So fern, wie man sich selbst ist

Marlen Haushofer zum hundertsten Geburtstag, 11. April 2020  

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Eigentlich ist Marlen Haushofer gar nicht mein literarischer Typ. Ich stehe mehr auf die Prächtigen, die Zauberkünstler und Zeitbewahrer, die auktorialen Regenten im Reich des Erzählens und kunstvollen Sprachgebrauchs. Fast nur Männer zudem. Ich liebe die gesellige Plauderhaftigkeit Fontanes, seine pastellenen Stimmungen und kernigen Charaktere, ich liebe und bewundere die komplizierte und kontrollierte Psychokunst Thomas Manns; unter den Zeitgenossen finde ich Erhebung in der heiter-hoheitlichen Rechthaberei des erlauchten Max Goldt, ich finde Behagen in der gediegenen Könnerschaft und den weltgewandten Luxusfiktionen Martin Suters.
Ich bin – dass ich es zugebe – wohl eine Art literarischer Eskapist. Ich bedarf des Buches durchaus als Rausch- und Entrückungsmittel, als Antidot und Therapeutikum gegen die lebensfeindliche Realität.

Bei Marlen Haushofer ist man mit solchen Vorlieben allerdings an der ganz falschen Adresse. Trotzdem steht sie mir auf eine gewisse, unheimliche Art näher als alle Autoren, die ich liebe. Vielleicht steht sie mir einfach zu nah. 

Zeitlich steht sie genau zwischen meinen alten und neuen Helden. Ihr Leben reicht von 1920 bis 1970, genau in der Mitte geteilt vom Schuttwall der großen Geschichtsgrenze. Aus ihren knappen Romanen und Erzählungen spricht eine Illusionslosigkeit, die aus textethischen Tugenden und Epochentrends kaum erklärbar ist. Man mag ihren literarischen Lebensernst in irgendeinem trümmerzeitlichen Existenzialismus begründet sehen, aber meiner Lesart nach wurzelt all ihre Beobachtungshärte, ihre melancholische Zartheit und schlimme Sachlichkeit in der Unversöhnlichkeit des Kindes, das gegen seinen Willen erwachsen werden musste. Rachelust liegt darin und trotzige Panzerung gegen eine Welt, die uns das Träumen ausgetrieben hat. Und es waren ja nicht nur Träume, es war ja echtes Leben, echtes Kinderleben, es war ja eine wirklich lebendige Seele, die eins war mit allem, und die riss man uns heraus. Wie jedem Kind, früher oder später.
Wahrscheinlich ist alles echte Dichtertum nur das ewige Sich-nicht-abfinden-Können mit der Vertreibung aus dem Kindheitsparadies.

Es wäre sicherlich angemessen, zur Vorbereitung auf ein solch improvisiertes Geburtstagsständchen die Werke der Gefeierten neu zu lesen, allein schon, um textsicher zitieren, bewundern und urteilen zu können. Ich muss das leider unterlassen. Man muss in der Verfassung für so eine Lektüre sein. Marlen Haushofers Bücher liest man nicht so zum alltäglichen Nachmittagskaffee. Wer diese Bücher aufschlägt, muss bereit sein, das eigene Leben, mindestens das Gefühlsleben radikal zu befragen, zu überarbeiten, womöglich zu beenden und neu zu beginnen. Man kann nicht „Die Wand“ lesen, und dann einfach derselbe bleiben.

Ich gestehe, ich bin gerade überhaupt nicht in der Verfassung, mich derart auf den Prüfstand zu stellen, daher lese ich nicht, sondern schreibe über meinen Gegenstand nur aus der Erinnerung. Was heißt „nur“? Es ist vielleicht gar nicht die schlechteste Art, ein Werk zu würdigen: Aus der Entfernung nach innen zu horchen, und festzustellen, was noch wirkt und wie es in einem gediehen ist über fünfzehn oder zwanzig Jahre.

Und da leuchten drei Titel hell hervor. Nein, sie leuchten eher dunkel hervor: „Das fünfte Jahr“. „Die Wand“, natürlich. „Himmel, der nirgendwo endet“. Und noch ein kleiner anderthalbseitiger Text, den Marlen Haushofer kurz vor ihrem Tode ins Tagebuch schrieb: „Mach dir keine Sorgen“.

Klangfarblich und von der Erzähltemperatur her scheinen die idyllischen, auf gemütliche Horizonte beschränkten Kindheitsgeschichten völlig geschieden von der grauenhaften Dystopie der „Wand“. Aber es hat irgendwie seine Richtigkeit, wenn ein Kleinkind, das vom Boden eines Regenfasses die Himmelsbläue und den weißen Wolkenzug betrachtet, uns auf anderer Lebensstufe immer noch und endgültig abgetrennt und eingesperrt begegnet, mit großem Blick und großem Empfinden für die Dinge in nächster Nähe, für die Notwendigkeiten und Vergeblichkeiten des Daseins. Es ist die gleiche Schwermut, einmal in azurblau, einmal in tannenschwarz.

