Frau Brögers aus dem Finanzamt meiner Träume

Grundsätzliches zu Grundfragen der Kunst

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Der Volksmund behauptet seit jeher, dass Kunst von Können kommt. Und er kann mit dieser grobschlächtigen Banausität noch immer die Museumspädagogen und gymnasialen Kunstlehrer in Aufregung versetzen. Sie raufen sich die Haare und verdrehen die Augen, freuen sich aber irgendwie auch, all die kleinen Barbaren nun belehren zu dürfen, dass etwa ein malerisches Können am Ende doch bloße Technik sei, eine Fertigkeit, die im Prinzip jeder erlernen könne. Kunst aber (mit Zeigefinger!), Kunst sei etwas ganz anderes, nämlich … und dann kommt irgendwas, das keiner so richtig versteht, irgendwas mit Readymades, malenden Orang-Utans und Marcel Duchamps Urinal von 1917.

Wie so oft liegt hier zunächst mal ein Sprachproblem vor. Dass Kunst von Können kommt, ist nicht falsch, aber ungenau und oberflächlich. Richtig ist: Das Wort Kunst leitet sich ab von dem Wort können. In diesem etymologischen Sinn kommt Kunst von können. So wie das Wort Gunst von gönnen kommt. So wie Kunft, Zukunft, Ankunft, Abkunft und dergleichen von kommen kommen. Vernunft kommt von vernehmen und Brunst von brennen.

Von-etwas-kommen, Sich-sprachgeschichtlich-von-etwas-herleiten heißt jedoch nicht, dass sich damit das Wesen einer Sache erklärte. Der volksmundige Normalbürger meint aber sehr wohl das Wesen der Sache, wenn er durchs Museum geht und ein vielleicht etwas schlichtes Werk kommentiert mit „Phhh, kann ich auch“. Mit „kann ich auch“ meint er ja nicht, dass er selbst auch ein Künstler sei, sondern vielmehr: „das ist doch gar keine Kunst.“ Er erwartet, bitteschön, von Museumskünstlern einfach etwas mehr Könnerschaft, als er sie sich selbst zumisst. 

Die höchste Kunstfertigkeit – so ergaben meine Belauschungen von Museumsgesprächen über viele Jahre – konstatiert das Volk in hyperrealistischen Gemälden, da, wo man ganz nah rangehen kann, und es sieht immer noch aus wie ein Foto. Das Volk meint, wenn einer mit Pinsel und Farbe so was kann, wenn er über solch ein Können verfügt, dann wird das, was er macht, wohl Kunst sein. Und zwar größere Kunst, als wenn einer ein paar Müllsäcke und Schaufensterpuppen in der Mitte des Saals zu einem Haufen arrangiert und behauptet, das sei Kunst.

Der Kenner – meist ist das jemand, dessen Talent nicht zum Könner gereicht hat – gruselt sich bei solcher Kunstauffassung. Der Widerwille des mit Schal und arte-Brille ausgestatteten Experten richtet sich aber gar nicht mal gegen die so hochgeschätzte und absolut gesetzte Pinselvirtuosität an sich, sondern gegen die Naivität der unkultivierten Kindmenschen, die ja bekanntlich sogar in dem Glauben leben, die Musik, welche ein Orchester spielt, entstehe spontan aus dem Dirigat. Oder ein Meisterkoch sei einer, der mit einem großen Messer blitzschnell eine Zwiebel in winzige Würfelchen verwandeln und gleichzeitig mit drei Pfannen voller Feuer hantieren kann. 

Der Kenner fällt angesichts solcher Torheiten in das entgegengesetzte Extrem und wertet das technische Vermögen so weit herab, als spiele es gar keine Rolle, als könne einer auch Künstler sein, ohne etwas zu können. Das hat wohl einfach mit sozialem Distinktionsbedürfnis zu tun. Solche Leute fahren auch mit einem Saab herum, selbst wenn sie sich einen Porsche leisten könnten. Ein Saab sieht zwar aus wie von einem Gürteltier entworfen, aber immerhin kann man sicher sein, dass der Porsche-Pöbel so was nie und nimmer für sich entdecken und nachahmen wird.

Die Geringschätzung des technisch Meisterlichen ist – wie die Verachtung des ungebrochen Schönen – mittlerweile auch schon recht populär geworden. Es gibt zwar noch keine griffige Redewendung, die die Unfähigkeit, die Nichtskönnerschaft zum entscheidenden Künstlerkriterium erhöbe, aber dass grundsätzlich jeder alles kann, und dass Kunst nur eine Frage der Perspektive sei, und relativ sowieso, und dass der Künstler nur verkrustete Sehgewohnheiten aufbrechen und mit unseren Wahrnehmungsmustern spielen müsse und all so was – das ist durchaus der Glaube all jener Zeitgenossen, die gern mit Meinungen aufzufallen wünschen, die ein paar Millimeter über das Stammtischniveau des gemeinen Schrebergarten-Sonnenstudio-Swingerclub-Deutschen hinausragen. Aber auf der Höhe der Sache sind sie damit auch nicht.

