Das Mal an der Stirn

Dieser Text könnte auch ein Brief an Ijoma Mangold sein. Denn im Grunde ist er die einzige Person, deren Urteil mich bei diesem Thema wirklich interessiert. Bestimmt gibt es auch noch andere „farbige“, literarisch versierte und humorvolle Thomas-Mann-Fans, aber bislang kenn ich nur ihn. Die, die ich nicht kenne, dürfen sich aber gern auch angeschrieben fühlen und darüber befinden, ob ich ein Rassist bin.

Ich habe letztes Jahr ein Buch geschrieben, das ich wohl leider niemals veröffentlichen werde. Es enthält Abbildungen, für deren Abdruck ich von den abgebildeten Personen ziemlich sicher keine Freigabe erhalten werde. Da aber ein Rassismus-Buch ohne Bilder von Anton Hofreiter, Tina Hassel, Günter Wallraff, Barbara Sukowa, Jürgen Klinsmann, Robert Mugabe, Joachim Herrmann, Maria Furtwängler und wie sie alle heißen, offensichtlich sinnlos ist, habe ich das schöne Werk innerlich schon längst an den Nagel gehängt. Und da hängt es gut, bis vielleicht in hundert Jahren mal das Kunsturheberrechtsgesetz geändert wird.
Damit jedoch die Mühe nicht vollends vergebens war, will ich schon zu Lebzeiten hier und da bei passender Gelegenheit wenigstens ein paar Passagen publizieren, die zur Not auch ohne Bilder auskommen. Und in den letzten Tagen war ja nun wieder einmal derart viel (und derart Erstaunliches) vom Rassismus in der Mitte der Gesellschaft zu hören, dass mir die Gelegenheit gerade passend genug scheint.

 

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[…] Mein Bekanntenkreis besteht aus Mitgliedern der Gesellschaftsmitte, wie sie im Buche steht, also zum Beispiel aus Studienräten, Grundschullehrerinnen, Sozialarbeitern und Sozialpädagoginnen, Grafik- und Webdesignern, Verwaltungsangestellten und Ladenbesitzerinnen; es gibt da einen Ingenieur, einen Dachdecker, einen Consultant, einen Marketing-Manager, eine Architektin, eine Opernsängerin, einen Vertriebsleiter, einen Schauspieler, ein paar MTAs, einen Steuerberater, eine Goldschmiedin, einen Hausmeister, einen Drucker, einen Apotheker. Solche Leute halt, Leute im Alter zwischen 25 und 55. Dazu einige Ruheständler, sowie vereinzelte Studenten, Azubis und Schüler.

Niemand von denen hat ein ernsthaftes Problem damit, wenn mal einer beiläufig „Neger“ oder „Rasse“ sagt. Niemand von denen käme beim Begriff „Neger“ auf die Idee, das seien Leute mit kleineren Gehirnen oder Leute, denen man nicht die Hand gibt oder die man nicht zu Bürgermeistern wählen könnte.
Niemand denkt bei „Rasse“ daran, er sei „Arier“ und gehöre zu einer „Herrenrasse“ und müsse alle anderen unterjochen oder so etwas. Es sind halt Wörter, mit denen man ungefähr das beschreibt, was man meint. Menschen mit Schlitzaugen sind für meine naiven Bekannten grundsätzlich Chinesen. Ich bin weit und breit der Einzige, der Japaner, Koreaner und Chinesen ungefähr auseinanderhalten kann.

Ich kenne keinen einzigen Rassisten. Ich habe in meinem ganzen Leben noch niemals einen Rassisten getroffen oder auch nur von weitem gesehen oder gehört. Ich nehme an, es gibt trotzdem welche. Man erkennt sie – soweit ich weiß – daran, dass sie Mitglied bei irgendwelchen Arian Brotherhoods sind und sich politisch oder handgreiflich dafür einsetzen, dass alle, die nicht aussehen wie sie, verprügelt, verstümmelt und vergast werden. Das sind Rassisten. Nicht aber meine Bekannten, die ab und zu mal „Neger“ sagen. Der deutsche Zeitgeist sieht das wohl leider anders, nämlich so, dass der Rassismus latent in der Mitte der Gesellschaft heimisch ist.

Wer sich zuverlässig über die Flugrichtungen des Zeitgeistes unterrichten will, sollte hin und wieder die Verlautbarungen der Grünen Jugend zur Kenntnis nehmen. Sie bilden in ihrer klassensprecherischen Gutmenschlichkeit und ihrer hybriden Rechthaberei meist idealtypisch den pseudolinken, tugendterroristischen Mainstream ab. Streber- und Spießertum, infantil, pietistisch, von keiner Skepsis oder logischen Stringenz getrübt – und von Grammatik schon mal gar nicht.

In einem Text namens Streichung des Begriffes „Rasse“ (1) findet man zum Beispiel diese ideologische Kostbarkeit:
„Die Theorie Menschen in „Rassen“ einzuteilen mündet darin, es gebe höher- und minderwertigere ‚Rassen‘.“
Man möchte jungen Menschen, die sich im Denken versuchen, nicht unnötig widersprechen, aber hier würde ich doch sagen: Nö. Eine Gruppierung ist noch lange keine Hierarchisierung. „Grouping“ ist nicht „Ranking“.

