Der Sinn des Todes

Meditation über mediales Geschichtenerzählen in Zeiten der Krise, über den Kampf „Sex Guy gegen heimtückischen Molekülhaufen“ und noch über ein paar nicht so witzige Dinge.

 

Oh Herr, gieb jedem seinen eignen Tod.
Das Sterben, das aus jenem Leben geht,
darin er Liebe hatte, Sinn und Not.
(Rilke)

Here lies David St. Hubbins … and why not?
(David St. Hubbins, Spinal Tap)

 

Die Geschichten, die wir uns über den Tod und seine Spielarten erzählen, haben in den seltensten Fällen etwas mit den Fakten zu tun, sie sind wissenschaftlich unhaltbar, sie gehören nicht der Welt der Tatbestände und Sachverhalte und Naturgesetze an, sondern der Welt der Wirklichkeitsbewältigung, der Welt der Sinnproduktion, letztlich also der Welt der Kunst. In diesem Fall der Lebenskunst.

Jene lebenspoetische Schöpferkraft, die sich darauf verstünde, sich mit dem Sterben und dem Tode auf erwachsene Weise auseinanderzusetzen, verlernen wir seit geraumer Zeit zugunsten eines Empörungsextremismus, einer allgemeinen Aufstachelung von Unverletzlichkeitsansprüchen, einer Posen- und Phrasen-Eskalation, die von den Modi und Methoden philosophischer Dichtung weltenweit entfernt sind. Sie entstammen dem Bezirk der Trivialunterhaltung, des Amüsements, des Spektakels und Nervenkitzels, der lustvoll-unbedenklichen Liederlichkeit. Animateur und Maître de Plaisir auf diesen Kirmesplätzen in den Randzonen der Kunst ist der Journalist.

Der Journalist ist der Idee nach ein Weltbeobachter – eher noch ein Um- und Mitweltbeobachter –, der seinem Publikum täglich sagt, was ist. Im Gegensatz dazu ist der Literat einer, der etwa einmal pro Jahr – meist als Selbstbeobachter – in Buchform mitteilt, was sein könnte und sein sollte (oder nicht sein sollte).

Der Journalist hatte mal sein ganz eigenes Reich, da war es sauber und hell und übersichtlich, die Blöcke und Bleistifte waren Präzisionswaffen, die Sprache war druckreif, die Umgangsformen und Einstellungen distanziert, zuweilen rechtwinklig und schnittig wie die Anzüge und die Autos. Er hatte reinliche Redaktionsstuben, zuverlässige Informanten und Quellen von phantasielosester Klarheit. In seinem Reich herrschten aufklärerische Prinzipien und ein Ethos so unzweideutig wie ein kalter, sonnenblauer Wintermorgen. Offenbar wurde es ihm zu kalt dort in seinem Ideal, vielleicht schmerzte ihn die azurne Helligkeit in den Augen, man weiß es nicht.

Jedenfalls hat sich der Journalist über die Jahre eingeschlichen und breitgemacht im Reich der Sinnproduktion, wo er ursprünglich und von Rechts wegen nie etwas zu suchen hatte. Er hat sich dem frechen Paradigmenwechsel seiner Zunft gemäß das Geschichtenerzählen zum Beruf gemacht. Nicht mehr Ermittlung, Recherche, Faktenschau, Analyse, Information sind ihm heute aufgetragen, sondern „Storytelling“.
Diesem Grundübel des Medienbetriebs liegt die wunderliche Lehrmeinung zugrunde, die Wirklichkeit schreibe doch einfach die besten Geschichten. Da sie das aber erwiesenermaßen überhaupt nicht tut, da es vielmehr immer noch allein die großen Geschichtenerfinder sind (und sein sollten), die der Menschheit Romane, Erzählungen und neuerdings auch Serien zur Deutung ihres Daseins und zur Bebilderung ihrer Ängste und Sehnsüchte schenken, muss der Journalist die so ganz unnarrative Realität mit Gewalt in Geschichtenformat bringen. Und das tut er. Er formatiert, er biegt und lügt aus unspektakulären, aufzählbaren Fakten sensationelle oder sentimentale, jedenfalls erzählbare Fiktionen herbei.
Was aber in ruhigen Zeiten noch als nervtötende Verirrung und Geschmacklosigkeit durchgehen mag, die man als Liebhaber von Geist und Kunst irgendwie ignorieren kann, wird in Zeiten der Krise zum Katalysator der Katastrophe.

