Löcher in die Welt schlagen

In meinen Notizen fand ich unlängst einen kleinen Textentwurf, aus dem seit circa fünf Jahren kein Text werden wollte. Ich scrollte immer mal wieder darüber hinweg, wusste aber nie, was ich damit anfangen sollte. Bis ich ihn gerade eben mal spaßeshalber vom Präsens ins Präteritum transformierte, sodass er nun wie ein Nachruf klingt. Und genau so klingt er richtig. Wie ein trauriges Lob auf jemanden, der irgendwie gestorben ist:

Auch wenn man Martin Sonneborn nicht gewählt hatte, musste man sich freuen. Seine „Partei“ zog mit einem Sitz ins Europäische Parlament ein. Die EU-Politik würde endlich von innen heraus so grotesk dargeboten, wie sie nun mal war. Man wollte hoffen, Sonneborn möge nicht – wie er angekündigt hatte – nach einem Monat zurücktreten, um 59 weiteren Parteimitgliedern die Chance zu geben, Bezüge zu kassieren. Denn es war schwer vorstellbar, dass die ebenfalls das können würden, was er konnte, nämlich all die abgeordneten Witzfiguren der etablierten Parteien eben als Witzfiguren vorzuführen. Man brauchte dafür einen außergewöhnlichen, rebellischen Mut und innere Festigkeit. Und die hatte er offenbar in seltenem und bewunderungswürdigem Maße.

Seine Stärke, die exemplarisch war für die trotzige Kraft der Satire – der echten Satire, von der so Kabarett-Fritzen wie Priol und Richling und „der große Dieter Zimmermann“ naturgemäß nie etwas wussten –, bekundete sich unter anderem darin, dass er sich nie (nie!) dazu verleiten ließ, seine „Rolle“ zu verlassen und in der „wahren Welt“ mitzumachen. Wenn man ihn dazu bewegen wollte – was, glaube ich, Christine Westermann mal kläglich scheiternd versucht hatte –, so „ey komm, jetzt mal ernsthaft, wir haben ja verstanden, das ist Satire, aber können wir jetzt einmal bitte normal reden?“, dann führte das zu gar nichts. Denn er akzeptierte einfach nicht – und eben das darf Satire auch nicht, und eben darin lag das große Verdienst der alten Titanic –, dass diese Welt, diese offizielle, veröffentlichte Medien-Politik-Wirtschafts-Welt, die Normalität sein sollte. Sonneborn ließ diese „wahre Welt“ so lächerlich aussehen, wie sie eben war. Auch auf die Gefahr hin, dass er vom größten Teil der Menschen seinerseits für lächerlich gehalten wurde, von Menschen, die genau das nicht kapierten: dass sie längst mit Maybritt Illner, Sigmar Gabriel, Kai Dieckmann, Kardinal Marx, Heidi Klum, Dirk Rossmann, Nazan Eckes, Lukas Podolski und all diesen Figuren der veröffentlichten Wirklichkeit in einer Matrix-und Truman-Welt lebten, in die nur radikale Aussteiger wie Sonneborn hin und wieder Luft- und Gucklöcher hineinschlugen, dadurch dass sie Absurditäten produzierten, Provokationen, für die das System nicht gerüstet war.

Man musste sehr mutig und idealistisch und tapfer sein, um diesen Grad an Freiheit und Genügsamkeit zu erreichen, um sich nicht von Macht, Mandatsautorität, Institutionalität, Rechtmäßigkeit, Welterklärungsredegewandtheit einschüchtern zu lassen. Sonneborn ließ sich nicht einschüchtern. Er war sich jederzeit im Klaren, dass die Politiker und Banker und Journalisten, mit denen er sich anlegte, Repräsentanten einer Welt waren, die keine andere Daseinsberechtigung hatte als einen allumfassenden Konsens der Gedankenlosigkeit und Feigheit. Einer Welt, die um einiges lächerlicher war, als der Irrsinn, den er mit todernster Miene produzierte. Wobei man statt des zurückhaltenden „lächerlich“ auch ebenso gut „gewalttätig“, „verlogen“, „verkommen“, „niederträchtig“ und dergleichen einsetzen könnte.

Was Sonneborn tat, war wichtig und bitternötig. Noch wichtiger wäre vielleicht gewesen, dass irgendjemand uns endlich einmal genauso todernst die echte, die wahre, die wünschenswerte Welt hätte zeigen können. Aber das war nie Aufgabe der Satire.

