Let’s Dance Democracy

Aus einer Verkettung von Umständen, die ich mir beim besten Willen nicht mehr vergegenwärtigen kann, habe ich fast die komplette diesjährige Staffel der RTL-Unterhaltungsshow Let’s Dance gesehen. Zwölf Jahre lang ist das völlig an mir vorbeigegangen, die laufende Staffel aber hat mich irgendwie gefesselt und mir die Vorzüge gedankenlosen Entspannungsfernsehens nahegebracht.

Die Show ist wirklich höchst unterhaltsam. Man sieht viele schöne Menschen, die sich schön bewegen, und man sieht viele nicht so schöne, dafür aber anderweitig faszinierende Menschen, die irgendwie versuchen, sich schön zu bewegen. Man staunt, man lacht, man erschrickt, man geniert sich, man bewundert, schüttelt den Kopf, und immer mal wieder sieht man sich gestärkt in dem Glauben, dass der Mensch mit Fleiß und Strenge, mit Schweiß und Tränen tatsächlich zur Anmut trainiert werden kann, selbst wenn er oder sie schon mitten im Erwachsenenalter steht. Ein Mann, selbst wenn er zuvor ein kumpel- und riesenhafter Handballer war, kann zu ästhetischer Größe und Grazie herangeformt werden; eine Frau, selbst wenn sie zuvor bloß eine dekorative Privatsender-Tussi war, kann einem die Tränen in die Augen treiben, nicht nur durch ihre einzelnen Tanzperformances, sondern mehr noch durch das Werk, das sie vor aller Augen an sich vollbracht hat: Ein Werk der Kultivierung, der Aufwärtsformung, der Aktualisierung von Potenzial, der Erwachsenwerdung, des Erblühens, des Erwachens.

Nazan Eckes ist erwacht, hat tanzend, in zunehmender Beherrschung des körperlichen Ausdrucks, ihre Banalität abgeschüttelt und ist ins Reich der Anmut und der Schönheit aufgestiegen. Walzer, Rumba, Paso doble, Tango und Contemporary haben sie aufgerichtet und ihrer leiblichen Erscheinung, ihrem ganzen Wesen eine Haltung verliehen, die dem Betrachter Wohlgefallen und Respekt abnötigt. Wären alle Deutschen trainierwillig und entwicklungsfähig wie Nazan Eckes – es bestünde Grund zur Hoffnung für dieses verkümmernde Volk von amöboiden Sitzsäcken, für diese breite Masse strukturloser Klumpen und Klötze, die der Abschlaffung des Abendlandes vom Sofa, vom Autositz oder von der Regierungsbank aus zusehen.
Von Nazan Eckes lernen heißt siegen lernen, heißt reifen, erblühen und glänzen lernen.

Äh, nun ja, das mit dem Siegen stimmt nun leider gerade nicht, denn eben gestern ist unsere Hoffnungsträgerin ausgeschieden. Warum? Weil das Volk es so gewollt hat. Das Volk hat angerufen und abgestimmt und entschieden. Mein ohnehin geringes Vertrauen in die Demokratie ist weiter erschüttert worden.
Die Frage allerdings stellt sich, ob denn das Volk das wirklich so gewollt hat. Ob also die Entscheidungsprozesse, die zu diesem Ergebnis geführt haben, wirklich den Willen aller Beteiligten angemessen abbilden.

Man muss sich das Ganze so vorstellen: Die Tänzer tanzen, immer ein sogenannter Prominenter (also etwa Moderatoren, ausrangierte Sportler, Leute, die mal im Dschungelcamp waren) mit einem Profitänzer (meist mit ex-sowjetstaatlichem Migrationshintergrund), der ihm für die ganzen etwa zwölf Wochen der Show als Trainer und Tanzpartner an die Seite gestellt ist. Und die Darbietungen werden dann von einer Fachjury beurteilt. Diese Jury besteht aus Jorge Gonzales, einem kubanischen Nuklearökologen und Laufstegtrainer, dem das unsterbliche Verdienst zukommt, im Laufe der Jahre die wohl lustigste Varietät der deutschen Sprache erfunden zu haben (ich warte auf die linguistische Arbeit, die dieses Phänomen endlich wissenschaftlich befriedigend einordnet), neben ihm sitzt Motsi Mabuse, eine südafrikanische Profitänzerin, die wirklich so heißt und ein solcher Ausbund an ungekünstelter Lebensfreude ist, dass einem zuweilen angst und bange wird, und schließlich gibt es noch Joachim Llambi, einen leibhaftigen Tanzsport-Wertungsrichter und Börsenmakler, der immer gesiezt und „Herr Llambi“ genannt wird, damit er streng und seriös erscheint. Was er zweifellos auch ist. Die drei geben jeder bis zu zehn Punkte, und am Ende des Wettbewerbs, nachdem viel gelabert, gewitzelt und geweint worden ist, gibt es dann eine Rangfolge. Ganz oben stand in diesem Jahr immer eine gewisse Ella Endlich, und sie stand nicht zu Unrecht dort. Doofer Name, aber super Tänzerin.

