Nebenan: Thomas Mann

Ein Interview mit Marcus J. Ludwig über seinen neuen Roman „Der Geist von Carson Cokes“. (MORGANA – Zeitschrift für Trug und Tagtraum, Juli 2020, Seite 23/24)

 

Nach drei wohlwollend aufgenommenen, aber kommerziell mäßig erfolgreichen Büchern landete Ludwig mit seiner poetisch-skurrilen Urlaubsgeschichte den literarischen Überraschungshit dieses Sommers. MORGANA-Kulturredakteurin Geza Métoui traf den Autor im italienischen Badeort Forte dei Marmi.

 

MORGANA: Herr Ludwig, schön haben Sie’s hier!

MARCUS J. LUDWIG: Danke, finde ich auch. Wir kommen seit Jahren hierhin. Ist zwar nur eine gemietete Ferienwohnung, keine Villa mit Park wie im Buch, aber dafür hat man dann auch nicht so viele Krabbeltiere, die man rausschmeißen muss.

M: Haben Sie wirklich eine Spinnenphobie? Die Viecher kommen ja im Buch ziemlich prominent vor.

L: Nein, nicht so schlimm. Mittlerweile bin ich da halbwegs cool, also bei normalen Spinnen. Spinnenasseln sind allerdings echter Horror, muss ich sagen. Als ich denen hier zum ersten Mal begegnete, dachte ich, das wären Mutanten, aus irgendeinem Labor entlaufen.

M: Hab noch nie eine gesehen. Aber es gibt die wirklich, ja?

L: Doch doch, die gibt es hier im Süden zuhauf. In Deutschland wohl vereinzelt auch schon. Falls Ihnen hier keine übern Weg läuft, gucken Sie mal im Netz nach …

M: Werde ich machen – nun aber zum Buch: Ich las in einer Kritik über ihren neuen Roman die Formulierung „Tarantino meets Thomas Mann“. Fühlen Sie sich damit gut getroffen?

L: Also, das ist zwar sehr schmeichelhaft, ich bin ein großer Fan von beiden, aber wenn wir bei filmischen Assoziationen sind, würde mir jetzt vielleicht eher Richard Linklater einfallen. Oder Alan Ball. Falls die beiden mal anklopfen, klar, denen würd ich das Buch sofort zur Verfilmung überlassen. Allerdings glaub ich eigentlich gar nicht, dass es sich besonders gut als Filmvorlage eignet.

M: Wieso nicht? Ich hatte beim Lesen oft die Filmszenen schon richtig vor Augen, und auch die Dialoge funktionieren beim lauten Lesen einwandfrei. Ich hab’s probiert.

L: Mag sein, aber allein die eher essayistischen Passagen sind doch völlig unfilmisch, oder? Und die kann man ja nicht weglassen, sind doch für den inneren Aufbau der Geschichte unerlässlich.

M: Überlassen Sie das mal den Filmprofis, würd ich sagen, die kriegen das hin. – Was ist mit Thomas Mann?

L: Nun ja, die Rezensenten sind immer schnell mit Superlativen am Start. Wer mich kennt, der weiß, dass Thomas Mann die literarische Liebe, vielleicht die künstlerische Besessenheit meines Lebens ist, und dass er als Inbild und abgöttischer Spielgefährte durch manches, was ich mache, hindurchgeistert. Aber abgesehen von einzelnen geglückten Sätzen und Formulierungen, ist das doch leider ein abwegiger Vergleich. Ich kenn schon meine Grenzen. Selbst wenn ich 125 Jahre alt werden sollte, werde ich nichts zustande bringen wie die Buddenbrooks, die er mit 25 schrieb.

M: Aber vielleicht etwas wie Mario und der Zauberer? Ich mein, wir sitzen hier in „Torre di Venere“, wo sein „tragisches Reiseerlebnis“ spielt. Ihre „Urlaubsgeschichte“ ebenfalls.

L: Nein nein, da haben Sie ungenau gelesen, in Torre spielt gar nichts, es wird nur mal erwähnt.

M: Ja gut, aber Ihr Apuanella liegt ja quasi nebenan.

L: Eben: nebenan.

