Dinger

Keiner kennt Dinger. Keiner jedenfalls von den Leuten, die ich so kenne. Und ich kenne einige Musiker, ich kenne Schlagzeuger, ich bin selber einer. Und auch ich kannte bis vor kurzem keinen Schlagzeuger namens Klaus Dinger. Jetzt kenne ich ihn, dank einer faszinierenden Dokumentation, die auf Arte lief. Jetzt kenne ich die Platten, die er mit Neu! und La Düsseldorf gemacht hat, und finde endlich meine deprimierende These widerlegt – oder doch zumindest einigermaßen entkräftet –, dass in Deutschland im Bereich der Pop- und Rockmusik außer ein paar Blumfeld-Songs niemals irgendetwas Beseeltes, irgendetwas von poetischer Bedeutung produziert worden sei.*

„Klaus Dinger, Urvater des Techno“ heißt der Film des Schweden Jacob Frössén, und der Titel enthält bereits das ganze Missverständnis über seinen Gegenstand. Denn mit Techno hat die Musik von Dinger exakt gar nichts zu tun. Techno steht auf der Stelle, stampft auf der Stelle, zappelt auf der Stelle. Ein zutiefst statischer Beat. Dingers Beat aber läuft. Nein, er rollt, oder er fährt vielmehr. Nein, jetzt hab ich’s: Er treibt, das ist es. Treiben ist im Englischen to drive. Der Driver ist wörtlich übersetzt ein Treiber. Dingers Beat treibt und drivet, immer nach vorn, immer weiter die lange, endlose Gerade entlang.

Aber ist der Begriff Beat nicht eigentlich ganz unpassend für das, worum es hier geht? Man denkt doch unweigerlich an Beatmusik, den Beatclub und die Beatles. Das, was Klaus Dinger Anfang der Siebziger erfand, war aber etwas, das für die Generation von Ringo Starr noch ganz undenkbar und unspielbar gewesen wäre. Es war eben kein Beat, sondern ein Drive. Und ich finde die Vorstellung nicht allzu abwegig, dass der Beat schon immer eher etwas Britisches war, und der Drive eher etwas Deutsches, eine Ausdrucksform, die der rastlosen deutschen Künstlerseele eher gemäß ist.

Die Zeitzeugen Wolfgang Flür (Kraftwerk) und Iggy Pop erzählen in dem Film was von deutscher Präzision und militärischer Eckigkeit, und man fragt sich erstaunt, was solche Phantasterei soll, denn alles, was man sieht und hört, widerspricht diesem dümmlichen Klischee vom preußischen Ingenieur, der im Stechschritt Maschinen befehligt. Besonders wenn dann noch Joy Division angeführt werden, als Beispiel für den Einfluss von Neu! auf die folgenden Musikergenerationen. Die Verkennung könnte kaum augen- und ohrenfälliger gemacht werden. Zackig und eckig sind nämlich die Engländer, und wenn man es nicht besser wüsste, würde man die spontan für eine deutsche Band halten, ein Freizeitprojekt derangierter deutscher Unteroffiziere. Neu! sind dagegen fließend und weich, oder auch roh und unbändig, esoterisch und experimentell, jedenfalls so maximal unmilitärisch, wie man es sich nur vorstellen kann.

Die Branche, die zwanghaft allem, was sie nicht versteht, ein Etikett verpassen muss – eine Definition von Journalismus –, kam seinerzeit auf die Idee, den Schlagzeugstil von Neu! „Motorik“ zu nennen. Tja nun, kann man machen, aber was ist damit Wesentliches gewonnen? Wer etwas über das Wesen dieser Musik sagen will, würde nicht von Motorik reden, sondern von Romantik! Nicht von Techno und mechanischem Maschinenbeat, sondern von Rausch, Entrückung und Unendlichkeit.

Ja, Dinger ist ein verspäteter rheinischer Romantiker, ein wunderlicher Bürgerschreck mit Ballettschühchen und Indianerfeder im verfilzten Hippiehaar. Seine Physiognomie ist die eines Schiller**, sein Spiel ist wuchtig und kraftvoll, dabei aber geformt und klar konturiert, sein Wesen, seine Stimme, seine Seele, alles scheint sanft und schräg verspielt, dabei immer gefährdet vom aufbrausenden Wahnsinn jener Seltenen, die es wagen, nach dem letzten Zauber inmitten einer zerstörten Zeit zu suchen. 

