Zwischen Kraftstoff und Evangelium

Dieser Blog – ich würde das hässliche Wort eigentlich gern vermeiden, aber Alternativen wie „Netz-Journal“, „virtuelle Kolumne“, „Elektronisches Notiz- und Tagebuch“ oder „Web-Diarium“ klingen selbst mir zu gewollt, zu gekünstelt und obendrein falsch –, dieser (in Gottes Namen denn also) „Blog“ bietet Kritisches und Literarisches zur Lage des Landes und des Lebens überhaupt. Mixed Messages, könnte man kurz und knapp sagen. Aktuelles und Abseitiges direkt aus dem Autor.

Über den Autor als Person gibt es nicht viel zu berichten. Man weiß nicht gerade alles, aber doch einiges von einem Menschen, wenn man weiß, wen er bewundert. Ich habe immer Künstler wie Fugazi oder Stefan Mickisch bewundert, Leute, die nicht nur künstlerisch Überragendes geleistet haben, sondern sich auch ihre Unabhängigkeit vollständig bewahrt haben, indem sie Produktion und Publikation ihres Schaffens selbst in die Hände nahmen. Man verdient dadurch nicht mehr an seinen Werken, aber man behält die Oberhoheit über das Eigenste und kann kompromisslos das tun, was man tun will und muss. Und genau das beabsichtige ich hier zu tun.

Ich habe nie verstanden, wie Autoren sich von Verlagen einen Buchtitel oder ein Cover vorschreiben lassen können. Gut – wenn jetzt der Bastei- oder Suhrkamp-Verlag mit einem voluminösen Geldkoffer wedeln würde, dann könnte man eventuell nachdenken und abwägen, ob ein Blog oder ein Buch unbedingt Flügel und Pranke heißen muss, oder ob man sich nicht auch auf einen hirnlosen Blockbustertitel wie „Der Bajazzo mit den blutigen Buchstaben“ einlassen könnte, um dann mit der schönen Summe Geldes irgendwas Gutes zu tun. Solange aber in puncto Geldkoffer nichts passiert, bleibt es bei Flügel und Pranke.

Warum überhaupt „Flügel und Pranke“?
Ich bin kein Freund der Interpretation. Schon gar nicht der Interpretation eigener Texte. Manch einer denkt bei Flügel und Pranke an Oscar Wildes programmatisches Poem von Harfe und Beil oder an Heines Selbstbeschreibung als Taubenherz und Geierschnabel, an die Traditionslinie schöngeistig-boshafter Dichter also, die es verstanden, das Verspielt-Tirilirende mit dem Treffend-Tödlichen zu verbinden.
Andere mögen sich an Faust und Pfote erinnert fühlen, das Emblem der Tierrechtsbewegung.
Soll mir alles recht sein.

Und wer an meinen Namensvetter, den Evangelisten, denkt und an sein Attribut, den geflügelten Löwen, welcher ihm beim Verfassen der Frohen Botschaft zu Füßen sitzt, nun, dem werd ich nicht erzählen, er solle gefälligst an was anderes denken.

Mein Löwe heißt übrigens Purzel, die Pranken sind Tatzen, nein, doch eher Pfötchen; die Flügel aber, die sind wirklich da. Sie werden sichtbar, sobald die Tüte mit dem Trockenfutter raschelt.

Ein Kollege aus Köpenick meinte neulich: „Flügel und Pranke? Det klingt ja wie Brügel & Hanke, Autodienst mit Tanke.“ Auch gut. Nehmen wir einfach an, dass der Inhalt dieser Seiten irgendwo zwischen Kraftstoff und Evangelium rangiert.

Möge das Publikum selbst entscheiden.

Ein Wort noch an Leser, denen es auf FuP an Fakten mangelt: Ich habe als Autor nur begrenztes Interesse an Fakten und Wahrheiten. Wenn ich dennoch hier und da Ansprüche auf Glaubwürdigkeit erhebe, dann höchstens unter dem Gesichtspunkt der Plausibilität. Plausibilität ist aber keine Erscheinungsform der Wahrheit, sondern der Schönheit.

© Marcus J. Ludwig 2019
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