Aber die Jugendlichen haben ja noch mehr zu sagen. Das hier zum Beispiel:
„Zudem wird suggeriert, es gebe homogene Bevölkerungsgruppen, deren Mitglieder wesensgleich seien.“
Das, so würde ich zu bedenken geben, wird nur dann suggeriert, wenn man den Begriff Rasse so rassistisch verstehen will, wie die Grüne Jugend das tut. Muss man aber nicht. Es gibt offensichtlich verschiedene Grade ethnischer Homogenität. In Isolaten, auf entlegenen Inseln etwa mit jahrhundertelanger Endogamie, ohne Fremdkontakte, gibt es einen hohen Grad an Homogenität. Ob die Mitglieder solcher Populationen „wesensgleich“ sind, würde ich bezweifeln, aber höchstwahrscheinlich ist das, was Erich Fromm unter „Sozialcharakter“ verstand, bei ihnen sehr viel weniger diversifiziert als beispielsweise bei der Einwohnerschaft von New York.

Außerdem wollen die ambitionierten Jungpolitiker „[…] den Begriff ‚Rasse‘ durch die Formulierung ‚ethnische, soziale und territoriale Herkunft‘ ersetzen.“
Das könnte man machen, wenn er durch diese Formulierungen verlustfrei ersetzbar wäre. Er ist es aber nicht. Wenn irgendwelche unternehmungslustigen Rassisten einen Subsahara-Afrikaner zu Tode treten, dann tun sie das nicht, weil er (ethnisch gesehen) vielleicht der Ethnie der Haddad, der Loma oder der Kpelle angehört, auch nicht, weil er (soziologisch gesehen) aus einem traditionellen Kleinbauernmilieu stammt und auch nicht, weil seine Herkunft (territorial gesehen) das Staatsterritorium von Togo oder Ruanda ist, sondern weil er die sichtbaren Merkmale seiner Rassenzugehörigkeit aufweist: eine dunkle Hautfarbe, eine bestimmte Haarstruktur verbunden mit einer bestimmten Kopfhaarumgrenzung, eine prägnante Lippenausprägung, einen breiten Nasenrücken und geblähte Nasenflügel, mehr oder weniger deutliche Prognathie und vieles mehr.
Dazu brauchen die Rassisten keine Blutuntersuchung und keinen Gentest. Sie sehen es einfach. Und sie sind nicht dadurch Rassisten, dass sie es sehen, sondern dadurch, dass sie brutale, skrupellose Unmenschen sind, die meinen, jemand mit krausem, schwarzem Haar, breiter Nase und dunkler Haut müsse mindestens drangsaliert, besser noch massakriert werden.
Das ist alles so unfassbar einfach und eindeutig, dass es auch der Grünen Jugend in ideologiefreien Momenten einleuchten müsste.

 

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Man sieht hin und wieder Photoshop-Experimente, mit denen demonstriert werden soll, wie leicht man aus einem hellen Mitteleuropäer einen dunklen Afrikaner machen kann und umgekehrt. Die Ergebnisse dieser Manipulationen beweisen für den unbefangenen Betrachter immer das genaue Gegenteil. Es sieht grundsätzlich vollkommen lächerlich und unecht aus. Die phänotypischen Unterschiede betreffen eben nicht nur Hautfarbe und Haarstruktur, sondern wesentlich mehr sichtbare Merkmale.

Haben all die guten Antirassisten beispielsweise jemals zur Kenntnis genommen, dass typische Negride nicht nur dunklere Haut haben als typische Europäer, sondern auch wesentlich dickere, und dass diese Haut daher im Alter wesentlich weniger Falten bildet? (Und zwar im völligen Gegensatz zu den ebenfalls in Afrika beheimateten Khoisaniden, die wahrscheinlich von den Grünen ebenfalls als Afroafrikaner oder so bezeichnet würden, obwohl sie mit den Negriden gar nichts zu tun haben und im Gegensatz zu ihnen eine deutliche Gerontodermie aufweisen.)

Was übrigens völlig problemlos funktioniert, ist, einen Inder per Photoshop in einen Holländer zu verwandeln. Hier haben wir tatsächlich fast nur Pigmentierungsunterschiede. Nordide und Indide sind Spielarten der Europiden. Es gibt sehr helle Europide und extrem dunkle Europide. 

Ist es nicht immerhin bemerkenswert, dass gerade die Rassenkunde uns darüber belehrt, dass die Hautfarbe relativ unerheblich ist?

 

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Die Grüne Jugend hat sich ihre putzigen Ansichten übrigens großenteils aus der Deklaration von Schlaining gebastelt, die offenbar für viele, die es mit dem Denken nicht so genau nehmen, eine gern genutzte Erkenntnisquelle darstellt.

Was war noch gleich die Deklaration von Schlaining?
Das war so ein neunseitiges Papier, in welchem die Teilnehmer der „Internationalen Konferenz ‚Gegen Rassismus, Gewalt und Diskriminierung‘, veranstaltet vom Europäischen Universitätszentrum für Friedensstudien (EPU), der Österreichischen UNESCO-Kommission, dem Institut für Humanbiologie der Universität Wien und in Zusammenarbeit mit der UNESCO und dem Österreichischen Bundesministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst“, welche sich „vom 8. bis 11. Juni 1995 in Stadtschlaining“ trafen, alles Mögliche zu Themen wie Rassismus, Multikulturalismus, Ethno-Nationalismus, Rechtsextremismus, Sexismus, Toleranz und Kommunikation deklarierten, das sich heute wie ein Glaubensbekenntnis des Gutmenschen liest. Ich weiß nicht, ob das vor 25 Jahren alles noch neu und aufregend war, heute ist es jedenfalls die Standard-Einstellung des links-grünen Medien- und Polit-Mainstreams.

