Dem Tode keine Herrschaft

Letzte Worte zum Corona-Problem

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Eine Gesellschaft muss situativ und partiell zur Gemeinschaft werden können. Eine Gesellschaft muss im Innern offen bleiben für die Möglichkeit, dass Einzelne sich vorsätzlich oder spontan zu Gemeinschaften zusammenschließen und ihre Gemeinsamkeiten zu irgendeinem Ziel ausleben, und sei es nur zum Lustgewinn.

Chöre, die nicht singen, Mannschaften, die ihren Sport nicht ausüben, Gemeinden, die ihre Rituale nicht feiern, Stadien, Kirchen, Clubs, in denen Maskenpflicht, Abstandsgebot, Zugangsbeschränkungen und Plexiglasscheiben alle psychosozialen Grundbedürfnisse von der Ablenkung bis zur Ausgelassenheit blockieren, werden zu Todeszonen des Gemeinwesens.
Waren es früher in der Kneipe die besonderen, die bleibenden Momente, wenn aus Einzelnen und Grüppchen, aus einem Gewühl von Fremden eine flüchtige Arm-in-Arm-Gemeinschaft der Angeheiterten werden konnte – wenn ein Tor fiel oder um Mitternacht ein „Happy Birthday“ angestimmt wurde, so ist das heute ein Fall für Polizei und Ordnungsamt.
Und Schulen, in denen Kinder einander durch beschlagene Brillengläser als Risiko erleben, klinisch vermummt und umwölkt von Sterillium-Düften, verlieren den letzten Hauch von Lebensraum. Sie werden endgültig zu Anstalten. Falls es vor Corona noch Klassengemeinschaft gab, hat es sich nun wohl erledigt damit. Was damit untergeht, werden wir sehen.

Von allem, was einmal Gemeinschaft war, ja selbst von der Gesellschaft, bleibt nichts zurück als ein Staat.

Wenn Corona verschwinden sollte, wird etwas mitverschwunden sein, was so schnell nicht mehr zu revitalisieren sein wird.

In Thomas Manns Doktor Faustus geht es an einer Stelle darum, dass Beethovens Neunte „zurückgenommen“ werden soll.
Ein Stück Musik, ein Klangwerk, eine Sinfonie „zurücknehmen“! Das ist vielleicht das Kälteste, was je im Reich der Kunst formuliert worden ist. Man kann Bücher verbrennen, man kann Monumente niederreißen, Tempel und Dome in Trümmer bomben, Bibliotheken und Museen pulverisieren, Bilder zerfetzen. Aber eine Sinfonie zurücknehmen – das ist ein anti-prometheischer, anti-kultureller Gewaltakt, wie er brutaler und eisiger nicht gedacht werden kann. Niemand wird gefragt, niemand erhält auch nur die Chance zum Widerspruch. Sie wird zurückgenommen, sie wird weg sein, mit einer teilnahmslosen Handbewegung annulliert. Für einen Moment hängt noch ein fernes Echo verzückter Jubelchöre in der Welt, und dann wird niemand mehr ahnen, wovon hier einmal getönt und gesungen wurde. „Seid umschlungen, Millionen? Diesen Kuss der ganzen Welt?“

Mit Mund-Nasen-Bedeckung und 1,5 Meter Abstand werden garantiert keine Millionen mehr umschlungen, und keine Welt wird geküsst.
Es wird gerade etwas zurückgenommen, was womöglich nie wieder zurückgebracht werden kann: die Neunte Sinfonie des Lebens.

War es das, wogegen sich die Demonstranten auf Berlins Straßen versammelten?

Demo ohne Demokraten?

Ich habe die Demo in Berlin den Tag über immer mal wieder im Internet-TV beobachtet. Was ich gesehen habe, waren mehrheitlich keine Besessenen oder Verschwörungsmythologen. Aber es war ganz sicher auch nicht die berühmte „Mitte der Gesellschaft“. Die Mitte der Gesellschaft sieht man, wenn man am Samstag um 12 Uhr mittags zu IKEA geht.
Aber abgesehen davon, dass die Leute, die da durch Berlin zogen, eher jene Besonderen waren, die man früher, vor 35 Jahren, bei den Grünen angetroffen hätte, waren es unbestreitbarerweise einfach ziemlich wenige Leute. Es waren ungefähr so viele wie bei der ersten Demo Anfang August, ein paar mehr. Es war keine nennenswerte Entwicklung erkennbar. Es ist kein Signal ausgegangen von dieser Veranstaltung, das irgendeinen Politiker zum grundlegenden Umdenken veranlassen müsste.