 

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Der Wille zur Trauer, der Wille zur Bestürzung und Empörung kennt eine Ordnung der Opfer, die sich grob orientiert an der Schwierigkeit, einen Todesfall als irgendwie stimmiges Ende einer Geschichte zu begreifen. Geschichten, auch die grausamen Geschichten, stiften Sinn, sofern sie als „gelungen“ gelten können. Sinn stiftet Trost und Akzeptanz. Je missratener die Geschichte, je unnarrativer der Tod als Ende der Lebensgeschichte, desto empörender und inakzeptabler. Ein akzeptabler, ein sinnvoller Tod ist dagegen einer, der ohne offene Fragen, ohne bitteren Rest aufgeht in einer runden Erzählung, sie mag trivial oder heroisch sein:

Da hat ein Mann seine Zeit zur Gänze gelebt und genossen, hat den Lebensbecher lustvoll ausgekostet und ist dann mit neunzig Jahren friedlich eingeschlafen. Jawoll, sagt man da, einverstanden und Amen.
Ein Feuerwehrmann hat sein Leben gegeben, um zehn Menschen vor dem Flammentod zu retten. Das dünkt uns traurig und schmerzlich, aber es ist eine erhebende Trauer, ein ehrfurchtgebietender Schmerz, und wir entrüsten uns nicht dagegen, dass solche Heldengeschichten geschehen müssen.

Weniger gefühlseindeutig, weniger hinnehmbar sind die Geschichten, mit denen wir uns all die Krebs- und Herz-Kreislauf-Toten zurechtreimen. Sie erbittern eher, als dass sie empören, es sind keine guten Geschichten, aber immerhin sind es Geschichten: Oft geht es um Erlösung von endlosem Elend, meistens aber sind es Geschichten vom Versagen, vom Pech, von misslungenen Täuschungsversuchen, von leichtfertiger Ignoranz der Grundlagen der Biologie. Es ist im Grunde die immer gleiche langweilige Geschichte vom Massenmenschen, der vermessenerweise meint, in seinem Falle werde das Schicksal gewiss eine Ausnahme machen.* Geschichten von verlorenen Wetten gegen die Statistik. Tante Thilde hat doch auch geraucht und gefressen und gesoffen und ist hundert geworden. Warum also sollte ich mit fünfzig an Krebs und Herzinfarkt sterben?

Der inakzeptabelste Tod ist der, der noch nicht einmal sicher festzustellen ist. Eine Frau verschwindet von einem Tag auf den anderen, sie wollte nur kurz zu einer Freundin fahren, aber da ist sie nie angekommen, sie war ein wenig seltsam zuletzt, aber nicht so, dass man hätte etwas ahnen können; nach Jahren wird das Auto gefunden, blutige Kleidung, aber keine Leiche; die Hinterbliebenen werden nie wissen, was geschehen ist, nicht einmal, ob die Frau wirklich tot ist.
Der Holocaust ist nicht zuletzt deshalb so entsetzlich, weil er eine schlechte Geschichte ist. Er ist im Grunde gar nicht erzählbar. Die meisten, die diese Geschichte erleiden mussten, sind als Individuen gar nicht greifbar. Ein Güterzug mit Viehwaggons voller Menschen fährt tagelang nach Osten, um ein Volk, um gesichtslose Menschenmassen an einen Nicht-Ort zu bringen, wo sie vernichtet werden. Das ist keine Geschichte. Das ist allenfalls der banale, sinnlos-düstergraue Hintergrund für einzelne Geschichten von Helden, deren Kampf und Schicksal wir in Filmen nacherleben können. Die Massen sterben ohne erzählbare Geschichte. Ohne eigenen Tod. Sie sind einfach weg. Es gibt da nichts mehr zurechtzufabulieren. Sie sind höchstens noch ein Fall für die Geschichtswissenschaft. Oder für ein Gedicht, ein Lied, eine Todesfuge.

 

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Es bleibt eine unbeantwortete Frage, ein ungelöstes Rätsel, warum wir uns in Deutschland all die Jahre mit zehntausenden von Toten während einer Grippesaison abfinden konnten, aber seit dem Jahr 2020 nicht mit zehn- oder zwanzigtausend Coronatoten.