Diese ganzen Wohlgesinnten wollten damals gewiss nichts Schlechtes, aber sie litten an der gleichen Krankheit wie all die, die heute immer noch auf diesem Kirchentags-Niveau argumentieren, sie litten an einem übergroßen Wollen, das ihnen beim Wissen, beim Verstehen, beim Betrachten und Aushalten der Wirklichkeit unüberwindlich im Wege steht, sie waren Opfer eines Phänomens, das mal jemand sehr treffend den Sieg der Gesinnung über die Urteilskraft genannt hat.

Um es einmal ganz klar und ohne Spott auszusprechen: Diese Gesinnung, dieses Wollen ist selbstverständlich nicht zu beanstanden. Wer wollte denn bitte nicht, dass das gesamte weltweite Rassistenpack zur Besinnung käme, oder dass es auf irgendeinen weit entfernten Planeten verfrachtet werden könnte, wo es seiner geisteskranken Ideologie in alle Ewigkeit frönen möge? Wer, im Ernst, wollte das nicht?
Aber dieses gutmenschliche Wollen heiligt nicht die Dummheit und Blindheit, mit der Leute, die genau das Gleiche wollen, dazu genötigt werden sollen, Offensichtliches zu leugnen und vor Tatsachen die Augen zu verschließen.

 

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Das Gleichheitsdogma ist die ideologische Landplage unserer Epoche. Grundschulkindern wird heute von grundwertedurchtränkten Wohlfahrtsverbänden und Jugendämtern mit Projekten namens „Alle Kinder sind gleich“ allen Ernstes eingetrichtert, dass alle Kinder gleich seien, obwohl sie, wenn sie sich umsehen, sehr leicht feststellen können, dass sie alle ganz und gar nicht gleich sind.
Es mag besser sein, Kindern Gleichheit einzureden als Rassenhass. Aber man könnte ihnen auch einfach gar nichts einreden, sondern Ungleichheit erklären und Interesse für das Fremdartige im Andern wecken.

Was historisch einmal unter dem Begriff der Gleichheit errungen wurde, betrifft im Wesentlichen die Gleichheit vor dem Gesetz und die demokratische Basisregel, dass jede Stimme bei Wahlen gleich viel zählt.
Das reicht eigentlich schon, dazu braucht man keine weiteren Deklarationen, keine Ideologien und keine Gehirnwäsche für Schüler.
Über das egalitäre Minimum hinaus sollten wir so verschieden sein dürfen, wie wir es ganz offensichtlich sind.

Ich weiß nicht, was die fanatischen Egalitaristen dazu treibt, von anderen Menschen das Bekenntnis zu verlangen, dass eine Isländerin und ein Aborigine gleich seien. Sie sind nicht gleich, sie sind in so ziemlich allem, was man sich vorstellen kann, ungleich.
Sind sie gleichwertig? Keine Ahnung, ich weiß nicht, was Menschen wert sind, ich vermute, dass niemand etwas wert ist. Gebrauchtwagen haben einen Wert. Menschen haben für andere Menschen eine Bedeutung, das ist etwas anderes als Wert

Ich nehme an, wenn bei einer Geiselnahme zur geheimen Abstimmung steht, ob ein Isländer oder ein Aborigine freigelassen werden soll, werden sich signifikant mehr Isländer für den Isländer entscheiden. Nicht, weil er mehr wert ist, sondern weil er ihnen nähersteht und weil alles Isländische für ihr Identitätsgefühl von größerer Bedeutung ist.
Dagegen wird man schwerlich etwas machen können.
Man kann aber für Gleichheit vor dem Gesetz und bei Wahlen sorgen. Das ist schon eine ganze Menge. Schon bei Chancengleichheit wird es aber sehr viel schwieriger, weil nun mal ein kompletter Lebensverlauf von der Geburt bis zum Berufsleben etwas komplexer ist als die Abgabe und Auszählung einer Wählerstimme.

 

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Was die Egalitaristen und giftgrünen Klassensprecher nicht begreifen, ist, dass man die Unterschiede zwischen den Menschen faszinierend und befremdlich finden kann, dass man diese Unterschiedlichkeit benennen kann, als Rasse, als Typus, als Varietät oder als phänotypische Spielart des Menschlichen, dass einem die eine Spielart fremder und unheimlicher sein kann als die andere, dass diese Spielart einem sympathischer und attraktiver vorkommen kann als jene, dass man diese ganzen verschiedenen Menschenformen in ihrer Mannigfaltigkeit mit dem allergrößten Interesse anstarren möchte, sich vertiefen möchte in die Details ihrer Erscheinungsweisen, dass man sie in jedem ihrer Merkmale begeistert vergleichen möchte mit den eigenen Sonderbarkeiten – und dass man sie dann trotzdem nicht diskriminieren, herabwürdigen, ausbeuten, abschlachten, ausrotten oder sonstwas will. 

Die Egalitaristen können das ums Verrecken nicht nachvollziehen. Sie werden den Verdacht nicht los, dass man, wenn man Unterschiede wahrnehmen, messen und erforschen will, sich dieses Wissen dann unweigerlich auch als Herrschaftswissen zunutze machen will.
Diese Grundhaltung sollte diesen Menschen eigentlich sehr zu denken geben. Doch leider haben sie bislang in der Geschichte wenig Anzeichen dafür erkennen lassen, dass sie besonders kritisch mit sich selbst und ihren bequemen Anschauungen ins Gericht zu gehen gedächten.