Wenn man um 12 Uhr mittags weder zur Demo noch zu IKEA geht, sondern das Radio einschaltet, kann man übrigens hören, was eine Professorin der Münchner Bundeswehr-Uni so denkt und meint. Die Historikerin und Demokratieforscherin Hedwig Richter wusste mitzuteilen, dass diese Demonstranten natürlich „Demokratiegegnerinnen und -gegner“ seien (DLF Kultur, Studio 9, 28.08.2020). „Und, was ich auch ganz wichtig finde: Diese Querdenkerinnen und -denker, die da kommen, die sind ja ohnehin nicht Demokraten in unserm Sinne. Wenn da jetzt die Demonstration verboten wird, welchen Glauben sollen die denn verlieren?“ (ab 4min24sec)

Immerhin zeigte sich der Moderator etwas irritiert, ja, er widersprach sogar ein wenig, was für DLF-Journalisten, die SZ-/taz-/Zeit-Autorinnen befragen, mittlerweile schon recht bemerkenswert ist.

Das atemberaubendste Argument für die staatlichen Freiheitsberaubungsmaßnahmen trug die „erst spät zur Maske Bekehrte“ mit den folgenden Worten vor:
„Die zentrale Aufgabe des demokratischen Staates ist es, die Würde des Menschen zu schützen. Und ohne Gesundheit und ohne Leben fehlt die Grundlage dessen.“ (ab 2min24sec)

Da ich davon ausgehen muss, dass nicht alle Leser das so evidentermaßen dämlich finden wie ich, muss ich es wohl aussprechen: Dieses Argument ist deshalb dämlich, weil sich – wie immer, wenn die Würde des Menschen ins Spiel kommt – schlichtweg alles damit begründen lässt. Wenn man das ernst nähme, müsste der Staat eben alles abschaffen, was potenziell krank oder tot macht: Autos, Alkohol, Sex, Freeclimbing, Messer, Zucker, Krankenhäuser. Jede Verhältnismäßigkeit, jedes Abwägen wird angesichts einer gefährdeten Würde außer Kraft gesetzt.

„Trag deine Maske, sonst gefährdest du die Würde deiner Mitmenschen!“ – Ich finde keine Worte für mein Erstaunen darüber, auf welcher reflexiven Schwundstufe (gewiss nur vereinzelte) Lehrstuhlinhaber deutscher Hochschulen heute laborieren. Aber ich habe Frau Professor Richter ohnehin schon viel zu viele Worte gewidmet.

Die Zusammensetzung der Demos stimmte mich aber, wie gesagt, auch nicht sonderlich optimistisch. Es hätten zu den vierzigtausend Ex-Grünen und den vierhundert Reichsbürgern noch vierhunderttausend IKEA-Familien da sein müssen, dann bestünde Hoffnung. Aber vielleicht darf man auf die „Mitte der Gesellschaft“ einfach nicht warten. Diese zivilen Mittelmenschen, die man früher Bürger nannte, gibt es ja ohnehin so gut wie gar nicht mehr.

Banalitäten

Mein voriger „Corona-Text“ hat mir viele Leser-Mails eingebracht. Ich frage mich, was das für Leute sind, die mir schreiben. Sind das die, die ich da im Fernsehen sah? Wohl eher nicht, ich glaube, es sind eher jene, die nicht auf solche Demos gehen. Ich selbst bin ja auch nicht nach Berlin gefahren, sondern begnüge mich damit, vom Sessel aus zuzusehen.
Ich empfange Nachrichten aus verschiedenen Teilen der Republik, man schreibt mir unerwarteterweise aus halb Europa, gar aus Übersee, und aus vielen Schreiben spricht Erleichterung darüber, dass denen, die an dem ganzen Irrsinn ersticken, endlich mal einer ihr Gefühlsleben in Worte gefasst hat. Aus anderen spricht die pure Verzweiflung. Ich habe hier und da versucht, diesen Menschen etwas nicht ganz und gar Pessimistisches zu antworten, und es gibt ja auch tatsächlich Phasen, wo man glauben mag, dass noch nicht alles verloren ist.

Aber dann geht man nach langer Zeit mal wieder mit Freunden ein paar Bierchen trinken und ahnt, dass eben doch alles verloren ist. Die Kneipe zeigt das Ambiente einer Notaufnahme. Das Bier, das der maskierte Typ einem bringt, nachdem er eine umfangreiche behördliche Unterweisung heruntergeleiert hat, bekommt die Anmutung einer hochinfektiösen Urinprobe. Und wer zum Klo will, muss einen absurden Rundlauf durch das Lokal absolvieren, damit er keinem anderen Seuchenopfer irgendwie zu nahe kommen kann.

Eine Epoche ist versunken innerhalb von Monaten. Die Erinnerung an gedrängtes Leben, an unbeschwertes, unbedachtes, unhygienisches Miteinander, an schummerige Läden, in denen gelacht, gesoffen, gegrölt, geflirtet wurde, ist die Erinnerung an eine verlorene Zeit. Selbst die ungeselligsten Käuze, die die Bars und Clubs der Stadt immer als Bühne zur Vorführung ihrer Coolness nutzten, wollten es wohl nie so kalt, wie es heute ist.

