Die Nächsten und der nationale Notstand

Eine Anregung

 – – –

Ich plädiere hier ausnahmsweise mal dafür, „die Menschen dort abzuholen, wo sie stehen“. Das ist eigentlich Sache des Teufels, aber in einer bestandsgefährdenden Bedrohungssituation wie der gegenwärtigen darf man sich mit pädagogischen Stilfragen wohl nicht groß aufhalten.

Ich beobachte, dass manche Argumente der Corona-Rationalisten an den Ängsten der Ängstlichen schlichtweg vorbeigehen. Kluge Ärzte wie der österreichische Virologe und Infektionsepidemiologe Prof. Martin Haditsch versuchen, die Leute zu beruhigen, indem sie auf die vorzügliche Krankenhausversorgung in Deutschland und Österreich verweisen, auf die weltbeste Quote an Intensivplätzen; das Gesundheitssystem sei zu keinem Zeitpunkt auch nur annähernd überlastet gewesen. Jeder, der krank wird, bekommt einen Platz, niemand muss auf einem Klinikflur herumliegen und ersticken.

Mit dem gleichen verstandes- und gemeinwohlbetonten Blick auf die Gesamtsituation argumentiert der unermüdliche Gunter Frank, dass die Erkrankung Covid-19 zwar eine ernste Sache für die Betroffenen sei, dass aber kein nationaler Notstand bestehe, nie bestanden habe und auch nicht zu befürchten sei.

Die verängstigten Menschen beruhigt das nur leider – so weit ich sehe – überhaupt nicht, denn sie wollen gar keinen Platz auf einer Intensivstation haben. Sie wollen gefälligst gar nicht erst in die Situation kommen, einen Platz zu benötigen. Sie wollen nicht nur nicht sterben, sondern auch nicht so krank werden, dass sie künstlich beatmet werden müssen.


Statistischer Analphabetismus

Die Menschen denken nicht ans große Ganze, sie denken nicht in Kategorien nationalen Notstandes, sie denken nicht an das Gesundheitssystem. Sie denken an sich und ihre Nächsten, an ihr unmittelbares Umfeld. Nicht an 82 Millionen Menschen, sondern an fünf oder, wenn es hoch kommt, fünfzig Menschen.

Das ist verständlich, weil menschlich, aber es ist fatal, denn jeder kennt wohl mittlerweile irgendeine Krankenschwester, die schon schwierige Covid-19-Fälle gesehen hat. Jeder hat mittlerweile die Horrorvorstellung somit aus erster Hand bestätigt bekommen, dass Patienten unter schwerer Atemnot leiden, im schlimmsten Fall intubiert werden, ins Koma versetzt werden und so weiter. Jeder kennt eine vertrauenswürdige Person – oder kennt eine, die eine kennt –, die ihm seine mit Medienbildern amalgamierten Angstphantasien anhand echter Klinikerfahrung so ungefähr bestätigt hat.

Und hier kommt nun das Problem des statistischen Analphabetismus ins Spiel: Die panischen Menschen halten die Möglichkeit, dass sie selbst der nächste Patient dieser Krankenschwester sein werden, für viel viel viel viel viel wahrscheinlicher, als es der tatsächlichen Wahrscheinlichkeit entspricht. Die Menschen sind nicht in der Lage, mit großen Zahlen zu hantieren und Wahrscheinlichkeiten realistisch in ihre alltäglichen Entscheidungsstrukturen oder auch nur in ihr Weltgefühl einzubauen.

Die Krankenschwester, die uns von dem Covid-Patienten erzählt, erzählt uns leider (oder dankenswerterweise) nicht von den drei Verkehrsopfern, die zeitgleich auf der Intensivstation liegen. Auch nicht von denen mit alltäglicher Blutvergiftung, Herzinfarkt, Krebs-OP-Komplikationen, Multiorganversagen infolge eines jahrelangen ungesunden Lebensstils.

Wenn sie es täte, oder – um nun nicht weiter auf der armen Krankenschwester herumzuhacken – wenn die Tagesschau es täte, und die Menschen mit der gleichen Intensität auf diese Wahrscheinlichkeiten reagierten, dürften sie sich in kein Verkehrsmittel mehr setzen, oder falls sie es dennoch wagten, ihr Auto nur noch mit 10 km/h fahren und dabei einen Schutzhelm und einen Protektoren-Anzug tragen. Sie dürften nicht mit irgendwelchen spitzen Werkzeugen hantieren, keine Gartenarbeit verrichten, keinen Alkohol trinken, keine Zigaretten rauchen, kein Fleisch und keine Tiefkühlpizza essen.