Was ist für diese Leute so beängstigend daran, echte Fremdheit und Verschiedenheit zuzulassen? Sie predigen ja andauernd Vielfalt und Buntheit, aber ihre diesbezüglichen Vorstellungen gehen selten über Ethnokitsch hinaus.
Wenn Rassenkundler abstammungsbedingte, erscheinungsbildliche, physiologische und psychologische, in Skalen und Indices formulierbare Variationen der menschlichen Spezies feststellen, dann liegt darin doch offensichtlich die (selbstverständliche) Anerkenntnis einer grundlegenden Gleichartigkeit. Variation gibt es nur da, wo ein hinreichendes Maß an Gleichartigkeit gegeben ist.
Glauben die Gutmenschen wirklich, wenn jetzt zum Beispiel ein für allemal wissenschaftlich erwiesen wäre, dass die Population von Japan genetisch bedingt doppelt so intelligent sei wie die des Kongo, dass dann die Japaner dort einmarschierten, um alle Kongolesen zu versklaven oder auszurotten? Und dass dann die Europäer dazu applaudierten und sich sagten: „Recht so, jetzt kann man endlich legitimerweise die dummen Neger ausrotten, denn wo so viel Variation besteht, in der Hautfarbe, in der Blutgruppe und dann auch noch in der Intelligenz, kann man wohl nicht mehr von einem hinreichenden Maß an Gleichartigkeit reden, dann sind das ja wohl gar keine Menschen.“

Irgendwie dergestalt müssen wohl die Befürchtungen in den Gehirnen der Gutmenschen wabern, und daher atmen sie auf und freuen sich und beten es bei jeder Gelegenheit laut nach, wenn ihnen ein wohlmeinender Humanbiologe souffliert:
„Ob wir wollen oder nicht, wir sind ohnehin im Grunde alle Afrikaner.“(2) 
Aha. Echt? Ganz gewiss? Denken wir doch sicherheitshalber kurz nochmal nach:
Die entscheidenden Wörtchen in diesem egalitaristischen Glaubensdogma des Herrn Ulrich Kattmann lauten wir und sind.
Was sind wir? Was bedeutet es, etwas zu sein? Wenn der Blick zurück in die Geschichte darüber bestimmt, wer oder was wir sind, dann sind wir „ohnehin im Grunde“ alles Mögliche. Dann sind wir Afrikaner und alles, was davor noch so auf unserem Zweig der Evolution liegt, bis zurück zum Urbakterium und immer weiter bis zum atomaren Sternenstaub. 

Wie sinnvoll für unser Identitätsbewusstsein, für unser soziales Miteinander, für unser Gefühl in der Welt zu sein, ist es, wenn wir uns sagen, dass wir ohnehin im Grunde alle Bakterien sind?
Kann es Teil meiner Identität, meiner Selbstbeschreibung sein, dass wir alle mal Einzeller waren, dass wir alle mal spitzmausartige Wirbeltiere waren, dass wir alle Afrikaner waren? Ist ein derart beliebiges Wir überhaupt ein Wir?
Die Aussage „Wir sind“, wird umso sinnvoller, je kleiner und spezifischer und homogener die Gruppe ist, von der ich sage, sie sei mein Wir. Natürlich habe ich mit den Europäern mehr gemeinsam als mit der gesamten Menschheit. Natürlich habe ich mit der heutigen Menschheit mehr gemeinsam als mit der Gesamtheit der Menschen, die schon vor uns gelebt haben. Natürlich habe ich mit den Deutschen mehr gemeinsam als mit den Europäern usw.

Ja, wir können sagen, wir seien Afrikaner. Aber das ist ebenso willkürlich wie die Aussage, wir seien Deutsche. Wer es als angenehm empfindet, sich in der relativistischen Beliebigkeit einer undefinierten Gruppe aufzulösen, der kann sich als „Afrikaner“ oder „Weltbürger“ bezeichnen. Aber es steckt nicht mehr Faktizität oder Logik oder historische Korrektheit darin als in der Aussage „ich bin Westfale“. Die Wahl des Zeitpunktes, der darüber bestimmen soll, wer wir „im Grunde“ sind, ist ziemlich willkürlich. Ich kann ihn vor 200000 Jahren ansetzen, aber ebenso gut vor 2000 oder vor 200 Jahren.

 

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Wenn man die Egalitaristen für ihr „Wir-sind-alle-gleich“-Dogma kritisiert, dann tun sie immer, als hätte man ihnen das Wort im Munde herumgedreht, als würde man sie böswillig missverstehen. Das sei ja wohl offenkundig nicht so gemeint, dass alle genau gleich aussähen und die gleichen Eigenschaften hätten, sondern dass sie in ihrem Menschsein gleich seien und deshalb die gleiche Würde hätten und so weiter. Das sei ja wohl logisch!

Besonders logisch kann man das wohl nur finden, wenn man in geistigen Dingen auch sonst eine gewisse Nonchalance und Skrupellosigkeit gewohnt ist, wenn man also eine grüne Politikerin oder ein sozialdemokratischer Journalist oder ein Sympathisant der Merkel-CDU oder ein sonstwie system- und zeitgeistkompatibler Konformist ist. 

Wenn das, was die Egalitaristen sagen, nicht so gemeint ist, warum sagen sie nicht einfach genau das, was sie meinen?

Wenn man zum Ausdruck bringen will, dass alle Menschen in ihrem Menschsein gleich seien, dann sagt man: „Wir sind alle Menschen.“ Das wäre korrekt, wenn auch banal.