M: Aber es markiert schon einen gewissen Anspruch, oder?

L: Ach, ich würd sagen, es ist mehr eine kleine Spielerei.

M: Also, ich fand jedenfalls insgesamt die Parallelen schon auffällig, vor allem in der großen Schlussszene. Ein Kollege schrieb mit Blick darauf, das Buch hätte auch „Cesario und der Zauberer“ heißen können.

L: Ja, das hab ich gelesen, fand ich sehr nett. Es ist halt das alte Kunst-versus-Leben-Thema, nicht wahr. Nur hab ich die Rollen vertauscht.

M: Bei Ihnen ist nicht der Künstler der Verbrecher, sondern der Repräsentant des Lebens.

L: Ein Repräsentant. Genau. In „Mario und der Zauberer“ triumphiert ja der böse Zauberkünstler spielerisch über das Publikum, über das einfache Leben, die ungebrochene naive Liebe – und er bezahlt mit dem Leben.
In „Carson Cokes“ siegt der lebensschwache, aber im Grunde doch „gute“ Künstler über das gewalttätige, mächtige, rücksichtslose Leben.

M: Weil er sich einen anderen Repräsentanten, sozusagen eine andere Instanz dieses Lebens einverleibt hat, sie sich anverwandelt hat und sie geschickt und gewissenlos gegen das kriminelle, mörderische Leben verwendet.

L: Unter Einfluss von großen Mengen enthemmender Elixiere allerdings. Aber durchaus – so wie Sie das sagen, kann man das sagen. Naja, aber das sind ja nur dreißig, vierzig Seiten des Buchs.

M: Aber doch die entscheidenden, oder? Die Geschichte des Künstlers, der triumphiert, wenn ihm alles scheißegal geworden ist. Ich mein, er wird ja sogar noch belohnt, mit dem Ring.

L: Tja, warum auch nicht? Warum auch soll der arme Künstler immer erschossen werden oder wahnsinnig werden oder sonstwie zum Teufel gehen wie bei Thomas Mann?

M: Ist es zu viel der Interpretation, wenn man diese Art des Durchbruchs, des Zusichkommens direkt mit der Absage an das Moralische in Verbindung bringt? Der Held plagt sich ja die ganze Zeit erfolglos mit seinem Essay ab: Muss man das Richtige tun? Muss man moralisch sein wollen? Muss man kämpfen, muss man gegen die Resignation ankämpfen und mit allen Mitteln das Gute und Richtige erzwingen? Schwierig, wenn der Künstler gleichzeitig auch noch Weltverbesserer und Widerstandskämpfer sein will, oder?

L: Schwierig ja, aber nicht gerade selten. Welcher Künstler begnügt sich schon damit, nur zu künstlern?

M: Max Beckmann, zum Beispiel. „Maler, male! Rede nicht!“, hat der mal gesagt.

L: Tja, der Maler hat es aber auch wesentlich leichter. Der Literat hantiert ja nun mal mit Sprache, da kommt man leicht auf Abwege. Zum Glück wird man aber durch die Schriftlichkeit der Sprache etwas gebremst. Die schlimmsten Weltverbesserer scheinen mir heute diejenigen zu sein, die habituell mit gesprochener Sprache arbeiten, die Schauspieler und Moderatoren. Wer es gewohnt ist, vor Menschen zu reden, der macht sich – abgesehen davon, dass er eh von Hause aus eine gewisse Schamlosigkeit mitbringt – häufig nicht mehr die Mühe, vorher noch ordentlich zu grübeln. Und dann kommt da leider sehr oft nur ein wenig widerständiges Wohlfühl-Zeitgeistgelaber bei heraus.

M: Haben Sie da bestimmte Personen vor Augen?

L: Ja, leider jeden Tag, sobald ich den Fernseher anmache.

M: Es ist aber auch nicht gerade so, dass Sie selbst der Weltverbesserung gänzlich abhold wären, nicht wahr?

