Der Belebende

Gert Westphal zum Hundertsten, 5. Oktober 2020

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Gert Westphal ist der Vollender der Werke Goethes, Fontanes, Thomas Manns. Er ist es, der sie belebt, der ihnen nach Gottes Art seinen Atem einhaucht. Und der dabei als Künstler mit seiner Eigenleistung doch nahezu unhörbar bleibt. Wenn Gert Westphal liest, hört man keinen Sprecher, der vor einem Mikrofon sitzt und Buchseiten abliest. Man ist im Zauber und kommt nur heraus, wenn man die Stopptaste drückt.

 

Mein Maß für die Qualität eines Künstlers ist die Ungeduld, mit der ich auf eine neue Veröffentlichung warte. Und ich warte nie unter meinem Niveau. Ich warte auf Neuerscheinungen von Charlotte Hatherley, Nada Surf, Go Team, Fugazi, The Long Winters und Phoenix, ich warte auf neue Werke von Martin McDonagh, Taika Waititi, von Quentin Tarantino und den Coen-Brüdern. Und wohl auch auf das eine oder andere Buch des einen oder anderen Autors … aber nicht allzu ungeduldig, ehrlich gesagt, denn gute Bücher gibt es im Gegensatz zu guten Platten und guten Filmen längst genug. Und Bilder sowieso.
Am allerungeduldigsten aber warte ich auf Neues von Gert Westphal. Sein künstlerisches Metier macht es zum Glück möglich, dass auch zwei Jahrzehnte nach seinem Tode immer noch Neues von ihm erscheint.

Was ist noch gleich sein künstlerisches Metier? Ich will es gar nicht ausprobieren, aber ich schätze, wenn man „Gert Westphal“ googelt, erscheint etwas wie „Hörbuchsprecher“. Zu seinen Lebzeiten nannte man ihn den „Vorleser der Nation“. Zu Thomas Manns Zeiten hätte man ihn wohl als „Rezitator“ tituliert. Das alles aber sind sträfliche Untertreibungen und Einreihungen ins Ordinäre, denen ich hier mit überschwänglicher Hymnik entgegenzutreten gedenke.

 

Wirkmächtig und unmerklich

Es ist nämlich so: Gert Westphal ist nichts weniger als der größte Schauspieler, den Deutschland je hervorgebracht hat. Ja, ich versteige mich zu dem Chauvinismus, dass kein Volk in keiner Sprache je einen größeren darstellenden Künstler hervorgebracht hat als den Mann, der heute hundert Jahre alt geworden wäre. Ach, wäre er doch hundert Jahre alt geworden! Ich hätte ihn die letzten zwanzig Jahre über jeden Tag genervt, genötigt, gedungen und gezwungen, all die Bücher noch aufzunehmen, die er leider unterlassen hat auf Band, CD oder Festplatte zu bannen. Ich hätte ihn noch den kompletten Nietzsche einlesen lassen, den kompletten Wagner, Dostojewski, Schopenhauer und Schnitzler und Hofmannsthal, Egon Friedell, Freuds Vorlesungen und Thomas Manns sämtliche Essays und hundert andere lebenswichtige Werke der Literatur. Ich hätte ihn täglich sechzehn Stunden bei Salbeitee und Bottersemmeln ins Studio gesperrt und ihn lesen lassen, was die Stimme hergibt.

Aber pardon, ich bin vorgeprescht, ohne doch zu erläutern, warum nun dieser Mann der gewaltige Schauspielkünstler sein soll, als den ich ihn hier pries. Ich muss ja davon ausgehen, dass das nicht jedem von vornherein klar ist. Ich muss vielleicht sogar davon ausgehen, dass es Leute gibt (ich mag sie mir nicht vorstellen), die überhaupt nicht wissen, dass es einen Menschen namens Gert Westphal je gegeben hat. Ich mein: Kennt irgendwer einen Film mit Gert Westphal? Wer erinnerte sich an eine Theateraufführung, eine Fernsehshow, eine Preisverleihung, irgendeine Präsenz vor Kameras und kreischenden Fans?
Und wenn hier schon von darstellender Kunst die Rede ist, dann doch wohl korrekterweise vom Hörspiel, nicht vom Schauspiel?