Wenn man zum Ausdruck bringen will, dass alle Menschen die gleiche Würde haben, dann sagt man: „Wir sind alle gleich würdig.“

Wenn man zum Ausdruck bringen will, dass alle Menschen die gleichen Rechte haben, dann sagt man: „Wir sind alle gleichberechtigt.“

Wenn man zum Ausdruck bringen will, dass man an ein übernatürliches, personales Wesen glaubt, welches unablässig identische Exemplare der Spezies Homo Sapiens herstellt, dann sagt man: „Wir sind alle von Gott als Gleiche geschaffen.“

Wenn man dagegen zum Ausdruck bringen will, dass alle Menschen ziemlich unterschiedlich aussehen, dass sie sehr unterschiedlich begabt sind, dass sie sehr unterschiedliche Interessen und Vorlieben haben, dass sie sehr unterschiedliche Lebenschancen und -risiken haben, dass sie sehr unterschiedlich von den Zufällen der Zeitläufte betroffen sind, dass sie sehr unterschiedlich in ihrem Temperament, in ihrem Appetit, in ihrem Stoffwechsel, in ihrer Triebstruktur, in ihrer immunologischen Widerstandskraft, in ihrer Lebenstauglichkeit, in ihrer Bedeutung für das Wohl und Weh anderer Menschen und der gesamten Menschheit sind, dass sie sehr unterschiedlich sind, in nahezu allem, was ihre subjektive Existenz, ihr Dasein und Sosein in der Weltwirklichkeit ausmacht, dann sagt man: „Wir sind alle nicht sonderlich gleich.“

Und wenn man zum Ausdruck bringen will, dass Menschen trotzdem in vielerlei Hinsicht große Ähnlichkeiten untereinander aufweisen, dass sie mit einer gewissen Variationsbreite um gewisse Mittelwerte typischer Eigenschaften und Merkmale sich gruppieren, dann sagt man: „Wir sind alle Menschen, die sich trotz ihrer individuellen Verschiedenheiten in sehr vielen Dimensionen des Lebens so sehr ähneln, dass sie sich zu Typen gruppieren lassen.“

Das Männliche und das Weibliche sind zum Beispiel solche Typen. Wenn man alle Menschen diesen Typen zuordnet, dann liegen die Allermeisten in der Nähe eines dieser beiden Schwerpunkte, und einige liegen irgendwo auf der Strecke dazwischen, weil die Zusammensetzung aus Männlichem und Weiblichem bei ihnen weniger eindeutig und schwerpunktmäßig ist.
Das Introvertierte und das Extrovertierte sind zum Beispiel solche Typen.
Das Leptosome, das Athletische und das Pyknische sind zum Beispiel solche Typen.
Aus vielen Merkmalskomplexen lassen sich solche Typen erkennen. Es sind immer mehrere Merkmale, die typischerweise zusammen und voneinander abhängig auftreten, also Komplexe. Was ein Mann ist, was eine Frau ist, hängt ja nie nur von einem Merkmal ab, sondern von sehr vielen.
Aus der Vielgestaltigkeit der Erscheinungsformen des Lebendigen Typen zu erkennen, sie zu beschreiben, sie zu verstehen und dieses Verständnis zum Gedeihen des Menschlichen zu vertiefen, zu präzisieren und zu erweitern, ist eine der Hauptaufgaben der Wissenschaft.

 

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Richard Dawkins, ein Wissenschaftler, den man gewiss auch schon des Rassismus geziehen hat, geht erfreulich unverkrampft an die Sache heran und räumt immerhin ein, dass „die offenkundigen Unterschiede zwischen unseren diversen lokalen Bevölkerungsgruppen oder Rassen zu übersehen [… ] ein fast übermenschliches Maß an politischem Eifer“ erfordert.(3)  

Dawkins stellt fest, dass die Interobserver-Korrelation bei Angehörigen unterschiedlicher Rassen gleichbleibt, wenn es darum geht, andere Menschen Rassen zuzuordnen.
„Die Gültigkeit über kulturelle Grenzen hinweg erinnert an anthropologische Befunde auf dem Gebiet der Farbwahrnehmung. Wie wir aus der Physik wissen, sind die Regenbogenfarben von Rot über Orange, Gelb, Grün und Blau bis Violett ein einfaches, ununterbrochenes Kontinuum der Wellenlängen. Dass bestimmte Wellenlängen aus dem physikalischen Spektrum herausgegriffen und gesondert betrachtet und benannt werden, hat keine physikalischen, sondern biologische und/oder psychologische Ursachen. Blau hat einen Namen. Grün hat einen Namen. Blaugrün hat keinen Namen. […] Was solche Benennungen angeht, besteht zwischen verschiedenen Kulturkreisen eine bemerkenswerte Übereinstimmung. Ganz ähnlich stimmen wir anscheinend auch in unseren Urteilen über Rassenzugehörigkeiten überein.“(4) 

Kurz gesagt: Wenn hundert Schweden, hundert Chinesen und hundert Ruander alle unabhängig voneinander sagen: „Der da ist ein Negrider, der da ist ein Mongolider und der da ist ein Europider“, dann kann man davon ausgehen, dass so ein „Urteil auf einer zuverlässigen Grundlage getroffen wurde, auch wenn niemand weiß, um welche Grundlage es sich dabei handelt.“
Es ist aber – so würde ich zu behaupten wagen – nicht völlig abwegig, diese Grundlage als etwas Reales anzusehen, das man „Rasse“ nennen könnte. Das, was die da alle sehen und unterscheiden, gibt es offenbar.

Und es gibt das als psychobiologische Notwendigkeit (ungeachtet der fließenden Übergänge und des Fehlens von starren Grenzen) möglicherweise deshalb, weil es informativ ist, weil es unsere Unsicherheit vermindert, weil uns die Einteilung in Rassen mehr nützt als der zwanghafte (und ohnehin unmögliche) Verzicht darauf.

