Haltung

Zum 75sten Todestag des Hitlergegners Ewald von Kleist-Schmenzin 

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„Haltung“ ist mittlerweile wohl zum hohlsten aller Hochwertwörtchen geworden. Aber es funktioniert nach wie vor einwandfrei. Neben „Zeichen setzen“, „Gesicht zeigen“ und „den Anfängen wehren“ ist es vor allem die Haltung, mit deren Proklamation der korrekt gesinnte Talkshow-Zeitgenosse sich und seinesgleichen zu Ekstasen moralistischer Behaglichkeit emportreibt und das Publikum zu entschlossenen Beifallsbekundungen hinreißt. Mit Tränen in den Augen beklatscht man die Phantasievorstellung, wie man seinerzeit in schwarzweißer Zeitlupe den SA-Banden mit offener Hemdbrust entgegengetreten wäre. Gänsehäutig applaudiert man dem eigenen und dem Mut der Promis, die „zusammenstehen“ und „sich unterhaken“, damit die Rechten keinen Fußbreit an Boden gewinnen. Würden all die zivilcouragierten Moderatoren und Fußballmillionäre, die Fernsehköche, Witzeerzähler und Wetterfrösche, die Konzernlenker, Karnevalssänger, Couturiers und sonstigen Kulturschaffenden nicht jeden Tag Haltung beweisen, hätte die AfD garantiert schon KZs eingerichtet, eine 50 Meter hohe Wand um Doitschland! gemauert und alle Fahrräder zwangsweise mit Dieselmotoren oder Nuklearaggregaten nachgerüstet. Gott sei Lob und Dank, dass regelmäßig wachsame Zauberkünstler, Hundetrainer, Hautärzte, Schulschwänzer, Krimidichter und Punkopas bei Giovanni di Lorenzo, Barbara Schöneberger, Bettina Böttinger und Konsorten sitzen, um die Demokratie zu verteidigen, indem sie wortgewaltig Brandmauern hochziehen und ihre Prominenz nutzen, um öffentlichkeitswirksam den bitter nötigen Widerstand zu leisten. Sonst macht’s ja keiner.

Was wirkliche Haltung wäre, könnten all die preiswerten Showbiz-Helden, die sich für ihren Todesmut wahrscheinlich eine Fußnotenerwähnung in zukünftigen Geschichtsbüchern erträumen, vielleicht am allerbesten von einem ausgesprochen rechten, nach heutigen Maßstäben wohl gar rechtsextremen Manne lernen, dessen beispielgebende Geschichte jedem gegenwärtigen Geschichtsschulbuch schleunigst beigeheftet werden sollte. 

Mir selbst ist die Geschichte – trotz etwa dreitausend aufmerksam absolvierter History-Folgen – bezeichnenderweise erst nach Jahrzehnten, die ich bereits als Deutscher auf Erden weile, bekannt geworden. Die volkspädagogischen Dokudramatiker des ZDFs, die von „Hitlers Hunden“ bis zu „Goebbels Geschlechtsleben“ schon so ziemlich jede historische Attraktion aus der schlechten alten Zeit auf den Bildschirm gebracht haben, hätten sich dieses Filmstoffs doch eigentlich längst annehmen müssen – wenn sie sich denn dazu durchringen könnten, ausnahmsweise auch mal irgendwas Erbauliches aus der Geschichte unters Fernsehvolk zu bringen.

Hier mal wenigstens eine kurze Skizze:
Ewald von Kleist-Schmenzin war „ein hochkonservativer, preußisch-monarchistisch eingestellter Gutsbesitzer und Politiker, der zu den entschiedensten und kompromisslosesten Hitlergegnern gehörte.“* Er verachtete jeden, der mit Hitler und seinem Gesindel paktierte, und scheute sich nicht, die Dinge beim Namen zu nennen. In einem Flugblattentwurf etwa schrieb Kleist über Mitläufer- und Duckmäusertum: „‚In Zukunft wird es heißen: Charakterlos wie ein deutscher Beamter, gottlos wie ein protestantischer Pfaffe, ehrlos wie ein preußischer Offizier.‘ Im Laufe der Massenmordaktion des 30. Juni 1934 sollte auch Kleist erschossen werden; er hatte sich [zuvor] geweigert, die Hakenkreuzfahne zu hissen und auch nur einen Pfennig für die NSDAP zu spenden.“ Und zwar im allerwörtlichsten Sinne: Der Kreisleiter ging tatsächlich bis auf den Vorschlag herunter, Kleist solle doch wenigstens zehn Pfennige geben.

