, dass der Impuls, bestimmten Leuten in die Frisur zu grabschen, keinen rassistischen Hintergrund hat. Menschen wollen einfach gern Sachen anfassen, die fluffig und flauschig und plüschig sind. Ich würde – unrassistisch wie ich bin – Frau Flaßpöhlers Haare ebenso gern betatschen wie den luftig aufgeplusterten Afroschopf von Angela Davis aus dem Jahre 1972. Wenn die Begrabschten mir dafür eine scheuern, wäre das natürlich okay. Aber sie können mich nicht als Rassistenschwein beschimpfen.

 

 

© Marcus J. Ludwig 2020.
Alle Rechte vorbehalten.