Wie und warum er jetzt eigentlich verendet ist, kann ich gar nicht genau sagen … es muss irgendwie am ZDF liegen. Leute, die sich mit den Mainzer Regierungs-Fürsprechern einlassen, verwelken wohl unweigerlich und gehen zugrunde in orangener Bedeutungslosigkeit.
Und da eben in einem Nebensatz der Name einer durch dauernde und weitreichende Rundfunkpräsenz recht bekannten Dame fiel, fiel mir noch ein, dass die ja auch auf einem meiner vielen bislang ungenutzten Notizzettel vor sich hinstaubt, und dass ich sie nach einer kurzen, aber energischen sprachlichen Entstaubung ruhig ans Licht meiner kleinen aber feinen Parallelöffentlichkeit zerren könnte. Sie kommt zwar nicht besonders gut weg in dieser etwas hämischen Miniatur, aber immerhin wird sie noch nicht für tot erklärt:

Ich bin der altmodischen Auffassung, dass ins Fernsehen nur Leute gehen sollten, die dafür in besonderer Weise geeignet und befähigt sind. Wer sich ins Fernsehen oder ganz generell auf eine gut beleuchtete Bühne wagt, der sagt: „Seht her, dies und das kann ich so gut, dass ich euch das zeigen möchte und Anspruch erheben möchte auf eure Aufmerksamkeit.“ Man stellt sich nicht zur Schau mit der Haltung: „Ich bin ich, das reicht doch wohl, nun seht mir gefälligst bei der Zurschaustellung meiner langweiligen Nichtskönnerschaft zu.“ Sollte man zumindest nicht.

Meine altmodische Auffassung wird jedoch heute nur selten geteilt. Anscheinend ist die einzige Fähigkeit, die der zeitgenössische TV-Mensch noch braucht, Schamlosigkeit. Die allerdings in hohem Maße. Er kann dumm, hässlich, talentfrei, langweilig, debil, moralistisch, dreist, brutal oder sonstwie vermessen und aufdringlich sein – solange ihn kein Schamgefühl behindert, steht ihm der Weg in die Öffentlichkeit der Bühnen und Bildschirme offen.

Christine Westermann – auf die selbstredend keines der gerade so dahergesagten Adjektive zutrifft – wäre bestimmt eine passable Apothekersgehilfin geworden. Wer weiß, vielleicht war sie das sogar mal in jungen Jahren – ich bin gerade schlichtweg zu faul, den Lebenslauf dieser lahmen, braven, schalen, faden Dame zu recherchieren. Jedenfalls drängte es sie offenbar irgendwann, nachdem sie vielleicht zehn Jahre lang Achtsamkeits-Tees und Salben gegen Scheidenpilz über den Tresen gereicht hatte, in den Rundfunk, ins Radio und ins Fernsehen, um dort den Hausfrauen die Welt aus der Sicht einer höheren Drogistin zu spiegeln. 

Das könnte man nun so weit einfach auf sich beruhen lassen und sich schlafen legen, denn schon das Schreiben über Frau … wie hieß sie noch gleich … macht einen unsäglich müde.

Eine Frage aber reißt einen dann doch immer wieder zurück in die grelle Wahnsinnswirklichkeit: Wie – beim Lispeln des Literaturpapstes! – konnte es bloß so weit kommen, dass Tante Tine eines festen Platzes im Literarischen Quartett habhaft ward, um dort über das Schaffen von Leuten zu befinden und zu urteilen, mit denen sie zwar genetisch gesehen (wahrscheinlich) die Zugehörigkeit zur Spezies Mensch teilt, die aber geistig in ganz anderen Galaxien leben, von denen diese Frau, die anscheinend nie in das Alter kommt, in dem das PMS nachlässt, ihren Zuschauerinnen niemals etwas mitteilen können wird? 

Nun, es wird in den Geheimakten des ZDF gewiss irgendeine Antwort geben, die mit Zuschauernähe zu tun hat und mit dem Alter und dem Bildungsniveau irgendeines Zielgruppensegments, aber diese Antwort wird Herrn Reich-Ranicki nicht vom Rotieren im Grabe abhalten können. Und mich wird sie nicht davon abhalten, die seltsame Sendung doch immer wieder zu gucken und mich hin und wieder ein wenig zu schämen an Stelle derer, die es eigentlich tun müssten.

