Silvesterpoesie

Zum Jahreswechsel laufen Prospektlyriker und Verpackungsdesigner zur ultimativen Hochform auf. Die Reklamebeilagen der Supermarktketten präsentieren sich dem Kenner als literarische Kostbarkeiten und Standardwerke der Gestaltungskunst.

– – – 

In jungen Jahren war ich ein echter Feuerteufel. Ich war einer von diesen passager dementen Halbjugendlichen, um die sich Mütter zu Recht die größten Sorgen machen mussten. Mit zwölf, dreizehn, vierzehn zog ich an den drei Tagen vor Silvester und den fünf, sechs Tagen nach Silvester durch die verschneite Hood (die damals noch nicht „Hood“ hieß, sondern „Siedlung“ oder „Gegend“) und warf mit Feuerwerkskörpern wild um mich. Ein paar Typen, die ebenso oder gar in höherem Maße pyromanisch veranlagt waren, zogen mit mir; in Stimmbruchsgejohle und Pulverdampfwolken gehüllt verbreiteten wir zum Jahreswechsel Schrecken und Schwefelgestank. Kein Briefkasten war vor uns sicher, keine Mülltonne, kein Autoauspuff, kein Balkon, kein Maulwurfshügel und kein Hundehaufen. Überall warfen oder steckten wir Böller rein und freuten uns herzlich unserer Destruktivität und unserer altersbedingten Strafunmündigkeit. Knallkörper, die nicht explodieren wollten, wurden mit dem Taschenmesser halbiert, und dann wurden die beiden Hälften angezündet, worauf man die herrlichsten Feuerfontänen in Händen hielt, und wenn man dann im Dunkeln mit den Armen rotierte, war es recht hübsch anzusehen. Einmal verbrannte ich mir dabei die Haut zwischen Daumen und Zeigefinger ziemlich übel, weil ungeplanterweise der Funkenregen an beiden Seiten der Böllerstange herausschoss. Zum Glück lag früher überall genug Schnee zu betäubender Kühlung bereit. Das verkohlte Fleisch sah spektakulär aus und tat höllisch weh, aber eine erzieherische Wirkung hatte der Unfall nicht. 

Ich glaube, ich habe damals tatsächlich nicht ganz unerhebliche Sachschäden angerichtet und einigen Menschen – zum Beispiel durch die Einäscherung ihres Briefkasteninhalts – echten Kummer bereitet. Ich hatte deswegen, soweit ich mich erinnere, keinerlei Gewissensbisse, und es gab auch nie irgendwelche Erwachsenen, die uns Idioten zur Rede gestellt und zur Räson gebracht hätten. Die Bewohner deutscher Wohngegenden waren offenbar auch in den Achtzigern schon die gleichen Laissez-faire-Luschen, die sie heute sind. Und die Alt-Nazis, die uns eventuell hätten zusammenstauchen können, waren wohl schon zu tatterig und senil, um uns zu verfolgen, beim Schlafittchen zu packen und uns mit der Rückkehr des Führers, mit Stalingrad und Arbeitslager zu drohen.

Mit fünfzehn, sechzehn etwa kam meine Silvesterdebilität an ihr natürliches Ende. Die Leidenschaft für knallendes Feuer wurde altersgemäß mit Bier und Feuerwasser gelöscht, was mich wiederum zu Dummheiten anderer Art verleitete … aber darum soll es hier nicht gehen. Mit den Erzeugnissen der Böllerbranche hatte ich jedenfalls seit nunmehr rund drei Jahrzehnten nichts mehr am Hut und insofern war ich tief beeindruckt, als ich neulich die Prospektbeilagen der Lokalzeitung studierte und die Fortschritte bestaunen konnte, die sich während meiner pyrotechnischen Abstinenz ereignet haben.

Früher gab es Chinaböller A bis D, Kanonenschläge und Zisselmänner (wobei bis heute auch unter Experten keine Einigkeit darüber erreicht werden konnte, was der Namensbestandteil „Zissel“ genau bedeutet). Und Raketen gab es natürlich. Vor allem in diesem Segment hat über die Jahrzehnte eine ganz erstaunliche Ausdifferenzierung stattgefunden. Diese betrifft nicht nur die Gegenstände an sich (um das beurteilen zu können, müsste ich die ganze Angebotspalette kaufen und ausprobieren, was hoffentlich niemand unter meinen Lesern von mir verlangen wird), nein, es sind vor allem die Namenskreationen und die ausschweifende Originalität, mit der die Feuerwerkskörper beworben und designt werden, die mein Gesicht bei der Reklameblättchenlektüre mit dem Ausdruck seligen Staunens verklärten.

