Das Mal an der Stirn (4)

– – – Fortsetzung – – –

Ich vergaß in meinem obigen Tugendkatalog (Teil 3) neben Frustrationstoleranz, Dezenz und all diesen Dingen das Wichtigste: den Humor. Daher schalten wir uns jetzt noch mal kurz in den Bürostreit zwischen meiner Kollegin of Colour und dem neuen Mitarbeitenden, diesem sympathischen Andrew-Onuegbu-Lookalike, ein.
Zur Erinnerung: Er hatte was vom „Mohr“ als Typus gesagt, und „PoC“ wäre ja irgendwie daneben, weil der Inder ja auch „koloriert“ sei, und dann würde man ja den Typus wirklich nur auf die Pigmentierung reduzieren, und so weiter. Und dass die „Sister“ mal aufwachen solle, hat er noch gesagt.

Kollegin:
Also, Kollege, jetzt pass mal auf. Erstens: Ich geb dir gleich „Sister“! Ich heiß Jana. Und zweitens: Siehst du nur so aus wie dieser Andrew Onuegbu oder bist du der jetzt wirklich?

Kollege:
Erstens: Hallo Jana. Freut mich. Du bist aber jetzt nicht zufällig Jana Pareigis, die ZDF-Moderatorin? Zweitens: Ich bin nicht Andrew Onuegbu, aber für so Mischlinge wie dich sehen wir Nigerianer wahrscheinlich alle gleich aus, ne? Fast schon rassistisch, würd ich sagen. Aber egal, alles cool, kein Ding. Ich heiß übrigens Janosz.

Jana:
Du verarschst mich, oder? Wieso heißt du Janosz?

Janosz:
Weil ich vielleicht von meinen tschechischen Adoptiveltern adoptiert worden bin?

Jana:
Und wieso sprichst du dann akzentfrei deutsch?

Janosz:
Weil wir vielleicht nach Deutschland gekommen sind, als ich zwei Jahre alt war?

Marcus J. Ludwig:
So, ihr Lieben, das interessiert echt keinen. Die Leser wollen wissen, wie man euch nun typenbezeichnungsmäßig begegnen soll. Könntet ihr euch jetzt bitte darüber unterhalten?

Janosz:
Okay, sofort, das Eine muss nur noch geklärt werden: Bist du jetzt Jana Pareigis?

Jana:
Natürlich nicht! Wenn ich Jana Pareigis wäre, dann würde ich wohl kaum hier arbeiten. Glaubst du, die Trulla macht morgens vor dem Mittagsmagazin nen Nebenjob als Webdesignerin?

Janosz:
Ich weiß nicht, was man beim MiMa verdient. Bestimmt nicht so viel wie Günter Jauch.

Jana:
Nee, aber wird schon reichen, um sich von Webseiten wie Flügel und Pranke fernzuhalten. – Sorry, Marcus. Ich mein das nur berufsmäßig und bezahlungstechnisch. Deine Seite ist natürlich super. Super designt, aber auch super Texte. Vor allem, dass du auch so Dialoge bringst, ist echt innovativ, macht sonst kein Blogger, soweit ich weiß. Ist ja fast schon Platon-mäßig, so Erkenntnisgewinn durch philosophisches Streitgespräch. Richtig gut.

Marcus:
Dann fangt doch jetzt mal gefälligst an mit dem Streit, Herrgott! Muss auch nicht besonders philosophisch sein … aber zum Thema!

Jana:
Ja. Nee. Ist ganz einfach: Ich würd den Inder auch „Person of Colour“ nennen. Ist ja schließlich unübersehbar. Wo ist das Problem?

Janosz:
Das Problem ist, dass damit überhaupt nichts Spezifisches zum Ausdruck gebracht wird. Es ist keine adäquate Information. Wenn ich nur gesagt bekomme, jemand sei „of Colour“, dann kann der aus Sri Lanka oder Papua-Neuguinea kommen, aus Australien oder Zimbabwe. Es sagt nichts über seine Rasse aus.

Jana:
Also, davon abgesehen, dass es gar keine Rassen gibt, geht es auch gar nicht um Information. Wenn ich PoC sage, dann will ich niemanden informieren. Das ist ein Statement.