Welche Informationen werden durch die Zuordnung zu einer Rasse transportiert?
Wenn wir sagen „Jerome ist ein Afrodeutscher“, was wollen wir damit sagen? Wollen wir sagen, dass einige seiner Vorfahren auf dem Kontinent Afrika lebten? Wäre diese Information irgendwie relevant?
Wenn wir sagen, er sei ein „Neger“, wollen wir dann Information darüber austauschen, dass er eine bestimmte Blutgruppe hat, dass er dies und jenes Gen besitzt, dass seine Hautleisten so oder so angeordnet sind?
Wenn wir sagen, er sei ein „Farbiger“, wollen wir damit etwas über seine Krankheitsrisiken, seine Ohrenschmalzproduktion, seine Schmeckfähigkeit sagen, oder über seinen Charakter, seine Begabungen, sein Sozialverhalten?
Nein, wir wollen in der Regel allein Informationen über seine Erscheinung kommunizieren, über sein Aussehen, über seine Gesichtszüge, eventuell noch über seine Stimme.

Die Wissenschaft mag sich mit Jeromes Genen befassen, um etwa optimal abgestimmte Medikamente zu entwickeln. Was wir für das Alltagsleben in der „Mitte der Gesellschaft“ brauchen, ist allein ein bioästhetischer Kategorien-Begriff und darunter einen konkreten Namen, der Jeromes Typuszugehörigkeit möglichst informativ beschreibt.
Und da reicht für meinen Geschmack keineswegs aus, jemandem das Etikett „Afro“ anzukleben. Denn damit ist so gut wie nichts gesagt. Selbst wenn man „Afro“ für Subsahara-Afrikaner und deren Abkömmlinge reservierte, würde damit immer noch die enorme Vielfalt ignoriert, die innerhalb der negriden Spielart des Menschlichen existiert.
Um bei Fußballern zu bleiben: Jerome Boateng sieht kein bisschen so aus wie Antonio Rüdiger. Dass beide (teilweise) afrikanischer Abstammung sind, ist keine ausreichende Information.

Ich persönlich fände es nicht zu viel verlangt, sich ein paar hundert schöne Bezeichnungen auszudenken für das Zusammenspiel und das Mischungsverhältnis der verschiedenen rassischen Anteile. Das, was wir jetzt haben, ist einfach zu verbraucht, zu ungenau, zu kontaminiert mit Nebenbedeutungen.

Wenn jemand den Sohn von Boris Becker einen „Halbneger“ nennt, dann ist das – abgesehen davon, dass es beleidigend gemeint ist – vor allem deshalb falsch, weil er genauso gut ein „Halbweißer“ ist. Mal ganz abgesehen davon, dass seine Mutter, wenn ich sie recht vor Augen habe, auch keine „Negerin“ ist, sondern mindestens halb und halb gemischt. Noch bescheuerter wäre allerdings „Viertel-Neger“, denn wenn einer zu einem Viertel „Neger“ ist, dann ist er ja wohl eben kein „Neger“, sondern einer, der zu drei Vierteln irgendwas anderes ist. Im Falle von Becker junior also mutmaßlich ein „Dreiviertel-Weißer“. 

Ist eigentlich in den Augen derer, die in jeder Verdünnung noch das Negerhafte herausstellen möchten, auch derjenige ein „Viertel-Neger“, dessen eine Großmutter „Negerin“ ist und dessen drei andere Großeltern Chinesen sind? Oder gilt diese Rechnung nur, wenn „Weiße“ beteiligt sind?

Genug – solche unlogischen Mathematisierungen sind so dümmlich, dass sie fast schon rassistisch sind. Es wäre allerdings, wie gesagt, nicht so abwegig, sich für die gängigsten Mixturen klangvolle Bezeichnungen auszudenken, in denen keine Bruchzahlen irgendwelche Reinheitsassoziationen wecken. Wenn ich wissenschaftspolitisch was zu sagen hätte, würde ich für eine solche Vokabular-Aufhübschung die originellsten Fantasy- und SciFi-Autoren engagieren. Die sollen ein paar schöne, griffige Namen ersinnen, die jeder sich merken kann. Das sollte doch wohl machbar sein. Bei Game of Thrones und Star Trek kann sich das Publikum ja auch hunderte von ausgedachten Völkchen und Spezies merken.

 

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Die Fremdheitserfahrung gehört zu den Unvermeidbarkeiten des Lebens, und sie ist ein Hauptmotiv in der Entwicklung des Einzelnen zu echter Größe und Besonderheit. Das einzige negride Kind in einer Klasse voller semmelblonder Holsteiner, die einzige Kopftuchtürkin in einem Kleingartenverein voller Musikantenstadl-Rentner, der einzige Schwule in einer Fußballmannschaft voller „echter“ Jungs, das einzige Arbeiterkind in einem Chor voller Professorentöchter, die einzige Dicke in einem Team aus lauter Fitnesshexen, der einzige Romantiker in einer Welt voller Rationalisten – wer bitteschön war nicht wenigstens phasenweise einmal der Einzige, der abgesondert am Rande stand und seine Andersartigkeit bitter zu spüren bekam? Aber vielleicht sind ja die Gutmenschen genau solche, die noch nie Einzelne, Fremde und Außenseiter waren und daher nie Gelegenheit hatten, zu erfahren, wie man leidet und wie man wächst an seinen Stigmata.

Ist der moderne Mensch nicht geradezu verrückt nach Geschichten von Außenseitern, die sich in der einen oder anderen Weise aufbäumen gegen die konforme Mehrheit, indem sie ihren Makel verwandeln in eine Auszeichnung, die lernen, ihren angeborenen oder zugeschriebenen Nachteil neu zu entdecken als heimlichen Adelstitel und hohe, komplizierte Bevorzugung? 