Dies wäre eigentlich ein sauberer Schluss gewesen. Da ich aber nun neben einigen anderen Zwangsstörungen auch dem weitverbreiteten „Dreiheitszwang“ unterliege, muss jetzt leider noch eine dritte Eloge kommen, sonst werde ich heute Nacht, sonst werde ich vielleicht überhaupt nie wieder schlafen können. Es muss aber nicht nur etwas Drittes sein, sondern auch etwas, das die Reihe der bisherigen Zwei logisch komplettiert … wie gut, dass in meinen Notizzettelkästen Dutzende von Karteileichen herumlungern, die nur darauf warten, endlich zum Auftritt gerufen zu werden … eine von denen wird ja jetzt wohl passen … Martin Sonneborn, Christine Westermann … uuuuund da haben wir auch schon einen. Gut, der Name klingt zwar eher nach Knäckebrot-Backkurs in der Volkshochschule, aber echte Connaisseurs des subtilen Horrors zucken zusammen und kriegen Schweißausbrüche, wenn sie von – Paukenwirbel! Höllenchöre! – Heinrich BRELOER hören:

Journalistisches Ethos verlangt, dass ein Urteil, eine Wertung, erst recht eine Abwertung durch Beibringung von harten oder wenigstens halbwegs plausiblen Fakten abgesichert zu sein hat. Den Rücktritt der Kanzlerin etwa herbeizuschreiben, weil man irgendwann mal gehört oder geträumt hat, sie rauche im Kellerklo des Kanzleramtes fragwürdige Substanzen, entspricht nicht dem Codex der Zunft.

Wie gut, dass ich kein Journalist bin. Das Problem des folgenden Textes ist nämlich, dass ich mich leider vollkommen außerstande sehe, irgendetwas zur Beglaubigung meiner Ansichten genauer zu recherchieren. Ich kann nur vage und ungefähr auf das Material in meinem Gedächtnis zurückgreifen, und ich wünschte von Herzen, ich könnte selbst das nicht mehr. 

Die Sache ist die, dass ich ewig – ich glaube, mittlerweile 16 oder 17 Jahre – gebraucht habe, um diesen lästig-anhänglichen Pseudo-Thomas-Mann in Gestalt des vermaledeiten Armin Mueller-Stahl, mit dem der Doku-Dramatiker Heinrich Breloer mir mein Bild des echten Thomas Mann überpinselt hat, aus meiner Vorstellungswelt zu tilgen. Und ich finde, kein Codex kann von mir verlangen, dass ich mich all den penetranten Bildern nun vorsätzlich noch einmal aussetze, nur für so einen beiläufigen Beitrag über diesen Filmemacher, der sich nicht scheute, seinem onkelhaften Biopic („Die Manns – Ein Jahrhundertroman“) über den großen, den glänzenden und gequälten Künstler-Bürger auch noch die Schändung seines populärsten Werkes („Buddenbrooks“) hinterherzuschicken. Und das dann auch noch mit demselben Hauptdarsteller, sodass einem in schwachen, halbwachen Momenten die ganze Personage zu einem einzigen furchteinflößenden Thomarmin-Muellmann-Stahlbrook-Mutanten verschmolz.

Aus dem Bereich der Hitsender- und Kirmesmusik kennt man den sogenannten „Ohrwurm“, das Phänomen der unfreiwilligen Besessenheit von aufdringlichen akustischen Artefakten, die man schon nach flüchtiger Rezeption wehrlos mit sich herumzuschleppen verurteilt ist. Selbst ich muss dem Filmemacher Respekt zollen für den Erfolg, den seine TM-Verwurstungswerke immerhin in dieser ohrwurmanalogen Hinsicht hatten. Ich habe einige tausend Stunden Beschäftigung mit dem echten Thomas Mann benötigt, um die pastos-gravitätische TM-Simulation von Breloer und Konsorten auszutreiben aus meinem Innenleben. 

Für die meisten Zuschauer aber, die nicht den dunklen Drang verspüren, die Auseinandersetzung mit Thomas Mann zu einem ihrer zentralen Lebensinhalte zu machen, ist der echte Mensch hinter den Werken für den Rest ihres bewussten Daseins vollständig ausgelöscht worden. Er und die Seinen sind ersetzt worden durch sehr mäßige und vor allem sehr unpassende Schauspieler, die, von bedauernswerten Maskenbildnern notdürftig zurechtgebogen und zurechtgelogen, ein lächerliches, von keinerlei künstlerischem Gewissen getrübtes Trugbild aufführten, dessen nachhaltige Wirksamkeit leider in umgekehrt proportionalem Verhältnis zu seiner Realitätsnähe stand. 