Der große Max Goldt schuf vor Jahren in Abwandlung der Floskel vom Krieg und den leidenden Kindern eine seither geflügelte Redensart: „Wenn Design ist, leiden die Lampen am meisten.“ Der Satz ist schön und richtig. Ich erlaube mir jedoch, ergänzend hinzuzufügen: „Wenn Grafikdesign und Werbegetexte ist, leiden die Böller am meisten.“ Das Schöne daran aber ist, dass wie so oft auch hier des einen Leid des anderen Freud ist, und „der andere“ bin in diesem Falle ich, der dies höchst erfreuliche Leiden im Folgenden zu dokumentieren unternimmt, um jene Achtlosen, die all die frei Haus gelieferten Poesieschätze aus schlechter Gewohnheit bereits dem Altpapier übergeben haben, zum Jahresausklang an meinem Entzücken teilhaben zu lassen. Ich darf mich denn auch an dieser Stelle bereits als Erzähler weitestgehend zurückziehen und die Dinge einfach für sich sprechen lassen. Und sie sprechen, die Dinge! Oh ja, das tun sie!

Am beeindruckendsten ist zweifellos das Angebot von NETTO:
„2-Times Pyro“ zum Beispiel ist ein Kombipaket aus „Poisonous Kiss“, versinnbildlicht durch einen gelben Frosch mit grünem Kussmund, und noch irgendeinem zweiten Verbund-Feuerwerk, das nicht genau erkennbar ist. Die Gesamtverpackung jedenfalls wird geziert von der aggressiven Visage eines bärtigen Mannes in Unterhemd, den man in Amerika wohl dem Typus des White Trash zurechnen würde, eine Art arbeitsloser Trucker, der in einem Wohnwagen haust und jedem Passanten androht, ihn in Hackepeter zu verwandeln. Der Eindruck täuscht jedoch. In Wahrheit nämlich besteht die Drohung lediglich aus „50 Schüssen mit starkem Knall, silbernen Palmen, grünen Blinkern und bunten Pfingstrosen“.

„The Garden Gnome“ bietet „eine sehr spezielle Kombination aus Fontäne, römischen Lichtern und knallharten Buketts“. Graphisch kann das Produkt mit der Abbildung eines weißhaarigen Zwitterwesens (halb Hexe, halb Zombie), das aus einer Wiese aufsteigt, überzeugen.

Höchst fantasievoll ist auch das Produkt „Battleborn“ gestaltet. Zwei Terminator- oder Robocop-artige Wesen posieren in sportlich diagonaler Grußhaltung, etwa so wie die Mannschaftskapitäne von Fußballteams das machen, nachdem sie einander gerade ihre Wimpel überreicht haben. Kann aber auch sein, dass die metallischen Battlewesen einfach nur eine Runde Armdrücken machen. Versprochen wird auf alle Fälle „maximales Kaliber mit 19 Schuss“ sowie „rote und goldene Glitzerbuketts“.

Ein Fabrikat, das sich möglicherweise eher an Akademiker richtet, die einmal im Jahr so richtig austicken wollen, ist „Professor X“. Das Design zeigt erwartungsgemäß einen wahnsinnigen Professor. Vielleicht eben den, der gerade das „extrem laute Crackling“ mithilfe der „Pyromould© Batterie“ erfunden hat.

Überhaupt ist die symbolische Visualisierung von Zerstörungskraft und Explosivpower auf einem Niveau angelangt, das Sigmund Freud beim Verfassen der Traumdeutung sich nie hätte träumen lassen. Die Marketingprofis von 2019 wissen hingegen ganz genau, welche Sehnsüchte sie antriggern, wenn „Powerplay 27“ durch rasende Widder und „Cloudbusters“ durch fliegende Transformer illustriert wird, „Petrol Rockets“ durch einen Geheimagenten in Anzug und schmaler Krawatte und „Avantasia“ durch ein Conan-Lookalike, eingerahmt von zwei scharfen Tussis mit brennenden Hörnerhelmen. „Pulp Patrol“ geht gestalterisch eher auf Nummer sicher und greift auf Bewährtes zurück: Saurier der Gattung Triceratops und laszive Leder-Babes mit Gasmaske und großkalibrigen Handfeuerwaffen. Saurier, Flugdrachen und Tsunamiwellen bietet auch „Vortrex“, nicht zu verwechseln mit „Tartex“, dem beliebten vegetarischen Brotaufstrich, der beim Silvesterfeuerwerk traditionell keine so gute Figur macht, oft fehlt sogar schon die Zündschnur. 