Ja, kann man so sehen, muss man aber nicht, denn die Unterscheidung fällt einfach weg, sobald Gert Westphal performt. Man weiß nicht mehr, ob man hört oder sieht, man fragt nicht, was da eigentlich passiert auf den Bühnen in unseren Köpfen.
Wenn man denn von Bühnen reden soll, und nicht vielmehr von Welten. Gert Westphal ist ein Weltenschöpfer, und das ist wohl das Höchste, was man über einen Künstler sagen kann. Über Schauspieler im Allgemeinen kann man das nicht sagen, denn sie führen ja nur aus, setzen nur um, was jemand anders geschaffen hat, vorgedacht, vorgeschrieben hat. Kein darstellender Künstler aber hat es je vermocht, den Werken, die er aufführt, einen derart hohen, einen derart wirkmächtigen und zugleich unmerklichen Eigenanteil beizumischen, sie durch seine Kunst überhaupt erst als Schöpfungen in ihrer vollkommensten Form erlebbar zu machen.

 

Das Innerste spielend ins Leben rufen

Liest man in dem Huldigungsband zu seinem 70sten Geburtstag das kleine Porträt, das seine Frau Gisela von ihm angefertigt hat, dann findet man wieder bestätigt, wie rührend blind doch immer die Nächsten sind für die Größe eines Großen. Nur mit hinreichendem Abstand vom Privaten und Intimen erkennt man, erkennt der ferne Liebhaber, das Gewaltige einer Existenz. Klar, die Frau, die nächtens wach liegt, weil der Gewaltige neben ihr schnarcht wie ein abgesägter Auspuff, die denkt nicht an Goethe. Aber das ist die Liga, in die er gehört. Sie erzählt uns was vom Programmmacher, vom Hörspielregisseur, vom Radio- und Bühnenmenschen. Da ist dann von einem Kurt Hirschfeld die Rede, von Max Ophüls, Peterpaul Schulz oder Oskar Werner.
Wer aber den Privatmann nicht kannte, den Lebemenschen mit Zahnbürste und Frühstückskaffee, der nennt andere Namen, der sieht eine andere Reihe: Goethe – Fontane – Thomas Mann – Gert Westphal – und dann kommt eigentlich nichts mehr.

Gert Westphal ist kein Dichterfürst, aber ein ganz und gar Gleichrangiger: Er ist der Vollender der Werke Goethes, Fontanes, Thomas Manns. Er ist es, der sie belebt, der ihnen nach Gottes Art seinen Atem einhaucht. Und der dabei als Künstler mit seiner Eigenleistung doch nahezu unsichtbar und unhörbar bleibt.

Es sind reine Wunder, die dieser Mann vollbringt. Es ist ein wenig wie mit einem fotorealistischen Gemälde: Man kann ganz nah rangehen, und sieht immer noch nicht, dass es gemalt ist. Wenn Gert Westphal Fontanes „Unterm Birnbaum“ liest, kann man auch so nah rangehen, wie man will – man hört keinen Sprecher, der vor einem Mikrofon sitzt und Buchseiten abliest. Man sieht die alte Hexe, die Jeschke. Man sieht den in Schuld und Aberglauben sich verstrickenden Mörder Hradschek, man sieht jeden einzelnen Bauern in seinem eigenen Charakter, man sieht den argwöhnisch-galligen Gendarmen Geelhaar und den bieder-behaglichen, übergutmütigen Pastor Eccelius, und ihre jeweiligen Lebenswelten mit dazu, den Geruch ihrer Stuben, die Stimmungen ihrer Abende und Tage.

Wenn Gert Westphal Thomas Manns „Erwählten“ liest, dann hört man keinen siebzigjährigen Grandseigneur in Zweireiher und Einstecktuch, der irgendwas in ein Mikro deklamiert. Man sieht ein sechzehnjähriges Mädchen, das in heißer, blutiger Lustverwirrung vom Bruder defloriert wird, und es ist kein bisschen lächerlich, wenn sie kiekst und stöhnt und mit Kopfstimme französische Liebestollheiten flüstert.
Man sieht den vor neidisch-beleidigter Wut platzenden Flann, den roten, rohen Milchbruder des jung-feinen Gregorius, wie er ihn aus der Welt schaffen will, ein für alle Mal, wie die Stimme ihm schwillt und die Worte als Zorn und Gift aus der gesalzenen Kehle schäumen.

Man kann sich konzentrieren, wie man will: der Künstler Gert Westphal verschwindet hinter seinen Figuren, hinter seinem gesamten Werk. Der Hörer ist im Zauber und kommt nur heraus, wenn er die Stopptaste drückt.