Das muss man sich nun wirklich szenisch vorstellen … in Vorwegnahme des sicher schon in Produktion befindlichen ZDF-Dokudramas würde ich es mir ungefähr so vorstellen: Der Nazifunktionär – kein blutrünstiger Unmensch, kein Höllenfürst, ein Höllenvasall eher, ein Höllenlakai, ein banaler, gemütlicher Opportunist, der nur seine Pflicht tut – er versucht, die unangenehme Sache irgendwie geräuschlos und gewaltlos zu regeln … komm, Kleist, zehn Pfennig, rein symbolisch, damit ich melden kann, du hast einen Beitrag geleistet, brichst dir doch keinen Zacken aus der Krone, leichter kann ich’s dir nun wirklich nicht machen. Leg die lächerliche Münze auf den Tisch, und du bist aus dem Schneider. Hast deine Ruhe, brauchst nichts weiter befürchten. Na komm, mach’s uns allen nicht so schwer …
Und Kleist macht es nicht so schwer. Er macht es ganz einfach. Denn seine Haltung gibt ihm einfach vor, was er zu tun hat. Er spuckt dem Versucher demonstrativ vor die Füße und sagt, dass er keine zehn Pfennige, keine fünf Pfennige, noch nicht mal einen einzigen verdammten Pfennig für die verdammte Hitlerpartei spenden werde. Niemals.
Ganz einfach. Und er weiß da schon, dass das sein Todesurteil ist. Er kann zwar vorerst untertauchen, kann auch weiter wirken und Widerstand leisten, er trifft in England Vansittart und Churchill, er stößt zu den Männern des 20. Juli, er ist bereit, seinen Sohn für ein Attentat zu opfern, alles vergebens. Im Zuge der Vergeltungsaktionen für den Staatsstreich-Versuch wird er schließlich in Plötzensee hingerichtet.

Der kommunistische Widerständler Ernst Niekisch, in dessen Wohnung Kleist zeitweise Unterschlupf gefunden hatte, berichtet in seiner Autobiographie mit Bewunderung:
„Vor dem Volksgerichtshof ließ er sich nicht auf langatmige Erörterungen ein. Er erklärte, er lehne es ab, sich zu verteidigen. Vom ersten Tage der Hitlerschen Herrschaft an habe er Hochverrat getrieben; er habe dies getan, weil er es seinem Gotte schuldig zu sein glaubte. Er würde auch weiterhin Hochverrat geübt haben bis zum Sturze Hitlers, in welchem er den Antichrist erblicke. Weiter war kein Wort mehr aus ihm herauszubringen. Er ging aufrecht zum Schafott.“**
Das würde ich einen Mann mit Haltung nennen.

Ich schlage vor: Alle, die gegenwärtig mit ihren inflationären Haltungsbekundungen um sich schmeißen, warten einfach mal, bis es wirklich was kostet, dem Bösen zu widerstehen. Oder es – anders gesagt – so wenig, ein Lösegeld von nur 10 Pfennig kostet, um den Teufel zufriedenzustellen.
Am 9. April wenigstens sollte von „Haltung“ vielleicht einfach mal geschwiegen werden. Vielleicht sollte an diesem Tag – es ist übrigens derselbe Tag, an dem auch Georg Elser in Dachau, Hans von Dohnanyi in Sachsenhausen, Dietrich Bonhoeffer, Wilhelm Canaris und Hans Oster in Flossenbürg ermordet wurden – überhaupt geschwiegen werden.

* Zitate aus Peter Hoffmann: Widerstand, Staatsstreich, Attentat – Der Kampf der Opposition gegen Hitler. Piper, München 1977. S. 36 f.

** Ernst Niekisch: Gewagtes Leben – Begegnungen und Begebnisse. Verlag Kiepenheuer & Witsch; Köln, Berlin 1958. S. 248 f.

 

 

© Marcus J. Ludwig 2020
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