Janosz:
Schön, dass du das zugibst. Dann brauchen wir ja nicht weiter argumentieren. Du steckst dir dein modisches Label ans Revers: „Ich bin PoC“ (was – nebenbei – ohnehin jeder sehen kann), und meinst, durch das Aussprechen des Offensichtlichen müsstest du da irgendwie stolz drauf sein. Also, wenn es irgendwas gibt, wo Stolz so überhaupt gar nicht angebracht ist, dann ist es doch wohl die Rassenzugehörigkeit. Was kann ich denn dafür, dass die Natur mir diesen Körper verpasst hat?

Jana:
Gar nichts. Aber du kannst was dafür, wie du diesen Körper trägst. Ob du ihn mit Stolz und Würde trägst oder ihn von der weißen Mehrheit zum Exotikum oder gar zum Mängelwesen degradieren lässt.

Janosz:
Würde ist okay. Aber, was du Stolz nennst, ist doch wohl eher Trotz. Was auch noch okay wäre, wenn es nicht Trotz gegen die Realität wäre. Denn du bist doch eine Exotin, genau wie ich. Und was ist daran schlimm? Wenn die weißen Mehrheitsdeutschen uns exotisch finden und uns anglotzen, dann ist das doch weder eine Auszeichnung noch eine Abwertung, sondern nur eine Auseinandersetzung mit Andersartigkeit. Wenn ich einen Cherokee-Indianer oder einen Aborigine in der U-Bahn sehe, dann will ich den auch angucken. – Außerdem: Wenn dich Leute anglotzen, dann nicht, weil du irgendwie halbafrikanisch aussiehst, sondern einfach, weil du gut aussiehst.

Jana:
Schleimer.

Janosz:
He he … übrigens, weißt du, was der Duden sagt?

Jana:
Was sagt der Duden? Dass ich gut aussehe?

Janosz:
Er sagt, dass die in Deutschland lebenden Menschen dunkler Hautfarbe als Eigenbezeichnung „Afrodeutscher, Afrodeutsche“ gewählt haben. Diese setze sich immer mehr durch. – Und, wie findest du das?

Jana:
Also, ehrlich gesagt: Bevor dieses PoC-Dings in Mode kam, hab ich mich tatsächlich als Afrodeutsche bezeichnet.

Janosz:
Aber was ist dann mit Ägyptern? Oder Südafrikanern? Ist Hamed Abdel-Samad ein Afrodeutscher, ist Howard Carpendale ein Afrodeutscher?

Jana:
Hm. Muss ich drüber nachdenken.

Janosz:
Gut, dazu wollt ich dich ja anstiften. Und nett wie ich bin, helf ich dir sogar:
So eine Bezeichnung wie „Afro-Deutscher“ oder „Afro-Amerikaner“ ist für jeden, der willens ist, drei Sekunden lang nachzudenken, völlig unbrauchbar. Deutsche, deren Vorfahren Ägypter, Libyer, Algerien, Tunesier, Marokkaner, also Bewohner Afrikas waren, werden sich schön bedanken, wenn man sie „Afro-Deutsche“ nennte. Und warum? Weil sie offensichtlich zur europiden Rasse gehören. Und selbst viele Ostafrikaner, Äthiopide, Nilotide, entsprechen morphologisch stärker dem europiden als dem negriden Erscheinungsbild. Es ist also schlicht unsinnig, eine Menschengruppe nach einem Kontinent zu bezeichnen.
Sind Russen, Anatolier, Israelis Asiaten? Ja, geografisch schon, aber das meinen wir ja nicht, wenn wir von Asiaten sprechen. Wer an Asiaten denkt, denkt an Chinesen, Koreaner und Japaner. Rassenkundlich gesprochen also an Mongolide.
Und wer von Afrikanern spricht, meint in der Regel Negride. Und diese Rassen sind – auch wenn alle gutmenschlichen Moralisten es gerne anders hätten – keine Fiktion. Es gibt haufenweise Übergangsformen, aber das ändert nichts daran, dass es eben Übergänge zwischen existierenden Rassen sind, oder zwischen „Geotypen“, was schon mal ein neutralerer und deeskalierenderer Terminus wäre.

Jana:
Da hast du ja offenbar ausgiebig in vergilbten Lehrbüchern der Anthropologie und Humangeographie herumgeblättert. Aber ich höre hier nichts, was mich überzeugen könnte, dass es irgendeinen Sinn hätte, Menschen nach Rassen zu klassifizieren.
Und soweit ich weiß, hat mittlerweile die Genetik ohnehin der Rassenkunde jegliche Grundlage entzogen, weil sie gezeigt hat, dass die genetische Varianz innerhalb von Ethnien größer ist als zwischen den Ethnien.