L: Das stimmt wohl, aber ich weiß wenigstens, wie lächerlich ich dabei zuweilen bin. Bei den Weltverbesserungspromis nehme ich hingegen wenig Scham und Skepsis wahr. Ich mein, wenn das, was ich zu einem Thema sage, ziemlich genau das ist, was die Regierung sagt, was mit geringen Abweichungen davon die Kirchen sagen, was das Staatsfernsehen sagt, was Gewerkschaften und NGOs und Wirtschaftsverbände sagen, dann würde ich mir doch überlegen, ob das die Art von Verbesserung sein kann, für die ich mich einsetzen sollte. Oder?

M: Und Sie sagen dann aus Prinzip und Provokationslust lieber einfach das Gegenteil?

L: Wie kommen Sie denn darauf?

M: Nun, ich denke gerade an die Irritationen, die diese reichlich provokante Romanstelle mit den Behinderten und dem lebenswerten Leben ausgelöst hat.

L: Irritation würde ich zunächst mal für eine gute Sache halten, verstanden als Anregung zum Fragen und Klären von faulen Gewissheiten. Ich bin selbst zuweilen irritiert von dem, was mir beim Schreiben so unterläuft, und in dem Fall fand ich es nicht nötig, diesen fiktionalen Denkansatz zu tilgen. Ich wusste natürlich, dass sich da einige drüber aufregen würden, aber den Gedanken, dass Behinderte genauso wertlos sind wie nahezu alle Menschen, kann ich nicht sonderlich diskriminierend finden. Kein Mensch, bis auf wenige Ausnahmen, muss unbedingt geboren werden. Es soll meinetwegen niemand vom Leben abgehalten werden, aber zu behaupten, jeder Mensch, ob behindert oder nicht behindert, sei ein unermesslich wertvolles Geschenk für das Universum, ist doch eine lächerliche Überheblichkeit.

M: Das sagen Sie mal den Betroffenen oder deren Eltern direkt ins Gesicht.

L: Das würde ich eher ungern tun. Man muss den Menschen nicht alles ins Gesicht sagen. Dezenz im persönlichen Verkehr ist aber kein Kriterium für die Richtigkeit oder die Zumutbarkeit eines Gedankens. Es gibt auch deshalb Bücher, vor allem fiktionale Bücher, damit man Dinge von ihrer beleidigenden Direktheit befreit darbieten kann. Die Buchdeckel eines Romans sind zwei große Anführungszeichen, die einen ironischen Vorbehalt signalisieren: Alles, was dazwischen geschrieben steht, ist eine Möglichkeit, eine phantastische Option, es könnte so sein, du kannst damit in völliger Freiheit hantieren, als Autor und als Leser. Sei irritiert, sei fasziniert, sei verwirrt. Das ist der Sinn des Spiels. Wem das zu aufregend ist, der soll halt Fußball gucken oder Handwerkskunst.

M: Wieso Handwerkskunst?

L: Das ist doch diese Sendung auf SWR, da kann man stundenlang Leuten zusehen, wie sie Sessel neu beziehen oder einen Schrank renovieren oder ein Buch binden. Total entspannend, ich liebe das.

M: Okay, wir kommen etwas vom Thema ab, scheint mir.

L: Haben wir ein Thema? Ich dachte, wir plaudern so ziel- und zwanglos herum.

M: Ihr Roman ist das Thema, wenn es nach mir geht. – Ich versuch’s nochmal: Kann man die Kernaussage so zusammenfassen, dass der Künstler auf die Welt der Moral, der Politik, der tätigen Menschlichkeit, der ordinären Lebendigkeit verzichten muss, um auf seinem ureigensten Gebiet etwas Außerordentliches zu schaffen?

L: Nicht ganz … ich mein, der Künstler muss schon irgendwie rücksichtslos und todesmutig sein. Dann läuft er zur Hochform auf. Aber wenn er Glück hat, das heißt, wenn er nicht nur Artist und Virtuose, sondern auch ein echter Mensch ist, dann bringt er in dieser Hochform auch etwas möglicherweise Wesentliches und Weltbewegendes zustande.

M: Was aber im Buch nicht gerade der Fall ist. Der Literat macht doch den armen Mafioso lediglich lächerlich und rächt sich ein bisschen für die ewige Geringschätzung.

