Der verhunzte Mensch

Wer nichts Besseres mit seiner Zeit anzufangen weiß, blättert immer mal wieder in etymologischen Wörterbüchern herum und erfährt dabei, dass das seltsame Wort „verhunzen“ sich aus dem noch seltsameren Wort „verhundstutzen“ ableitet, was in etwa so viel bedeutet wie: „eine Sache zu etwas Minderwertigem zurechtstutzen“.

Das ist insofern aufschlussreich, als es uns einen Einblick gewährt in die Art und Weise, wie der sprachschaffende Volksgeist, also der kauderwelschende, zahnlose Gassenpöbel des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit, Hunde (und Tiere im Allgemeinen) wahrnahm und wertschätzte.
Der Hund erschien unseren Vorfahren offenbar als das prototypisch Minderwertige und Missratene, und es fällt nicht sonderlich schwer, sich vorzustellen, wie all die Gestalten, die uns aus Bildern von Dürer, Bosch, Brueghel und ihren Zeitgenossen tumb und gehässig entgegenschielen, entgegengaffen, -glotzen und -geifern, wie also dieses abergläubische Kirchenvolk und Kirmesgesindel Tiere damals behandelt hat. 

Man ließ seine ganze dumpfe Wut über die Enge der Welt, über den Gestank des Lebens, die Ärmlichkeit des faulig-gärenden Daseins an ihnen aus, sie waren freigegeben zu jedweder Quälerei und Frustentladung. Lange bevor Descartes auf die merkwürdige Idee kam, dass Tiere letztlich nur fleischige Automaten seien, zwar blutende und röchelnde, aber doch rein mechanische Apparate, wusste die gemeine humane Bestie schon, welche Genugtuung es verschafft, so ein brüllendes, kreischendes, in Todesangst vergehendes Pelz- und Federvieh mit Feuer und Eisen zu traktieren und sich nichts zu denken dabei, als dass es der dämonischen Dreckskreatur schon recht so geschieht.

Noch in den geistreichsten Texten des 19., des frühen 20. Jahrhunderts begegnet uns wie das Selbstverständlichste von der Welt eine Verachtung des vermeintlich hässlichen Affen, des Schimpansen zumal, die kaum jemand auch nur fragwürdig zu finden schien. Selbst der Engstirnigkeit und Stumpfheit wenig verdächtige Geister wie Thomas Mann scheinen keiner anderen Wahrnehmung unserer nächsten Verwandten fähig, betonen in blinder Zeitgenossenschaft das Groteske, Abweichende, Vertiert-Unmenschliche. Sie sehen etwas Misslungenes, einen Fehlschlag der Natur, etwas Ungezogenes und Empörend-Ungebärdiges. Ähnliche Zuschreibungen sind selbst über Katzen nicht selten. Diese Tiere, in ihrer Mehrzahl doch das Anmutigste überhaupt, was man im Tierreich beobachten kann, galten vielen unserer Vorfahren als abstruse Ausgeburten teuflisch-verschlagener Hässlichkeit.  

Man weiß von Herren in Gehrock und Gamaschen, die bei sonntäglichen Zoobesuchen verdrießlich und gereizt mit ihrem Stock durch die Käfiggitter nach ihren behaarten Vettern schlagen und stochern, man weiß von Knaben in Matrosenanzügen und von brotblond bezopften Mädchen, die Steine werfen nach dem verängstigt kauernden Wesen in der hintersten Ecke des Käfigs. „Da nimm, du hässliches Monstrum!“, schreien sie, und kein Erwachsener gebietet ihnen Einhalt. Denn recht tun sie, diese verwachsenen, frech und lüstern grinsenden Zerrbilder des Menschlichen zu strafen für ihre Ähnlichkeit, für ihre zurückgebliebene, offensichtliche Verwandtschaft.

Man sieht auch heute noch oft genug Fußgänger in der Stadt, die einfach völlig grundlos nach Tauben treten oder mit dem Krückstock nach ihnen schlagen. Spontane Entladungen an vogelfreien Opfertieren, Abreaktion ziellos gärenden Hasses. Was mit zahllosen Haustieren hinter verschlossenen Türen passiert, sieht man zwar nicht, aber man weiß es.

Dass das Tier etwas Verhunztes sei, dass der Hund etwas Missratenes sei, konnte wohl nur dem missratensten aller Geschöpfe einfallen, dem denaturierten, von aller natürlichen Schönheit und elementaren Rechtschaffenheit entfremdeten Stadtmenschen.

