Der Korridor im Kopf

Die larmoyanten Rechten sollten einfach mal aufhören, sich von den arroganten Linken die Erlaubnis zum Mitreden zu erträumen. Der Meinungskorridor ist euch zu eng? Dann verlasst ihn und baut euch eine verdammte Halle!

Keine Frage: Das sprachhygienische Gouvernantengehabe, die alltägliche mainstreammoralistische Empörung oder Totschweigerei, das maßstabslose Gepetze und Gekeife der pseudolinken Politpietisten ist anmaßend, gefährlich und extrem nervenaufreibend. Aber dieses ewige Gejammer der Rechten, dass ihre Meinungsfreiheit bedroht werde, dass man dieses und jenes nicht mehr sagen dürfe, nervt auch ganz schön. Merken die eigentlich gar nicht, wie pubertär das klingt? „Menno, nichts darf man!“ So nörgelt die Dreizehnjährige, wenn der Papa ihr verboten hat, im Miley-Cyrus-Kostüm zur Fridays-for-future-Demo zu gehen.

Meinungsfreiheit ist ein Grundrecht des Bürgers gegenüber dem Staat, kein Stillhalteabkommen oder Berührungstabu oder Schonungsgebot unter einzelnen Bürgern.
Die Meinungsäußerungsfreiheit ist das Recht auf freie Äußerung und öffentliche Verbreitung einer Meinung in Wort, Schrift und Bild sowie allen weiteren verfügbaren Übertragungsmitteln. Die Meinungsfreiheit ist ein Menschenrecht und wird als ein gegen die Staatsgewalt gerichtetes Grundrecht garantiert, um zu verhindern, dass die öffentliche Meinungsbildung und die damit verbundene Auseinandersetzung mit Regierung und Gesetzgebung beeinträchtigt oder gar verboten wird. Das Verbot der Zensur verhindert die Meinungs- und Informationskontrolle durch staatliche Stellen. (aus Wikipedia-Artikel „Meinungsfreiheit“)

Mein Mitbürger ist in der Regel kein staatlicher Akteur. Ich kann den ganzen Tag lang skandieren: „Deutschland einzäunen! Kopftuch verbieten! GEZ abschaffen! Genderprofessoren zu Spargelstechern umschulen! Tempolimit für Ausländer!“ Also, könnte ich, falls das meine Meinungen wären.
Und mein Mitbürger – unhöflich wie er wahrscheinlich ist – könnte darauf antworten: „Halt’s Maul, du Fremdenfeind. Lass mich mit deinem Gelaber in Ruhe. Zieh doch zum Südpol und hass da die Pinguine an. Wenn es nach mir ginge, dann sollte man Typen wie dich etc ect.“

Schränkt dieser Mitbürger dann meine Meinungsfreiheit ein? Nö. Und auch wenn dann noch zwanzig andere dazukommen, die alle auf mich einreden und mich verwünschen, schränken die immer noch nicht meine Meinungsfreiheit ein. Es spiegeln sich in dieser Konstellation halt die realen Machtverhältnisse wider, und die ändere ich nicht, indem ich „bitte bitte“ sage. Ich muss dann halt etwas heldenhafter sein und mich argumentativ oder cool schweigend einer gegnerischen Mehrheit erwehren. Aber ich kann die doch nicht anflehen, sie sollen bitte meine Meinung gut finden oder auch nur neutralerweise sagen: „Du, das ist ne plausible Meinung, die teil ich nicht, aber ich freu mich, dass unser demokratischer Diskurs so pluralistisch ist, danke für deinen wertvollen Beitrag.“

Die larmoyanten Rechten sollten einfach mal aufhören, sich von den arroganten Linken die Erlaubnis zum Mitreden zu erträumen. Man muss schon ein bisschen kämpferisch gesonnen sein, man muss schon mal ein bisschen Argumentation und Rhetorik trainieren und sich in Themen einlesen und auf Diskussionen vorbereiten, damit man gegen zwanzig moralistische Gutmenschen bestehen kann. Aber nach dem Staat und dem Grundgesetz zu rufen, so: „Wäääh, die wollen mich nicht mitspielen lassen! Meinungsfreiheit! Menschenwürde!“, ist doch irgendwie ziemlich läppisch, oder?