Die Unmöglichkeit, „statistisch zu fühlen“

Ich sage nicht, dass mir solche Verzichtsorgien meiner Mitmenschen im Einzelfall nicht auch sympathisch sein könnten. Die Sache ist aber: Sie tun bzw. sie unterlassen all diese Gewohnheiten bislang nicht. Sie verhalten sich beim Autofahren genau so leichtsinnig oder – wenn man will: realitätsangemessen wie immer, obwohl sie durch dieses Verhalten ein nicht ganz auszuschließendes Risiko eingehen, irgendwann mal auf einer Intensivstation zu landen. Es ist ihnen aber egal, sie denken einfach nicht daran.

Dagegen ähnelt ihr Verhalten hinsichtlich der Vermeidung einer Covid-Intensivbehandlung dem Autofahren in voller Schutzkleidung bei 10 km/h. Und das ist – können wir uns darauf einigen? – übertrieben. Es ist lächerlich übertrieben. Sie werden, wenn sie sich stattdessen normal verhalten, sehr wahrscheinlich nicht auf einer Intensivstation landen.

Wer nun sagt – und ich weiß, es werden ziemlich viele sagen: „Ja, das hat die X und der Y auch gesagt, und trotzdem lagen sie auf der Intensivstation!“ – der hat einfach das Wesen der Statistik nicht verstanden. Und das würde ich noch nicht mal irgendwem vorwerfen, denn die Statistik ist letztlich unmenschlich und vollkommen kontraintuitiv. Es ist für Wesen, deren grundlegende kognitive Strukturen auf das Leben in Horden von 50 bis 100 Individuen ausgerichtet sind, und die sich nicht durch ein jahrelanges Studium der Stochastik und Schätztheorie von diesen Denk- und Empfindungsstrukturen entwöhnt haben, nahezu unmöglich, „statistisch zu fühlen“.

Und deshalb ist dieses Johns-Hopkins-Dashboard ein Instrument höllischer Überinformation und dieses RKI-Pendant ebenso. Die ganzen Zahlen und Kurven und Balkendiagramme in Nachrichten, Pressekonferenzen, Brennpunkten sind unverantwortliches volksverhetzendes Teufelszeug. Die Menschen können damit nicht umgehen, und sie werden es auch nicht mal eben so lernen.


Horden von Epidemiologen

Ich höre andauernd, wir seien „in den letzten Monaten alle zu Epidemiologen geworden“. Ich schlage vor: Unter dem Stichwort „Bullshit“ sollte Wikipedia diesen mustergültigen Beispielsatz anführen.

Niemand von uns ist zum Epidemiologen geworden. Ich nicht, unser Postbote nicht, die Kassiererin im Edeka nicht, meine Schwester nicht, mein Zahnarzt nicht und die Kinder, die immer an meiner Radstrecke sitzen und fragen: „Wollen Sie vielleicht eine Limo kaufen?“, die auch nicht. Ich kenne Leute, die richtige Wissenschaftler in weißen Kitteln sind und mit Reagenzgläsern in Laboren arbeiten, selbst die sind nicht zu Epidemiologen geworden.
Und wenn ich Karl Lauterbach höre, muss ich mutmaßen, nicht einmal die Epidemiologen sind zu Epidemiologen geworden.

Nachdem ich einen Großteil meiner Mitmenschen neulich als „Herdentiere“ verunglimpft habe, möchte ich heute – konziliant wie ich nun mal bin – feststellen: Wir alle sind Hordentiere. Wir sind programmiert auf die Bevorzugung anekdotischer Evidenz. Wir können uns unter einer Sterblichkeitsrate bezogen auf zig Millionen Menschen nichts vorstellen. Wir können uns sehr wohl etwas vorstellen unter dem Fall einer schwangeren Coronapatientin, den uns unsere erschöpfte Krankenschwester bei einem Glas Rotwein unter Kopfschütteln und Nägelkauen in allen Einzelheiten schildert.

Und dagegen kommen die Beruhigungen der Corona-Rationalisten nicht an. Es droht kein Notstand? Jeder bekommt ein Bett und einen Beatmungsplatz? Na, schönen Dank.
Die Menschen da abzuholen, wo sie stehen bzw. sitzen mit Ihrem Rotwein und ihrer Angst, würde bedeuten, ihnen die statistischen Verhältnisse fühlbar zu machen, nachvollziehbar zu machen, ihnen Vergleiche vor Augen zu stellen, die ihnen anstrengungslos, ohne mentale Verrenkungen sofort klarmachen, wie groß, das heißt: wie klein die Gefahr wirklich ist.

Volkspädagogisch begabte Statistikexperten, bitte übernehmen Sie!

 

 

© Marcus J. Ludwig 2020.
Alle Rechte vorbehalten.