Im Ernst: Wenn man sich weder von technischer Perfektion blenden lässt noch großen Wert auf elitäre Exklusivansichten legt, dann ist es eigentlich sehr einfach: Kunst ist das, was entsteht, wenn Könnerschaft und Schöpfertum in einer Person zusammenkommen. Der Schöpfer, der nichts kann, ist ein Stümper. Der Könner, der nichts Eigenes zu sagen hat, ist ein Handwerker. Nichts gegen Handwerker, aber Handwerk und Kunst sind verschiedene Dinge. Ein Kalligraph kann schön schreiben, eine Sekretärin kann schnell schreiben, ein Graveur kann für die Ewigkeit schreiben, aber Dichter sind sie damit noch nicht. 

Künstlertum ist schöpferisches Können. Eigentlich müsste man, um den Akzent richtig zu setzen, eher von könnerischem Schöpfen reden, wenn sich das nicht etwas sehr seltsam anhören würde. Der Künstler, wie ich ihn verstehe, ist nicht primär ein Könner. Das Können ist notwendig, aber nicht hinreichend, um jemanden, der irgendeine Farbkleckserei oder eine Tonfolge zustande bringt, als Künstler bezeichnen zu dürfen. 

Der Künstler muss etwas können, aber vor allem muss er etwas wollen, ja eigentlich sogar etwas müssen. Das dritte K-Wort in diesem Zusammenhang ist nämlich die Kreativität. Auch hier gibt es populäre Missverständnisse zuhauf. Kreativität ist nicht Originalität, sondern Schöpferkraft und Schaffensdrang. Der Künstler ist ein Könner und ein Kreativer. Einer, der etwas erschaffen muss und das auch kann

Der Drang aber ist das Entscheidende: Ein Handwerker, der nicht arbeitet, hat Freizeit. Ein Künstler, der am Kreieren gehindert wird, geht zugrunde. Kunst kommt zuallererst von Müssen.

Ob so ein Künstler dann ein guter Künstler ist, einer, den wir begeistert und fassungslos anerkennen als einen „echten Künstler“, das ist dann wiederum eine andere Frage.
Künstlervereinigungen und Akademien, vor allem aber die Finanzämter kennen die Frage der Gestaltungshöhe. Von der hängt es unter anderem ab, ob jemand als Freischaffender oder als Gewerbetreibender eingruppiert wird. Ein Künstler muss Werke einer gewissen Höhe vorweisen, sonst ist er ein Bilderverkäufer oder ein Dekorateur oder dergleichen. Ach, man würde zu gern mal in Finanzamtsstuben die Gespräche belauschen, welche die zuständigen Sachbearbeiter über Fragen des Künstlertums führen, während sie löffelweise Kaffeeweißer in ihre Diddle-Tassen einrühren … aber kein Grund, despektierlich zu werden: Womöglich gibt es in Finanzämtern wesentlich handfestere Maßstäbe und entwickeltere Kriterienkataloge als in den Köpfen von Kunstlehrern und Kuratoren. Vielleicht wüsste das Amt beispielsweise die Frage zu beantworten, wer der größere Künstler war: Anton von Werner oder Andy Warhol? 

Ich vermute, unter Schalträgern und Saabfahrern ist die Sache sofort klar: Werner ist epigonal, professoral, konventionell, zu schön und zu eingängig, zudem politisch mehr als fragwürdig. Warhol ist der innovativere, ein Verrückter, ein schwuler New Yorker Bürgerschreck mit asymmetrischer Frisur und Fistelstimme. Vor allem aber ein Neuerer.  

Vielleicht könnte das Amt uns prollige Porschefahrer aber darin bestärken, dass es in Fragen des Künstlertums auf Innovation gar nicht so sehr ankommt, dass Neuheit in der Welt der Kunstmessen, Art-Magazine, Vernissagen und Hatje-Cantz-Bildbände doch wohl leicht überbewertet werde, und dass es sub specie aeternitatis in der Kunst doch ohnehin keinen Fortschritt gebe. Fortschritt, so das Amt, gebe es bei Pharmaprodukten und Computerprozessoren, aber nicht auf der Leinwand, auf dem Klavier, der Theaterbühne, der Buchseite. Die Neuartigkeit sei beim echten Künstler eher ein ganz selbstverständliches Nebenprodukt des Schöpfens aus seiner Tiefe. Die Finanzverwaltungsfachangestellte Frau Kerstin Brögers rührt nachdenklich in ihrer Diddle-Tasse und erklärt: „Wenn Sie mich jetzt wirklich nach so etwas wie dem echten Künstler fragen, dann reden wir ja nicht nur von Höhe, sondern mehr noch von Tiefe, von der Tiefe, aus der sein Schaffen hervordrängt. Wir reden von Wagner, Thomas Mann, von Goya und van Gogh, von Kleist, Hölderlin und Beethoven. Und unter diesem Gesichtspunkt war Warhol – so weit meine Kenntnisse reichen – doch vor allem ein geschäftstüchtiger Dilettant und geschickter Designer, nicht wahr? Anton von Werner dagegen war zwar durch und durch akademisch, er hatte für modernisierende Tendenzen seiner Zeit überhaupt nichts übrig, bekämpfte den jäh in sein wilhelminisches Berlin einbrechenden Edvard Munch mit allen kunstpolitischen Mitteln eines Akademie-Direktors, wobei er keine besonders gute Figur machte – meine Meinung. Aber er kämpfte auch mit Dämonen, sein größter Dämon war der kleinwüchsige Adolph Menzel, ein gutmütiger Dämon zwar, aber das machte es nicht leichter. Es ist nie leicht für Männer, die erkannt haben, dass sie keine Chance haben, jemals besser als ihre Lehrer, ihre Väter, ihre Vorbilder zu werden. Ein solches Leben – siehe Klaus Mann – ist ein Leben in der Vorhölle. Warhol dagegen, der kannte keine Dämonen, der nahm nur Drogen … aber ich komm ja vom Hundertsten ins Tausendste! Also, um die Sache abzukürzen: Ich würd den Werner als Freischaffenden eintragen und den Warhol als Gewerbetreibenden. Zufrieden?“