Wer diese Geschichten liest, sieht Dinge, Tiere und Menschen extrem nah und extrem fern, gefärbt und geklärt durch die großen Augen, den großen Blick, die große, schöne und kindische und gutmütige, zu gutmütige Seele der Marlen Haushofer.

Es ist der Blick eines Menschen, der entscheidende, prägende Jahre in der Natur verbracht hat, barfuß durch Märchenwelten tapsend, braungebrannt über Waldwiesen purzelnd, Beeren naschend, Bäche stauend, Blumen pflückend, Speere schnitzend. In frechem, frommem Vertrauen schlummernd durch Tages- und Jahreszeiten, tanzend im Wetterwandel unter Wolken- und Wasserspielen, innig und fraglos als Gleiche lebend mit Hunden, Katzen, Hühnern, Kälbern und aus halber Ferne verstehend die fremderen, scheueren Geschwister, die Rehe und Füchse, die bunten Häher und die roten Hörnchen und die großen grünen Heupferde, die man doch auch versteht, wenn man sie auf der Hand spürt und ihnen zusieht über endlose weltinnerliche Kinderstunden.
Und so sind sie, die Kinderseelen der kleinen Marili und der noch kleineren Meta und irgendwie auch die des abenteuerlichen Katers Bartl – junges Leben, in dem die Welt die Augen aufschlägt und sich betrachtet als paradiesisch-glaubhaftes Ganzes, dem alles angehört.

Wenn uns hier Herrmann Hesse einfällt, dann ist das gewiss kein Zufall, er gehört zweifellos zur Familie; man merkt es den Menschen, diesen später unter schlimmen Schmerzen erwachsen gewordenen Kindern ja an, wie sie und wo sie ihre frühen Jahre verbracht haben. Ob sie das Flimmern der Sonnenschatten im Septemberwald und die Düfte stürzenden Wassers kennen- und liebengelernt haben, oder nur die abstrakten Wonnen der Stube und der steinernen Stadt.
Jeder, der schreibt – in irgendeinem dichterischen Sinne etwas erzählt, berichtet, erfindet, beschwört und ins sprachliche Bild bannt –, der schreibt über seine Kindheit. Nur deshalb wohl kann ein so tief deprimierendes Horrorbuch wie „Die Wand“ uns dennoch und immer noch mit den Schauern paradiesischer Heimeligkeit bezaubern. Die Welt mag am Ende sein, aber es bleibt eine letzte Schönheit darin, eine Sehnsucht, eine erfüllbare Sehnsucht sogar, nach dem ernsten, echten, warmen Leben, nach dem Fell der Katze, den guten dunklen Augen der Kuh, dem stillen Bergregen und den großen feierlichen Tropfen, die von schweren, nassschwarzen Zweigen ins Moos fallen. Weil all das einmal von einem Kind erlebt wurde.

Das mit dem „feierlich“ ist natürlich Quatsch, denn genau das fehlt bei Marlen Haushofer, es fehlen überall die fernen Kirchenglocken, es fehlt genau das, was auch in den Bildern von Edward Hopper fehlt. Das täuschend Menschliche. Und erst recht das Göttliche. Es bleibt das leere Wissen, dass es einmal da war, und die abwegige Hoffnung, dass es einmal wieder sein könnte.

Auf neueren Ausgaben von Haushofer-Büchern sind meistens Fotos von Frauengesichtern drauf, Gesichtern, die irgendwie ins Leere starren. Frauen, die ganz übel ihre Tage haben. Als wären die die vornehmliche Zielgruppe. Es scheint mir ein großes atmosphärisches Missverständnis, die Werke der Dichterin dergestalt auszustatten. Es müssten Bilder von Edward Hopper aufs Cover. Nein, nicht „Nighthawks“, nicht das mit der Bar. Er hat auch noch anderes gemalt. Berge, Wälder, Frauen. Und die sehen durchaus nicht alle nach Amerika aus. Genauso wenig wie „Die Wand“ nach Österreich aussieht. Große Kunst sieht selten nach einem Land aus. Eher nach Welt, nach untergegangener oder untergehender Welt.

Wenn die Welt untergeht, werden nur Naturkinder wie Marlen Haushofer sie neu ins Leben rufen können. Wenn die Welt stirbt, werden nur Frauen wie Marlen Haushofer sie neu gebären können.