Wer diese Geschichten will, wer Helden- und Heiligenbiographien will, der muss eine Welt wollen, in der immer wieder die Arztsöhne und Sportskanonen den freakigen Schwächling auslachen und demütigen und ihm die Klamotten klauen. Die lachenden, wiehernden Arschgeigen werden später Langeweiler und Autoverkäufer, der Freak aber rettet die Welt und kriegt die schärfsten Weiber. So etwa geht die Story.

Nicht für alle natürlich. Nur die Härtesten unter den Schwächsten, nur die Tapfersten unter den Sensiblen und Verwachsenen und Abseitigen halten durch. Vor allem müssen sie ihre Vereinzelung annehmen, nie dürfen sie sich in ihrem Wünschen und Sehnen gemeinmachen mit der Masse, und auch nicht mit ihresgleichen. Denn gänzlich vereinzelt ist man ja meist nicht. Aber, der Schwarze, der Schwule, der Schwächling, der schwitzende Fettsack – sie bleiben dennoch Einzelne, auch wenn sie zu zweit oder zu dritt oder zu viert sind unter zwanzig oder dreißig Normalos. Der Kampf, die Revolte, die Rache beginnt erst, wenn ungefähr ausgewogene Verhältnisse bestehen. Dann aber ist es vorbei mit dem Adel. Sobald die Besonderen als Gruppe ihre Normalität erkämpfen, sobald aus dem Heroismus der Schwäche eine Bürgerrechtsbewegung wird, ist die Geschichte eine andere. Eine fürs Heute-Journal eher als für Hollywood.

Bis es so weit ist, sind die Einzelnen immer die Schrägen, die schräg angeschaut werden, die Außenseiter, denen die Mehrheit mit fasziniertem Misstrauen begegnet, die Fremden, deren Andersartigkeit diejenigen irritiert und verunsichert, die auf das Gewohnte, das Vertraute fixiert sind, die in einer ungestörten Umwelt leben wollen, die sie bedauerlicherweise nur als eine Erweiterung ihres Selbst akzeptieren können.

Wenn man versucht, sich abzufinden mit dem Unvermeidlichen, die Schönheiten und die Chancen zu erblicken in der Tragik, dann heißt das nicht, dass man Übergriffe und Gewalt und manifeste Diskriminierung nicht ahnden und härtestens bestrafen soll. Es heißt vielmehr, dass man den Vorbehalt gegenüber dem Fremden, gegenüber dem Andersartigen kaum aus den Menschen herausbekommen wird. Man kann sie erziehen zu korrektem Verhalten, man kann sie abhalten von Bosheiten und Brutalitäten, aber die elementare Fremdheit, das sichtbare oder unsichtbare Mal an der Stirn bekommt man niemals weg. Nicht von der Stirn des Fremden und nicht aus den Köpfen der Vielen, der Gewöhnlichen und Gutbürgerlichen, der Blonden und Blauäugigen, wie sie uns sinnbildlich-lebensewig in Thomas Manns Novelle Tonio Kröger begegnen. 

Dies kleine Erweckungs- und Erbauungsbüchlein, diese Taschenbibel aller Außenseiter und Abgetrennten, sollten all die Fremdheitsverächter vielleicht mal auf sich wirken lassen und sich fragen, ob es so unbedingt wünschenswert sei, den Menschen ihre Schicksale zu ersparen. Die Gutmenschen, die Gleichmacher, die Grünen aller Schattierungen wollen die Tragik, das Schicksal, die Schwere aus dem Leben herausnivellieren. Das ist bis zu einem gewissen Grad verständlich, denn nicht jeder wächst an seiner Fremdheitserfahrung, nicht jeder kompensiert seine Verletzungen und reift daran zu trotziger Größe. 

Aber, banal es zu sagen, so ist das eben. Es spricht ja nichts dagegen, den Gescheiterten zu helfen, die Schwachen zu schützen, sie zu stärken und zu neuen Anläufen ins Leben zu motivieren. Aber jedem von vornherein seine Schmerzen, seine Tränen, sein Hadern mit sich und der Welt zu ersparen, alle Gefährdeten schon prophylaktisch zu therapieren und die Welt in einen Schonraum voller Stuhlkreise und Wertschätzungsorgien zu transformieren, ist ein totalitäres Projekt von jener linken Dümmlichkeit, die heute auf dem besten Wege ist, sich von ihren radikalen Menschlichkeitsidealen zu allen Unmenschlichkeiten politischer Korrektheit hinreißen zu lassen.

Die entscheidende Frage ist letztlich wohl, ob man Helden oder Patienten will, ob man also ein heroisches Menschenbild befürwortet oder ob man an der betreuten, therapeutischen, maximal durchzivilisierten Gesellschaft arbeitet, an einem entlasteten Menschen, der keinen Heroismus mehr benötigt, weil die gütigen Sozialingenieure ihm alle Widerstände schon aus dem Weg designt haben.