Die grundlegende Charakterstruktur des modernen Menschen hat sich im späten Mittelalter mit der Etablierung städtischen Lebens gebildet und sich in vielerlei Hinsicht kaum verändert. Noch meine Großeltern hätten sich gewiss im Kleinstadtleben des vierzehnten oder sechzehnten Jahrhunderts relativ gut zurechtgefunden. Ihr medien- und konsumfernes Dasein in der Weimarer Republik, in der Kriegs- und Nachkriegszeit, als Selbstversorger mit Kartoffelacker und Gemüsegarten, ihre rein dialektale Kommunikation, ihr sesshaftes, urlaubsfreies Leben im Rhythmus der Feldfrüchte und der alljährlichen Kirchenfeiertage, ihre Ehrfurcht vor Autoritäten, ihr Wissen um den eigenen bescheidenen Platz, ihre feste Verwurzelung in der Gemeinde und in sämtlichen gegebenen, und zwar natur- und gottgegebenen Verhältnissen, rückt ihre Existenz weit näher an die ein halbes Jahrtausend zurückliegende Luther- und Dürerzeit als an unsere heutige Weise in der Welt zu sein.

Ich glaube nicht, dass meine Großeltern sadistische Tierquäler waren, aber ein Huhn oder ein Lamm zu schlachten, gehörte zu den unhinterfragten Notwendigkeiten ihres Lebens, und darüber lohnte sich nicht groß nachzudenken und zu debattieren. Mit wem auch? Es gab wohl in England schon erste Tierschutzvereine, aber sicher nicht hinter den waldigen Bergen, wo meine Vorfahren seit zig Generationen nach Kohle gruben und Kinder gebaren, Brot buken, Bäume fällten und Heiligenfiguren anbeteten. 

Bestimmt wurde der Hund hier und da mal gekrault und gestreichelt, so wie er auch geprügelt wurde, wenn er nicht gehorchte, und zur Seite getreten wurde, wenn er im Weg stand. So wie das halt meist auch heute läuft: Das Tier ist nicht um seiner selbst willen da, es erfüllt vielmehr – abgesehen vom rein praktischen Daseinszweck als Nutztier – die Funktion eines symbiotisch abhängigen, erotisch oder sadistisch verfügbaren Lustobjekts, man kann mit ihm je nach eigener Gemütslage, nach Lust und Laune, nach Frust und Verdruss verfahren. Wenn ich sachte und milde gestimmt bin, empfänglich für Sentimentalitäten und zarte Körperlichkeit, dann kommt der treue Hundeblick oder das schmiegsame Katzenköpfchen gerade recht. Wenn die Welt mir zu schaffen macht, wenn das Leben mich ankotzt, der Mitmensch mich überfordert, die ewige Plackerei, die Sommerhitze, die Winterkälte, die Dürftigkeit und Hässlichkeit des Daseins mich drückt und stresst und fertigmacht, und wenn dann gerade kein Boxsack zum Draufschlagen, keine Frau zum Vergewaltigen, kein Sklave zum Auspeitschen da ist, dann tut‘s wohl auch ein Hund, oder irgendwas anderes Lebendiges, das schreit und jault und für den Moment noch schlimmer dran ist als ich.

Der zivilisierte, also der verbürgerlichte, denaturierte, domestizierte Mensch braucht ein Gegenüber für seine Aggression. Einen Prügelknaben. Etwas, das leidet und schreit. Der Mitmensch soll es gerade nicht mehr sein, das ist ja der Hauptzweck des ganzen Zivilisierungs-Projekts. Aber der Baum, der Boxsack, der Baseball, all die Dinge, auf die man mit Schlägern, Fäusten und Äxten einprügeln kann, sie befriedigen den wirklich Gefrusteten nicht hinreichend.

Der bürgerliche Stadtmensch ist eine prekäre Existenz, die nur funktioniert, wenn sie in allerfeinster Balance gehalten wird. Unter kippeligen Bedingungen – und in welcher Stadt wären die Lebensbedingungen nicht schief und aus dem Lot geraten – kippt der Bürger in die heimliche oder offene Perversion, die ihn nur deshalb nicht in den Knast oder in die Klappse bringt, weil sie der Konvention entspricht. Alle andern sind ja ebenso pervers, gestört, entartet, denaturiert.