Des Durs‘ Diagnose

Im Rahmen der Debatte um Monika Marons Rauswurf bei S. Fischer sagte der Dichter Durs Grünbein neulich im Deutschlandfunk ein paar Sätze, die den „Nichts-darf-man!“-Rechten nicht gut gefielen. Er sagte, es gebe die „diffuse Vorstellung, also dies oder das darf ich jetzt nicht mehr sagen. Ich wüsste immer gerne, was das dann ist, was man nicht mehr sagen darf. Anscheinend haben die Leute mittlerweile auch Angst vor ihrem Inneren sozusagen, in dem sich Abgründe auftun müssen. Diese Angst, hier wäre irgendwie ein Meinungskorridor und ich könne mich nicht mehr frei äußern, die teile ich überhaupt nicht.“

Mit dieser Diagnose einer Angst vor dem eigenen Inneren hat er wahrscheinlich ungefähr recht. Aber im Gegensatz zu ihm, verstehe ich diese Angst sehr gut, und ich finde, man muss diese Angst überwinden. Es ist wohl die Angst, man könnte vielleicht tatsächlich „rechts“ sein, wo man sich doch eigentlich immer für links oder liberal und höchstens fallweise für konservativ gehalten hat.

Man muss aufhören, sich von diesen etikettierenden Zuschreibungen verrückt machen zu lassen. Man muss den Korridor im eigenen Kopf verlassen, durch eine der vielen Türen, die sich einem heute zwangloser denn je anbieten. Man muss sich vor sich selbst eingestehen, dass man nicht mehr zu jenen dazugehört, in deren unhinterfragter Gesellschaft man sich einst heimisch fühlte. Dass die Abgründe, von denen Grünbein spricht, eigentlich nur die alten Normalitäten sind, die man uns als Unmöglichkeiten ausreden will, etwa, dass es eine Wesensdichotomie von Mann und Frau gibt.
Man muss sich damit anfreunden, dass man ein ungemütliches Restleben in einer Parallelwirklichkeit vor sich hat, und zwar so lange, bis die anderen, die heute die denkfeige Mehrheit stellen, zur Parallelgesellschaft geworden sein werden. Für Leute meiner Generation ist das höchstwahrscheinlich eine Perspektive ohne Happy End.
Ob diese ganzen angstbesetzten Abgründe rechts oder links sind, muss einem mehr denn je egal sein.

Die jammernden Rechten finden Durs Grünbein, glaub ich, nicht nur wegen seiner abgründigen Diagnose doof, sondern auch, weil er halt so heißt, wie er heißt, und nicht so einen Pegida-Normalo-Namen hat, „Jörg Schmidt-Schlonski“ oder so. Und weil er halt so rein erscheinungsmäßig und habituell den Mainstream-Linken wie aus dem Lehrbuch verkörpert.
Mit Herrn Grünbein lässt sich aber – im Gegensatz zu den meisten anderen Kulturverkörperern aus dem 3Sat-Establishment – durchaus reden, so scheint mir.
Trotz alledem ist Monika Maron natürlich viel besser, was Bücher und Meinungen angeht. Sehr zu Recht tragen mittlerweile deutlich mehr Menschen Baseballkappen mit Monika-Maron-Logo als Hoodies mit dem Emblem des Grauzonen-Dichters.

Grundrecht und Gesprächskultur

Aber auch die ewige Kanzlerin hatte leider mal wieder recht, als sie irgendwann meinte: „All die, die dauernd behaupten, sie dürften nicht mehr ihre Meinung sagen, denen muss ich einfach sagen: Wer seine Meinung sagt (…), der muss damit leben, dass es Widerspruch gibt.“

Genau. So ist das nun mal. Richtet euch auf ein Leben im Gegenwind ein, all ihr meinungsfreudigen Widerständler. Oder auf ein Leben im Abseits. Am besten beides abwechselnd.
Der Meinungskorridor ist euch zu eng? Dann verlasst ihn und baut euch eine verdammte Halle!