Diese Zauberkraft kommt nicht nur aus dem Können, aus der Virtuosität, sondern mindestens ebenso sehr aus dem Verstehen, dem liebenden Wissen. Gert Westphal kann das alles so spielend ins Leben rufen, weil er es im Innersten verstanden hat. Man höre sich sein Autorenporträt Theodor Fontanes an. Allein die Auswahl und die verbindenden Kommentare erzählen und erläutern mehr über den Dichter als die meisten dickleibigen Bücher. Hört man diese anderthalb Stunden, weiß man vielleicht noch nicht alles über Fontane, aber man versteht ihn vollkommen. Nicht anders ergeht es dem beglückten Hörer mit Büchner, Lasker-Schüler, Rilke, Droste-Hülshoff, Hölderlin, Storm, Stefan Zweig.

 

Ein wirklicher Fehler Gert Westphals

Ein einziges Buch gibt es, an dem Gert Westphal scheitern musste: die Bibel. Es existiert eine Aufnahme – nur die eingeweihtesten Adepten und Aficionados haben Kenntnis davon –, die der Meister begleitend zu seiner Lesung der Josephs-Romane Thomas Manns eingelesen hat, und zwar die entsprechenden Kapitel der biblischen Josephs-Erzählung aus dem ersten Buch Mose. Und hier verhält es sich nun so … aber ich muss anders beginnen:

Thomas Mann wollte mal einen Essay über einen „wirklichen Fehler Richard Wagners“ schreiben. Im Tagebuch (5. September 1953) notiert er:
„Ins Stadttheater zu Lohengrin. […] Ein wirklicher Fehler Wagners war mir noch nie aufgefallen. Im II. Akt blasen die Fanfarentrompeter, königlich oder brabantisch, auf einem Söller des Palast-Münster-Komplexes das Gralsmotiv. Wie kommen sie dazu? Es ist nicht ihre Sache und das Symbol einer Welt, von der sie nichts wissen. Es war dem Orchester vorzubehalten und durfte nicht in der profanen Welt erklingen. […] Man sollte auf den entschiedenen dichterischen Fehler aufmerksam machen.“
Er bespricht die Sache mit Bruno Walter, der seine Beobachtung bestätigt. Trotzdem kann er sich nicht dazu durchringen, die Sache publik zu machen. In einem Brief an Viktor Reinshagen (29. September 1953) schreibt er: „Der Gegenstand ist heikel, und ich glaube doch nicht, daß ich mich öffentlich daran versuchen werde.“

Nun, mir ist nichts zu heikel, und ich muss es mir einfach von der Seele schreiben, dieses Erstaunen darüber, dass dem makellosen Gert Westphal, dem sonst nie ein Fehler unterlief, dieser so offensichtliche und gewichtige unterlief: Dass er den Bibeltext genau so las wie den Romantext. Das geht nun nicht. Man kann die Bibel nicht wie einen realistischen oder phantastischen Roman lesen, wie eine psychologische Novelle oder eine naturalistische Erzählung. Diese Vortragsweise scheitert in jedem Satz.

Man muss das treuherzig, hölzern, mit heiliger Einfalt lesen. Man höre sich vergleichsweise die Bibellesung Reiner Unglaubs an, des zweiten „Vorlesers der Nation“. Der Vergleich ist natürlich ungerecht, denn wir haben hier eine völlig andere Stimmfarbe vor uns. Eine ewig junge Stimme ist das, die eines frommen Frühromantikers, eines Novalis (muss Novalis nicht eine solche Stimme gehabt haben?). Reiner Unglaub klingt immer wie ein etwa 30-Jähriger. Schon deshalb ist er der ideale Vorleser der Bibel. Denn die Stimme der Bibel, die lautliche Verkörperung des Wortes Gottes, darf eben nicht die Stimme Gottes sein, die eines alten, gewaltigen Großvaters, eines donnernden Allmächtigen. Auch nicht die Stimme seines menschgewordenen Sohnes. Es muss die Stimme eines stillen Zeugen sein, eines Apostels und Lieblingsjüngers.

Gert Westphal aber ist nun mal Gott. Nicht der Gott. Ein Gott. Ein monumentaler Gott der Klassik, des Realismus, ein allwissender, souveräner Psychologe und Großmeister. Auktorialer Künstler durch und durch. Die Bibel aber hat – wie alle Märchen, Mythen, Sagen und Legenden – mit Kunst nichts zu schaffen. Man kann sie nicht aufführen, nachschaffen und vollenden durch noch so meisterliches Schauspiel.