Ist das Sentimentalität oder berechtigte Trauer? Abgesehen von persönlichen Verlusten, die ich in meinem Leben hinzunehmen hatte, und abgesehen von allem, was die Menschen den Tieren Tag für Tag antun, ist diese neue Scheißnormalität das Deprimierendste, was ich je erlebt habe. 9/11 war surreal schockierend. Tschernobyl war ein verstörender Horror, der Tsunami von 2004 war derart empörend, dass man die Fäuste recken wollte gegen den leeren Himmel. Aber wenn je das Gefühl am Platze war, dass nichts mehr so sein wird wie zuvor, dann in diesem Corona-Jahr 2020.

Dass Terror und Naturkatastrophen schlagartig riesige Zerstörungen und unnennbares Leid zeitigen, ist immerhin im Bereich des Ahnbaren. Dass aber eine solche freiwillige soziale und ökonomische Selbstdemontage durch eine offenbar unkorrigierbare Überreaktion je Wirklichkeit werden könnte, dass man je in einen derart kafkaesken Sciencefiction-Albtraum geraten könnte, war für mich jenseits jeder Vorstellung.

All diese Lebenslähmung aus psychotischer Achtsamkeit, all dieses sinnlose Aufgeben wohlig-menschlicher Trivialität, geselliger Banalität. Ehedem lächerliche psychosoziale Spießerideale wie Gemütlichkeit und Behaglichkeit werden auf einmal erkennbar als elementare Stabilisatoren der Seele, ohne die das Dasein reduziert ist auf das Ausführen von Vorschriften, herabgestimmt auf eiskalte Keimfreiheit.
Die Welt war widerlich genug damals, es gab genug zu beklagen und zu bekämpfen. Aber es gab Reste von Zauber darin, stillstehende Zeit, vollständige Gesichter, die im Vorbeihuschen ihre Geschichte erzählten, Augenblicke, Ansatzpunkte für Illusionen. Der warme Septemberglanz der Normalität war vielleicht nicht ganz so banal, wie wir früher dachten, vielleicht war er mit das Wichtigste am Leben.

Rausch und Drang

Jemand schrieb mir zum Essay „Die Schuld der Schafe“, ich werde vielleicht noch bereuen, was ich da im Rausch hinformuliert und veröffentlicht habe. Nun, ich schreibe zwar so gut wie nie im Rausch, aber bereuen tu ich die Veröffentlichung irgendwie schon jetzt. Ich würde eigentlich lieber mit schönen Texten über schöne Dinge Aufmerksamkeit erregen. Dass meine „Fifteen minutes of Fame“ auf einem solchen Verzweiflungsprodukt beruhen, behagt mir nicht sonderlich.

Aber ich fühlte mich gedrängt, gezwungen, etwas zu tun – und „tun“ heißt für den Schriftsteller nun mal vor allem „schreiben“ –, und mir scheint, viele fühlen sich gerade gedrängt, irgendwie zu handeln. Die Entwirklichung ihres Alltags zwingt sie wie mich ins Politische. Ich dachte immer, der politische Hauptkampf meines Lebens wäre der für die Rechte der milliardenfach gequälten Tiere. Aber es verdichtet sich der Eindruck, dass wir wohl erst einmal für die Erhaltung eines Rahmens kämpfen müssen, in dem solche Anliegen überhaupt noch eine Rolle spielen können. Man spürt, dass es ums Ganze geht. Das Ganze, in dem Arbeit, Feiern, Literatur, Musik, Liebe zur Natur, Engagement für unsere Mitgeschöpfe, Urlaub, Geselligkeit noch Sinn ergeben.
Der Rahmen für ein sinnvolles, zumindest potenziell sinnvolles Leben ist in Auflösung begriffen. Wo es vor Kurzem noch allein die Rechten waren, die sagten: es kann doch nicht wahr sein, dass wir Millionen illegale Migranten in unser Land lassen, es kann doch nicht wahr sein, dass wir auf jedem Hügel ein Windrad aufstellen, es kann doch nicht wahr sein, dass wir eine ideologisierte Sternchensprache schreiben sollen, es kann doch nicht wahr sein, dass Staatsfernsehen und Qualitätsmedien uns statt Informationen immer öfter „korrekte“ Meinungen und Haltungen unterjubeln wollen, da geht heute quer durch die politische Geographie ein verbindendes Nichtwahrhabenwollen. Menschen aller Couleur sind deprimiert, ohnmächtig und zornig, dass Freiheiten, Grundrechte, Normalitätsvorstellungen, Lebensbedingungen abgeschafft werden wegen eines Krankheitsgeschehens, das es – nicht genauso, aber doch in vergleichbarer Größenordnung – jedes Jahr zuvor auch immer gegeben hat.

Warten auf den Abwehrzauber

Wenn ich eben sagte, es gehe vielen so mit ihrer Verzweiflung und ihrem Drang, irgendwie aktiv zu werden, dann muss ich wiederum schleunigst relativieren: Es geht eben vielen überhaupt nicht so. Den allermeisten geht es nämlich ganz anders. Das ZDF-Politbarometer (28.08.20) vermeldet 88 Prozent Zustimmung zu den derzeit geltenden Corona-Maßnahmen, 28 Prozent wollen sogar, dass sie härter ausfallen. Viele von denen sitzen offenbar in Schulen, wie mir zugeleitete Rektorenbriefe an Eltern beweisen, in denen trotz stellenweise wieder gelockerter Maskenpflicht dazu aufgefordert wird, die Kinder doch aus Solidarität weiterhin zum Masketragen anzuhalten. Wenn die Landesregierung zu lasch ist, müssen halt sozialistische Grundwerte die kleinen Superspreader unter Kontrolle halten. Und dagegen formiert sich kaum Widerstand.