Die publizistischen Produktionsmittel sind in den Händen der bösen linken Gutmenschen? Dann macht eure eigenen Zeitungen, und seht zu, dass die besser werden als die bestehenden, und dass sie für immer mehr Menschen attraktiv werden. Macht eure eigenen Fernsehsender, YouTube-Kanäle, Radiosendungen, was weiß ich. Niemand verwehrt euch das. Da könnt ihr den ganzen Tag sagen und schreiben, dass die Ausländer raus sollen, dass Windräder Mist sind, dass Gendersprache scheiße ist, dass Merkel weg muss, dass Universitäten degenerierte linke Laberbuden sind, und all so was. Niemand hindert euch daran. Ihr selbst behindert euch, wenn ihr meint, die Mehrheit eurer Mitbürger müsste das automatisch gut finden, und die Mehrheit der Politiker und Medienleute müsste applaudieren, oder auch nur schweigen dazu. Das sind eure Gegner, das müsst ihr mal begreifen. Von denen lässt man sich nicht die Spielregeln diktieren. Es gibt keine neutrale Instanz, die euch ein gerechtes Quantum an Aufmerksamkeit oder gar Applaus zuteilt.

Auch „das Internet“ ist nicht neutral. Die dort herrschenden Firmen wollen die Welt nach ihrem Geschmack, nach ihren Regeln einrichten. Also wundert euch nicht, wenn die euch abschalten. Wenn YouTube eure Videos löscht, dann veröffentlicht sie halt woanders. Ist aber alles nicht so leicht? Nee, natürlich nicht. Ist alles ganz schön scheiße und anstrengend. Aber kriegt euch ein, andere Generationen hatten anstrengendere Kämpfe zu bestehen.

Wenn ihr an Tante Ernas Geburtstagstafel eure Meinung zur Flüchtlingspolitik sagt, dann starren euch vielleicht neunzehn Gesichter finster und verärgert an, aber das hat dann nichts mit Meinungsfreiheit oder deren Einschränkung zu tun, sondern mit den realen Mehrheitsverhältnissen in diesem Land.
Was macht man da? Man sagt nicht: „Ihr lieben neunzehn gegnerischen Verwandten, ist halt meine Meinung, die darf ich ja wohl sagen, ich lass euch ja auch eure Meinung.“ Man sagt stattdessen: „Ihr neunzehn gehirngewaschenen Stupidos glaubt, ihr könnt mich einschüchtern mit eurem finsteren Gestarre? Von wegen, jetzt erst recht! Ich sag euch jetzt mal was: Mir ist scheißegal, ob ihr meine Ansicht für rechts oder extrem oder fascho haltet, ich habe gute Gründe und Argumente dafür, und die sage ich euch jetzt, und danach sehen die Mehrheitsverhältnisse anders aus, da könnt ihr euch schon mal drauf einstellen. Ich überzeuge heute zwei von euch, oder zumindest pflanze ich Zweifel in eure Seele. Und beim nächsten Kaffeekränzchen krieg ich weitere drei von euch zu fassen, weil ich nämlich nicht einfach nur „Merkel muss weg!“ oder „Widerstand!“ schreie, sondern differenzierte Argumentationen vorzutragen weiß, die ihr mir erstmal widerlegen müsst …“

Ich glaube, das ist ein Grad von Heldentum, den man verlangen kann. Niemand muss mit Augenklappe und Aktentasche im Kanzleramt erscheinen und den Kaffeetisch in die Luft jagen. Aber sich im persönlichen Umfeld mit Minderheitenmeinungen zu exponieren und unbeliebt zu machen, das kann man sich hin und wieder durchaus zumuten.

Unrecht hatte die Kanzlerin allerdings mit der Auffassung: „Es gibt keine Meinungsfreiheit zum Nulltarif.“ Oh doch, Eure Hoheit, die gibt es. Kein Bürger muss sich ein Grundrecht verdienen, womöglich dadurch, dass er es brav nach den moralischen Maßstäben einer Regierungschefin oder einer Süddeutschen Zeitung nutzt.

Helden an Hauswänden

Wo ich gerade bei Stauffenberg war: Ihr „Jetzt-reicht’s-aber“-Konservativen beschwert euch, dass irgendwelche AStA-Mimöschen ein angeblich sexistisches Gedicht von ihrer Hochschulwand entfernen? Dann lasst die doch machen, und malt euch das Gedicht halt auf eure eigenen Wände, hundertfach und tausendfach. Wenn es das denn wert ist. Oder schreibt Heine- und Hölderlin- und George-Gedichte an eure Fassaden. Ober eben Stauffenbergs Schwur. Von mir aus in Fraktur. Wo sind eigentlich all die Hauswände mit dem Konterfei Stauffenbergs? Tresckows? Haeftens? Kleists? Scholls? Bonhoeffers?