Weiblicher Erotik bedient sich auch das Erzeugnis „Texas Tornado“: Man sieht zwei reizend leicht bekleidete Damen, von denen die eine ganz lässig ein Zigarettchen raucht und die andere ungefähr in Richtung Sonne zeigt. Beide scheinen nicht zu bemerken, dass sich der namensgebende Tornado von hinten nähert, was beim Betrachter ein gewisses Unbehagen hervorruft. Am besten also schnell abfeuern, die „88 Schüsse inklusive tollem Finale, perfekt für Ihren Silvesterabend“, bevor die Schönheiten vom Sturm in ihre hübschen Einzelteile zerlegt werden.

Auf dem Cover von „The History maker“ sieht man eine Mischung aus Steam Punk und Elb, eine Gestalt, die sowohl der Mad-Max-Welt als auch dem Lord-of-the-Rings-Universum entflohen sein könnte, um nun als Testimonial für die „Mega-Fächerbatterie mit großen Goldbuketts, riesigen Goldschweifen mit Goldglitzer und einem fantastischen Finale“ zu posieren. Womit genau sie eigentlich History macht, ist auf dem Bild nur schwer zu erkennen. Es könnte ein astronomisches Fernrohr sein, aber auch die Zieloptik eines genretypischen Granatwerfers.

Dem Feinschmecker ausgesuchter Wortkreationen sei übrigens dringend empfohlen, die Begleittexte zu dem grafischen Geballer mindestens halblaut zu lesen. Wohlklingende lexikalische Rarissima, die man im Duden vergebens suchte, findet man im NETTO-Prospekt zuhauf: Es gibt da den „Fontänenverbund“ und die „Knistersternwolkenbegleitung“, man staunt über „Silberblinker“, „Goldfinale“ und „Cracklingblumen“. Bei ALDI kennt man sogar „Dreischlag-Bombenraketen“, „Premium-Diamantsonnen“ und „Reibkopfknaller“, „Flimmerbuketts“, „Brillant-Bombetten“ und „Knatterwolken“, den „Schweifsternaufstieg“ und den „Knatter-Feuertopf“, ja sogar „Brummer-Bodenwirbel“ und „Brokatbomben-Buketts“. Welcher Connaisseur dächte da nicht umgehend an Gundel Gaukeleys Bombastik-Buff-Bomben …

Optisch aber kann ALDI leider nicht ganz mithalten. Hier geht es deutlich abstrakter zu. Tierische Allegorien finden sich lediglich in Gestalt eines gewichthebenden Pinguins („pyro action“) und einer sonnenbebrillten Bulldogge („Party Fever“). Das neunhörnige Flugwesen, welches die Ummantelung des Fabrikats „Drachenzauber“ ziert, wird von Experten schon nicht mehr ernsthaft der Tierwelt zugerechnet. Fündig wird aber vor allem der patriotische Pyromane, der sich mit der handelsüblichen ostasiatischen Billigware nie recht anfreunden konnte. Viele Made-in-Germany-Produkte mit schwarz-rot-goldenem Dekor sind geeignet, Zerstörungswut und Nationalgefühl endlich ästhetisch zu amalgamieren und vergnüglich unter dem vaterländischen Nachthimmel auszuleben.

Eher belustigend für altgediente Haudegen wie mich wirken Produkte aus der Sparte Jugendfeuerwerk. Das „Super-Jugendfeuerwerks-Sortiment mit Bodenwirbeln, Knallteufeln, Wunderkerzen u. v. m.“ wird selbst die heutige Softie-Jugend kaum aus dem Sitzsack oder dem Bällebad hervorlocken können. Mit „Carat-Wunderkerzen“, „Flitze-Feuerstein-Minivulkan“, „Kobold-Fontänen“ und „Blitz-Knallerbällen“ wird man wohl höchstens in der Zielgruppe U3 für etwas Ähnliches wie Begeisterung sorgen können.

Insgesamt wirkt das ALDI-Sortiment eine Spur mehr sophisticated. Klar gibt es auch hier die zielgruppentypischen Power-Prollo-Fantasy-Destruction-Pakete namens „Goliath“, „Midnight Hunter“, „Heavy Metal“, „Gladiator“, „Witchcraft“, „Hell on Wheels“, „Big Boom!“, „Swords of Fire“, „Poison“ und „Barracuda“. Aber man hat offenbar auch achtsamere Käuferschichten, den Biobürger mit Bücherregal in den Blick genommen. Anspruchsvolle Sortimente wie „Van Gogh“, „Viel Glück!“, „Pegasus“, „Andromeda Supernova“ oder „Kopernikus“ werden zweifellos auch den einen oder anderen Kulturhistoriker und Astrophysiker dazu verleiten, den diesjährigen Etat für die Brotspende etwas einzukürzen zugunsten des Böllerbudgets.

