Das Selbstredende aussprechen

Man wies mich darauf hin, dass im vorigen Text eine eklatante Unausgewogenheit herrsche, da ich zwar wortreich die Probleme der armen, unterdrückten Rechten beklagte, aber kein Wort über die toten oder bedrohten Ausländer, Migranten, Muslime oder sonstwie Andersaussehenden, Andersgläubigen verlöre.

Nun, ich gehöre zu den Menschen – es sind wohl vorwiegend Männer – denen es schwerfällt, ja, denen es peinlich ist, das Offensichtliche und Selbstredende auszusprechen. Liebesschwüre, während man liebt, Entschuldigungen, wo man schon kniet und den Kopf senkt, Trauerbekundungen, während man weint. Und je mehr man sie drängt, je mehr man sie nötigt, „nun sag es doch, nun sprich es aus, damit wir sicher sein können, dass deine Tränen echt sind“, desto verstockter werden sie, pressen die Lippen zusammen und halten sich abseits von denen, die sich medienwirksam versammeln, um öffentlich zu greinen und im Kerzenschein ihre Stimme zittern zu lassen.

„Wir müssen solche Dinge laut sagen“, sagt Anthony Hopkins als C. S. Lewis in dem schwermütig-lebensschönen Film Shadowlands während eines Zuggesprächs mit einem ehemaligen Studenten. Der erzählt von seinem verstorbenen Vater:
„Ich habe ihn sehr geliebt.“
„Hat er das gewusst?“
„Ich glaube schon. – Ich denke, er wusste es.“
„Ja … wir müssen solche Dinge laut sagen! Der Augenblick verfliegt schnell. Und dann sind wir wieder allein.“
Die Szene begleitet mein inneres Selbstgespräch seit vielen Jahren, als Mantra und Mahnung gegen starrsinnige Verschlossenheit.

Aber Dinge laut sagen heißt nicht, vor Kameras für die Öffentlichkeit ein Sprüchlein vortragen, ein Statement, dessen Subtext nur sagt: Seht her, ich stehe auf der richtigen Seite. 

Ja, ich spräche bei passender Gelegenheit gewiss jedem Hinterbliebenen von Angesicht zu Angesicht aus, was ich in Worten laut auszusprechen vermag angesichts des maximal Schmerzhaften und maximal Sinnlosen. Aber ganz sicher nicht hier. Beileidsworte in einem Blog? Trauern via Twitter? Das sollen meinetwegen Minister und Moderatoren machen.

Und dann gibt es ja noch die obligatorischen Solidaritätsbekundungen, das vielbemühte Zusammenstehen und Sich-nicht-auseinanderdividieren-Lassen. Es sträubt sich alles in mir, dazu überhaupt ein Wort zu verlieren. Soll ich jetzt wirklich erklären, warum es mir so anmaßend und abwegig erscheint, sich mit den Angehörigen von Mordopfern zu „solidarisieren“? Warum es mir den ärgsten Brechreiz verursacht, wenn ich Christian Lindner labern höre, die Mordtat von Hanau sei „in Wahrheit gegen uns alle gerichtet“ gewesen? Nein, ich möchte kein weiteres Wort darüber verlieren, ich möchte mich nur schleunigst auseinanderdividieren und entsolidarisieren mit solchen Schwätzern.

Über das Selbstredende und Selbstverständliche gibt es eigentlich wenig zu sagen und wenig zu streiten. Es ist im besten Sinne unstrittig. So dachte ich zuweilen. Es stellt sich aber doch nun immer deutlicher heraus, dass auch das Trivialste und zugleich Entsetzlichste – Menschen töten Menschen – in diesem Fall höchst strittig ist, weil bestimmte Interessengruppen der Sinnlosigkeit einen ihrer Politik dienlichen Sinn einschreiben wollen.

Die Nazijäger der Republik, also alle Politiker links der AfD und mit ihnen sämtliche öffentlich-rechtlichen Sender, tun seit dem Mittagsmagazin des 20. Februar alles dafür, dass die Mordtat von Hanau ins Narrativ von der größten Gefahr unserer Zeit eingepasst werden kann.
Diese Gefahr ist der Nazi, diese Gefahr ist der Rechtsextremismus.
Die AfD schürt den Rechtsextremismus, sie verkörpert ihn sogar immer stärker, die AfD wird immer mehr zur Nazi-Partei.
Der Täter Tobias R. war ein Rechtsextremist.
Die AfD hat ihn munitioniert und ermutigt, seine Mordtat zu tun, indem sie seit Jahren Hass und Hetze verbreitet.