Wen – mal ehrlich – interessieren überhaupt Verse von einem Eugen Gomringer, der irgendwelchen Senoritas hinterhergafft? Investiert eure Energie in Aufbau und Zukunft, statt euch in Scharmützeln mit verrückten Studierend*innen (m/w/d) zu verkämpfen. Hört auf, über Cancel Culture zu jammern, macht eure eigene Culture!

Und an wen, zur Hölle, richtet ihr euch mit euren Appellen für die Erweiterung von Meinungskorridoren? An die machthabenden Politiker? An Minister, Parteichefs und Verfassungsschutzpräsidenten? An Verlagsleiter, Chefredakteure, Intendanten? Warum sollten die euch gestatten, ihren behaglich engen Korridor zu erweitern? Die werden einen Teufel tun. Warum sollte Anne Will Thilo Sarrazin einladen? Die hasst den, die hält den für einen Nazi und Rassisten. Warum sollte sich der Fischer Verlag, nachdem er Monika Maron rausgeschmissen hat, je nochmal eine Autorin ins Haus holen, die in unverdruckster Meinungsfreudigkeit sagt: „Ich bin rechts, und meine Bücher sollen helfen, das Land rechter zu machen.“ Natürlich werden die das niemals tun, im Namen irgendeiner Korridorerweiterung. Die fühlen sich wohl in ihrem engen, stickigen Korridor und wollen da unter sich bleiben. – Übrigens ist Frau Maron bekanntermaßen eine rücksichtslose Raucherin, schon deshalb ist sie da fehl am Platze.

Es gibt in diesem Land mittlerweile erfreulich klare politische Fronten. Die muss man sehen und sich entscheiden, wo man steht. Es gibt diesen metaphorischen Korridor, vor allem aber gibt es Gräben, tiefe und nahezu unüberbrückbare Gräben. Man muss deswegen keinen Krieg führen. Es muss niemand physisch verletzt werden. Aber der Kulturkampf, in dem wir uns befinden, muss durchgestanden werden. Und zu glauben, dass der Gegner einem Zugeständnisse macht, ist ein wenig albern.

Warum ich den „Appell für freie Debattenräume“ nicht unterschreibe

Warum ich den „Appell für freie Debattenräume“ nicht unterschreibe, muss ich nach dem gerade Gesagten wohl nicht mehr groß begründen.

Ich kann mich mit vielem identifizieren, was die Initiatoren dieses Appells zur Sprache bringen. Ich finde den Text – verglichen mit diversen ähnlich gearteten Verlautbarungen – auch hinreichend komplex und obendrein ganz gut formuliert.
Die Autoren fordern Veranstalter, Multiplikatoren oder Plattformbetreiber auf, dem Druck lautstarker Minderheiten standzuhalten. Sie solidarisieren sich mit den Ausgeladenen, Zensierten, Stummgeschalteten oder unsichtbar Gewordenen. Da bin ich dabei. Sie erklären das unselige Phänomen der Kontaktschuld für beendet. Jeder spreche für sich und sei auch nur dafür verantwortlich, was er oder sie sagt. Ganz meine Meinung.

Ich kapier nur halt eines nicht: An wen sich der Appell eigentlich richtet. (Schon die Bezeichnung „Appell für freie Debattenräume“ ist eigentlich Unsinn. Man appelliert nicht für etwas, sondern an jemanden. Für etwas kann man plädieren, aber nicht appellieren.) Er richtet sich doch nicht an den gemeinen Gastwirt, der der AfD-Ortsgruppe den Tagungsraum verweigert, weil draußen zehn grüne Gymnasiasten Haltung zeigen, oder?
Die „Debattenräume“ sind doch mutmaßlich metaphorisch gemeint, als Kommunikationsstrukturen der öffentlichen Selbstverständigung einer Gesellschaft, so wie die „Meinungskorridore“ und die „Informationsinseln“. Die aber sind doch gerade in der Hand eben jener Menschen, an die appelliert wird. Die knicken nicht ein vor „lautstarken Minderheiten“, die sind die Meinungsmacht selbst. Niemand muss vor dem ZDF-Hauptquartier protestieren, damit die ihre Debattenräume gegen Andersdenkende abdichten. Die machen das schon selbst, und völlig freiwillig. Genau wie die Plattformbetreiber im Netz und die Multiplikatoren der Presse.