Janosz:
Okay, jetzt wird’s interessant. Vor der Genetik aber erst das Generelle: „Warum klassifizieren Wissenschaftler Menschen?“, fragst du. Gegenfrage: Warum klassifizieren Wissenschaftler überhaupt irgendwelche Lebewesen? Man muss auch keine Vögel und Hunde und Primaten klassifizieren, man kann sie auch einfach so zur Kenntnis nehmen und sagen: „Das ist ein Tier.“
Noch allgemeiner gefragt: Warum klassifizieren Menschen überhaupt irgendetwas?
Ich würde folgende Antwort vorschlagen: Weil sie neugierig sind und interessiert an allem, was in ihrer Umgebung kreucht und fleucht oder auch nur auffällig herumliegt. Alles, was aus dem neutralen Null-Niveau hervorragt und Aufmerksamkeit fordert, ist interessant. Ein Stein, der am Strand inmitten der ebenen Sandfläche herumliegt, ist interessant, die Kinder rennen wie magnetisch angezogen dorthin, um sich daraufzustellen, um ihn umzudrehen oder einfach nur zu schreien: „Boah, voll der Stein!“
Eine Pflanze, eine Blume – je farbiger, je größer, je unregelmäßiger und unwahrscheinlicher, desto interessanter – ist etwas, an dem wir unmöglich einfach so vorbeigehen können. Und ein Tier, sobald es zumindest aus der Nulllinie dessen, was wir an Hunden und Amseln und Fliegen gewohnt sind, ein wenig herausragt, ist ein Faszinosum erster Güte. Ein fremdes Tier, das frühmorgens vor unserem Fenster steht, ist ein Ereignis, das uns manchmal jahrelang im Gedächtnis bleibt.
Es ist das Natürlichste von der Welt, dass wir wissen wollen: Was ist das? Und „was“ bedeutet nicht: „welche Gene sind in dem Ding drin?“, oder: „aus welchen Molekülen besteht das Viech?“, sondern: „Ist das ein Fuchs, ein Waschbär, ein Elch oder ein Gorilla?“ Das Ding ist anders als wir, es braucht einen Namen. Und zwar vorerst noch keinen persönlichen Rufnamen, sondern einen klassifikatorischen Namen. Es wäre geradezu unmenschlich, von uns zu verlangen, es nicht zu klassifizieren, weil wir damit eventuell gegen irgendwelche Gleichheitsgrundsätze verstoßen, und uns doch bitte damit zu begnügen, dass das halt ein Lebewesen sei, oder einfach ein Nicht-Ich, Punkt.
Je ähnlicher uns so ein Gegenüber ist, desto genauer müssen wir wissen, was das ist. Und je nachdem, was das ist, wollen wir irgendwann womöglich sogar aufhören mit dem Klassifizieren und wissen, wer das ist.

Jana:
Willst du wissen, wer ich bin? Ich bin die, die dir sagt, dass Menschen keine Waschbären oder Elche oder Gorillas sind.