Den negriden Jungen, der auf allerlei Weise zu spüren bekommt, dass etwas mit ihm anders ist, wird man mit Thomas Mann und Tonio Kröger vorerst wohl nicht trösten können. Der kleine Jerome wird – je nachdem, wie die konkreten Umstände sind – in seiner Schulklasse, auf der Straße, im Spielwarenladen irgendwie der beargwöhnte Fremde bleiben. Soll man ihm nun sagen, er solle sich damit abfinden, dass er gerade in einer Heldengeschichte steckt, und dass seine jetzigen Leiden nun mal dazugehören? Dass er daran nicht zerbrechen darf, sondern lernen muss, hart und geschickt und sensibel und klug und frustrationstolerant zu werden? Vielleicht nicht genau so in der Formulierung, aber sinngemäß wäre das gewiss besser, als ihn darin zu bestärken, dass er sich immer alle Kleinigkeiten zu Herzen nehmen soll und sich dadurch in eine Opferrolle hineinzuleben. 

Und soll man die Klassenkameraden, die kleinen blonden Tunichtgute Linus und Tyler und Pasqual in Antirassismus-Programme stecken, weil sie mal Jeromes dunkle Haut und seine krausen Haare anfassen wollten?
Mir scheint, all die Finanzmittel für antirechte, antirassistische und antiirgendwelche Programme wären besser angelegt in Schulstunden und Kursen, in denen Manieren, Umgangsformen, rücksichtsvolles Sozialverhalten, Takt, Dezenz und Diskretion vermittelt werden. Es müsste an allen Schulen jeden Tag eine Unterrichtsstunde geben, in der man all die Selbstverständlichkeiten lernt, die man heute eben nicht mehr selbstverständlich zu Hause lernt. Zum Beispiel, dass man Leute, die anderes aussehen, nicht anstarrt oder fragt, ob man sie mal anfassen darf. Vergleichbare Kurse müssten dann natürlich auch jene erziehungsunfähigen Eltern besuchen, die durch jahrzehntelangen Assi-TV-Konsum derart degeneriert sind, dass man ihnen von Rechts wegen eigentlich nie hätte das Kinderaufziehen gestatten dürfen.

Letztlich aber muss man vor allem das Fernsehen und das Internet abschaffen. Was natürlich nicht geschehen wird. Trotzdem sollten all die Gutmenschen und Antirassisten ihre Energie darauf verwenden, diese wirkliche Quelle des Übels, der Dekadenz, der Entmenschlichung trockenzulegen. Denn der Rassismus, der echte Rassismus ist ein verschwindend winziges Problem. Das eigentliche Problem ist die Verpöbelung des Menschen durch menschenverachtende Medien, die Entartung durch eine herz- und hirnlose Erregungsmaschinerie, die ewige Einladung zur enthemmten Rutschpartie durch die Abwärtsspirale des Empörungs- und Amüsierextremismus.

Farbige, die (hierzulande) angemacht und runtergemacht werden, sind meist keine Opfer von Rassismus, sondern Opfer von Verkommenheit.

Ich kann nirgendwo erkennen, dass dieser antikulturelle, antizivilisatorische, antisittliche Abwärtstrend gebremst, gestoppt oder gar umgekehrt würde. Insofern kann man all den Fremden, Besonderen und Unpassenden nur raten, ihr Mal an der Stirn als Wunde und Hoheitszeichen zu erkennen und es mit Stolz und Verzweiflung zu lieben. Und die angeborene Chance zu ergreifen, gegen die Welt und gegen die Zeit zu leben.

 

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Abschließend möchte ich alle Leser, die bislang dachten, Gender-Studies wären das Bekloppteste, was es an Universitäten gibt, noch ermuntern zur Beschäftigung mit der (kein Witz jetzt) Kritischen Weißseinsforschung. Das dauert nicht lange, denn deren Ergebnisse besagen immer ungefähr das Gleiche, nämlich wie überlegen und herrenrassisch schön und superästhetisch die Weißen das Weißsein finden. 

Ich weiß nicht, in welcher Parallelwelt solche Firlefanz-Forscher sich bewegen, aber alle Menschen, mit denen ich je über das Thema gesprochen habe, wollen lieber wesentlich brauner sein, als sie es rassisch bedingt nun mal leider sind. Wenn sie könnten, würden sie ihre nordisch-käsige Blässe liebend gern gegen eine mindestens mediterrane, besser noch gegen eine gemäßigt indische Bronze-Bräune eintauschen. Die Weißen geben zig Milliarden aus, um an südlich-sonnige Strände zu reisen, wo sie ihre unattraktive, geradezu als ungesund empfundene Depigmentierung loszuwerden sich mühen. Sie setzen sich wochenlang intensivster UV-Strahlung aus, in dem vollen Bewusstsein, dass sie davon Krebs bekommen.
Die Kritische Weißseinsforschung möge sich hiermit von mir um die Arbeitshypothese bereichern lassen, dass die Weißen ihr Weißsein dermaßen kritisch sehen, dass es schon fast pathologisch zu nennen ist.

 

Sie lasen Auszüge aus: 

„Spielarten des Menschlichen – Versuch über die Freiheit, die Gleichheit und den Negerkuss“

 

 

 

(1) https://gruene-jugend.de/streichung-des-begriffes-rasse/

(2) Ulrich Kattmann: Warum und mit welcher Wirkung klassifizieren Wissenschaftler Menschen? In: Kaupen-Haas/Saller: Wissenschaftlicher Rassismus: Analysen einer Kontinuität in den Human- und Naturwissenschaften, Campus Verlag (1999). S. 65-83. Online unter: http://www.zukunft-braucht-erinnerung.

(3) Richard Dawkins, Yan Wong: Geschichten vom Ursprung des Lebens, Eine Zeitreise auf Darwins Spuren, Ullstein, Berlin 2008, Seite 559

(4) Richard Dawkins, Yan Wong: Geschichten vom Ursprung des Lebens, Eine Zeitreise auf Darwins Spuren, Ullstein, Berlin 2008, Seite 564 f.

 

 

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