Deutschland, Februar 2020

Jetzt ist es also tatsächlich schon so weit. Schneller, als man sich je hätte träumen lassen, ist der Moment erreicht, da man sich zu entscheiden hat, da man Position beziehen und – mindestens vor sich selbst – bekennen muss, auf welcher Seite man im Ernstfall steht. 

Der Ernstfall ist nah. „Ernstfall“ bedeutet für mich: Das Eintreten für deine Überzeugungen kann dich alles kosten. Menschliche Beziehungen, materielle Existenz, Freiheit, Gesundheit, Leben. – Aber, nun ja, was heißt Überzeugungen … ich habe kaum so etwas wie Überzeugungen, jedenfalls keine, die sich in Programmen politischer Parteien abbilden würden. Ich habe höchstens grundsätzliche Überzeugungen in Fragen der geistigen Gesundheit, der Gedankenfreiheit, der Debattenkultur. Wobei „Überzeugung“ sich halt nach zurechtgelegten Argumenten und durch Bildung erworbenen, durch Nachdenken geformten Ansichten anhört. Bei mir ist das aber mehr instinktiv, ich bin ein genetisch so festgelegter und frühkindlich irreversibel geprägter Freiheitsfanatiker, und als solcher habe ich ein ziemlich feines Sensorium dafür, wer die Feinde der geistigen Freiheit sind. 

Allerdings braucht man heute in dieser Frage nun wirklich kein übermäßig feines Sensorium mehr, heute, wo alle, die komplexere Meinungen vertreten als irgendwelche Grünen-Chefs, SPD-Generalsekretäre, CDU-Ministerpräsidenten oder öffentlich-rechtliche Nachrichtensprecher, als Nazis beschimpft werden.
Heute, da ehemals noch debattentaugliche und satisfaktionsfähige Publizisten wie Jakob Augstein vielsagend erwähnen, dass andersdenkende Publizisten – Broder, Tichy, Sarrazin –, die man für Wegbereiter der Gewalt hält, Menschen „mit Namen und Adressen“ sind …
Und wo Leute, die von ihren eigenen Parteifreunden als „Krebsgeschwür“ bezeichnet werden, sich nach Morddrohungen und Hausbesuchen „zivilgesellschaftlicher Kräfte“ lieber ins Private zurückziehen und verstummen.

Ich berichtete neulich in einem Beitrag von den Diskussionen mit meinen Freunden, die mich mittlerweile für einen Rechten halten. Nun, es hat sich herausgestellt, dass es sich hier um ein Missverständnis im Eifer des Gefechts handelte. Sie halten mich gar nicht für einen Rechten. Sie halten mich für zu liberal. Zu liberal im Umgang mit Rechten wie Höcke zum Beispiel. Das aber ist ein Vorwurf, den ich mir gern gefallen lasse. Wenn zu liberal bedeutet, dass ich mich nicht an dem hysterischen „Nazi!“-Geschrei beteilige, wenn zu liberal bedeutet, dass ich Höcke so lange, so laut und so gruselig reden und handeln lassen würde, wie er keine Gesetze bricht, wenn zu liberal bedeutet, dass ich ihn für wesentlich weniger gefährlich halte, als diejenigen, die ihn dämonisieren, bedrohen, beleidigen, verleumden, die ihn verbieten wollen und ihn wahrscheinlich lynchen würden, wenn sie seiner habhaft werden würden – dann bin ich nichts lieber als zu liberal. (Auch wenn ich mich mit diesem Etikett in die Nähe einer ehemals freidemokratischen Partei gerückt sehe, deren rückgratlose Funktionäre mich seit den Ereignissen von Erfurt aufrichtig anekeln. Ich habe Christian Lindner nie für einen Widerstandskämpfer gehalten, aber eine solche Offenbarung von Anpassungsfähigkeit, von Konformitätssüchtigkeit hat mich denn doch überrascht.)

Ich werde Höckes Freiheit verteidigen, so lange er sich an Recht und Gesetz hält. Ich finde ihn nicht sehr vertrauenerweckend, ich kann verstehen, dass seine Art bei vielen Menschen Unbehagen hervorruft, ich finde seinen Umgang mit seiner Vergangenheit höchst fragwürdig und würde ihm dringend empfehlen, sich zu seinen Obskuritäten (Stichwort „Landolf Ladig“) präzise und rückhaltlos zu äußern und sich einfach wie ein Ehrenmann zu verhalten.
Ich kann auch nicht die Glorifizierung nachvollziehen, die ihm auf ostdeutschen Marktplätzen entgegenschallt; ich halte es für denkbar, dass einige, die ihn da feiern, einen neuen starken Führer in ihm sehen, kann schon sein – aber ich bestehe darauf, dass überhaupt nichts rechtfertigen kann, ihn als „Nazi“ zu beschimpfen. 