Freunde, die an Unis arbeiten, berichten mir ebenfalls, dass sich bei denen gar nichts regt, keine Initiativen, in denen sich Kritik organisieren würde. 500 Professoren, tausende Wissenschaftler auf einem Haufen (wenn auch momentan räumlich separiert), und alle schweigen, sind einverstanden oder zu bequem, die obrigkeitlichen Anordnungen in Frage zu stellen.
Man könnte fast mutmaßen, dass es all den Mitläufern mental sehr gut geht mit der Corona-Normalität. Vielleicht sind das einfach die Anpassungsfähigen, die evolutionär vorteilhafter Ausgestatteten, die Robusten, die die Irrsinnszeit frohgemut durchstehen werden, das Beste draus machen, während die trauernden romantischen Sensibelchen halt, je länger es dauert, einfach eingehen werden.
Was all die Schulleiter und Unidozenten dann demnächst machen, wenn der Staat sie nicht mehr bezahlen kann … wir werden sehen.

Ich habe meine demoskopischen Messstellen, ich habe zwei Familien in meinem Bekanntenkreis, die – zusammengenommen und gemittelt – in nahezu jeder Hinsicht den Mainstream abbilden. Wenn ich deren Meinung zu Corona und allem, was damit zu tun hat, einhole, dann ist das hundertprozentig repräsentativ. Die Kohle, die das ZDF fürs Politbarometer raushaut, kann es ebenso gut mir überweisen, ich würd die Daten sogar für den halben Preis liefern. Wenn meine nationalpsychologischen Labormäuschen sagen, Masken sind notwendig, und sie wollen gar nicht ohne Mund-Nasen-Bedeckung in einen Supermarkt gehen; wenn die sagen, die Pandemie geht weiter, die Zahlen steigen, könne man doch jeden Tag in der Tagesschau sehen …; wenn die sagen, die Demonstranten von Berlin sind alles durchweg Spinner und Nazis; wenn die sich trotz meiner Bitte den Talk im Hangar nicht anschauen, die Beiträge von Gunter Frank nicht lesen, John Ioannidis nicht zur Kenntnis nehmen wollen; wenn meine deutschen Durchschnittsfamilien weiterhin Angst haben, wenn sie den regierenden Politikern und den regierenden Medien weiterhin ohne jede Skepsis vertrauen, dann ist das die realistische Lage, von der man auszugehen hat. Meine Musterbürger haben mich noch nie enttäuscht. Und aufgrund dieser bewährten Privatstichprobe bin ich im Besitz des Wissens um die nähere Zukunft. Und die sieht so aus:

Der ganze Wahnsinn geht mit Aufs und Abs so weiter, bis es einen Impfstoff gibt. Das ist das magische Elixier, auf das sich die Erlösungshoffnungen richten. Ob der Zauberstoff was bringt oder nicht, wird sekundär sein, es geht einfach um das beruhigende Gefühl, dass es dann eine materielle medizinische Antwort auf die unsichtbare allgegenwärtige Bedrohung gibt. Einen flüssigen Abwehrzauber gegen den Atem der Andern. Eine Spritze gegen die Angst. Einen Pieks gegen den Tod.
Meine Repräsentanten geben übrigens an, dass sie sich selbst wohl eher nicht impfen lassen würden.

Natürlichkeit

Aber: Es wird natürlich mit schöner Regelmäßigkeit eine neue virale Sau durchs Dorf getrieben werden. Alle Jahre wieder. Viren so wie Bakterien sind nun mal seit Ewigkeiten fester Bestandteil unserer Umgebung, ja unseres Körpers.
Man warf mir vor, dass ich einer „Natürlichkeit“ das Wort rede, so als müsse man die Erreger und das Leid, das sie über die Welt bringen, hinnehmen wie Erdbeben, Heuschrecken, Mondphasen und Haarausfall. In der Tat ist das mit der Natürlichkeit ein heikler Punkt …

Also nochmal: Die ganz überwiegende Risikogruppe besteht derzeit aus Menschen über 80 mit mehreren schweren Vorerkrankungen. Wir reden von Menschen, die pflegebedürftig sind, die höchst anfällig sind für alles, was ein starkes, vitales Immunsystem noch abzuwehren in der Lage wäre. Und es ist nun leider in der Tat „natürlich“ – ein Rest von (sehr unschöner) biologischer Natur in unserer denaturierten Welt –, dass irgendein belangloser Keim diesen Menschen den Rest gibt.
Man muss die Viren selbstverständlich nicht machen lassen, was sie wollen, man darf sich schon zur Wehr setzen. Mit geeigneten Mitteln. Mit Mitteln, deren Folgen nicht schädlicher sind als das Krankheitsgeschehen selbst.

