Geburt im Wald

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Rund und voll von Blut und Leben
aufgetrieben in der Wildnis
aufgeregt in Weh und Beben
sahn wir sie als Schmerzensbildnis

Und wie wir hörten, dass sie riefe
unter Klagen und in Ängsten
dass die Welt als Würger bei ihr liefe
und der Wald vor ihr die bängsten
Nächte würfe zwischen Wind
und wogendes Gewühl und schwarze Tannen
da regte sich das Kind
als hörte es die Rufe
als regten sich die Hufe
als Ströme durch die Mutter rannen
Wille zuckend unter warmem Fell
das rannte schon in ihr und schnell
wie alles, was vom Fliehen lebt

Wir wussten nicht zu lindern
was du littest, brachten
Äsung dir von frischen grünen Blättern
Was denn wissen wir von wilden Kindern
wenn wir in Menschenbetten nachten
träumend uns zurückverstädtern

Wehte die Nacht wohl gnädig und warm
durch deine mondlose Mutter-Lichtung?
Wo hält der Punkt, das Licht, das lebte
das dunkel mit ihr niederschwebte
aus jener wunderroten Richtung
aus der noch jedes Dasein kam

Vielleicht ging alles wie Kreisen und Tanz
wie Waldgesetz und frommes Jetzt
und sie vergaß im Nu, was sie getragen
denn nun war’s Kopf und Fuß und Stummelschwanz
und ihre Stimmen, ihre Fragen
standen stumm und ausgesetzt

Nun stand ein Zittern feucht im Tann
ein Schnittpunkt nie gewesener Vektoren
ein großes Unbegriffenes, dann war
die neue Liebe in die Welt geboren
und schaute uns als Augenpaar
aus schwarzen sternbeglänzten Träumen an

 

 

© Marcus J. Ludwig 2020.
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