Schnelltest für Deutsche

Ein Mann, von dem ich im Allgemeinen nichts Gutes erwarte, nichts Richtiges und schon gar nichts Schönes, hat am 8. Mai etwas in jeder dieser Hinsichten Bemerkenswertes von sich gegeben: Frank Walter Steinmeier, Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland, sagte in seiner Rede zum 75sten Jahrestag der deutschen Kapitulation einen Satz, um den ich ihn (oder seinen Redenschreiber) fast beneiden muss, so genau trifft er den Kern der Sache: „Man kann dieses Land nur mit gebrochenem Herzen lieben.“

Eigentlich gibt es da nichts weiter zu erläutern und zu interpretieren, aber ich muss aus lauter Begeisterung einfach noch ein wenig um diesen Satz herummeditieren … erstens, weil er viel besser und geschichtsbuchtauglicher ist als jeder andere bisherige Politikersatz zu diesem Thema. Und zweitens, weil die Leute, denen das ganze Thema wichtig ist, wahrscheinlich auch eher solche sind, die sich schon mit Grausen abwenden, sobald der oberste Mahner und Warner der Nation nur den Mund aufmacht. Das wäre in diesem Fall sehr schade, denn das Diktum ist dermaßen richtig, dass es nach meinem Dafürhalten zur Nationalhymne vertont werden müsste, auch wenn nun mal leider der falsche Mann es ausgesprochen hat.

Was Steinmeier in seiner Rede noch gesagt hat, soll hier nicht weiter interessieren, es waren noch ein paar richtige Gedanken darunter, sowie der übliche Bullshit gegen „Hass und Hetze“.*

Es ist eine der bedauerlichsten Traditionen in diesem Land, dass es von seinen Bundespräsidenten nicht mehr verlangt, als einen einzigen Satz, den man später in irgendeinem Deutschland-Countdown-Jahrhundert-Best-Of verwursten kann. Weizsäckers Tag der Befreiung, Herzogs Ruck, Wulffs Islam-Bonmot … und die anderen haben wohl gewiss auch irgendwas gesagt.**

Nun hat also Steinmeier seinen Beitrag geliefert. Gut geliefert. Sehr gut sogar. Das „gebrochene Herz“, so schlagerschnulzig es auch anmuten mag, legt den Akzent genau dahin, wo er hingehört: nicht auf die Frage der Schuld, weg von neurotischem generationenübergreifendem Bußzwang und angeborener kollektiver Verworfenheit, ja, sogar weg von der stets beschworenen (und doch wohl schlichtweg selbstverständlichen) Verantwortung für das, was dieses Land heute und zukünftig zur Weltchronik beisteuert. 

Der Satz betont einfach die Tragik, die es bedeutet, ein Deutscher zu sein. Die grüblerische Trauer, die jedes Leben überschattet, in dem das Deutsche als komplizierte Sonderform des Menschlichen irgendwie von Bedeutung ist.

Ich weiß – wie gesagt – nicht, ob der Satz wirklich von Steinmeier selbst stammt und ob er irgendetwas Wahrhaftiges über sein Innenleben aussagt. Wenn er ihn ernst meint und den ihm innewohnenden emotionalen Gehalt ehrlich empfindet – es gibt leider mehr als genug Gründe, daran zu zweifeln –, dann steht, dann stünde, sage ich wohl besser, er mir als Deutscher sehr viel näher als all die widerständigen Wutdeutschen, die unter ihrer – freilich sehr angebrachten – Wut, unter ihrer – sehr nötigen – Widerständigkeit, das Entscheidende verschüttet haben: Liebe und Trauer.

Alexander Gauland, der aufs Ganze gerechnet gewiss mehr kluge Sätze gesagt hat als Herr Steinmeier, was aber auch nicht viel heißen will, hat den nach wie vor entscheidenden Satz gesagt, an dem der Deutsche in einer Art Schnelltest seine nationalpsychologische Grundierung prüfen kann: „Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte.“***
Richtig oder falsch? Das muss jeder mit sich und seinem Herzen ausmachen.

Ich will hier für meinen Teil keinen Zweifel lassen. Dieser Satz ist mit das Gestörteste, was jemand, der behauptet, Deutschland läge ihm am Herzen, sagen kann.**** Und ich frage mich, wie verpanzert jemand sein muss, der diese Aussage wirklich von Herzen bejaht. Wem der Blick auf die zwölf Hitlerjahre nicht das Herz bricht, wie kann der sich einen Deutschen nennen? Wen bei der Vergegenwärtigung der schändlichsten Jahre des Deutschtums nicht brennende Scham und Verzweiflungstränen ankommen, wie will der mitreden über die Belange dieses Landes und die Fragen, was aus ihm werden soll?
Wer dauernd darauf beharrt, es seien doch nur zwölf dunkle Jahre innerhalb von tausend Jahren deutscher Helligkeit, deutschen Ruhmesglanzes, deutscher Menschheitsbeglückung gewesen, der übersieht, der überfühlt wohl mehr, wie weitgehend das Böse das Gute auszulöschen vermag, wie tiefgreifend das Hässliche das Schöne entstellt, wie sehr das Schändliche alles, was Stolz und Seelenfrieden gedeihen lassen könnte, überschattet.