Janosz:
Super Spruch, korrekte Aussage, aber trotzdem sind Menschen Tiere. Und wer hin und wieder ein paar Stunden im Wartezimmer eines Tierarztes verbringt, der weiß, dass Menschen nach kürzester Zeit von dem Verlangen überwältigt werden, Tiere zu klassifizieren. Was ist das denn für einer? Der ist aber groß für nen Pudel. Da ist aber ein Riesenschnauzer mit drin, oder?
Man kann solchen plumpen Neugiernasen nun nach Sozialpsychologen-Art unterstellen, dass sie tief verunsichert seien, dass sie alles in ihr schematisches Weltbild pressen müssen, dass sie von starren Ordnungszwängen besessen seien und unablässig nach Herrschaftswissen trachten.
Man kann aber auch feststellen, dass sie einfach ein Interesse daran haben, ihre Umwelt, ihre Mitwelt zu verstehen. Es ist die Frage, ob man das weiter hinterfragen und begründen muss, oder ob es nicht einfach eine ganz harmlose humane Konstante ist, irgendetwas neben Begehren, Angst, Selbstvergewisserung, Hunger, Spieltrieb und anderen alltäglichen Menschlichkeiten. Interesse eben.
Meistens kriegen die neugierigen Frager eine Antwort, Vater war Pudel-Bobtail, Mutter war Schnauzer, und dann geht ein großes Aaahhh über ihr Gesicht. Siehste, hab ich’s doch gewusst.
Wenn ich nicht beim Tierarzt, sondern beim Menschenarzt im Wartezimmer sitze oder vor dem Fernseher, hab ich zuweilen das gleiche indiskrete Interesse an Menschen. Da denk ich dann zum Beispiel: Da ist aber ein Schwabe mit drin, oder? Das ist aber eine typische Bayerin, das ist bestimmt ein Norweger. Ich liege sehr oft richtig, ich habe ein großes Talent, deutsche Regionalvarietäten und europäische Populationseigenheiten zu erkennen. Schwaben sind tatsächlich am eindeutigsten zu bestimmen: der Jürgen-Klinsmann-Lothar-Späth-Volker-Beck-Typus ist erstaunlich weit verbreitet. Franken, Westfalen, Kölner, Hamburger sind auch meist recht gut einzuordnen. Natürlich gibt es viel mehr, die nicht typisch sind, aber wenn man mit offenen Augen durch die Welt geht und fernsieht, dann kommt man eigentlich kaum umhin, immer wieder lokale, regionale, nationale, ethnische Ähnlichkeiten zu entdecken.
Ich erkenne übrigens selbstverständlich auch Juden, und das ist meist so leicht, dass ich immer wieder überrascht bin, dass viele andere das nicht sehen können. Oder nicht sehen wollen. Irgendwann ging mal ein Erstaunen durch die Medien, darüber, dass Michael Douglas Jude ist. Der war für mich immer schon so unübersehbar jüdischer Abstammung wie Hans Rosenthal und Hannah Arendt.

Jana:
Das ist ja interessant, gerade gestern hab ich diesen Spielfilm über Hannah Arendt gesehn, dieses Biopic. Da dachte ich auch die ganze Zeit: Hm, also, diese Schauspielerin sieht ja echt kein bisschen so aus wie Hannah Arendt.

Marcus:
Barbara Sukowa war das, nicht wahr? Ich hab den Film auch mal gesehen. Aber, da würde ich doch zurückfragen: Muss sie denn so aussehen?

Jana:
Nun, für einen biographischen Film wäre es doch immerhin hilfreich, eigentlich auch angebracht und für mein persönliches Empfinden sogar zwingend.

Janosz:
Wahrscheinlich hielt man es aber für rassistisch, sich nach einer ähnlich aussehenden, womöglich sogar jüdischen Schauspielerin umzusehen, da man damit zugegeben hätte, dass Juden manchmal aussehen wie Juden. – Interessanterweise sehen Juden in amerikanischen Filmen, und gerade in denen jüdischer Filmemacher, tatsächlich aus wie Juden. – Wenn man aber Frau Sukowa für die Rolle gecastet hat, weil sie halt eine so gute Schauspielerin ist, und man demonstrativ auf den jüdischen Aspekt verzichten wollte, stellt sich doch die Frage, warum man sie dann überhaupt irgendwie maskenbildnerisch zurechtgemacht hat und sie nicht einfach unmaskiert hat agieren lassen. Oder warum man die Rolle nicht Tom Cruise oder Denzel Washington gegeben hat, da es doch eh nicht auf Äußerlichkeiten ankommt.

Marcus:
Ich schätze, viele Menschen, gerade in der Kultur-Medien-Weltverbesserungsbranche, haben sich so sehr in den Gleichheitswahn hineingesteigert, dass sie selbst die offensichtlichsten Unterschiede vielleicht wirklich nicht mehr wahrnehmen. Selbstverblödung durch chronischen Moralismus.

Janosz:
Seltsamerweise können viele Leute sogar Araber, Türken und Maghrebiner nicht auseinanderhalten. Das kann nur daran liegen, dass man ihnen ihr ganzes Leben lang untersagt hat, sich für so etwas zu interessieren, sie sind physiognomische, typologische Analphabeten.
Aber kurz noch zurück zur Sache: Was hab ich denn nun davon, wenn ich festgestellt habe, dass einer Jude, Franke oder Norweger ist und auch so aussieht? Nichts hab ich davon. Nichts sonderlich Brauchbares jedenfalls. Nicht mehr, als wenn ich eine Blindschleiche am Waldesrand finde und meine Frau mit leuchtenden Augen darauf hinweise: „Sieh dort, eine Blindschleiche!“
Das Leben ist interessant und faszinierend vielgestaltig. Warum soll ich überall Gleiches sehen, wenn ich das Andersartige und die Abwechslung liebe?