Ganz zum Schluss einer jeden Sendung wird es dann aber leider demokratisch, und damit beginnen die Probleme. Denn das Volk bestätigt mitnichten das Votum der Experten. Es ruft an oder schickt eine SMS mit der Endziffer des Lieblingskandidaten, und die dadurch entstehende Volks-Rangfolge verrechnet mit der Fachjury-Rangfolge besagt dann, dass einer auf dem letzten Platz steht, und der fliegt raus. So können sich dann Promis, die extrem schlecht tanzen, noch länger halten, weil sie halt sympathisch sind, und andere, die super tanzen, müssen ausscheiden, weil sie nicht sympathisch genug sind.
So könnte man meinen, aber ist das wirklich so? Ist Nazan Eckes rausgeflogen, weil sie unsympathisch ist? Oder vielleicht eher, weil das Wahlverfahren irgendwie dysfunktional ist?

Das traditionelle demokratische Grundprinzip „one man, one vote“ ist bei RTL außer Kraft gesetzt, denn man kann beliebig oft anrufen, und gewiss gibt es Fanatiker, die für ihren Favoriten locker fünfzigmal voten. Zumal die Abstimmung auch noch mit einem Gewinnspiel kombiniert ist. Somit hat natürlich ein Kandidat, der die wohlhabenderen (denn jeder Anruf kostet) oder glücksspielaffineren Anhänger hat, sehr viel bessere Karten.
Der Ansatz, dass man mehrfach anrufen kann, ist prinzipiell aber gar nicht so schlecht. Denn im Idealfall könnte sich der Wille des Einzelnen immer in mehreren Teilentscheidungen dokumentieren. Theoretisch könnte ich ja für meinen Erstplatzierten viermal anrufen, für meinen Zweitplatzierten dreimal, für meinen Drittplatzierten zweimal und für meinen Viertplatzierten einmal. Hab ich aber nicht gemacht. Und ich kann mir auch beim besten Willen nicht vorstellen, dass sonderlich viele Zuschauer so verfahren sind. Sie werden ihre unbegrenzten Wahlstimmen genutzt haben, um einen einzigen Kandidaten möglichst weit nach vorn zu pushen. Wir haben es also mit einer reinen und exzessiven Interessendemokratie zu tun.

Um zu ausgewogeneren und gerechteren Ergebnissen zu kommen, müsste man die Leute wohl leider zwingen, und zwar zur Gemeinwohldemokratie. Man müsste sie zwingen, sich für eine Rangfolge zu entscheiden. Und das natürlich nur einmal. Bei den vier verbliebenden Kandidaten aus der gestrigen Sendung müsste der Zuschauer gefragt werden, wem er vier Punkte geben möchte, wem drei, wem zwei und wem einen. Wen er also auf Platz eins sehen möchte und wen auf Platz zwei, drei, vier. Wenn man das online am Bildschirm durchführte, bräuchte man nicht mal ein Frageverfahren, sondern könnte einfach die 24 möglichen Rangfolge-Varianten abbilden, und der Zuschauer könnte auf die ihm genehme klicken – fertig. One man, one vote.
Was eine einzelne Stimme besagt, hängt nun mal davon ab, was genau der Gegenstand der Abstimmung ist. Wie also die Wahl designt ist. Ich bin relativ sicher, dass das gestrige Ergebnis ein anderes gewesen wäre, wäre mein gerade ersonnenes Design zur Anwendung gekommen.

Nun kann es natürlich sein, dass bei einer RTL-Fernsehshow genau das nicht gewollt ist. Dass im Gegenteil eben ein Verzerrungseffekt gewollt und einkalkuliert ist, dass also durch das Aufregen über die offensichtliche Ungerechtigkeit das Interesse am Köcheln gehalten wird, dass die Medien etwas zu berichten und zu kommentieren haben und so weiter.