Ich wüsste – ehrlich gesagt – ohnehin nicht, was überhaupt die Bezeichnung „Nazi“ für irgendwen rechtfertigt, außer einer Mitgliedschaft in der NSDAP. Leben noch Mitglieder dieser Partei? Das wären dann Nazis. Sonst niemand. 

Ich sehe hin und wieder in Dokus Rechtsextremisten, die Adolf Hitler gut finden und den Holocaust leugnen. Das sind dann wohl Neonazis. Sie spielen – soweit mir bekannt ist – im politischen Leben dieses Landes keine Rolle. Sie begehen des Öfteren abscheuliche Verbrechen, und dafür müssen sie nach den Gesetzen dieses Staates verurteilt werden. Am besten brächte man sie schon vorher dazu, von ihrer destruktiven Weltanschauung Abstand zu nehmen. Ich bezweifle, dass das gelingen wird.

Ich fürchte eher, dass man gerade dabei ist, immer mehr Menschen zu Neonazis zu machen, einfach dadurch, dass alle Welt außer der AfD und ein paar konservativen Medien nicht aufhören kann, nicht aufhören will, sie als Nazis zu bezeichnen. Und irgendwann sagen sie sich dann: „Wenn ihr mich andauernd als Nazi bezeichnet, gut, dann bin ich halt einer, mir doch egal, jetzt erst recht.“ Und irgendwann verhalten sie sich dann auch wie Nazis und schlagen zu.

Ich höre hin und wieder, wir lebten in interessanten Zeiten. Ich finde, es sind deprimierende Zeiten. Hoffnungslose Zeiten. Der geistige Mensch, der Mensch des gewählten und gewagten Wortes, der Obertöne und geschmacklichen Nuancen bekommt die Grenzen seiner Möglichkeiten aufgezeigt. Es ist schon im engsten Kreis der Freunde kaum mehr möglich, sich zu verständigen. Man tauscht Argumente aus, aber man merkt, dass die Frontgräben unüberbrückbar sind. Es offenbaren sich Unterschiede in der Weltwahrnehmung, die einen fassungslos machen und verstummen lassen.

Wir kommen auf der Ebene der Argumente nicht weiter. Die nächstfeinere Ebene, wäre die im weitesten Sinne therapeutische, wären intensive langwierige Gesprächskreise von radikaler Offenheit, in denen wir uns unsere Ängste und Phantasien, unsere Utopien und destruktiven Gelüste gestehen und gemeinsam durcharbeiten.
Die gröbere Form der Auseinandersetzung ist die mit Fäusten und Waffen. Das ist die wesentlich wahrscheinlichere. Nicht was meine Freunde und mich betrifft. Aber gesamtgesellschaftlich rechne ich täglich mit allem. Und mein Pessimismus findet immer öfter Bestätigung.

Hermann Hesse nahm zu seiner Zeit den radikalen Weg in die Abkapselung, ich erinnere mich einer Briefstelle, wo er sagt, er habe seit Jahren keine Zeitungen mehr gelesen. Zudem hatte er seinen verrückten Landsleuten ja ohnehin den Rücken gekehrt und sich in der italienischen Schweiz niedergelassen.
Auch wenn mir diese Vorstellung nach südlicher Verheißung und süßem Seelenfrieden klingt, so fühlt es sich doch mehr noch an wie Fahnenflucht und Schlendrian, solche Sehnsüchte zuzulassen. 

Wir leben in sehr anderen Zeiten als Hesse. Dem zeitgenössischen Menschen ist es kaum noch möglich, sich aus all diesen Dingen herauszuhalten (und auch Hesse hat das ja natürlich nicht durchhalten können).
So lange man deutscher Staatsangehöriger ist und die Welt um sich herum wahrzunehmen gezwungen ist, muss man sich in diesen Tagen wirklich sehr ernsthaft überlegen, wo man steht. Die Augen zukünftiger Historiker sind auf uns gerichtet, die Blicke künftiger kopfschüttelnder Generationen:

Auf welcher Seite standest du damals, als die Fronten sich endgültig verhärteten, damals, als die Gespräche aufhörten und die Kämpfe begannen? Damals, als es anfing, sich so seltsam falsch anzufühlen, noch über Musik, Dichtung, Film, Malerei, über Kultur, Ethik und Ästhetik schreiben zu wollen, noch Lieder singen und Geschichten erzählen zu wollen, wo man doch bereits merkte, dass das ganze große Drumherum, in dem solch schöngeistiges Treiben einmal Sinn ergab, sich zusehends auflöste in ätzenden Schwaden von Hass, Unvernunft, Maßlosigkeit, Hysterie, Blindwütigkeit, Vernichtungsfuror.

Es gab nur noch zwei Seiten in dieser Zeit, in diesem Land, und man musste sich für eine entscheiden. Ich wollte immer auf der Seite der Freiheit stehen. Aber gab es die?

 

 

© Marcus J. Ludwig 2020
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