Ein fragwürdiges, anfechtbares Bild … Marlen Haushofer hat wenig von einer „Gebärerin“. Sie war zwar in ihrem echten Leben zweifache Mutter, aber diese Rolle schlug sich nie sonderlich nieder in ihrem Erzählen.
Sie ist ein merkwürdiges Menschenwesen. Ich mein, es spielt ja doch immer eine Rolle, wer etwas sagt und schreibt. So sehr man sich generell hüten muss, Erzähler und Autor zu verwechseln – es gibt ihn schon, den Autor. Es gibt die Autorin Marlen Haushofer, die durch ihre Erzählstimmen zu mir spricht.
Als Mann, der sich mit den Texten einer Frau befasst, der von diesen Texten fasziniert ist und sich dann auch mit der Frau dahinter beschäftigt, muss man sich irgendwie in ein Verhältnis setzen zu dieser Frau. Natürlicherweise ist das in vielen Fällen ein erotisches Faszinationsverhältnis. Zu Marlen Haushofer finde ich kein Verhältnis. Sie taugt nicht als erotisches Faszinosum, nicht als here frouwe, als unerreichbare Geliebte, auch nicht als Mutterersatz oder schwesterliche Kameradin. Sie bleibt einem völlig fern. So fern, wie man sich oft selbst ist.
Sie fügt sich nicht in die gängigen Dichotomien des Weiblichen. Sie ist kein zerbrechliches Prinzesschen und keine kampfeslustige Amazone, sie ist weder Heilige noch Hure, man will sie weder beschützen noch besitzen, sie taugt als Freundin so wenig wie als feministische Führerin. Sie passt in kein Rollenbild. Sie ist einfach ein wahrhaftiger, ein unwahrscheinlich unverfälschter Mensch. 

Ich fürchte, sie hätte ungläubig gelacht über so eine Beschreibung. Und es gibt Leute, die sie gekannt haben, die nicht aufhören konnten, sich zu wundern über den frappanten Gegensatz zwischen der echten Person und dem, was sie schrieb. 

Ich wüsste nicht, warum die Gegensätze und Widersprüche innerhalb einer Person etwas Verwunderliches wären, etwas, das die Echtheit und Größe eines Menschen mindern sollte. Das ist schlechtes Bürgertum, das so denkt. Und Marlen Haushofer verbrachte tragischerweise wohl zu viel Zeit ihres Lebens unter solchen Bürgern.

Aber wir, die wir sie nicht kannten, wir sehen mit dem Abstand der Jahre das ganze Bild, und die Tragik ihres Lebens, und all die Gebrochenheiten haben eben das hervorgebracht, was nun vorliegt. Ein Lebenswerk von großer Gültigkeit. Dass es von einer stillen, abhängigen, in Konventionen gefangenen, unscheinbaren Zahnarztgattin geschaffen wurde, mindert meine Ehrfurcht kein bisschen. Im Gegenteil.
Ich sehe einen großen, gebrochenen, tapfer sich zusammenhaltenden Menschen. Eine Frau, die sich nichts vormacht. Eine unmögliche Romantikerin. Eine Stimme der Sprachlosen. Der Kinder, der Tiere, aller, die teilhaben an der Traurigkeit der Welt. Eine Meisterin der Einfühlung. Nah an der Natur, nah an der Kunst, nah an allem, was zählt in einem kurzen, immer zu kurzen Menschenleben.

Nein, sie ist nicht schuld an dieser Ferne, die sie von mir trennt. Ich bin es, in meiner Mutlosigkeit und Mimosenhaftigkeit, der sich nicht herantraut an die nahe, harte Schmerzensstimme, die aus diesen Bücher spricht. Ich bette mich lieber in die prächtigen, dick gesteppten Polsterwelten Fontanes und Thomas Manns. Es ist zwar nicht so, dass hier das reine Vergnügen läge, aber die Kräfte sind schöner kostümiert, die Konfrontation ist verteilt auf viele Figuren und Stimmen, nicht nur auf eine, die immer „ich“ sagt.

Marlen Haushofer sagt immer „ich“, auch wenn sie „sie“ und „er“ sagt. Es sind unmerkliche Verlagerungen, minimale Maskierungen des Autobiographischen. Und sie schafft es wie kaum eine andere Autorin, dass man ihr „Ich“ beim Lesen als eine ferne Instanz der eigenen Psyche empfindet. Ich erinnere mich an ihre Texte wie an etwas Selbstgeschriebenes. Nicht, dass ich so schreiben könnte, eben das kann ich nicht. Aber etwas in mir könnte so auf die Welt und die Menschen sehen, wenn nicht anderes in mir – vielleicht ist es das Männliche – es hindern würden. Etwas in mir könnte so nah an den Erscheinungen sein, am Wesen der Dinge, der Tiere, der Natur, an den Wahrheiten des Lebens. 

Nein, ich könnte nicht so schreiben: so ernst, so genau, so klarsichtig und schonungslos – aber ich kann so träumen, und ich kann mich in Marlen Haushofer kennenlernen als jemand, der wesentlicher sein will und wahrhaftiger. Ich kann mich kennenlernen als kleines Mädchen, das irgendwie ins Leben wachsen muss, und als fünfzigjährige Frau, die im Sterben liegt und sich mit unglaubwürdiger Gelassenheit bemuttert angesichts des Ungeheuerlichen, das vor ihr liegt. Alles wird vergeblich gewesen sein. Und sie will sich keine Sorgen machen …
Vielleicht hat es ihr geholfen, das mit den Glockenblumen und den Katzenaugen und den Schwalben am Himmel über der großen Stadt Rom. Diese völlig normale Geschichte. Für die ich ihr ewig dankbar sein werde.

 

© Marcus J. Ludwig 2020
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