Ähnliches lässt sich bei „Thomas Philipps Sonderposten“ (einer Handelskette, die meiner Wahrnehmung bislang seltsamerweise völlig verborgen geblieben ist) konstatieren. Menschen, die dem Theater-, Tanz- und Kinovergnügen zugetan sind, werden sich lifestyletechnisch mit Premiumfamiliensortimenten wie „Cabaret“, „Glanznummer“, „Moonflower“, „Mystic Nights“, „Rhythm of the Night“ und „Roman Candles“ gewiss irgendwie identifizieren können. Da aber gerade dieses Konsumentensegment zu selbstreflexiven Infragestellungen und ironischen Volten neigt, haben die Philipps-Strategen auch betont Schlichtes und aberwitzig Primitives auf der Palette: „Super-Mega-Matte“, „Satansknall“, „Dampfhammer“, „Druckwelle“, „Gigantus“ und (für die Dame des Hauses) „Superbombette“ befriedigen auch die derbsten Gelüste. Und mit dem Fabrikat „Flatrate“ hat man sogar etwas irgendwie Digitales in diese letzte Bastion des rein Analogen einzuschmuggeln verstanden.

Bei KAUFLAND scheint man eine Kooperation mit diversen Hollywood-Studios zustande gebracht zu haben. Die Produkte tragen hier klangvolle Namen wie „Alien“, „Stargate“, „Fright Night“, „Ghostbusters“ oder „Nemesis“. Bei letzterem handelt es sich übrigens um ein Familiensortiment, was zu der unbeantwortbaren Frage führt, ob die darin liegende Komik beabsichtigt war.

Im Ganzen aber ähnelt das Angebot mit „Thunder Rockets“, „Spitfire“, „Venom“, „Zombie Town“, „Commander“, „Bloody Mary“ und „Sledgehammer“ in etwa dem der Konkurrenten, es liegt im Splatter-Spektrum ungefähr in der Mitte zwischen NETTO und ALDI. Eine herausragende Spezial-Singularität dürfte allein der sogenannte „Wunder-Wuzzi“ sein, eine „Fontänen-Batterie mit leuchtintensiven Blinksternen in Violett und Weiß und Knatterfontänen in Gelb und Blau, Kaliber 15 mm“, die es nur hier gibt. Und für die nachwachsende Sadisten-Generation hält man im Jugendsegment die „Pyro Peitsche in Rot, Grün, Gold, Blau und Violett“ vor.

Poetische Preziosen fehlen aber auch hier nicht. Brokat ist fast immer dabei, es gibt „Brokat-Kometen“, „Brokat-Kronen“ und „Brokat-Flimmer-Wolken“, daneben aber auch kostbare „Juwel-Bomben“ und verschwenderische „Verwandlungsfontänen“.
Mindestens erwähnt sein wollen auch die aus entlegenen Operetten-Urwäldern importierten „Feuervögel“, „Sonnenvögel“ und „Pfeifschwärmer“, „Bengalfackeln“ und „Chrysanthemen-Effekte“. Direkt vom Firmament geklaubt und in die Sprengkapsel gestopft hat man – so vermute ich – die beliebten „Wechselschuss-Kometen“, „Popping-Stars“ und „Helios-Wirbel“.

So weit der kleine Überblick für dieses Jahr. Man darf gespannt sein, ob die Feierlichkeiten des Hölderlin-Jahres 2020 auf die zukünftige Silvesterpoesie ihre Wirkung tun werden. Eine Brokat-Bombetten-Batterie namens „Hyperion“ und der Knattervulkan „Empedokles“ sollen in den Chefetagen von REAL und MARKTKAUF bereits leidenschaftlich diskutiert worden sein.

Guten Rutsch allerseits!

 

 

Quelle der Zitate:
NETTO-Prospekt KW 52; ALDI_Knallertage_KW52_2019; KAUFLAND-Prospekt D52_6330_FW; THOMAS-PHILIPPS-SONDERPOSTEN-Feuerwerks-Prospekt (ohne weitere Bezeichnung); sowie: Historisch-kritische Hölderlin-Ausgabe, hrsg. von D. E. Sattler, 20 Bde. und 3 Supplemente, Frankfurt a. M. 1975–2008

 

© Marcus J. Ludwig 2019
Alle Rechte vorbehalten.