Man muss die Risikogruppen schützen, also die Alten oder sonstwie Immungeschwächten. Ich sehe nicht, dass ich je etwas anderes behauptet hätte. Ich schrieb ja, dass man den Gesundheitsminister (nebst Vorgängern) dafür zur Verantwortung ziehen müsste, dass er die Hygienestandards in Pflegeheimen und Kliniken nicht verbessert hat. Und ich wiederhole die Frage meines vorigen Textes: Wie wollen wir in Zukunft handeln, wenn wir den heutigen Maßstäben irgendeine Gültigkeit zumessen?

Stellen wir uns vor, das Corona-Virus wird morgen ausgerottet. Gefahr gebannt, Alptraum vorbei. Uff.
Und dann kommt – so wie jedes Jahr, natürlicherweise – der grippesaisontypische Virencocktail (Influenza, Rhinoviren, herkömmliche Coronaviren), und die Menschen sterben – so wie jedes Jahr – zu Tausenden und Zehntausenden. Werden wir dann die gleichen Maßnahmen treffen wie 2020?
Wenn die Entscheidungskriterien dieses Jahr richtig sind, dann müssen sie nächstes Jahr auch gelten. Das einzige Argument, das man dagegen anführen könnte, wäre, dass man doch eine „normale“ Grippesaison nicht mit diesem Corona-Jahr vergleichen könne, weil nun mal Corona – dem herrschenden Narrativ entsprechend – unvergleichlich viel schlimmer sei. Damit wären wir dann aber bei genau der Sachdiskussion, die ich einfordere, die ich – allen mitteleuropäisch-aufklärerischen Gepflogenheiten zum Trotz – allen Ernstes erst einfordern muss, weil sie verrückterweise kaum geführt wird. Und sie wird deshalb nicht geführt (oder nur in Nischen geführt), weil unsere Öffentlichkeit in einer so bedauernswürdigen Verfassung ist.

Ist Corona so viel schlimmer als die üblichen saisonalen Atemwegserkrankungen? Nach meinen Informationen: Nein. Das heißt nicht, dass es harmlos ist. Es ist schlimm genug. Aber es heißt, dass es sich nicht um die Spanische Grippe handelt, nicht um die Pest oder die Cholera.
Es heißt, dass es sich um etwas handelt, dass man verleugnen kann. Verleugnen muss.

Verleugnung

„Mittels Verleugnung lässt sich die Wahrnehmung realer Sinneseindrücke und deren Bedeutung für das Individuum ignorieren. Bedrohliche Stücke äußerer Wirklichkeit können auf diese Weise als nicht existent anerkannt […] werden. Bei der Verleugnung handelt sich also um das innerpsychische Pendant zum Abwenden des Blickes von einer Gefahrenquelle. Dieser Mechanismus ermöglicht es dem Individuum, bewusste oder vorbewusste bedrohliche Inhalte […] dem Bewusstsein zu entziehen. Die Abwehr durch Verleugnung ist also eine […] Schutzreaktion, mit der die Person einer unangenehmen Wahrheit die Aufmerksamkeit, ja sogar den Realitätsstatus, entziehen kann. […] Ein als nicht pathologisch zu wertender Einsatz von Verleugnungsabwehr lässt sich beim Erwachsenen beobachten, beispielsweise in Form von der Verneinung, dass einem selbst keine schweren Unfälle oder Gewaltverbrechen zustoßen werden („Mir passiert so etwas nicht“).“
(Wikipedia, Artikel „Verleugnung“)

Wenn ich hier von Verleugnung spreche, dann meine ich den oben genannten Aufmerksamkeitsentzug, das Abwenden des Blickes. Nicht das Bestreiten der Realität. Leute, die den Realitätsstatus des Coronavirus bestreiten, sind keine Leugner, sondern eben „Bestreiter“.

Verleugnung aber ist ein elementarer Abwehrmechanismus, ohne den wir nicht überlebensfähig wären. Wir müssen ignorieren, dass uns jederzeit, in jeder Sekunde der Tod ereilen kann. Wir müssen dieser Tatsache, der wir uns sehr wohl willentlich bewusst sein können, die psychische Energie, also die Aufmerksamkeit entziehen.

Wem diese reife Abwehrfähigkeit fehlt, der leidet an einer schweren psychischen Störung. Wer seine Aufmerksamkeit immerzu auf die Gefahren, die Unannehmlichkeiten, die potenziellen Todesursachen richtet, muss in katatonische Bettlägerigkeit verfallen. Und selbst dann muss er befürchten, dass ihm die Decke auf den Kopf fällt oder dass einfach so sein Herz stehenbleibt. Und diese Dinge passieren ja, jeden Tag, tausendfach.

Wir müssen bestimmte reale Gefahren aus dem Lichtkegel unseres Bewusstseins fernhalten. Nach Maßgabe der Verhältnismäßigkeit. Nach Maßgabe einer lebensrealistischen Risikobewertung.