All diese „Unbestreitbarkeiten“ werden mit der Macht des um sich schlagenden Medienstaates in die Bewusstseine gehämmert. Alle O-Töne klingen wie Lars Klingbeil und Katja Kipping. Selbst vom Rosenmontagszug gibt es für das Heute-Journal nichts anderes einzufangen als wahnhafte Antifa-Phrasen: „Ich muss ganz ehrlich sagen, dass mich das mittlerweile in diesem Land anwidert“, sagt Holger Kirsch, der Kölner Zugleiter, „dass dieses rechte Gedankengut derart wieder verbreitet wird und schlimmerweise auch bei vielen Menschen ankommt. Für mich ist die AfD eine Partei, die an den Grundfesten unserer Demokratie rüttelt, und da gilt für uns Karnevalisten, für alle, aufzustehen, so etwas darf nie wieder in unserem Land passieren, und das muss mit aller Macht bekämpft werden und abgestraft werden.“
Und ein Jaques Tilly, der für den Düsseldorfer Zug einen Karnevalswagen mit dem Motto „Aus Worten werden Taten“ gebaut hat, findet: „Tatsächlich ist die politische Lage, was den Rechtsterrorismus angeht, so bedrohlich, dass wir gesagt haben, nein, das muss mit in den Zug, das beschäftigt die Leute heute.“

Ich bin kein Karnevalist, aber … hatten diese Umzüge nicht mal was mit Verspottung der Regierenden, mit Kritik an den Machthabern zu tun? Man kann allen, die sich zukünftig im Kanzleramt behaupten wollen, nur empfehlen, die ausgepichte Herrschaftstechnik des Merkel-Regimes aufmerksam zu studieren. Wenn bis hinunter zum Faschingsprinzen alle „gesellschaftlichen Kräfte“ die Opposition bekämpfen, und zwar unaufgefordert und freiwillig, dann muss die Rautenfrau rein machtmechanisch über die Jahre einige Rädchen richtig eingestellt haben. Vor allem hat sie die richtigen Mitarbeiter eingestellt, enthusiasmierte Wortführer des Zeitgeistes, loyale Lautsprecher, die den Laden zusammenhalten. 

Und die Klingbeil-Slomka-Ziemiak-Amann-Lindner-Illner-Habeck-Kaube-Kooperative zur deutschen Wirklichkeitsbeschreibung und nationalen Selbstvergewisserung hat ihn offenbar endlich gefunden und unters Volk gebracht, den „starken Grund, zusammen zu sein“ (Peter Sloterdijk), das große einende Projekt, die psychopolitische Kohäsionskraft für die Zwanzigerjahre: Es ist der unbedingte Wille zum Kampf gegen das Böse, zum Kampf gegen den Feind im Innern, den alten, ewig untoten Erzfeind der neuen Deutschen, es ist der Kampf gegen den rechten Dämon. Alles dient plötzlich einem höheren Zweck, alles bekommt einen starken, geschichtlich großen Sinn, selbst der Karneval ist nicht mehr nur Saufen, Grölen, Kotzen und Vögeln, sondern Hochamt und Prozession der Widerständigkeit gegen das absolut Böse.

In Ermangelung positiver Ideen und motivierender Zukunftsentwürfe wird das postkulturelle Deutschland mental nur mehr zusammengehalten durch den Glauben an Hitler. Er kann ja jederzeit aus dem Totenreich zurückkehren, er kann in die Gestalt eines thüringischen Oberstudienrates fahren und ihn demokratiezersetzende 180-Grad-Wenden der Geschichtspolitik vollziehen lassen, er kann in einen psychotischen Sparkassenangestellten fahren und ihn in Shishabars herumballern lassen, er kann in Guido Reil fahren und ihn den AWO-Seniorenbus in die Hölle steuern lassen, er kann in Caroline Sommerfeld fahren und sie das Schulessen unschuldiger Waldorfkinder vergiften lassen. Und er kann natürlich in Broder, Tichy und Sarrazin fahren und sie das gesellschaftliche Klima vergiften lassen. Hitler kann alles.

Dieser Hitler-Glaube, dem derzeit gefühlte 90 Prozent der Deutschen verfallen sind, ist die Geistespest der Gegenwart. Wahrscheinlich kann man nichts dagegen tun. Die Seuche muss sich austoben, es wird Opfer geben, viele und vor allem vermeidbare Opfer, und irgendwann – weil die Lebenskräfte letztlich doch immer stärker sind als alle destruktiven Dämonenkulte – wird der ganze Irrsinn vielleicht einfach aus psychoenergetischen Gründen zum Erliegen kommen.
Vielleicht aber auch nicht.

Genug der „Vielleichts“, genug der Konjunktive. Hier nur noch ein paar glasklare Offensichtlichkeiten, die man eigentlich nicht aussprechen müssen sollte. Aber in unseren Tagen muss man leider dem Selbstredenden immer öfter eine Stimme geben.