Es ist vollkommen undenkbar, dass Breloer nicht gewusst haben sollte, dass sein „Thomas Mann“ mit dem echten Thomas Mann rein gar nichts zu tun hatte. Er wird sämtliche erhaltenen Film- und Ton-Dokumente gesichtet und gehört haben, und es ist einfach nicht möglich, dass die Abweichung der schauspielerischen Verkörperung von der darzustellenden, der laut Genre-Anspruch zu dokumentierenden Person ihm entgangen sein sollte. Man muss hier also von wirklicher Böswilligkeit ausgehen, mindestens von Skrupellosigkeit, von Faulheit und Feigheit. Denn er hätte zweifellos geeignetere Schauspieler finden können, aber dann hätte er auf zugkräftige, prominente Namen verzichten müssen, und eben in diesem „Scheiß auf Authentizität, Hauptsache Mueller-Stahl, Bleibtreu, Ferres, Koch sind dabei“, darin liegt der Verrat.

Aber selbst mit passenderem Personal wäre das ganze Unterfangen immer noch höchst fragwürdig gewesen. Breloers ganze literaturdetektivische Rekonstruktion baute auf den Erinnerungen und Bestätigungen der Gewährsfrau Elisabeth Mann-Borgese auf, Thomas Manns jüngster Tochter, damals noch fit und lebendig. Ungemein sympathisch gab sie Auskunft und Antwort (auf Fragen von seltener Suggestivität), ein ragendes Relikt, ein nettes Gespenst, mit eigenen, leibhaftigen Erinnerungen an die Poschi-Villa, an den Visitenkarten-Bär und so weiter. Was aber sollte die Frau eigentlich Substanzielles beitragen können, außer einrichtungstechnischen Hinweisen, wo z. B der Flügel gestanden hat? Und so Sachen, dass der Papa ihr manchmal ein Zucker-Ei gemacht hat? 

Es dürfte jedem, der ein ganz klein wenig psychologische Erfahrung hat, klar sein, dass die schlechtesten Kenner eines Menschen dessen eigene Kinder sind, zumal, wenn sie den Vater erst etwa ab seinem 50sten Lebensjahr einigermaßen in der eigenen Erinnerung präsent haben. Die Medi wusste, genau wie alle ihre Geschwister, nichts von Thomas Mann. Nichts jedenfalls, was über ein Zucker-Ei oder die Haare in seinem Nacken hinaus von Bedeutung wäre.

Die Faktenlage ist das eine, die filmische Fragestellung das andere. Aus ihrer untadeligen Enkelperspektive wussten Breloer und all die anderen fragenden, klagenden Nachgeborenen offenbar, wie Thomas Mann hätte leben sollen. „Warum warst du nicht warmherziger, warum warst du nicht lockerer, warum musstest du dich so schwertun mit deiner Homophilie, warum hast du dich nicht von der ersten Sekunde an gegen das Naziregime erklärt, warum hast du deinem Bruder, deinen Söhnen, all den Leidenden um dich herum nicht mehr geholfen?“ Eine ganze Generation von moralistisch-besserwisserischen Germanisten und Lehrerseelen machte sich an der kompliziertesten und schönsten Künstlerpsyche des zwanzigsten Jahrhunderts zu schaffen, ohne dass sie vorher oder nachher auch nur das Kleinste vom Künstlertum begriffen hätten. Eine Filmszene, die ich allen Bemühungen zum Trotz einfach nicht aus meinem Gedächtnis gelöscht krieg, steht prototypisch für diese Engstirnigkeit:
„Thomas Mann“ sagt (in einer Schiffskabine, glaube ich) zu „Katia Mann“ den vielzitierten Satz aus dem Tagebuch, dass er sein Leben nicht noch einmal leben möchte, das Peinliche habe doch zu sehr überwogen.
Und sie, also Monica Bleibtreu, sagt nichts, nur ihr Gesicht sagt: „Hmpf … tja, was sagt man dazu … nicht schön … grmpf.“
Und Breloer sagt uns damit: „Das hätte er nicht sagen dürfen! Also bitte – da will man nun wirklich nicht Ehefrau sein, nicht wahr? Und Kind schon mal sowieso nicht. Dieser kalte, selbstsüchtige, rücksichtslose Egoist. Meinen Sie auch, liebe Zuschauer, oder?“

Vielleicht bin ich ungerecht. Vielleicht liegt es in der zeitlichen Natur der Sache, dass erst meine Generation, die der Urenkel, ganz ohne Moralismus, ganz frei von kindlichen oder kindeskindlichen Ansprüchen auf diesen großen, schwierigen Menschen zurückblicken kann, und sich in freiwilliger Zeitgenossenschaft wieder in ein unbefangen freundschaftliches Bewunderungsverhältnis zu ihm setzen kann.