Die Grippewellen der letzten Jahre liefen für alle Nichtmediziner gewissermaßen unterm Radar. Obwohl man irgendwie am Rande mitbekam, dass sehr viele erkrankt waren, und auch da schon hätte wissen können, dass tausende Menschen in Krankenhäusern und Altenheimen starben. Man wollte es nicht wissen. Man sah nicht genauer hin. Man verleugnete es. Irgendwann gab es dann mal eine Meldung in den Nachrichten, dass etwa 25000 Menschen gestorben seien. So wie in manchen Jahren zuvor auch schon.
Man erschrak, dann sah man woanders hin und verleugnete den Tod. Damit man leben konnte.

„Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tode keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken.“ So heißt es an zentraler Stelle von Thomas Manns Zauberberg. Zwar wird dieser „Ergebnissatz“ von Hans Castorps Schneetraum im Nachgang ein wenig ironisiert, aber ich will ihn hier mit vollem Pathos stehen lassen. Als Bekenntnis.

Fiat sanitas et pereat mundus?

Man fragt mich nach meinen Angehörigen. Ob ich auch so kaltherzig und rationalistisch wäre, wenn es meine eigenen Eltern beträfe. Nun, ich habe mehrere Verwandte, die zur gefährdeten Altersgruppe gehören, aber nicht extrem vorerkrankt sind. Mein Schwiegervater ist über 80, und dabei fitter als ich. Ich würde es nicht drauf ankommen lassen, aber ich schätze, er würde dem Coronavirus locker trotzen.
Solche Leute sind aber auch nicht die „Zielgruppe“. Es geht um Menschen am Ende ihres Lebens, also pflegebedürftige Greise, die an Herzschwäche, Diabetes, Krebs leiden, und für die ist beinahe jede Infektion ein Todesurteil. Wenn man sie dann auch noch invasiv beatmet, ist die Chance extrem gering, dass sie sich noch davon erholen, um sich dann noch ein halbes Jahr so hinzuschleppen. Dass es auch den einen oder anderen Fünfzigjährigen erwischt, ist wahr, gehört aber in die Rubrik „Ausreißer“. Der eine ketterauchende Onkel, der hundertzehn geworden ist, widerlegt auch nicht die Lungenkrebsstatistik. Abgebrühte Statistiker sprechen von „anekdotischer Evidenz“. Jedenfalls dürfen Einzelschicksale nicht staatliches Handeln bestimmen.

Ich weiß nicht, was manch einer aus meinen Texten herausliest, aber ich bin keiner, der mit intellektueller Coolness seine Spielchen mit dem Tod spielt. Ich habe meinen Vater sterben sehen. Ich weiß sehr genau, dass das kein Spaß ist. Aber ich bleibe dabei, dass es Dinge gibt im Leben, die wir ab einem bestimmten Stadium nicht mehr verhindern können. Es gibt Tragik, es gibt sinnlose Unausweichlichkeit. Es gibt den Skandal des Todes. Und wir können uns nur in menschlichen Maßen dagegen auflehnen. That’s life.
Klar, man kann die Gefährdeten rechtzeitig, bevor ihnen irgendein Virus zu nahe kommen kann, in absolut keimfreie Räume sperren, ohne direkten Kontakt zur Außenwelt. Wir könnten viele Tode verhindern, um Jahre vielleicht aufschieben. Indem wir am besten alle Menschen in separaten, aseptischen Edelstahlcontainern leben lassen. That’s death.

Die entscheidende Frage ist die nach der Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen: „Fiat sanitas et pereat mundus?“ Das scheint derzeit der moralische Anspruch der Bevölkerungsmehrheit zu sein, und die Politiker handeln mehrheitlich danach. Den Tod vermeiden, um jeden Preis.
Auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: Die Höhe der Kosten, die Höhe eines angemessenen Preises, ist es, was wir als Gesellschaft diskutieren müssen. „Und wenn die Welt zugrunde geht“, scheint mir ein zu hoher Preis zu sein.

Was wollen eigentlich die Alten?

Nochmal: Man soll die alten Menschen in den Heimen und die vielen, die jeden Tag allein in ihren Wohnungen verbringen, nicht leichtfertig sterben lassen. Die Pflegerin, die der Omi morgens und abends die Beine wickelt, soll eine Schutzmaske tragen, sich die Hände desinfizieren etc.
Dann wird die alte Dame trotz fortgeschrittener Herzschwäche vielleicht 87. Niemand würde sagen: „Quatsch, 84 ist genug, die Pflegerin soll keine Maske tragen.“

Vielleicht aber will die Omi gar nicht drei weitere Jahre leben, in denen der einzige Mensch, den sie täglich sieht, ein maskiertes Gesicht und eine dumpfe Stimme hat. Man könnte sie behutsam fragen und sie entscheiden lassen. Vielleicht will sie lieber nur ein Jahr, in dem sie jeden Tag ein Lächeln geschenkt bekommt, und ein vertrautes Gesicht sieht, mit vollständiger Mimik, vollständigen Gefühlen.