Man sieht auf uralten Videotapes, wie ein verpeilter Großstadtindianer bunte Herzen auf die Königsallee und aufs Trottoir vor dem Ratinger Hof malt. Ich sehe eine von diesen Figuren aus den Hörspielen und den Sommernachmittagen meiner Kinderjahre, in denen seltsame Halberwachsene in Latzhosen inmitten abenteuernder Kinder schiefe Baumhütten zusammenzimmerten, auf Kuddelmuddelplätzen um Lagerfeuer herumlungerten und auf Stöcke gespießte Kartoffeln grillten. Die Typen mochten zwanzig oder dreißig sein, Studenten, Lebenskünstler, Verweigerer oder sonstwie „Suchende“, und das war damals so versponnen und verwirrend wie es heute noch aussieht, und es war ganz sicher nicht typisch deutsch. 

Dinger ein Deutscher? Ja und nein. Ich höre Neu! und La Düsseldorf, ich höre Rheinita und Hero, ich höre den Geist Robert Schumanns und die Rasereien der Pixies, ich höre die ostinaten Obertonschwelgereien des Rheingoldvorspiels und eine südlich halluzinierte Sonne über den Wassern des Stromes.  Okay, Dinger ist vielleicht nur ein sphärischer, überschwänglicher (und nebenbei: eher mittelprächtiger) Schlagzeuger und ein sensitiver Schreihals, er ist kein Schumann und kein Schiller, aber er gehört zur Familie. Zur Familie der Stürmer und Dränger, der Schönheitssucher und Schwernehmer, der unverstandenen Schwärmer und Schmerzensmänner. Ich sehe keinen Techno-Ahnherrn, ich höre keinen DJ, keinen Dancefloor-Animateur, keinen futuristischen Konstrukteur. Ich sehe und höre einen Romantiker. Keinen klischeehaften Kraftwerk- oder Rammstein- Deutschen, sondern einen echten Deutschen. Was seit Nietzsche natürlich bedeutet: einen Entdeutschten.

Ach ja: Ich sollte vielleicht für Leser, denen die Entdeckung Dingers noch bevorsteht, nicht unerwähnt lassen, dass er und sein Drive nichts wären ohne die andere Hälfte von Neu!, den Gitarristen Michael Rother. Aber das erfährt man ja alles in dem Film, den es hier zu sehen gibt:
https://www.youtube.com/watch?v=M90Y132ftkU

*  Es gab und gibt durchaus noch ein paar andere deutsche Musiker, die qualitativ Beachtliches geliefert haben, nein, nicht Grönemeyer oder Tocotronic, aber Deichkind zum Beispiel. Allerdings bewegen wir uns da ästhetisch in einer ganz anderen Kategorie. Die Musik von DK ist cool und geistreich, sie ist Zitatensammlung und Groteske, niemals ist dort irgendwas echt, irgendwas ernst gemeint und ohne Grinsen gesagt.
Die programmatische Coolness ist aber gewolltermaßen eine Entseelung. Berührung muss unbedingt vermieden werden, Träumen ist tabu. Ironie und Uneigentlichkeit bilden den Basso continuo dieser grimassierenden Pseudomusik, denn Musik ist das im herkömmlichen Sinne gar nicht, es ahmt die Musik nur ein wenig nach, bedient sich ihrer Mittel, aber ironische Musik kann es nun mal nicht geben, sie bleibt arrangiertes Geräusch, akustisches Kostüm. Was DK machen ist super und sensationell, keine Frage, aber es ist reine Körperstimulation und intellektuelles Amüsement. Faszinierend, aber flach.
Alles, was cool ist, ist zudem reine Augenblickskunst. Der Effekt nutzt sich ab mit jedem Hören. Ein Lied wie ISI von Neu! dagegen kann man – so wie jede Seelenmusik – hundert- und tausendmal hören. Muss man sogar.

**  Schiller mag im Deutsch-Lehrbuch nicht zu den Romantikern gerechnet werden, es gibt aber ernstzunehmende literarische Sachverständige, die es ablehnen, zwischen Sturm und Drang, Klassik, Romantik überhaupt irgendwelche geistesgeschichtlichen Grenzen einzuziehen. Falls die mal einen Verein gründen sollten, würde ich da ohne zu zögern eintreten.


© Marcus J. Ludwig 2019
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