Endstation Erfurt

Wäre man ein Freund jener derben Sprache, die in den Filmen Quentin Tarantinos, Guy Ritchies oder der Coen-Brüder gesprochen wird, dann würde man die Vorgänge der letzten Tage vielleicht in einer kurzen Filmszene zusammenfassen, in der im Keller des Konrad-Adenauer-Hauses der engste Beraterkreis der CDU-Chefin beisammensitzt, ein Dutzend Leute, die kaum einer kennt, weil sie halt im Hintergrund, fast muss man sagen: im Untergrund agieren: junge, smarte Analysten, ehemalige Geheimdienstlerinnen, die sich in diversen Krisenstäben verdient gemacht haben, Semantiker, Lippenleser und Chiromantinnen, Spin-Doktoren und Deeskalationsstrategen, gesalzene Kerle und sturmerprobte Karrieristinnen, die ihre Körpersprache bis in die letzte Faser ihres Low-Carb-Leibes unter Kontrolle haben. 

Keiner sagt was. Man wartet, dass die Chefin vom Klo wiederkommt.

Man sitzt bei indirektem Licht in einem Konferenzraum, von dem im politischen Berlin die bizarrsten Gerüchte umgehen, aber Bilder und Beschreibungen sind bislang nicht mal dem bestens vernetzten Robin Alexander zu Augen gekommen. Wer hier jemals drin war, kam hier nur rein, weil vorher dreitausendprozentig gecheckt und gentechnisch beglaubigt wurde, dass er oder sie ein Geheimnis bewahren kann. Für immer. Solche Leute sind das, die hier auf ihren Eames EA 108 Chairs herumrutschen, umgeben von schalldichten Glaswänden, hinter denen hektische Assistentinnen in Pumps und weißen Blusen sich Zettel zustecken und übernächtigte Talente der zweiten Reihe bei aufgekrempelten Ärmeln hastige Telefonate führen. Drinnen herrscht Totenstille, ein großer Bildschirm liefert die aktuellen Fernsehbilder der Nachrichtensender, aber der Sound ist auf stumm gestellt. In der Mitte des Tisches steht ein großer Pappkarton voller Donuts. Das hat sich so eingebürgert seit Netflix und all den Präsidentenserien. 

Der Stabschef – die Jüngeren nennen ihn halbironisch „Herr Geheimrat“, obgleich auch er kaum über Vierzig sein dürfte – er stiert, während er auf seinem Schokodonut herumkaut, mit glasigen Augen auf die große, glänzende Teakholztischplatte, man hofft, dass er vielleicht etwas … wenn nicht Rettendes, so doch vielleicht wenigstens Tröstliches zu sagen haben möge, aber er sagt nichts, er kaut und kaut und kaut, beißt nochmal ab und kaut weiter, er schluckt, die Kamera zeigt seine malmende Schläfenmuskulatur und seinen schwer arbeitenden Schlund zwischen Adamsapfel und Krawattenknoten in Nahaufnahme, dann zieht er schicksalsergeben die Nase hoch, nickt schließlich anerkennend und sagt leise, langsam, ohne den Blick von dem fixierten Punkt in fiktiver Ferne abzuwenden: „Tja, Freunde, ich weiß nicht, ob dieser Höcke wirklich der Hitler ist, für den wir ihn halten, aber ich weiß, dass uns noch nie irgendwer derart trocken in den Arsch gefickt hat wie dieser Teufel aus Thüringen. – Respekt …“

Dann nimmt er sich den nächsten Donut, einen mit rosa Zuckerguss und bunten Streuseln und mampft weiter, während die andern die Brauen heben oder sich am Kopf kratzen, und dann kommt die Chefin rein und lächelt tapfer, und alle haben ein Bild im Kopf, das ihnen nicht recht behagt.

Wäre man ein Freund solch abstrus konstruierter und sprachlich wahrhaft abstoßender Szenen, man könnte glatt auf die Idee kommen, Gefallen an einem Drehbuchprojekt zu finden, Arbeitstitel etwa … „Die letzten Tage der Demokratie“ oder „Endstation Erfurt“ oder „Tatort Hinterzimmer“ oder … okay, es reicht. Es bleibt beim Konjunktiv. Ich schwör. Auf die Thüringer Verfassung. – Thüringen hat doch eine? Oder?

 

© Marcus J. Ludwig 2020
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