Wir konnten uns ohne größere emotionale Verrenkungen abfinden mit jährlich ungefähr 25.000 Unfalltoten (davon 3.500 Verkehrstoten), mit 250.000 Krebstoten, 45.000 Toten durch psychische und Verhaltensstörungen (davon 12.000 durch Drogen und Alkohol), mit 10.000 Toten durch Blutvergiftung, 10.000 Toten durch vorsätzliche Selbstschädigung (davon 4.500 durch Erhängen und sonstiges Strangulieren). Und mit 600.000 weiteren Toten, die das Statistische Bundesamt Jahr für Jahr (mit leichten Schwankungen) in seiner Todesursachenstatistik akribisch aufgeschlüsselt publiziert.

Was genau unterscheidet die zehn- oder zwanzigtausend Coronatoten von all diesen „regulären“ Toten? Ich stelle diese Frage nicht, um sie mit einem lapidaren „Nichts“ vom Tisch zu wischen. Ich glaube vielmehr, diese Frage muss unbedingt präzise beantwortet werden, und zwar dringend.

Eine weitere Frage, die auf den ersten Blick vielleicht nur gezwungenermaßen in diesen Zusammenhang gehört: Warum können wir uns ohne öffentliches Aufheben, ohne Sondersendungen und zeremonielle Staatstrauer mit 350.000 Herz-Kreislauf-Toten irgendwie arrangieren, mit 5.000 Erstickungstoten, und sogar mit 2.300 Mord-und-Totschlagstoten, aber nicht mit vereinzelten Terrortoten? Was unterscheidet einen Restaurantbesucher, der zufällig von einem Islamisten erschossen wird, von einem Mann, der von seiner eifersüchtigen Ehefrau per Abendessen vergiftet wird?

Es gibt offenbar Abstufungen dessen, was wir zu ertragen bereit sind, ohne dass dabei so unmittelbar einleuchtende Faktoren wie das Alter eines Getöteten, die Schmerzhaftigkeit der Todesart, die Anzahl der hinterbliebenen Angehörigen oder Ähnliches eine größere Rolle spielen würden.
Es macht offenbar einen riesigen Unterschied, ob ein Vater von zwei Kindern einer von den hunderten ist, die alljährlich „regulär“ erschossen werden, oder ob er zu den vergleichsweise wenigen gehört, die unter „Allahu-akbar“-Rufen erschossen werden. Aber was unterscheidet das „Verbrechensopfer“ vom „Terroropfer“?
Es macht offenbar einen riesigen Unterschied, ob ein Vater von zwei Kindern einer von den hunderttausenden ist, die alljährlich Krebs- und Kreislauf-bedingt sterben, oder ob er zu den vergleichsweise wenigen gehört, die in Folge einer Infektion mit dem SARS-CoV-2-Virus sterben. Aber was unterscheidet das „Zivilisationskrankheit-Opfer“ vom „Pandemie-Opfer“?

Ich würde wirklich gern eine Antwort hören, am besten von denen, die diesen eklatanten Unterschied offenbar umstandslos festzustellen oder wenigstens zu empfinden in der Lage sind. Einen Unterschied, der so eklatant sein muss, dass er unser exorbitant andersartiges Verhalten erklären könnte. Ich habe bislang keine auch nur annährend nachvollziehbare Erklärung gehört. Es wurde aber auch die Frage noch nie mit dem gebotenen Nachdruck gestellt in all den tausenden von Talkstunden, die seit dem Frühjahr vertratscht worden sind. 

Irgendwie werden die 25.000 Grippetoten von 2018 für normal gehalten, die 10.000 Toten von 2020** dagegen für unnormal.
Liegt das allein an der „Neuartigkeit“ des Virus? SARS-CoV-2 wurde ja in den ersten Monaten der Berichterstattung beharrlich als „das neuartige Coronavirus“ bezeichnet. Es wurde vielfach auf die fehlenden Behandlungsmöglichkeiten verwiesen. Aber auch all die nicht so neuartigen Viren lassen sich ja nur schlecht und recht von der Medizin unterdrücken. Der fehlende Impfstoff ist zwar ein psychologisches Argument, aber kein epidemiologisch überzeugendes, auch nicht die Überlastung der Krankenhäuser. Es gab 2018 und all die Jahre zuvor ja immer einen Grippeimpfstoff, und die Menschen sind trotzdem massenhaft gestorben. Es waren auch die Krankenhäuser punktuell überfüllt, so wie beinahe jedes Jahr während der ARE-ILI-SARI-Saison.*** Man hat es nur nie so intensiv zur Kenntnis genommen wie in diesem Jahr 2020, dem Jahr der tödlichsten medialen Seuche der Menschheitsgeschichte.