Jana:
Amen.

Marcus:
Das wird mir jetzt langsam echt zu konsensorientiert mit euch. Also, ich mein, ihr solltet eigentlich ein richtiges Streitgespräch führen, das in Gekeif und Beleidigung eskaliert. Könnt ihr noch mal eure fundamentalen Divergenzen herausarbeiten?

Jana:
Und ob: Also, ich würde sagen, es geht doch nicht vorrangig um die Frage, welche Schauspieler man für welche Rollen castet, sondern um den alltäglichen Rassismus, den wir in Deutschland erleben.

Janosz:
Oh Mann, ich weiß, was jetzt kommt … jetzt kommen wieder die Migranten, denen man eingeredet hat, dass sie überall Rassismus wittern müssten, die sich beschweren, dass man sie dauernd frage, „wo sie denn herkämen“. Und die sagen dann, sie kämen aus Deutschland und die Frager seien dann total verdutzt, und dann fragten sie ungeniert weiter, nein, „wo sie denn wirklich herkämen“, und …

Jana:
Brauchst du dich gar nicht drüber lustig machen. Das ist auch total herabsetzend. Wenn ich zum hundertsten Mal gefragt werde, wo ich herkomme …

Janosz:
… dann nervt das vielleicht. Aber ist das eine aggressive Herabsetzung? Ist das Rassismus? Bitte! Bleib mal geschmeidig, Sista. – Frag doch einfach mal zurück, wo der Fragende herkommt, die meisten Deutschen haben ja auch ihre Wurzeln irgendwo anders in Deutschland und erzählen dann gern und wortreich von ihren Vorfahren im Hunsrück oder in Schlesien. Und ganz ehrlich: In meiner ideal interessanten Wunschwelt würden sich die Menschen bei der Begrüßung gegenseitig ihre Stammbäume überreichen, und sofort hätte man die herrlichste Gesprächsgrundlage. „Was? Bei dir ist ja ein Korse und eine Philippinin mit drin! Und dein Großvater kam aus Kamerun? Wahnsinn!“ – „Und bei dir ist sogar ein Riesenschnauzer mit drin, sieht man aber auch so, hehe …“ – „Arschloch, haha.“
Verstehst du? Alle lachen, alle sind fröhlich, alle sind Menschen, alle sind mehr oder weniger typisch in ihrer unendlichen Vielgestaltigkeit.

Jana:
Das wäre also deine ideal interessante Wunschwelt? In meiner Wunschwelt spielen all solche Sachen einfach keine Rolle mehr.

Janosz:
Ganz schön langweilig, deine Welt.

Jana:
Nicht langweilig, sondern gerecht. Ich will eine Welt, in der ich meiner Tochter ein Kinderbuch vorlesen kann, ohne die Geschichte zu unterbrechen, weil ich ihr irgendwie erklären muss, warum da „Negerkönig“ steht.

Janosz:
Immer läuft es darauf hinaus … alle, mit denen man über Rassismus diskutiert, kommen unweigerlich zu dem Punkt, dass sie „Pippi Langstrumpf“ umschreiben wollen. Was ist das für ne merkwürdige Besessenheit? – Und was hat das überhaupt mit Gerechtigkeit zu tun?

Jana:
Die Weißen müssen sich mit solchen Problemen nicht herumschlagen.

Janosz:
Dann schreib doch zum Ausgleich ein Kinderbuch, das genauso beliebt wird wie Pippi Langstrumpf, und in dem ein „König Käsekopf“ vorkommt oder der „Weißbrot-Häuptling“, was weiß ich … dann sind die rassistischen Diskriminierungen gerecht verteilt.

Jana:
Aha! Also ist „Negerkönig“ eine rassistische Diskriminierung!

Marcus:
Okay, ich greif nochmal ein, bevor es zu abstrus wird – die sprachpflegerische Frage ist ja sehr berechtigt: Wir haben doch auch nach dem Krieg Straßen und Plätze umbenannt, wir schreiben Gesetze um … warum sollen wir keine Bücher umschreiben, warum sollen wir nicht unseren Sprachgebrauch neu regeln und statt „Neger“ „PoC“ sagen?

