Das Mal an der Stirn (3)

– – – Fortsetzung – – – 

 

Die Fremdheitserfahrung gehört zu den Unvermeidbarkeiten des Lebens, und sie ist ein Hauptmotiv in der Entwicklung des Einzelnen zu echter Größe und Besonderheit. Das einzige negride Kind in einer Klasse voller semmelblonder Holsteiner, die einzige Kopftuchtürkin in einem Kleingartenverein voller Musikantenstadl-Rentner, der einzige Schwule in einer Fußballmannschaft voller „echter“ Jungs, das einzige Arbeiterkind in einem Chor voller Professorentöchter, die einzige Dicke in einem Team aus lauter Fitnesshexen, der einzige Romantiker in einer Welt voller Rationalisten – wer bitteschön war nicht wenigstens phasenweise einmal der Einzige, der abgesondert am Rande stand und seine Andersartigkeit bitter zu spüren bekam? Aber vielleicht sind ja die Gutmenschen genau solche, die noch nie Einzelne, Fremde und Außenseiter waren und daher nie Gelegenheit hatten, zu erfahren, wie man leidet und wie man wächst an seinen Stigmata.

Ist der moderne Mensch nicht geradezu verrückt nach Geschichten von Außenseitern, die sich in der einen oder anderen Weise aufbäumen gegen die konforme Mehrheit, indem sie ihren Makel verwandeln in eine Auszeichnung, die lernen, ihren angeborenen oder zugeschriebenen Nachteil neu zu entdecken als heimlichen Adelstitel und hohe, komplizierte Bevorzugung?

Wer diese Geschichten will, wer Helden- und Heiligenbiographien will, der muss eine Welt wollen, in der immer wieder die Sportskanonen und Orthopädensöhne den freakigen Schwächling auslachen und demütigen und ihm die Klamotten klauen. Die wiehernden Schulchampions werden später Langeweiler und Autoverkäufer, der Freak aber rettet die Welt und kriegt die schärfsten Weiber. So etwa geht die Story.

Nicht für alle natürlich. Nur die Härtesten unter den Schwächsten, nur die Tapfersten unter den Sensiblen und Verwachsenen und Abseitigen halten durch. Vor allem müssen sie ihre Vereinzelung annehmen, nie dürfen sie sich in ihrem Wünschen und Sehnen gemeinmachen mit der Masse, und auch nicht mit ihresgleichen. Denn gänzlich vereinzelt ist man ja meist nicht. Aber, der Schwarze, der Schwule, der Schwächling, der schwitzende Fettsack – sie bleiben dennoch Einzelne, auch wenn sie zu zweit oder zu dritt oder zu viert sind unter zwanzig oder dreißig Normalos. Der Kampf, die Revolte, die Rache beginnt erst, wenn ungefähr ausgewogene Verhältnisse bestehen. Dann aber ist es vorbei mit dem Adel. Sobald die Besonderen als Gruppe ihre Normalität erkämpfen, sobald aus dem Heroismus der Schwäche eine Bürgerrechtsbewegung wird, ist die Geschichte eine andere. Eine fürs Heute-Journal eher als für Hollywood.

Bis es so weit ist, sind die Einzelnen immer die Schrägen, die schräg angeschaut werden, die Außenseiter, denen die Mehrheit mit fasziniertem Misstrauen begegnet, die Fremden, deren Andersartigkeit diejenigen irritiert und verunsichert, die auf das Gewohnte, das Vertraute fixiert sind, die in einer ungestörten Umwelt leben wollen, die sie bedauerlicherweise nur als eine Erweiterung ihres Selbst akzeptieren können.

Wenn man versucht, sich abzufinden mit dem Unvermeidlichen, die Schönheiten und die Chancen zu erblicken in der Tragik, dann heißt das nicht, dass man Übergriffe und Gewalt und manifeste Diskriminierung nicht ahnden und härtestens bestrafen soll. Es heißt vielmehr, dass man den Vorbehalt gegenüber dem Fremden, gegenüber dem Andersartigen kaum aus den Menschen herausbekommen wird. Man kann sie erziehen zu korrektem Verhalten, man kann sie abhalten von Bosheiten und Brutalitäten, aber die elementare Fremdheit, das sichtbare oder unsichtbare Mal an der Stirn bekommt man niemals weg. Nicht von der Stirn des Fremden und nicht aus den Köpfen der Vielen, der Gewöhnlichen und Gutbürgerlichen, der Blonden und Blauäugigen, wie sie uns sinnbildlich-lebensewig in Thomas Manns Novelle Tonio Kröger begegnen.

Dies kleine Erweckungs- und Erbauungsbüchlein, diese Taschenbibel aller Außenseiter und Abgetrennten, sollten all die Fremdheitsverächter vielleicht mal auf sich wirken lassen und sich fragen, ob es so unbedingt wünschenswert sei, den Menschen ihre Schicksale zu ersparen. Die Gutmenschen, die Gleichmacher, die Grünen aller Schattierungen wollen die Tragik, das Schicksal, die Schwere aus dem Leben herausnivellieren. Das ist bis zu einem gewissen Grad verständlich, denn nicht jeder wächst an seiner Fremdheit, nicht jeder kompensiert seine Verletzungen und reift daran zu trotziger Größe.