 

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Ich wies in meinem ersten Corona-Text über die „Schuld der Schafe“ den untertänigen, in denkfauler und denkfeiger Unmündigkeit erstarrten Mehrheitsmenschen die Schuld an der desaströsen Entwicklung zu. Wer aber die Menschen kennt und sich nicht mit bloßer Misanthropie begnügen will, wird doch mit einer gewissen resignativen Kulanz konstatieren müssen, dass sie nun mal halt so sind, die Menschen, und damit vielleicht auch nur bedingt schuldfähig. Wer sie an kantischen Aufklärungsimperativen misst, wird unweigerlich der Schwermut verfallen. Schade, aber Tatsache.

Wem man allerdings das „Sapere aude!“ in drohender, von mir aus auch in flehender Flammenschrift entgegenzuhalten hat, das sind die Journalisten. Sie müssten es besser wissen, ja, sie müssten es besser wollen. Sie sind voll schuldfähig. Sie haben sich sehenden Auges zu ihrem Berufe entschlossen, haben sich zur „Vierten Gewalt“ aufgeworfen und einem hohen Ethos unterworfen, haben sich der Verwirklichung einer noblen Zivilisationsidee verschrieben: Dass der Bürger mündig werden soll, dass der Mensch sich kraft seines Verstandes zur Freiheit emporarbeiten soll, dass er sich unabhängig machen soll von Vorurteilen und von der Führung durch Autoritäten. Dass der Mensch ein freier Bürger eines aufgeklärten Gemeinwesens werden soll.

Was aber tun die Journalisten? Sie erzählen den Menschen Geschichten. Untertanengeschichten, Notstandsgeschichten. Geschichten vom Gehorchen, vom Glauben, vom Verzicht auf ihre Rechte, Geschichten von der Angst, von der Strafe für fahrlässiges Verhalten und vom Weihnachtsfest als Belohnung fürs Liebsein.

Die Journalisten? Ja, die Journalisten. Es sind so viele, dass die Verallgemeinerung statthaft ist. Es sind fast alle, die in den großen Tages- und Wochenzeitungen, in den Nachrichtenmagazinen, in den Fernseh- und Radiosendern ihr Panikgeschwätz verbreiten, alle, die in Lokalzeitungen und Anzeigenblättern die Propaganda nachbeten, und nicht zuletzt all die T-Online- oder Web.de- oder GMX-Redakteusen, die ihren Kunden die neuesten Trash-Meldungen nebenbei beim Einloggen unter die Nase reiben.

Max Goldt schrieb vor etwa einem Vierteljahrhundert (in der „guten alten Zeit“, muss man fast sagen) über BILD-Journalisten, dass man denen nicht die Hand geben dürfe, dass man ihnen so unfreundlich begegnen müsse, wie es das Gesetz gerade noch erlaube. Das gilt heute locker für 95 Prozent der Medienleute. Es sind, wie Max Goldt in majestätischer Einfachheit feststellte, „schlechte Menschen, die Falsches tun“.

Viele sehen in den Journalisten nur propagandistische Laufburschen der Politik oder nützliche Idioten der Wirtschaft. Es tut mir leid: Ich erkenne keine irgendwie steuernde Instanz in dieser ganzen Coronasituation. Ich glaube nach wie vor nicht an irgendein Kalkül von Politikern oder an die konspirativen Weltneuordnungspläne der Wirtschaft als treibende oder gar auslösende Kräfte der Krise.
Dass globalistische Wirtschaftseliten in einer historischen Phase, in der die Karten neu gemischt werden, ihre Vorteile suchen, bezweifle ich nicht, das liegt wohl auch in der Logik dieses Menschentypus‘. (Ich wäre einem „Great Reset“ prinzipiell noch nicht mal abgeneigt, aber meine Version würde den Weltwirtschaftsforisten wahrscheinlich nicht sehr gefallen.)
Es gibt zweifellos Krisengewinnler und Kollateralnutznießer, Leute, die nur auf eine Situation wie die jetzige gewartet haben, um dies und das in ihrem Sinne neu zu gestalten. Es gibt Politiker, die die Gunst der Stunde nutzen wollen und die möglicherweise Gefallen finden werden an der Macht, die ihnen so unerwartet leicht zuwächst durch die Untertänigkeit der regierungsfrommen Corona-Schäfchen. Oder die einfach ihren Bedeutungszuwachs genießen, wie der verhängnisvolle Herr Lauterbach.