Gibt es ein Rechtsextremismus-Problem?
Ja, es ist ein Fall für die Sicherheitsbehörden und die Justiz. Und – wie wir auch schon vor Hanau wussten, aber nun bitter bestätigt bekamen – ein Fall für die Psychiater. Wenn man die ganzen Gelder und Energien, die für antifaschistische Glaubensveranstaltungen in Parlamenten und Talkrunden, für Kundgebungen, Pressekonferenzen und Brennpunktsendungen draufgehen, in Polizeikräfte und Psychotherapeuten stecken würde, könnten wir uns mal wieder anderen Themen zuwenden, die es ja auch noch gibt. Und die vielleicht auch wichtiger wären.

Was hat die AfD mit Rechtsextremismus zu tun?
Nicht nichts. Sicherlich mehr als die anderen Parteien. Aber wohl nicht mehr als die CDU/CSU vor dreißig, vierzig Jahren. Da gab es auch einen konstanten Anteil an verbiesterten Griesgramen, die Türken und Tunten hassten und am Stammtisch von der Rückkehr des Führers schwadronierten. Man ließ sie labern, ließ sie ihr Kreuz für Kohl oder Strauß machen, und das war’s. Durch ihre permanent schlechte Laune starben sie eh meist relativ früh. 

Wer die Parteien, das Land, die Welt von diesen Typen säubern will, begibt sich in einen endlosen Kampf, der nichts mehr mit der Kunst des Möglichen zu tun hat, sondern einem hysterischen Reinheitsfetischismus frönt. Und wer das Internet von diesen Typen säubern will, der muss entweder sehr viel Personal einstellen oder das Internet abschalten. Ich hätte für beides gewisse Sympathien.

War der Mörder von Hanau ein Rechtsextremist? Wahrscheinlich ja.
War er ein Psychopath? Wahrscheinlich ja.
Wer diese unbefriedigende Zweiheit nicht aushält und darauf besteht, dass der rechtsextremistische Hintergrund doch eindeutig sei, und dass er vor allem das Entscheidende an der Tat sei, und dass deshalb die Türken-raus-Typen von der AfD letztlich schuld seien, macht es sich unredlicherweise zu einfach. Um es mal sachte zu sagen.

Um es deutlicher zu sagen: Schon lange ist kein Verbrechen mehr derart infam und derart erfolgreich instrumentalisiert worden wie die Bluttat des Tobias R.
Man kann die AfD so dubios und dämlich finden, wie man will. Aber hier muss man sich schon aus einfachstem Fairnessgefühl mit ihr solidarisieren gegen die geballte Niedertracht des politmedialen Establishments. Selbstredend.

© Marcus J. Ludwig 2020
Alle Rechte vorbehalten.

 

Nachtrag:

Im Grunde ist es doch am eindrucksvollsten, die Insassen der medialen „Wahrheitssysteme“ selbst reden zu lassen. Derart auf den Punkt und in sich geschlossen könnte ich wohl nie in Worte fassen, wie die Welt aus Sicht der Narratoren des Ersten Deutschen Fernsehens aussieht:

„Der rechtsradikale Terror und seine geistigen Brandstifter.
Wie sich Gewalt einerseits und parlamentarische Hetze andererseits beeinflussen.
Die Erschießung Walter Lübckes.
Die Toten von Halle.
Die Toten in Hanau.
Innerhalb weniger Monate 13 Ermordete.
Gewalt von Rechts.
Wer noch von wahnhaften Einzeltätern spricht, will ganz bestimmt verschleiern, womit wir es tatsächlich zu tun haben.
Mit einem geschlossenen rechtsradikalen Weltbild, zu dessen Umsetzung sich die Mörder berufen fühlten, legitimiert durch die Verbalgewalt der AfD und ihrer Repräsentanten.
Sie schwadronieren vom bevorstehenden „Volkstod durch den Bevölkerungsaustausch“ und fordern „Säuberungen“ mit „wohltemperierter Grausamkeit“.
Das ist der wahre Wahn.
Zynisch kalkulierte politische Brandstiftung mit dem Ziel, die Gesellschaft zu verunsichern, bis sie instabil wird und damit reif für Bürgerkrieg und Machtergreifung.
Dann schießen Deutsche auf Deutsche.
Wie bereits bei Kassel, wie in Halle, wie in Hanau.
Von rechts außen gesehen läuft’s.“

Sprach Max Moor zu Beginn des Kulturkampf-Magazins „ttt – titel, thesen, temperamente“ am 23. Februar 2020. Auch der sich daran anschließende Beitrag enthält viel Aufschlussreiches zur Krankengeschichte der Medien. Es ist zwar nur der alte Fall des Irren, der sich für den Arzt hält, aber zweifellos ein sehr imposanter Fall.