Es hat sich über Generationen ein soziales Wesen herangezüchtet, das die Sicherheit der Gemeinschaft, die Behaglichkeit der Herde, die Wärme des Stalls ganz selbstverständlich sucht und dafür all die Stressfaktoren in Kauf nimmt, die es krank machen, fett machen, hässlich, brutal, stumpf, lieblos, ziellos, haltlos machen. Man setze sich versuchsweise einmal an einem Samstagmittag in ein Shoppingcenter und besichtige die Passanten, die vorüberströmen, man sehe sie genau an, nicht als einförmige Masse in Jeans, Sneakern und Übergangsjacken, sondern als Individuen. Schlendernde Einzelschicksale mit Gesichtern und Lebensgeschichten. Ein paar Stunden lang. Wen das nicht in die tiefste Trauerstimmung versetzt, der hat wohl keine Vorstellung mehr von einem anderen Leben, kein Wunschbild, kein Ideal, das er als Vergleich heranziehen könnte. 

Man kann das in Ludwigshafen oder Baden-Baden, in Gelsenkirchen oder in Düsseldorf machen, die Unterschiede sind nur graduell. Die Schönen und Reichen, die gestylten, gebleachten, korrigierten, optimierten KÖ-Galerie-Passanten verstehen es lediglich besser, sich selbst und der Mitwelt eine manierliche, wohlriechende, gefällige Illusion zu vermitteln. Aber irgendwann kommen dem samstäglichen Beobachter auch in den Schadow-Arkaden die Tränen, irgendwann übermannt ihn die Trauer über all diese falschen Menschen, die ihr falsches Leben im Falschen führen. 

Es gab Zeiten, da war das Flaneur-Dasein die schönste Lebensform der Welt, man schweifte und schwebte in europäischen Metropolen durch die eleganten Kulissen des romantischen Realismus und weidete seinen Blick an den Erscheinungen kultivierten, zuweilen halbseidenen Lebens mit all den faszinierenden Einsprengseln von Künstler-Exaltiertheit und Kokotten-Exotik darin. Man flanierte, und dann erzählte man vom Flanieren, schrieb darüber in Revuen und Rundschauen, und die Beschriebenen, die Zigarren- und Zylinderherren, die Krinolinen- und Pardessus-Damen lasen es und erzählten sich ihr romanhaftes Treiben unter Tuscheln und Operettenlachen. Die Passagen-Welt raunte und rauchte und rauschte mit den Röcken. Die Galerien und Glaspaläste von London, Genf, Berlin, Brüssel, Mailand, Paris waren öffentliche Lebensräume einer halbtransparenten, geheimnisvoll choreographierten Gesellschaft, die sich selbst nach den Spielregeln formvollendeten Ver- und Entzauberns aufführte.

Aber die Kultureleganz war natürlich teuer erkauft, mit dem fatalen Verlust von Wesentlichkeit; der ansehnliche Kunstbau war einfach unvereinbar mit der unübersehbaren Affenhaftigkeit der ganzen aufgeputzten Hautevolee. Dass die gezierten, zivilisierten Weltstädter letztlich alles Primaten seien, mehr oder weniger beharrt, mehr oder weniger verlaust, gefräßig, grimassierend, triebhaft, promisk, polymorph pervers, dass unter den Frackhosen und den Reifröcken ein hygienisch und sittlich nie ganz beherrschbares Naturproblem dunkelte und dampfte, lebte und lockte, war ein Tatbestand, der unmöglich zugegeben werden konnte.

Dieses Problem immerhin besteht heute nicht mehr. Heute ist alle Eleganz und Extravaganz einer Vulgarität gewichen, die sich gar keine Mühe mehr geben muss, auch nur den Anschein eines ästhetischen Entgegenkommens, einer Anstrengung hinsichtlich irgendeiner vornehmen Form zu wahren, man hat sich allgemein mit dem beleidigenden Gebaren der Mitwelt abgefunden. Man erwartet im öffentlichen Raum nichts anderes mehr als das dystopische Trauerspiel, das man kennt. In den Centern und Malls riecht es nach übersüßlichen Seifen, klebrigem Frittierfett und nassen Jacken, die Leute sitzen vor ihren 0,5-Liter-Colabechern und stochern mit herabhängenden Mäulern in panierten Glutamatklumpen herum, um ihre Hosenbeine stehen pralle Plastiktüten von Elektro- und Textilketten, die Kinder schreien und heulen, alle wollen nur noch nach Hause, eine Billigmusik plärrt durch die maßlos überwölbten Hallen, zehntausend Reize pulsieren quer durch die schwindelnde Seele, alles blinkt und bimmelt und bellt, der Tag ist im Arsch, das Leben ist furchtbar, das Parkhaus kostet 18 Euro, und draußen peitscht der Regensturm durch die verstopften, von Hupen und Bremslichtern fiebernden Verkehrsadern.