Der mächtigste Wirkfaktor im politischen Tagesgeschäft scheinen mir aber immer noch die Medien zu sein, von denen schauderhaft schwache und verwirrte Politiker sich ebenso treiben lassen wie der gemeine Bürger.

Das Storytelling der Journalisten erschafft mehr denn je die Wirklichkeit der Menschen, indem es die mentalen Bausteine bereitstellt, mit denen die Konsumenten das, was sie sehen von der Welt, in Worte fassen, das, was sie fühlen in ihrem Seelenwirrwarr, mit Bildern illustrieren. Bis die Story unbezweifelbar und selbstevident wird, bis der überspannte Schwebezustand einer glaubhaften Erzählbarkeit weicht. Komplexität reduzieren, Sicherheit suggerieren, Balance herbeihalluzinieren – in einer Situation größter Verunsicherung schafft die gelungene Story zumindest den Halt eines nicht völlig willkürlichen Erzählfadens.

Die Corona-Story im Großen und Ganzen ist übrigens denkbar einfach: Es ist die alte Geschichte von der Heimsuchung durch einen hinterhältigen Feind, von Helden, die im Kampf über sich hinauswachsen, von den Uneinsichtigen und von den niederträchtigen Kollaborateuren, die die Anstrengungen der Gutwilligen sabotieren, es ist die Geschichte vom Aufgeben und Durchhalten und von der Hoffnung auf Erlösung und auf ein neues besseres Leben, eine neue bessere Welt, die erstehen wird, wenn der Feind einstmals besiegt sein wird.

Natürlich wird niemals ein Feind besiegt werden, weil es gar keinen Feind gibt. Das Virus ist so wenig ein Feind, wie die Lawine, die hin und wieder einen Skiwanderer überrollt, ohne sich was Böses dabei zu denken. Aber nach alter und bewährter Erzähltheorie braucht eine gute Story einen Schurken, sie braucht Helden, Opfer, Erlöser und all diese Zutaten. Ja, die Corona-Story hat sogar das, was man unter Drehbuchschreibern den „Sex Guy“ nennt. Wer noch die zahlreichen Liebeserklärungen im Ohr hat, mit denen ein gewisser Virologe von vorwiegend weiblichen Medien-Mädchen angeschmachtet wurde („Mein Gott, jetzt spielt er sogar noch Gitarre!“), kann sich denken, wer die Rolle gekriegt hat.

Die große Story setzt sich aber zusammen aus tausenden kleinen Episoden, die sich nicht sogleich als Geschichten zu erkennen geben, ich meine jene Konstrukte, die in jeder Tagesschau und in jeder Heute-Sendung und in ihren Magazinvarianten Tagesthemen und Heute-Journal dargeboten werden. Und in sämtlichen ähnlich gelagerten Formaten der dritten Programme sowie in den Nachrichtensendern WELT und NTV und was es da noch so alles geben mag bei RTL und Pro7 etc.
Die sind das Hauptproblem. Und ich bin sicher: Wäre es möglich, auf Knopfdruck fünfzig führende Köpfe in der Medienlandschaft auszutauschen, ließe sich dieses Problem in kürzester Zeit lösen. Es ist aber nicht möglich. Die maßgeblichen Konstrukteure und Influencer: die Redaktionsleiter, Intendanten, Herausgeber, Nachrichtenchefs, die die Macht haben, die Tagesthemen zu setzen, feuern ihre Geschichten aus allen Rohren. Oder lassen feuern. Und da muss gar nichts erfunden werden, es muss nur ausgewählt und zusammengestellt und kontextualisiert und gewichtet werden, und dann wird die suggestive Wort-Bild-Collage wiederholt und wiederholt und wiederholt, bis das, was auch ist, das geworden ist, was nur noch ist.