Wenn man sich aber an diesen Relevanzadel richtet, an die Gatekeeper und Machthaber über die Öffentlichkeit, also an die allgemein als solche bekannten Tugendwächter und Nazijäger, Verleumder und Freiheitsfeinde aus Funk und Fernsehen, aus Politik, Wirtschaft, Sport, Kirche, Kultur und so weiter, dann heißt das doch: Norbert Bolz appelliert damit quasi an Anne Will, oder? Necla Kelek appelliert an Dunja Hayali? Peter Singer* appelliert an Wolfram Eilenberger? Rüdiger Safranski appelliert an Jan Böhmermann? Boris Palmer appelliert an Sascha Lobo?
Hm, nee, behagt mir nicht. Ich möchte keine Appelle mehr an solche Leute richten. Schon allein deshalb, weil es natürlich absehbar aussichtslos ist. Und am Ende ist es doch auch eine Frage der Selbstachtung. Will man irgendwann womöglich als Appellierer und Appeaser im Geschichtsbuch stehen? (Also, ich meine nicht mich selbst, ich hab ja keinen Ruf zu verlieren, aber es stehen ja auch echte Schwergewichte auf der Liste der Unterzeichner.)

In einem neuen Beitrag schreibt der Appell-Mitinitiator Milosz Matuschek selbst von den Gefahren eines schleichenden Totalitarismus. Das dürfte kaum übertrieben sein. Political Correctness ist eben mehr als nur leicht übermanierliches Moralistengehabe. Es ist freiheitsverachtender Tugendterrorismus. Je mehr Macht solche „Moralisten“ bekommen (wie traurig, dass ein solch schönes philosophisches Prädikat sich zum Schimpfwort wandeln musste), desto mehr wird der Staat allmählich zur Sekte. Und dann ist die Meinungsfreiheit als Grundrecht irgendwann wirklich in Gefahr.

Der sehr oft sehr klarsichtige Thorsten Hinz befand: „Der Generalangriff auf die politischen und kulturellen Grundlagen der europäischen Zivilisation spült eine geistige Unterwelt, ein neues Barbaren- und Gangstertum an die Oberfläche, dem ein paar suggestiv aufgeladene Begriffe genügen – Diskriminierung, Rassismus, Islam- und Homophobie, Verschwörungstheorie oder einfach Haß – , um eine niederträchtige Herrschaft auszuüben.
Appelle allein richten dagegen nichts mehr aus.“

Ich würde vielleicht „Gangster“ durch „Zeloten“ ersetzen … ansonsten wohl leider wahr.

Nachspiel

Nach Vollendung dieses Textes gönnte ich mir ein wohlverdientes Mittagsschläfchen. Da träumte mir, ein Rechter stelle mich zur Rede. Er trug eine rentnerfarbene Übergangsjacke, ein Querdenkershirt und eine Trump-Basecap. Ich erschrak. Er aber sprach sanft und in leicht erzgebirgischer Mundart: „Isch bin’s, Jörg Schmidt-Schlonski. Hardcore-Pegidist dar ersden Schdunde. Isch wolld nürma höwlisch frage dun: Kann es sein, Herr Ludwig, dass Sie eine halbe Sympathie für uns Rechte mit eine halblinken Heine’schen Spottlust und einer ganz offensichtlich Hesse-epigonalen Steppenwolf-Sturheit in intellektuelle Balance zu bringen bestrebt sind?“
Da entgegnete ich schlaftrunken: „Altobelli, ganz schön komplexe Syntax für so nen Traumsatz … aber ich fürchte, die Sache selbst ist noch viel komplexer.“
Er klopfte mir auf die Schulter und sprach: „Dengen Se in Ruhe drübbo naach. – Ach, und das mit dem Dialekt, des übben Se nochmal, ne wahr? Örtzjebürgüsch göht gonz andööß. Was Sie hier machen, ist mehr so ne angedeutete Fantasy-Ossi-Spreche. Naja, für geträumt ganz okay.“

 

 

* Wenn einer der oben Genannten garantiert kein „Rechter“ ist, dann wohl Peter Singer, aber auch der Philosoph der Tierbefreiung und des Effektiven Altruismus wird immer gern als Nazi beschimpft und zum Beispiel von deutschen Diskursverweigerern wie Wolfram Eilenberger von der phil.Cologne (2015) ausgeladen mit dem unsterblichen Schandsatz, „Argumente, die Singer vorträgt, sollten wir nicht widerlegen, sondern einfach zurückweisen.“ – Oder eben gleich den ganzen Menschen zurückweisen und verfemen.

 

 

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© Marcus J. Ludwig 2020.
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