Aber, banal es zu sagen: So ist das eben. Es spricht ja nichts dagegen, den Gescheiterten zu helfen, die Schwachen zu schützen, sie zu stärken und zu neuen Anläufen ins Leben zu motivieren. Aber jedem von vornherein seine Schmerzen, seine Tränen, sein Hadern mit sich und der Welt zu ersparen, alle Gefährdeten schon prophylaktisch zu therapieren und die Welt in einen Schonraum voller Stuhlkreise und Wertschätzungsorgien zu transformieren, ist ein totalitäres Projekt von jener pseudolinken Dümmlichkeit, die heute auf dem besten Wege ist, sich von ihren radikalen Menschlichkeitsidealen zu allen Unmenschlichkeiten politischer Korrektheit hinreißen zu lassen.

Die entscheidende Frage ist letztlich wohl, ob man Helden oder Patienten will, ob man also ein heroisches Menschenbild befürwortet oder ob man an der betreuten, therapeutischen, maximal durchzivilisierten Gesellschaft arbeitet, an einem entlasteten Menschen, der keinen Heroismus mehr benötigt, weil die gütigen Sozialingenieure ihm alle Widerstände schon aus dem Weg designt haben.

Den negriden Jungen, der auf allerlei Weise zu spüren bekommt, dass etwas mit ihm anders ist, wird man mit Thomas Mann und Tonio Kröger vorerst wohl nicht trösten können. Der kleine Jerome, Mola, Nelson wird wohl – je nachdem, wie die konkreten Umstände sind – in seiner Schulklasse, auf der Straße, im Spielwarenladen irgendwie der beargwöhnte Fremde bleiben. Soll man ihm nun sagen, er solle sich damit abfinden, dass er gerade in einer Heldengeschichte steckt, und dass seine jetzigen Leiden nun mal dazugehören? Dass er daran nicht zerbrechen darf, sondern lernen muss, hart und geschickt und sensibel und klug und frustrationstolerant zu werden? Vielleicht nicht genau so in der Formulierung, aber sinngemäß wäre das gewiss besser, als ihn so weit zu verzärteln, dass er sich jede Kleinigkeit zu Herzen nimmt und sich dadurch in eine Opferrolle hineinlebt.

Und soll man die Klassenkameraden, die kleinen blonden Tunichtgute Linus und Tyler und Pasqual in Antirassismus-Programme stecken, weil sie mal Nelsons dunkle Haut und seine krausen Haare anfassen wollten? Mir scheint, all die Finanzmittel für antirechte, antirassistische, antiirgendwelche Programme wären besser angelegt in Schulstunden und Kursen, in denen Manieren, Umgangsformen, rücksichtsvolles Sozialverhalten, Takt und Dezenz vermittelt werden. Es müsste an allen Schulen jeden Tag eine Unterrichtsstunde geben, in der man all die Selbstverständlichkeiten lernt, die man heute eben nicht mehr selbstverständlich zu Hause lernt. Zum Beispiel, dass man Leute, die anders aussehen, nicht anstarrt oder fragt, ob man sie mal anfassen darf. Entsprechende Kurse müssten dann natürlich auch all die erziehungsunfähigen Eltern absolvieren, die durch jahrzehntelangen Assi-TV-Konsum derart degeneriert sind, dass man ihnen vielleicht das Kinderkriegen rechtzeitig hätte ausreden sollen, zum Besten aller Beteiligten.

Vor allem aber müsste man natürlich das Fernsehen abschaffen, und das Internet gleich mit, oder zumindest 99 Prozent davon. Was mutmaßlich nicht geschehen wird. Trotzdem sollten all die Gutmenschen und Antirassisten ihre Energie besser darauf verwenden, diese wirkliche Quelle des Übels, der Dekadenz, der Entmenschlichung trockenzulegen. Denn der Rassismus, der echte Rassismus ist ein verschwindend winziges Problem. Das eigentliche Problem ist die Verpöbelung des Menschen durch menschenverachtende Medien, die Entartung der Massen durch eine herz- und hirnlose Erregungsmaschinerie, die ewige Einladung zur enthemmten Rutschpartie durch die Abwärtsspirale des Verblödungs- und Amüsierextremismus.
Farbige, die (hierzulande) angemacht und runtergemacht werden, sind meist keine Opfer von Rassismus, sondern Opfer von Verkommenheit.

Ich kann nirgendwo erkennen, dass dieser antikulturelle, antizivilisatorische, antisittliche Abwärtstrend gebremst, gestoppt oder gar umgekehrt würde. Insofern kann man all den Fremden, Besonderen und Unpassenden nur raten, ihr Mal an der Stirn als Wunde und Hoheitszeichen zu erkennen und es mit Stolz und Verzweiflung zu lieben. Und die angeborene Chance zu ergreifen, gegen die Welt und gegen die Zeit zu leben.

 

Fortsetzung folgt  . . . 

 

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© Marcus J. Ludwig 2020.
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