Wenn man aber solche entscheidungstechnischen Probleme im Kontext wirklich lebensbestimmender Abstimmungen wie einer Bundestagswahl betrachtet, dann sollte man derartige Willensverzerrungen besser nicht einkalkulieren, sondern nach Kräften minimieren.
Es wird nach Wahlergebnissen, die uneindeutig sind und die Regierungsbildung erschweren, gern so nebenbei gesagt, es würden nun mal keine Koalitionen gewählt. Das stimmt. Man könnte aber trotzdem ein Wahlergebnis immerhin so weit vereindeutigen, dass der Volkswille hinsichtlich der Rangfolge des Zutrauens in die Regierungsfähigkeit der Parteien sehr viel besser sichtbar würde.
Es würde den Wähler gewiss nicht überfordern, die zur Wahl stehenden Parteien in eine ihm wünschenswert erscheinende Rangfolge zu bringen und damit zum Beispiel nicht nur seine Präferenz bezüglich der Regierungspartei, sondern auch die Gewichtung innerhalb einer Koalition und die Stärke der Opposition zum Ausdruck zu bringen.

Viele Leute wollen zum Beispiel, dass die AfD als Opposition im Parlament vertreten ist, aber nicht, dass sie regiert. Manche wollen sogar, dass eine starke rechte und eine starke linke Opposition vertreten ist, können das aber durch ein einzelnes Wahlkreuz nicht besonders gut kundtun.
Der binäre Modus, mit dem ich als Wähler sage: „Ich gebe diesem Politiker oder dieser Partei hundert Prozent meiner Stimme, und alle anderen kriegen somit null“, bringt hochgradig irrationale Elemente in den Entscheidungsprozess, haltlose Spekulationen und prä-faktische Fantastik. All jene, die gestern nicht für Nazan Eckes angerufen haben, wollten damit – so vermute ich – nicht zum Ausdruck bringen, dass sie die Kandidatin abwählen wollen. Sie werden sich darauf verlassen haben, dass jemand, der so gut tanzt und so sympathisch ist und von der Jury eh schon ausreichend viele Punkte eingeheimst hat, gewiss schon weiterkommen wird … auf meine Stimme(n) kommt es dann ja nicht mehr an. Andere werden diesen Gedanken weitergedacht haben und sich überlegt haben, wenn alle so dächten, würde eben deshalb Frau Eckes rausfliegen, aber genau diesen weitergedachten Gedanken würden wohl mit einiger Wahrscheinlichkeit auch alle anderen Zuschauer denken, die sind ja nicht blöd … oder doch? … aber gewiss sind nicht so viele Blöde darunter, dass sie die gute zweite Fachjury-Platzierung von Nazan Eckes in einen vierten Platz herabstimmen können … wenn dann aber zu den paar Blöden auch noch ein paar Böse kommen, die allein deshalb für wen anders stimmen, weil sie damit fremdenfeindlicherweise gegen die einzige Türkin stimmen, auch wenn die gar keine Fremde ist, sondern fast die Deutscheste unter all den Kasachen, Ukrainern, Schweden, Spaniern und Italienern, die diese Sendung bevölkern. Egal. Es ist jedenfalls völlig unmöglich, aufgrund einer solchermaßen zusammengereimten Faktenlage zu irgendeiner halbwegs rationalen Entscheidung zu kommen. Man kann ebenso gut einen Zufallsgenerator entscheiden lassen.

Die arme Nazan! Ich hätte sie gern weiter tanzen und erblühen sehen. Ich hätte sie gern siegen sehen. Doch das Volk siegte, nein, nicht das Volk – die Demokratie siegte.
Muss man sich über einen Sieg der Demokratie freuen, der nicht nur dem Willen der Experten widerspricht, sondern höchstwahrscheinlich auch dem wahren Willen des Volkes? Muss man nicht. Eher muss man das Opfer dieser Art von Demokratie bedauern. Aber vielleicht war das Opfer nicht umsonst. Wir können lernen. Wenn wir schon nicht von Nazan Eckes siegen lernen können, so können wir immerhin von Let’s Dance etwas über die Demokratie lernen. Es wird ja immer gern der olle Spruch zitiert, die Demokratie sei nicht perfekt, sie sei anstrengend, aber sie sei nun mal die beste Staatsform, die wir haben können. Mal abgesehen davon, dass wir das wohl erst in ein paar hundert Jahren beurteilen können – diese Demokratie, die wir heute haben, ist ganz sicher noch nicht die beste. Sie könnte – mit relativ einfachen Mitteln – wesentlich verbessert werden.

Let’s Dance 2020 sollte zu dem Thema ein Special mit Vorträgen und Podiumsdiskussionen einplanen. Und natürlich mit volkspädagogischen Tanzeinlagen. Für eine Demokratie, die endlich schön und erwachsen wird.

© Marcus J. Ludwig 2019
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