Wie gerne hätte ich ihm das zu Lebzeiten schüchtern vorgetragen, um ihn dann sanft zu bitten, zum Ausgleich doch bitte noch schnell die Gesammelten Werke Herrmann Hesses aufzunehmen. Und dann noch die von Ricarda Huch und Eduard von Keyserling und …

 

Diese Stimme im dunklen Zimmer

Aber gut – ich muss mich bescheiden mit dem, was da ist (es ist ja eine Menge da, mehr als die meisten Menschen während ihres Lebens wohl überhaupt lesen), und dem, was hoffentlich nach und nach noch gefunden wird. Für Süchtige wie mich wird es natürlich ewig zu wenig bleiben. Im Wissen um diesen Mangel habe ich es mittlerweile immerhin so weit gebracht, dass ich zu bestimmten literarischen Werken meinen inneren, imaginierten Gert Westphal anzuwerfen vermag. Bei den Fontane-Büchern etwa, die er nicht eingelesen hat – L‘Adultera, Grete Minde, Graf Petöfy, Ellernklipp, Quitt –, schaffe ich es halbwegs, sie mit seiner Erzählstimme und seiner mutmaßlichen Figurenführung zu lesen. Also, das heißt: inwendig. Nie würde ich aber versuchen, etwas laut vorzulesen in der Manier des Meisters. Völlig undenkbar!

Denkbar wäre allerdings, dass andere es versuchen. Begabte und Berufene. Nachdem sie es jahrelang geübt hätten. Aber was heißt „denkbar“! Es wäre im höchsten Maße wünschbar, es ist im Grunde unabdingbar! Wenn die deutschsprachigen Länder noch irgendeinen Begriff von Kultur im Herzen oder im Hinterkopf haben, dann werden sie heute noch eine Gert-Westphal-Akademie ins Leben rufen, in Zürich oder Dresden, an welcher Talente aller Altersstufen in der Kunst des akustischen Schauspiels herangebildet werden. Natürlich wird es nie wieder einen wie ihn geben, aber in einer Zeit, da das Medium Hörbuch eine kaum je dagewesene Verbreitung erreicht hat, sollte es alle Anstrengungen wert sein, wenigstens eine Auswahl der vielversprechendsten und lernwilligsten Vortragskünstler langsam jenem Ideal anzunähern, das Gert Westphal aufgerichtet hat.

Oberstes und vordringlichstes Ziel aber bleibt das Auffinden unveröffentlichter Werke des Meisters. Wenn es nach mir geht, braucht zu meinen Lebzeiten kein einziger Roman, kein einziger gedruckter Buchstabe mehr, von wem auch immer, zu erscheinen. Aber irgendetwas Neues von Gert Westphal muss noch kommen! Es müssen noch Aufnahmen in Archiven liegen, es müssen verstaubte Bänder von Radio-Lesungen lagern in den Kellern von Sendern und Plattenfirmen. Und die werden mit den Jahren nicht besser. Hebt diese Schätze! Reinigt und restauriert sie, digitalisiert sie, und dann publiziert sie! So schnell es geht. Es ist lebenswichtig. Für mich wenigstens. Und ich weiß, ich bin nicht der Einzige. Wie vielen hat nicht diese Stimme wieder Leben eingehaucht, wenn sie verzweifelt und leblos am Boden lagen, halb entseelt von einer unheiligen, unmenschlichen Zwecken unterworfenen Gegenwart. Diese Stimme im dunklen Zimmer, die uns spüren ließ, dass Literatur und Poesie, dass Kunst und lyrische Daseinsfeier uns Kraft und Richtung geben können und ein helles Ziel, auf das sich freudig hinzuleben lohnt.

Das Feste und Festliche dieser Stimme, das umfassend Menschliche und Väterlich-Göttliche dieses großen großen Künstlers bleibt all denen, die leiden an dieser entzauberten Welt, denen auch die Zuflucht ins Religiöse verwehrt ist, die stärkste Medizin auf Erden. Und die köstlichste ohnehin.

 

 

© Marcus J. Ludwig 2020.
Alle Rechte vorbehalten.

 

 

Empfehlungen (z.B. bei buecher.de als Downloads oder CDs erhältlich):
– Thomas Mann: Leiden und Größe Richard Wagners. In: Gert Westphal liest Thomas Mann. ISBN-13: 9783844525311
– Thomas Mann: Mario und der Zauberer. In: Die großen Erzählungen. ISBN-13: 9783844511659
– Theodor Fontane: Unterm Birnbaum. ISBN-13: 4057664880376
– Autorenporträt Theodor Fontane. In: Gert Westphal liest Autorenporträts – Die große Edition. ISBN-13: 9783844534863
– Eckermann: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. In: Gert Westphal liest Johann Wolfgang von Goethe – Die große Höredition. ISBN-13: 9783844526523