Die Paniksender geben alles. Hundertmal täglich zeigen Sie uns Filmclips von Intensivstationen. In jeder Tagesschau verpixelte Patienten, die von der Beatmungsmaschine mechanisch aufgepumpt werden und wieder in sich zusammensacken, fleischige Puppen, die du und ich und unsere Nächsten sein könnten. Die maximal glaubwürdige narrative Instanz vor dieser Szenerie ist ein Mensch in medizinischem Blau oder Weiß, ein leitender Oberarzt, erschöpft, besorgt, er weiß, wovon er spricht. Es sind nicht mehr die 85-jährigen Krebspatienten mit Herzschrittmacher und Diabetes wie noch in der ersten Welle, so der maskierte Erzähler, es sind jetzt Vierzigjährige. Gerade haben sie noch auf dem Tennisplatz das Leben genossen, jetzt werden sie sechs Wochen im Koma liegen, und danach, falls sie überleben, am Rollator durch die Gegend stolpern wie Greise. Schalten wir um, so erinnert uns der schon erwähnte allgegenwärtige Politiker und Gesundheitsexperte daran, dass die Seuche nicht nur die Lunge, sondern auch das Gehirn der Opfer befällt, sie werden Jahre ihrer kognitiven Fähigkeiten eingebüßt haben, und all das nur, weil sie meinten, ihre läppischen Grundrechte und ihre Lebenslust über die Werte der Gemeinschaft, über Verantwortung und Solidarität, stellen zu müssen. Er wünschte, es wäre anders. Später berichtet eine Zeitungsredakteurin aus eigenem Erleben, „was das macht mit einem Menschen“, wenn man positiv getestet wird, wenn man krank wird, wenn man Angst hat, seine alten Eltern angesteckt zu haben, die Sorgen, die Vorwürfe, die Ungewissheit, und wie man das dann alles anders sieht, das mit den Grundrechten, mit dem Recht auf Demonstration und so weiter.

So geht es den ganzen Tag lang, wir sehen und hören und lesen Geschichten von Menschen, die überleben wollen, egal um welchen Preis. Horrorstorys von Menschen, die sterben werden, weil wir es zulassen. Mythen von Angst und Solidarität und Verzweiflung, Lehrdichtungen von Schuld und Verantwortungslosigkeit und Egoismus. Fantastereien von gesellschaftlichem Zusammenhalt und spalterischem Hass, Fiktionen von Links und Rechts, Märchen von Gut und Böse. Geschichten von Moral.
Dagegen kommt keine Statistik, kein Argument, kein Abwägen an.

 

* * *

 

Auch der phantasiebegabte Literat kann dem Sterben auf den Intensivstationen keinen glaubhaften Sinn einschreiben. Die Coronatoten sterben sinnloserweise. Sie werden, Rilkes Gebet hohnsprechend, sogar noch um ihren eigenen Tod gebracht. Man kann im Grunde nicht einmal sagen, sie würden „dem Virus zum Opfer fallen“. Diese Metapher aus dem Klangraum heidnischer Kriegskulte redet einen Zweck oder gar ein Einverständnis herbei, das völlig abwegig ist.
Die Wirklichkeit sieht schlicht und banal aus, ungefähr so: Ein bewusstloser viraler Molekülhaufen befällt einen Säugetierorganismus, dessen Immunsystem dem Befall nicht gewachsen ist. Das Tier hört auf zu leben, weil seine Lunge versagt, weil seine Blutgefäße verstopfen, weil sein Herz aufhört zu schlagen. Das war’s. Niemand opfert sich hier, niemand fällt hier in irgendeinem Kampf, niemandem ist irgendein höherer Dienst erwiesen durch den Abbruch dieses individuellen Lebensprozesses. Nicht einmal dem Virus. Vielleicht ist der Wissenschaft gedient, dadurch, dass sie das Krankheitsgeschehen nun besser versteht, indem die Obduktion des Leichnams neue Erkenntnisse bringt, aber diese Erkenntnisse bräuchte man ja nicht, wenn es dieses Virus nicht gäbe oder wenn es Menschen nicht in dem Maße krankmachen würde, dass sie sterben. Kurz: Wer an Covid-19 stirbt, stirbt einen vollständig sinnlosen Tod.