Muss ich irgendjemandem erklären, was das menschliche Gesicht für die menschliche Seele bedeutet? – Man muss kein Experte für das Facial Action Coding System sein, um zu ahnen, was die auf Dauer gestellte Maskierung den alten Menschen antut. Von Kleinkindern, die in eine solche Normalität hineinwachsen, ganz zu schweigen.

Eine Insel der Verhältnismäßigkeit

Man erinnerte mich mahnend an die Staaten, die von den Herren Trump, Putin, Erdogan und Bolsonaro geführt werden, und fragte mich, ob ich mich in den Machtbereich und unter die Normalitätsvorstellungen dieser Herren begeben möchte.
Nein, möchte ich nicht.

Ich möchte lieber die Normalitätsvorstellungen im weniger autokratisch geführten und wesentlich sympathischeren Königreich Schweden anführen:
Ich halte einen optimierten schwedischen Weg für vertretbar, optimiert, insofern die Alten- und Pflegeheime besser geschützt werden müssen (wie der Staatsepidemiologe Anders Tegnell ja bereits eingeräumt hat).
Für mich ist es einigermaßen ermutigend, zu wissen, dass es irgendwo auf diesem durchgeknallten Planeten noch eine Insel der Verhältnismäßigkeit gibt.
Man nehme zur Illustration den Weltspiegel vom 23. August (ja, auch die öffentlich-rechtlichen Propaganda-, Paranoia- und Panikmedien haben ihre hellen Momente): Link

Die Schweden sind als Völkchen wohl generell erwachsener und stabiler. Das, was Erich Fromm den Sozialcharakter nannte, ist hier in sich gefestigter, weniger anfällig für emotionale Extreme. Es gibt hier eine gereifte Bürgerlichkeit, und ein kluger Mann wie Tegnell weiß, dass er solche Bürger weitgehend in eigener Verantwortlichkeit handeln und leben lassen kann. Auch in Schweden gibt es Maßnahmen, Einschränkungen, Verbote. Aber eben in realistischerem Verhältnis zur Bedrohungslage. Man achtet auf Hygieneregeln, Händewaschen, Abstandhalten etc. Wer in Sorge ist und sich über die Gebote hinaus schützen will, kann eine Maske tragen, wer nicht, der lässt es. Ganz einfach.

Und nun? Was tun?

1.  Am besten nach Schweden auswandern. Wenn das nicht möglich ist, wenigstens öfters nach Schweden blicken. Den Menschen von Schweden erzählen. Sich eingehend mit dem schwedischen Weg befassen. Die Zahlen, Daten und Fakten studieren, damit man sie in Diskussionen parat hat. Sich am Samstag um 12 Uhr vor den nächsten IKEA stellen, und den Menschen aus der Mitte der Gesellschaft von schwedischer Lebensart und schwedischem Pandemiemanagement vorschwärmen.

2.  Das Buch „Was tun?“ von David Engels lesen und den größeren Zusammenhang sehen. Der größere Zusammenhang heißt: Dekadenz des Westens, Niedergang der politischen Vernunft, Abbau des abendländischen Menschentums.
Phänomene wie die Corona-Hysterie offenbaren die Schwächen einer degenerierten Kultur. Es ist noch nicht die finale Schwäche, bei der die moralpolitischen Immunantworten einfach unterbleiben würden, es ist die überschießende Reaktion im letzten Aufbäumen eines mehrfach vorerkrankten Gesellschaftskörpers. Dazu kommen immer öfter Autoimmunreaktionen, bei denen das Eigenste und Innerste als Feind missverstanden wird.

Die abendländischen Kulturen und ihre überseeischen Filialen sind ganz wie die Menschen, die wir in jeder Innenstadt und auf jedem Trash-Sender beobachten können: entseelt, gemästet, übersättigt, geistig verflacht, emotional zugleich abgestumpft und überreizt. Verpöbelt und gekünstelt. Denaturiert und dekultiviert. Also zivilisiert. Aber auch das eben nicht mehr im Sinne echter Bürgerlichkeit, sondern im Sinne bloßer Mitgliedschaft in einem zusammenhangslosen Verband. Einem Staat, der keinerlei Ziel hat, keinen Sinn außer sich zu erhalten als kapitalistisches Konsumentenkollektiv. Verbrämt und dekoriert mit kitschigem Moralismus.

David Engels Antworten gehen größtenteils in die Richtung: Rückzug, Rückbesinnung auf das Wesentliche, Warten bis es vorbei ist, Rettungsinseln schaffen, auf denen die abendländische Kultur die finstere Zeit überdauern kann. Aufs Land ziehen, mit Gleichgesinnten ein System der Selbstversorgung errichten, den Irrsinn, der irgendwann in Katastrophen und kriegsähnlichen Wirren münden muss, sich austoben lassen. Der historischen Konsequenz ihren Lauf lassen.
Es lohnt sich, darüber nachzudenken. Es klingt sehr düster, vielleicht ist es nur realistisch.