Man sieht es, man sieht durch Tränenschleier die grauen, traumlosen Seelen all der Menschen, die nicht wissen, was sie mit ihrem einen, ihrem einzigen Leben anfangen könnten, und dann steht man auf, bevor man am Ende noch anfängt, öffentlich herumzuheulen. 

Der trauernde, unzeitgemäße Flaneur bekommt ein Gefühl dafür, was Kant die ungesellige Geselligkeit nannte, und verliert sich in Träumen von einem stillen Hof zwischen den Hügeln vor der Stadt, einem schlichten Landhaus mit einem Stück Acker, mit Beeten und alten Obstbäumen, einer sinnreich komponierten, aufs Nötigste konzentrierten Bibliothek von höchstens tausend Bänden, einem Musikzimmer, einem knisternden Ofen, einer kühlen Schlafkammer. Um einen herum die einfachste aller Welten. Kein Zeug, kein Kram, keine Unterhaltung, keine Sensationen, keine Neuigkeiten. Nur Nachtstille, Sternenglanz, Vogelsang in der Frühe, fernes Kirchengeläut am Morgen. Arbeit, Natur, Zeit, Wetter. Hunger, Lust, Kunst. Echte Körperlichkeit, echte Geistigkeit. Ein ungeselliges Leben ohne Ekel und Hass und Trauer.

Die Stadt ist ein Irrsal. Die frühe Stadt war schon ein Problem. Die moderne Stadt schien zeitweise das Problem durch Technik und Kultur überwinden, ja, in lauter Vorzüglichkeiten, Annehmlichkeiten und Gedeihlichkeiten verwandeln zu können. Die heutige, postkulturelle Stadt ist ein einziges Katastrophengebiet. Die lähmende Enge, die erzwungene Intimität, die permanente konsumistische Kommunion, das stickige, sumpfige Zusammengenötigtsein von lauter Fremden in einem Pferch, die soziale Klimatisierung durch allseitiges Atmen, Hasten, Mampfen, Labern, Lachen, Starren, Schwatzen treibt die giftigsten Blüten des Menschseins ans Licht.

Der artgerecht gehaltene Mensch braucht eigentlich mehr Platz, mehr Abstand, mehr Einsamkeit, mehr Langeweile, mehr Leere, mehr Nichts. Doch der Weg der Masse geht genau in die andere Richtung. Der städtische Sozialcharakter findet neue Möglichkeiten der Verdichtung, neue Modi geselliger Kompression durch das Internet. Der vernetzte Mensch lebt zwar noch körperlich in der urbanen Umwelt, aber mental bereits in der Welt. Sein geistiges Habitat ist bereits der gesamte Planet, den er als Repräsentanz und Endgerät bequem in der Hand hält, die tatsächliche physische Umgebung wird mental zu einer bloßen App unter unendlich vielen, die fast alle interessanter und obendrein leichter zu handhaben sind.

Oberflächlich ist die Bestie damit ruhiggestellt. Die, die psychisch bereits in Clouds und Networks und Communities und Spaces und Environments leben, die ihren Sex in Slots abhandeln und ihre Verdauung als Download denken, deren Metaphern des Maschinellen zunehmend zu Realitäten der Kohlenstoffwelt gerinnen – diese Cyborgs werden schlichtweg durchdrehen, wenn wir ihnen ihre Prothesen: ihre Smartphones und ihr Internet wegnehmen. Und wir müssen es ihnen wegnehmen, früher oder später. Jeder, der außerhalb des Irrsinns steht, sieht, wie krank all das ist. Und jeder, der ein Herz hat, will den armen Kranken helfen. Und jeder, der Erfahrung mit Süchtigen hat, weiß, dass sie – so lange es irgend geht – keine Hilfe wollen. Sie wollen sich nicht ihr Leben wegnehmen lassen. In dem Moment, wo wir das Internet zerstören, werden 99 Prozent der digitalisierten Menschheit implodieren oder explodieren. Sie werden eingehen oder sie werden die Welt mit ihrer Wut in Brand setzen, diese echte, langweilige Welt, die sie nicht mehr kennen und nicht mehr wollen. Sie sind ihrer Natur vorsätzlich und absichtlich abhandengekommen, und niemand wird sie zwingen können, wieder zu ihr zurückzukehren. Die Verhunzung ist irreversibel. Mit Vernunft ist nicht zu rechnen. Die Abschaffung scheint die einzig wünschbare Konsequenz. Die Natur wird diese Konsequenz ziehen. Bald.

 

© Marcus J. Ludwig 2019
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