Janosz:
Der Staat kann seinen Sprachgebrauch ja gern regeln. Der Staat und seine Institutionen müssen gerecht sein. Klar. Keiner darf diskriminiert werden, Sonderfälle müssen berücksichtigt werden.
Müssen aber die Bürger genauso gerecht sein wie der Staat? Darf man von Menschen verlangen, dass sie sich „staatlich“ verhalten? Darf man von der Kultur verlangen, dass sie sich „staatlich“ verhalte? Darf man von der Vergangenheit verlangen, dass sie sich „staatlich“ verhalte?
Es ist doch eigentlich ganz einfach: Wenn du deiner Tochter nichts vom Negerkönig erzählen willst, dann lies ihr halt was anderes vor. Du hast schlichtweg kein Recht auf die Extrawurst, die du dir da erträumst, du hast kein Recht auf eine Empfindlichkeitsberücksichtigungswurst. Ein Kinderbuch ist kein Gesetzbuch. Du kannst dafür kämpfen, dass in Gesetzestexten keine Ausdrücke stehen, die dir unpassend vorkommen. Aber du kannst keine Astrid-Lindgren-Bücher umschreiben. Du kannst noch nicht mal Hermann-Hesse-Bücher umschreiben, in denen steht sogar „Nigger“ drin. – Und was ist eigentlich mit „Pulp Fiction“? Ein Film von einem Weißen, in dem gefühlt 300-mal das N-Wort vorkommt. Umschreiben? Verbieten?

Jana:
Das ist was anderes, das ist fiktionale Gangstersprache, das steht gewissermaßen alles in Anführungszeichen. Das ist im Grunde so übertrieben abstrus, dass man es nicht ernst nimmt. Die weißen Kinder, die Lindgren lesen, nehmen den „Negerkönig“ aber ernst und sagen dann zu meiner Tochter auf dem Schulhof „Negerin“.

Janosz:
Das machen sie aber als bewusste Frechheit, weil sie eben wissen, dass es heutzutage eine Grenzüberschreitung ist. Wenn das Wort allgemein akzeptierter Sprachgebrauch wäre, würden sie ein anderes Wort verwenden. In ein paar Jahren werden sie „PoC“ benutzen, um jemanden zu hänseln. Sie werden daraus irgendwas Freches machen … „ey, du alte Pocke“, oder so. Das Problem sind nicht die Wörter, sondern die Tatsache, dass manche Menschen naturbedingt aus dem Rahmen fallen. Der bleiche, sommersprossige Rothaarige kriegt immer irgendnen mehr oder weniger witzigen oder spöttischen Namen verpasst. „Feuermelder“, „Duracell“, irgendsowas. Er muss Strategien entwickeln, damit souverän umzugehen und daran zu wachsen.

Jana:
Nee, man muss denen, die immer „Feuermelder“ grölen, ordentlich ein paar scheuern.

Janosz:
Das kann man zusätzlich und situationsweise wohl auch machen, einverstanden.

Marcus:
Mit diesem schönen Schlusswort wollen wir das Gespräch für heute beschließen, würde ich vorschlagen. Danke, Jana. Danke, Janosz. Jetzt geht’s aber fleißig zurück an die Arbeit, nicht wahr, der Text muss korrekturgelesen und stilistisch durchdesignt und nach dem neuesten Stand der Digitaltechnologie ins Netz gezaubert werden. Gebt alles, meine hochbezahlten imaginären Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter! Und ich selbst will schnell noch alle Buchstaben einzeln polieren, bis sie blinken wie Oma Ladys Silberbesteck. Dazu singen wir gemeinsam alte Baumwollpflückerweisen und stoßen mit Kakao und Käsekuchen auf unsere dreifaltige Diversity an! Cheers!


Fortsetzung folgt  . . . 

 

Wenn Ihnen dieser Text gefällt oder sonstwie lesenswert und diskussionswürdig erscheint, können Sie ihn gern online teilen und verbreiten. Wenn Sie möchten, dass dieser Blog als kostenloses und werbefreies Angebot weiter existiert, dann empfehlen Sie die Seite weiter. Und gönnen Sie sich hin und wieder ein Buch aus dem Hause Flügel und Pranke.

 

 

© Marcus J. Ludwig 2020.
Alle Rechte vorbehalten.