Der unverblümte Mann

Ich weiß: Mit der wöchentlichen Wälzerei all der garstigen Probleme aus Kultur, Politik und Geistesleben mute ich mir und meinen Lesern schon einiges zu, zumal da nach den Anstrengungen des Wälzens nur in seltenen Fällen mal eine glänzende oder wenigstens befriedigende Erkenntnis freigelegt wäre.

Umso erfreulicher ist es, mich an dieser Stelle einmal mit einer Frage befassen zu dürfen, die so dermaßen leicht und restlos eindeutig zu beantworten ist, wie die nun gleich folgende. Dieser Text wird also hübsch kurz und knapp werden, und sein Aussagegehalt so gesetzmäßig und ewiggültig, dass ich schon an dieser Stelle alle Graveure und Steinmetze unter meinen Lesern bitten darf, ihre Stichel, Fäustel und Dremel in Stellung zu bringen, ihre Granittafeln, ihre Goldbarren und Marmorblöcke bereitzuhalten, um die in Kürze hier stattfindende Offenbarung umgehend ins unvergängliche Material zu bannen.

Die Frage lautet: Darf ein Mann sich Blumen überreichen lassen?
Und die Antwort lautet: Nein. Punkt.
Ein Mann darf sich weder von einem Mann, noch von einer Frau, und auch nicht von einem Kind, einem Tier oder einem Roboter Blumen überreichen lassen.
Begründung: Ein Mann mit einem Blumenstrauß sieht nicht gut aus. Ein Mann mit einem Blumenstrauß sieht aus wie eine Frau mit einem Tetrapak Doppelkorn, wie ein Kind mit Dreitagebart, ein Affe mit einer Rolex oder ein Roboter in Golfklamotten. Mit einem Wort: bescheuert.

Es gab nur einen Mann, der sich öffentlich mit Blumenschmuck präsentieren durfte, und das war der junge Morrissey. Das war in den seltsamen Achtzigerjahren, und der seltsame Sänger mit der sonderbarsten und schönsten Stimme seiner Zeit, pflegte seine Lilien- und Gladiolen-Sträuße herumzuschleudern, bis nur noch grüne Stängel übrig waren. Warum, wusste keiner so genau, aber es hatte was mit Wut und Schönheit und Zölibat und den Qualen der Künstlerseele zu tun. Und das war in Ordnung so.

Alle Männer aber, die nicht Morrissey sind, sehen mit Blumen aus wie Michael Kretschmer und Ingo Senftleben, die sich am 2. September 2019 im Konrad-Adenauer-Haus von Annegret Kramp-Karrenbauer und Angela Merkel mit Gerbera, Rosen und Dahlien für ihre Wahlergebnisse dekorieren ließen, also wie entwürdigte, entmannte, niedlich-tuntige Konfirmanden.*

Da viele Männer unsicher sind, was man denn aber um Himmels willen tun soll, wenn die Bundeskanzlerin vor einem steht und einen mit einem floristischen Alptraum bedrängt – man könne ja wohl schlecht die Annahme verweigern und einen Eklat riskieren –, will ich als erfahrener Verweigerer hier gern mit Rat behilflich sein: Man sagt einfach „nein danke“, lächelt und sieht woanders hin. Wenn die Kanzlerin das nicht versteht und einem das Gebinde mit Gewalt in die Hand drücken will, nimmt man die Hände auf den Rücken und macht einen abweisenden Gesichtsausdruck. Wenn sie dann was von Affront oder Skandal zischelt und dass man gefälligst mitspielen soll, flüstert man freundlich, aber bestimmt zurück, dass sie sich ihr verdammtes Gebüsch selbst in die Haare stecken soll und sofort aufhören soll mit ihren dreisten Kastrationsversuchen, sonst könne sie was erleben. Wenn sie solche Unverblümtheiten auch nicht kapiert, dann muss man wohl doch den Zweiliter-Kornkanister aus der Tasche ziehen – oder die Rolex –, und fragen, ob sie bereit ist, zu tauschen.
Oder man nimmt halt einfach den Strauß an und findet sich – wie der Großteil der zeitgenössischen „männlichen“ Politiker – ab mit seiner Lächerlichkeit.

* Man darf übrigens als Mann selbstverständlich Blumen schön finden, man darf sogar verzückt und tirilierend an ihnen schnuppern und mit ihnen gemeinsam die Wonnen des Frühlings und den Fleiß der Bienchen besingen. Aber was man als Privatwahnsinn im Garten zelebriert, ist etwas anderes als das, was man auf Bühnen und vor Kameras mit sich machen lässt.

 

© Marcus J. Ludwig 2019
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