3.  Sich im Aufbau einer „alternativen Öffentlichkeit“ engagieren.
Ja, es gibt sie bereits: eine „Gegenöffentlichkeit“, und sie wird mit den Jahren immer stärker. Aber sie ist immer noch viel zu schwach, um all jene zu erreichen, die nicht aktiv nach ihr suchen. Das liegt vielleicht auch daran, dass sie ihrer Logik nach innerhalb der Spielregeln des Mainstreams bleibt, indem sie eben gegen die Verlautbarungen, die Narrative, die Haltungen der mächtigen, diskursbestimmenden Medien anarbeitet. Vielen Menschen ist nicht recht wohl in dem Gefühl, einer oppositionellen Minderheit anzugehören, und sie fremdeln daher mit so ungewohnten Medien wie etwa der „Achse des Guten“.

Eine echte alternative Öffentlichkeit muss eine positive Parallelwelt erschaffen, ihre Akteure müssen jetzt schon aus einer Position der vorweggenommenen Hegemonie der Vernunft schreiben und senden. Sie müssen so produzieren, als seien sie in der Mehrheit.

Reaktion ist zu wenig. Wer sich die Tagesschau ansieht, Panorama, Maybritt Illner oder NTV, wer den Spiegel liest und die FAZ, wer den DLF und den WDR hört und dann immer nur reagiert, korrigiert, polemisiert, der akzeptiert, dass diese systemkonformen Redakteure, Moderatoren, Kommentatoren sozusagen die legitimen Vermittler der Realität sind. Er bestätigt ihre Macht.
Eine Plasberg-Sendung zu besprechen, ist reine Energieverschwendung, so etwas dürfen die alternativen Medien nur ausnahmsweise tun. Als kopfschüttelnden Seitenblick auf die Freaks von gestern.

Vorerst aber setzt die Tagesschau – ob es einem passt oder nicht – noch immer die Nulllinie der Normalität. Die Talkshows (vor allem deren Themen- und Gästeauswahl) kalibrieren das öffentliche Klima. Wer über das Heute-Journal gebietet, beeinflusst maßgeblich das alltägliche Weltgefühl der Menschen.
Einflussreich und wirkmächtig ist, wer über das Gerede, das Aufregungslevel, die politischen Intuitionen und Reflexe, den Raum des Vorstellbaren, kurz: wer über die Tagesthemen entscheidet.

Die Hauptsache muss daher sein, andere Tagesthemen auszuwählen, eine andere Realität mit neuen und besseren Spielregeln zu erschaffen. Die Bullshit-Medien zu ignorieren. Eine Öffentlichkeit herzustellen, für die das Zeitalter Anne Wills und Anja Reschkes schon vergangen ist und keine Rolle mehr spielt.
Indubio ist ein Anfang. Der Talk im Hangar ist ein Anfang. Viele begeisterte, idealistische Amateure wagen Anfänge. Aber es muss mehr, viel mehr kommen.

Die Corona-Situation zeigt mehr Menschen als je zuvor, was sie von der Realitätsvermittlung der Systemmedien zu halten haben. Hier liegt Potenzial, das organisiert und genutzt werden muss. Es müssen doch Leute darunter sein, die motiviert und fähig genug sind, um sich professionell publizistisch zu betätigen. Es müssen Reiche, Superreiche, Milliardäre darunter sein, die Projekte finanzieren können, um somit wirklich etwas in Bewegung zu bringen.

Ich bin kein großer Freund des Konstruktivismus. Aber eines ist sicher: Dass die mentale Wirklichkeit, in welche die Menschen ihr Bewusstsein täglich einzupassen versuchen, eine hochgradig konstruierte ist. Man könnte sie besser konstruieren: menschlicher, wahrhaftiger, unideologischer, komplexer, authentischer, naturgemäßer, schöner.

Probleme vom „Corona“-Typus werden nicht gelöst. Sie verschwinden. Sie verschwinden dadurch, dass man sie nicht mehr für ein Problem hält.* „Man“ bedeutet: ausreichend viele. „Man“ bedeutet: Zeitgeist. „Zeitgeist“ bedeutet: Äther aus Stimmen, die Stimmungen verbreiten, multiplizieren, massenhaft innere Stimmen assimilieren. Medial gestimmtes Bewusstsein. Medial induziertes Gefühl.

Es bedarf einer enormen psychischen Abwehrleistung, um zehntausende Tote nicht für ein Problem zu halten. Aber die Menschen können das, zweifellos. Sie beweisen es tagtäglich. Indem sie noch ganz andere Dinge verdrängen, verneinen, verleugnen.

 

 

* Für alle, die sich an der Stelle aufregen werden: Ich sage nicht, dass das Virus verschwindet, sondern dass das Problem verschwindet. Das Corona-Problem ist eben nicht das Virus, sondern das panische Starren auf das Virus. Das Virus ist ein Problem für Virologen, Epidemiologen, Public-Health-Experten. Und natürlich für Menschen, die schwer erkranken. Für die Gesellschaft ist es so wenig ein Problem wie jede andere saisonale Atemwegserkrankung. Könnte es zumindest sein.

 

 

© Marcus J. Ludwig 2020.
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