L: Stimmt, es ist aber ein Anfang, würd ich sagen. Er sieht, was möglich ist, wenn er einer bestimmten Art von Geist gestattet, Besitz von ihm zu ergreifen. Die Reise beginnt eigentlich erst am Schluss des Buches, könnte man sagen.

M: Das heißt, es wird eine Fortsetzung geben?

L: Oh, das weiß ich nicht. Geplant hab ich lediglich eine Art Spin-off, wie man so im Serien-Jargon sagt.

M: Ein Spin-off? Interessant. Und worum geht es da?

L: Ja, im Grunde wird es ja im Buch schon angekündigt. Es geht darum, wie Carsten zu Carson wird. Seine Lehrjahre im Milieu, sozusagen. „Und wo das Licht war, da musste dein Lachen hin“, wird es heißen.

M: Ach, den Titel haben Sie schon?

L: Den hab ich immer als Erstes. Wenn ich nicht weiß, wie das Baby heißt, das ich zu zeugen habe, dann kommt nichts raus aus mir.

M: Eine etwas gewagte Formulierung … nun ja … jedenfalls: Ich hab mich zwischendurch gefragt, wie aussichtsreich diese amoralische Strategie sein kann. Denn die Erkenntnis in der Buchmitte, dass „es keinerlei Hoffnung gibt“, dass „es geradezu geboten erscheint, zu resignieren, und keinerlei Geistes- und Lebens-Energie noch in irgendwelche aussichtslosen Kämpfe zu investieren“, wird doch schon zu Beginn des Buches entwertet durch die Tatsache, dass Carson mit seiner hedonistischen Scheißdrauf-Lebenshaltung elendig gescheitert ist. Wie er genau gestorben ist, erfahren wir zwar nicht, aber die Unmengen von Medikamenten haben offenbar nicht ausgereicht, um seinen frühen Tod als fettes, zitterndes Wrack zu verhindern.

L: Tja, es kommt halt schon drauf an, wer amoralisch ist. Der Künstler muss es zuweilen sein, das Leben vielleicht besser nicht … aber Sie zwingen mir hier Grübeleien auf, die mir gerade echt zu anstrengend sind. Ich komm mir ja vor wie in meinem Buch. Haben Sie nicht noch ein paar trivialere Fragen, die Sie stellen wollen?

M: Trivialere Fragen? Klar: Was sind Ihre Hobbies? Essen Sie gern Eis? Haben Sie ein Lieblingstier? – Solche Sachen?

L: Genau: Also, Hobbies … Fahrradfahren, Modellautos sammeln, Tierfilme gucken. Eis: Ja. Aktuell mag ich besonders das vegane Mandel-Magnum. Und Lieblingstier … natürlich unser Kätzchen!

M: Ihr Kätzchen, aha. Wie heißt es denn?

L: Purzel. Aber es hat sehr viele Kosenamen, zum Beispiel: Pürzelchen, Schnürzelchen, Herzelchen, La Pü, Bürz, Bienchen, Hummelchen, Rollbraten, Bratentier, Liebchen fein, Süßolinchen, Pelzelchen, Tatzeltier, Bürzelbienchen …

M: Bürzelbienchen hatten wir schon, glaub ich. Jedenfalls – danke für diese Einblicke in ihr Privatleben, ich denke, alle Leser freuen sich schon mit mir auf die Veröffentlichung Ihrer Tagebücher, dreißig Jahre nach Ihrem Tod.

L: Bei Thomas Mann gab es, glaub ich, nur zwanzig Jahre Sperrfrist. Ich schätze, mehr sind bei mir auch nicht nötig.

M: Schön, dass Sie noch mal den Bogen zu Thomas Mann schlagen – ich wollte gerade fragen: Ist der Kasten da drüben nicht das Grandhotel, in dem die Manns seinerzeit residierten?

L: Exakt. So, jetzt müssen wir aber langsam Schluss machen. Heute Abend tritt im Salone Comunale ein faschistischer Hypnotiseur auf, ich muss noch Karten besorgen.

M: Verstehe. Herr Ludwig, vielen Dank für dieses Interview.

 

 

Das Gespräch hätte im Juni 2020 in Forte dei Marmi geführt werden können – wenn die Realität nicht so furchtbar einfallslos wäre …

 

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