So weit Frau Brögers aus dem Finanzamt meiner Träume. Ich hab zwar ihre Begründung nicht ganz verstanden, aber spätestens wenn man bedenkt, wie viele Millionen Warhol-Drucke in deutschen Wohnzimmern und Treppenhäusern hängen, mit wie vielen Elvissen, Marilyns, Goethes und Campbell‘s-Suppen das Konsumvolk seine Interieurs dekoriert, wird klar, dass sie wohl recht hat. Anton von Werners Kaiserproklamation gab es jedenfalls meines Wissens bei IKEA bislang noch nicht.

Aber nochmal kurz zurück zum Können und zum Müssen: In der Regel lassen die Behörden, Verlagshäuser, Museen, Radiosender und sonstigen Gatekeeper des Kulturbetriebs entweder die Könner passieren – wenn einer so gekonnt erzählen kann wie Martin Suter, dann ist es halt egal, ob er dem Rollenklischee widerspricht –, oder die, die sie für Müssende, für Getriebene, Besessene halten. Diese werden dafür gehalten, weil sie sich so gebärden, weil sie wissen, welche Knöpfchen sie drücken und welche Sehnsüchte sie bedienen müssen, weil sie wissen, dass die Schalträger in den Redaktionsstuben und Messehallen ganz aufgekratzt und wuschelig werden, wenn wieder so ein fidelnder Wildling, ein zügelloser Theater-Schreihals und taumelnd pinselnder Götterliebling die Szene betritt. Sie wollen immer neue, zeitgemäße Varianten ihrer Rolemodels und Kultfiguren, die ihnen in schöner Schamlosigkeit ihre kleinen Träume vom herrlich hemmungslosen Leben vorspielen, und genau die kriegen sie dann: Sie kriegen wild wichsende Schauspieler, zerlumpte Gossenpoeten ohne Punkt und Komma, Maler, die mit Eiter, Galle und Plazentablut die Politprominenz porträtieren, und Küchenartisten, die lebende Ameisen auf Knochenasche und Blattgold servieren, um sich zum Dessert mit den Restaurantgästen zu prügeln. Weil das halt so innovative, genialische, halbpsychotische, von Neuerungsbesessenheit berstende, um sich schlagende Künstlermonster sind. Das sehen die Saabbürger so und finden es super. 

Der echte Künstler ist allerdings etwas schwieriger zu erkennen, meist sieht er ziemlich normal aus und benimmt sich auch so, zu identifizieren ist er im Alltag manchmal nur an einem kleinen, aber charakteristischen Makel. Es muss kein Kainsmal an der Stirn und kein Pferdehuf sein, manchmal reicht schon eine Delle im Kotflügel seines Porsches. Wenn das überhaupt sein Porsche ist, und nicht nur der einer erfundenen Romanfigur. Manchmal erkennt man ihn auch erst, wenn er tot ist, aus dem, was er hinterlassen hat an Aufzeichnungen, Tagebüchern, dämonischen Kritzeleien, blutigen Protokollen von Qual und Glanz – und dann erscheint all das seltsame schwerverkäufliche Zeug, das er zu Lebzeiten produziert hat, mit einem Male in feierlichem Legendenlicht, und die Menschen fragen sich, wie sie all dies entstehen sehen konnten und nicht wissen konnten, wer da unter ihnen lebte die ganzen Jahre, welcher Shakespeare, welcher Nietzsche, welcher Robert Walser und welcher Kafka. Er war doch ordentlich gekleidet und höflich und ging seinem Berufe nach, und jetzt müssen sie einen erkennen, der eine ganz andere Welt bewohnte, der ein ganz eigenes Leuchten und Schattenspiel auf das Leben warf, der alle unsichtbaren Abenteuer auf sich nahm und die Zeit lachend und leidend teilte in ein Davor und ein Danach. Und der eigentlich nie ein Künstler sein wollte. Aber halt einer sein musste.


© Marcus J. Ludwig 2019
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