Nicht zu retten

Die unfassbarste der vielen Unfassbarkeiten, die der traurige Tag von Thüringen gezeitigt hat, ist Angela Merkels vollständig hemmungslose Offenbarung ihrer antidemokratischen Gesinnung – und die weitestgehende Reaktionslosigkeit unter sogenannten Experten, etablierten Medienvertretern und Bürgern. Die Regierungschefin, unsäglich matt und verbraucht, eine Ikone selbstquälerischen Unersetzlichkeitswahns, erteilt Weisung aus dem fernen Afrika, dass das Ergebnis einer lupenrein demokratischen Wahl rückgängig gemacht werden muss*. Und darauf folgt nun kein Sturm der Entrüstung, keine Rücktrittsrufe, keine Massendemonstrationen, keine Barrikadenkämpfe, keine Besetzungen von Parteizentralen und Fernsehanstalten – nein, es wird alles genau so umgesetzt wie angeordnet, und niemand stört sich daran. 

„Niemand“ ist zugegebenermaßen übertrieben. Aber halt niemand mit hinreichender Reichweite und Deutungsmacht. Auf die wenigen Beobachter und Kommentatoren unabhängiger Medien, die die Geschehnisse einigermaßen hellsichtig dargestellt, treffend eingeordnet oder sarkastisch kommentiert haben, will ich hier umso nachdrücklicher verweisen, schon allein damit ich selbst das alles nicht noch mal schriftlich niederlegen muss:

Tomas Spahn auf Tichys Einblick:
Thüringen – ein schwarzer Tag für die Parlamentarische Demokratie

Michael Sommer auf Cicero.de:
Das Grab der politischen Mitte

Benedict Neff in der NZZ:
Ist die Wahl von Thüringen ein Tabubruch, gar ein Skandal? Nein – das ist Demokratie

Dushan Wegner in seinem Blog:
Kann Merkel-Deutschland sich »Demokratie« nennen?

Anabel Schunke auf der „Achse des Guten“:
Thüringen und die Methode, dem Idioten Würde zu verleihen

Götz Kubitschek in der Sezession:
Höckes Schachzug – drei Anmerkungen

Michael Klonovsky in seinem Blog:
6. Februar 1933 (und Fortsetzung)

Ich habe diesen Beiträgen in der Sache kaum etwas hinzuzufügen. Und ich habe auch immer weniger Lust dazu. Es wird immer schwieriger und widerwärtiger, aus der gegenwärtigen Innenperspektive heraus verstehen zu wollen, was in diesem Land in dieser Zeit vor sich geht.

Es geschieht derzeit zweifellos das sozialpsychologisch Seltsamste, was ich je erlebt habe. Und es wird immer unübersehbarer, dass die Deutschen wohl einfach nicht zu retten sind. Man kann ihnen mit allen möglichen Erkenntnissen über Konformismus und Neurotizismus und Infantilismus zu Leibe rücken, man kann sie mit Freud und Fromm und Flaig analysieren, sie mit den bildgebenden Verfahren der Tiefenpsychologie und der Mentalitätsgeschichte und der Demoskopie untersuchen – es führt zu nichts. Der Patient wehrt sich verbissen gegen seine Behandlung, und der Untersucher muss sich erst mal abwenden mit jenem von Ärger durchsetzten Ekel, den auch der sachlichste und nüchternste Arzt bei der Behandlung eines vor lauter Selbstzerstörungwut stinkenden, faulenden, eiternden Leibes kaum unterdrücken kann.

Der Kulturarzt Nietzsche konnte sich mit seinem höheren Deutschenhass zumindest noch irgendwie mokieren über seine ehemaligen Landsleute, denen er zwar erfolgreich entlaufen war, aber nicht müde wurde, Verwünschungen und Diagnosen über die Grenze zu schicken. Etwa mit seiner boshaften Deutung von Napoleons Ausspruch in Erfurt im Jahre 1808 bei der Begegnung mit Goethe: „Voilà un homme!“, soll bekanntlich der Franzosenkaiser erstaunt ausgerufen haben, als der Dichter eintrat, und das hieß in Nietzsches Übersetzung: „Sieh an, ein Mann! – Und ich hatte nur einen Deutschen erwartet …“

Man wünscht sich, von irgendwoher noch die Kraft zu ähnlich geistreichen Witzelein zu nehmen, aber ein Tag wie der von Erfurt 2020 samt dem handelnden Personal lässt sich mit Humor kaum noch bewältigen.**
Und die Deutschen sind mittlerweile auch einfach nicht mehr zum Lachen. Man muss allen Ernstes Angst vor ihnen haben. Zumindest solange man noch unter ihnen lebt.

 

* Merkel am Donnerstag, 6.2.2020 in Pretoria:
„Die Wahl dieses Ministerpräsidenten war ein einzigartiger Vorgang, der mit einer Grundüberzeugung gebrochen hat für die CDU und auch für mich – nämlich dass keine Mehrheiten mit Hilfe der AfD gewonnen werden sollen.
Da dies absehbar war in der Konstellation, wie im dritten Wahlgang gewählt wurde, muss man sagen, dass dieser Vorgang unverzeihlich ist. Und deshalb auch das Ergebnis wieder rückgängig gemacht werden muss.“

** „‚Gewählt mit den Stimmen der AfD‘: das ist es, was sich der Teufel heute auf die Visitenkarte schreiben würde“, witzelt Klonovsky und schafft es so immer mal wieder, einen zum Lachen zu bringen, aber dieser gemütliche Dauersarkasmus kommt mir angesichts der Sachlage zunehmend unangemessen und aufgesetzt vor.

 

 

© Marcus J. Ludwig 2020
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