Wie auch immer – ich kann nur hoffen, dass Heinrich Breloer niemals stirbt. Und dass alle künftigen Thomas-Mann-Jubiläen ausfallen und dass es nimmermehr Weihnachten wird … auf dass dieser ganze missratene TM-TV-Schund niemals wieder ausgestrahlt werden muss.

Als Alternative für den Heiligen Fernsehabend empfiehlt sich übrigens das Doku-Drama „Die Merkels“, in dem es hauptsächlich darum geht, dass die Kanzlerin und ihr Mann vor dem Hausmeister des Kanzleramtes (auf keinen Fall gespielt von Armin Mueller-Stahl!) fliehen müssen, weil der sich das Geld für den riesigen Tannenbaum wiederholen will, den er gerade im tiefsten Schneetreiben durch halb Berlin geschleppt hat. Die Merkels haben aber kein Geld in den Taschen ihrer Eichhörnchenkostüme, welche sie traditionell an den Weihnachtstagen überziehen müssen, und da der Hausmeister ein grober Geselle ist, ein grantliger Problembär, mit dem nicht gut Nüsschen essen ist, huschen sie kichernd und keckernd von einem Zimmer ins nächste, durch alle adventlich geschmückten Stuben des Kanzleramtes geht die wilde Kamerafahrt, bis sie schließlich oben auf dem verwunschenen Dachboden landen, wo sie sich verstecken und mit großglänzenden Staunaugen alte Kisten voller goldener Geheimnisse durchwühlen. In einer finden sie einen bibliophilen Schatz, und dann sehen wir sie den ganzen Abend lang, vergnügt wie Eichhörnchen nun mal sind, in großformatigen Thomas-Mann-Bildbänden blättern, wobei die Bilder des echten TM in dermaßen langanhaltenden Einstellungen gezeigt werden, dass die Zuschauer –zumindest die, die es schaffen, wach zu bleiben – den bösen Breloer-TM endlich glücklich vergessen können.

 

Nachbemerkung: Ich hätte nicht gedacht, dass ich noch jemals etwas Freundliches über Angela Merkel veröffentlichen würde. Aber vielleicht dient diese kleine Aufmerksamkeit ja der Klarstellung, dass ich nur die machtbesessene und anmaßende Politikerin verachte, nicht aber die irgendwie immer noch halbwegs sympathische Frau.

 

Noch eine Nachbemerkung: Wie so oft ist die Realität schneller oder bekloppter, als man sich das vorzustellen vermag. Ein Merkel-Doku-Drama wurde vor kurzem tatsächlich produziert und gesendet. Allerdings keines, das so harmlos und niedlich wäre wie das von mir zuvor imaginierte. Vielmehr handelt es sich um ein medienhistorisch beispielloses Stück Geschichtsverkitschung, ein bizarres Erzeugnis öffentlich-rechtlicher Propaganda. Wahrscheinlich kann Frau Merkel selbst gar nichts dafür, insofern will ich die Nachsicht meiner obigen Zeilen nicht weiter revidieren. 

Vor dem ZDF aber muss man langsam wirklich Angst bekommen, dort scheinen Leute am Werk zu sein, die die letzten Skrupel abgestreift haben, die in radikaler Regierungstreue alle Gewissensregungen in sich abgetötet haben, Leute, denen im „gerechten Kampf“ gegen Fremdenfeinde und Flüchtlingshasser, gegen Rassisten und inhumane, gefühlskalte, ewiggestrige Abschottungs-Nationalisten jedes Manipulations-Mittel recht ist.

Man staunt und fragt sich immer wieder, ob all diese Menschen, die an solch wahnhaften Inszenierungen beteiligt sind, sich gar keine Sorgen über das Urteil der Nachwelt machen, ob sie sich vielleicht gar nicht vorstellen können, dass Historiker vernichtend über sie richten werden, wenn das Merkel-Regime dereinst als das dunkle Kapitel der deutschen Geschichte aufgearbeitet worden sein wird, als welches es derzeit nun mal leider immer noch stattfindet.
Nein, solche Gedanken können ZDF-Menschen offenbar nicht zulassen. Und es fällt täglich schwerer, solche Gedankenlosigkeit anders als mit psychopathologischen Begriffen zu beschreiben.  
Mit welchen Begriffen man aber die filmische Qualität des Werkes beschreiben soll, das möge jeder, der die 88 Minuten durchhält, selbst entscheiden.

→ Stunden der Entscheidung: Angela Merkel und die Flüchtlinge
(https://www.zdf.de/dokumentation/dokumentation-sonstige/stunden-der-entscheidung-160.html)

© Marcus J. Ludwig 2019
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