Wenn ich ein hundertjähriges Leben gelebt habe, ein paar schöne Werke geschaffen habe, freundlich und wohltätig zu den Menschen war, Verdienste und Wohlstand und Ansehen erworben habe, nur leider in diesem einen Jahr, im Grunde an diesem einen Tag, da hab ich mich mal verkleidet, habe mich ein wenig vergessen, habe alle Selbstachtung, alles Mitleid, alles Ethos über Bord geworfen und habe zehn Menschen zerstückelt – dann ist das kein „Vogelschiss“, den ich irgendwie quantitativ in Relation zu dem großen Drumherum setzen könnte, es ist eine grauenhafte Entwertung alles andern, all dessen, was gut und richtig war.
Die Familienmitglieder werden den Menschen vielleicht trotzdem wundersamerweise irgendwann wieder lieben können, ihm vielleicht verzeihen können, mit ihm leben können, aber eben mit gebrochenem Herzen, mit verzweifeltem Unverständnis, unter Alpträumen und Wundschmerzen, die nicht vergehen wollen.

Es gibt viele Menschen – Kaffeesommeliers können das bestätigen –, denen der Geschmacksunterschied zwischen bitter und sauer nicht wirklich klar ist. Ich fürchte, es gibt auch sehr viele Deutsche, denen der Unterschied zwischen Scham und Schuld nicht richtig klar ist, zwischen Konsequenz und Strafe, zwischen Verzweiflung und Erniedrigung. Vielleicht verstehen solche Leute wenigstens diesen Satz:
Ein gebrochenes Herz ist kein gebrochenes Rückgrat.

 

* Im Sinne von Norbert Bolz‘ Sentenz (die er, glaube ich, von Harry Frankfurt übernommen hat): Der Feind der Wahrheit ist nicht die Lüge, sondern der Bullshit.

** Wulff sagte sogar irgendwann, nachdem man ihn vom Hof gejagt hatte, mal in einem Interview etwas wie: Ich bin immerhin der Präsident, der gesagt hat: Der Islam gehört zu Deutschland.
Eine mitleiderregendere Selbstreferenz hat man wohl selten gehört.

*** Weitere Überlegungen zu Gaulands Aussage in meinem Buch: Aber ich hatte es mir schöner geträumt  – Rede über Deutschland

**** Leute, die Deutschland, dieses miese Stück Scheiße, zum Kotzen finden, können freilich noch viel gestörtere Sachen sagen.

Nachbemerkung

Ich gehöre zu jenen Ungeduldigen, die nur ungern den eigenen Tod abwarten, um Missverständlichkeiten ausgeräumt und Dubiositäten geradegerückt zu sehen.

Nicht wahr, jeder kennt diese Geschichte von Nietzsche, wie er mal irgendwo schrieb, er halte Bizet für bedeutender als Richard Wagner, und alle, die das lasen damals, so um 1888 herum, dachten so: „Ey, geht’s noch? Was hat man dem denn in die Sils-Marianische Höhenluft gebröselt? Hallo? Professorchen? Einmal die Gehörgänge und die Gehirnwindungen durchlüften, wie wär das denn mal? – Jetzt dreht er echt komplett durch, der Gute …“

So dachte man in den Salons des bildungsbürgerlichen Europas, so spöttelte man in den Cercles des débats des literararistokratischen Abendlandes, so scholl es von den Kanzeln und den Kathedern, und über den Köpfen der Salonnièren und der decadenten Dandys prangten in fettester Frakturschrift die Frage- und die Ausrufezeichen. Und dort prangten sie über Jahre und Jahrzehnte, bis endlich irgendwann, lange nach dem Durchdrehen und dem Ableben des missverstandenen Philosophen in einer Briefausgabe die Auflösung zu lesen stand, dass nämlich diese rätselhafte Aussage über Bizet und Wagner nur ein rhetorischer Trick gewesen sei, man dürfe das natürlich keine Sekunde ernstnehmen, so erklärte Nietzsche seinem Briefpartner und posthum einer vor Staunen und Erleichterung sich schüttelnden Weltöffentlichkeit. Etwas spät vielleicht, finde ich.

Deshalb sage ich es rechtzeitig, jetzt und hier in aller gebotenen Klarheit: Herr Steinmeier steht mir trotz seines einen guten Satzes nicht nahe. Ich distanziere mich ausdrücklich von ihm und von allem, was er in seinem Leben außer diesem Satz je gesagt und gedacht hat. Ich will noch nicht mal wissen, was er so alles gedacht hat. Die Vorstellung, Herrn Steinmeier nahe zu sein, flößt mir großes Unbehagen ein. Ich hoffe, er sagt in Zukunft keine guten und keine schlechten Sätze mehr, sondern nur mittelmäßige, zu denen sich kein Kommentar lohnt, denn idealerweise möchte ich den Namen Steinmeier nie mehr schreiben, sagen oder denken müssen. Am Ende träum ich noch von Steinmeier.
(„Am Ende träum ich noch von Steinmeier“ – wäre vielleicht ein guter Buchtitel …)

 

 

© Marcus J. Ludwig 2020
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