Ebenso wenig Sinn hat der Tod der Terroropfer. Sie sind für nichts und wieder nichts gestorben. Der französische Lehrer Samuel Paty – abgeschlachtet auf offener Straße, weil er im Unterricht Mohammed-Karikaturen besprach – ist ohne Sinn und Zweck gestorben. Da können die Politiker ihr rituelles Politikergeschwätz so oft und so pathetisch in die Mikrofone salbadern, wie sie wollen: Er hat sich nicht für die Meinungsfreiheit geopfert, er ist nicht für die Freiheit seiner Schüler gestorben, nicht für die Nation, nicht für die Aufklärung, nicht für die Zukunft oder die Humanität. Wenn für irgendwas, dann ist er für die Befriedigung rachsüchtiger Mordgelüste eines fanatischen Islamisten gestorben. Das ist der Zweck seines Todes. Ein Zweck, der in unserer Kultur keinen Sinn ergibt, in der seines Mörders aber sehr wohl.

Die Suche nach sinnvollen Geschichten in banalen Geschehnissen ist verhängnisvoll. Nach dem Schwinden der traditionellen Religion und dem Abbruch ihrer Institutionen, nach der Dekonstruktion aller höheren metaphysischen Behausungen flüchten sich die Menschen zunehmend in ihre tausendfach vertrauten Serien- und Seifenopern-Scripts, um sich halbwegs gesichert durch die innere Leere zu bewegen. Um ihrem Bedürfnis nach Selbstvergewisserung Richtung und Geländer zu geben. Um sich zu verankern in Zeiten zunehmender Verflüssigung der existenziellen Fundamente. Sie können die Wirklichkeit kaum noch anders erleben denn als eine Geschichte unter vielen.

Die Menschen brauchen wohl die sogenannten Narrative zur Deutung des Daseins. Aber in Fragen komplexer Wirklichkeitsbeschreibung ist Deutung immer nah an der Lüge oder am Wahn. Wer deutet, wo er wissen könnte, stellt Bequemlichkeit über Realismus. Wer Stimmigkeit herstellen will, wo Widersprüche sinnlos walten, der stellt Besänftigung über Aufklärung. Wer Geschichten sucht, wo allein interessen- und schonungslose Anschauung (oder aber Musik, Gebete und Witze) weiterhelfen, der macht sich und andern etwas vor. Die Bemühungen echter Psychotherapie richten sich mit der Rationalisierung des „Familienromans“ und der Richtigstellung von Lebenslügen eben darauf: aufzuhören, sich etwas vorzumachen. Aufzuhören, sich Geschichten zu erzählen. Anzufangen, erwachsen zu werden und die Geschichte zu akzeptieren.

Am Ende dieses Horrorjahres werden in Deutschland etwa 950.000 Menschen ihren Tod gestorben sein. Corona wird diese Zahl nicht nennenswert verändert haben. Aber noch weniger als sonst werden ihren eigenen Tod gestorben sein.

 

 

* Auch der Ausnahmemensch Tolstoi hoffte auf eine wundersame Sonderregelung, wie ich neulich von Thomas Mann erfuhr. Die Natur werde ihn doch nicht hinraffen wie irgendeinen Dutzendmenschen, meinte er. Aber selbst in seinem Fall blieb die Natur unbarmherzig, oder besser gesagt: sie blieb so gleichgültig und gesetzmäßig, wie man als Natur halt ist.

** Ich beteilige mich hier nicht an der Diskussion darüber, wie viele von denen, die offiziell als Corona-Tote gezählt werden, die also „an und mit dem Virus“ gestorben sind, wirklich ursächlich durch den Befall des Organismus mit dem Erreger gestorben sind, und ob nicht die allermeisten eher an ihren drei schwerwiegenden Vorerkrankungen, an ihren altersbedingt nachlassenden Immunkräften oder an den Folgen wochenlanger invasiver Beatmung und nosokomialer Infektionen gestorben sind. Ich gehe aber bis zum Beweis des Gegenteils davon aus, dass die realistische Zahl der Coronatoten, würde man sie wissenschaftlich sauber und menschlich redlich ermitteln, bedeutend niedriger wäre als die offizielle.

*** Vieles deutet darauf hin, dass eine große Anzahl an Patienten, die coronabedingt auf Intensivstationen liegen, da eigentlich nicht hingehören. Überzeugende Kritik und Verbesserungsvorschläge von Gunter Frank hier: LINK

 

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© Marcus J. Ludwig 2020.
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