Das Mal an der Stirn (2)

– – – Fortsetzung – – –  


Die Grüne Jugend hat sich ihre putzigen Rassismus-Ansichten großenteils aus der Deklaration von Schlaining gebastelt, die offenbar für viele, die es mit dem Denken nicht so genau nehmen, eine gern genutzte Erkenntnisquelle darstellt.


Was war noch gleich die Deklaration von Schlaining?

Das war so ein neunseitiges Papier, in welchem die Teilnehmer der „Internationalen Konferenz ‚Gegen Rassismus, Gewalt und Diskriminierung‘, veranstaltet vom Europäischen Universitätszentrum für Friedensstudien (EPU), der Österreichischen UNESCO-Kommission, dem Institut für Humanbiologie der Universität Wien und in Zusammenarbeit mit der UNESCO und dem Österreichischen Bundesministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst“, welche sich „vom 8. bis 11. Juni 1995 in Stadtschlaining“ trafen, alles Mögliche zu Themen wie Rassismus, Multikulturalismus, Ethno-Nationalismus, Rechtsextremismus, Sexismus, Toleranz und Kommunikation deklarierten, das sich heute wie ein Glaubensbekenntnis des Gutmenschen liest. Ich weiß nicht, ob das vor 25 Jahren alles noch neu und aufregend war, heute ist es jedenfalls die Standard-Einstellung des links-grünen Medien- und Polit-Mainstreams.

Diese ganzen Wohlgesinnten wollten damals gewiss nichts Schlechtes, aber sie litten an der gleichen Krankheit wie all die, die heute immer noch auf diesem Kirchentags-Niveau argumentieren, sie litten an einem übergroßen Wollen, das ihnen beim Wissen, beim Verstehen, beim Betrachten und Aushalten der Wirklichkeit unüberwindlich im Wege steht, sie waren Opfer eines Phänomens, das mal jemand sehr treffend den Sieg der Gesinnung über die Urteilskraft genannt hat.

Um es einmal ganz klar und ohne Spott auszusprechen: Diese Gesinnung, dieses Wollen ist selbstverständlich nicht zu beanstanden. Wer wollte denn bitte nicht, dass das gesamte weltweite Rassistenpack zur Besinnung käme, oder dass es auf irgendeinen weit entfernten Planeten verfrachtet werden könnte, wo es seiner geisteskranken Ideologie in alle Ewigkeit frönen möge? Wer, im Ernst, wollte das nicht?
Aber dieses gutmenschliche Wollen heiligt nicht die Dummheit und Blindheit, mit der Leute, die genau das Gleiche wollen, dazu genötigt werden sollen, Offensichtliches zu leugnen und vor Tatsachen die Augen zu verschließen.


Sind eine Isländerin und ein Aborigine gleich?

Das Gleichheitsdogma ist die ideologische Top-Idiotie unserer Epoche. Grundschulkindern wird heute von grundwertedurchtränkten Wohlfahrtsverbänden und Jugendämtern mit Projekten namens „Alle Kinder sind gleich“ allen Ernstes eingetrichtert, dass alle Kinder gleich seien, obwohl sie, wenn sie sich umsehen, sehr leicht feststellen können, dass sie alle ganz und gar nicht gleich sind.

Es mag besser sein, Kindern Gleichheit einzureden als Rassenhass. Aber man könnte ihnen auch einfach gar nichts einreden, sondern Ungleichheit erklären und Interesse für das Fremdartige im Andern wecken.

Was historisch einmal unter dem Begriff der Gleichheit errungen wurde, betrifft im Wesentlichen die Gleichheit vor dem Gesetz und die demokratische Basisregel, dass jede Stimme bei Wahlen gleich viel zählt.
Das reicht eigentlich schon, dazu braucht man keine weiteren Deklarationen, keine Ideologien und keine Gehirnwäsche für Schüler.
Über das egalitäre Minimum hinaus sollten wir so verschieden sein dürfen, wie wir es ganz offensichtlich sind.

Ich weiß nicht, was die fanatischen Egalitaristen dazu treibt, von anderen Menschen das Bekenntnis zu verlangen, dass eine Isländerin und ein Aborigine gleich seien. Sie sind nicht gleich, sie sind in so ziemlich allem, was man sich vorstellen kann, ungleich.
Sind sie gleichwertig? Keine Ahnung, ich weiß nicht, was Menschen wert sind, ich vermute, dass niemand etwas wert ist. Gebrauchtwagen haben einen Wert. Menschen haben für andere Menschen eine Bedeutung, das ist etwas anderes als Wert.
Ich nehme an, wenn bei einer Geiselnahme zur geheimen Abstimmung steht, ob ein Isländer oder ein Aborigine freigelassen werden soll, werden sich signifikant mehr Isländer für den Isländer entscheiden. Nicht, weil er mehr wert ist, sondern weil er ihnen nähersteht und weil alles Isländische für ihr Identitätsgefühl von größerer Bedeutung ist.
Dagegen wird man schwerlich etwas machen können.
Man kann aber für Gleichheit vor dem Gesetz und bei Wahlen sorgen. Das ist schon eine ganze Menge. Schon bei Chancengleichheit wird es leider sehr viel schwieriger, weil nun mal ein kompletter Lebensverlauf von der Geburt bis zum Berufsleben etwas komplexer ist als die Abgabe und Auszählung einer Wählerstimme.

Wer sich politisch für Chancengleichheit einsetzt, hat mich hundertprozentig auf seiner Seite. Wir müssen uns allerdings im Klaren sein, was das bedeutet. Die Lebenschancen werden überwiegend während der ersten sechs Lebensjahre zugeteilt. Wer hier zum Wohle der Menschheit intervenieren will, muss Eltern zur Elternschaft befähigen. Ich habe meine Zweifel, dass das gelingen wird. Schon dass es überhaupt versucht werden wird. Es wäre als Projekt ungefähr identisch mit dem kulturellen Neubau des Abendlandes. Also einer Utopie, von der wir nicht mehr zu träumen wagen. In der dystopischen Realität haben wir eine Zivilisation, und der fällt bekanntlich nicht viel mehr ein als Kindergeld und das Gute-KiTa-Gesetz.
Jedenfalls: Wenn es darum geht, Chancengleichheit herzustellen, kommen Frauenquoten in Vorständen und Parlamenten wohl einfach ein wenig spät.


Faszination und Herrschaftswissen

Was die Egalitaristen und giftgrünen Klassensprecher nicht begreifen, ist, dass man die biologischen Unterschiede zwischen den Menschen faszinierend und befremdlich finden kann, dass man diese Unterschiedlichkeit benennen kann, als Rasse, als Typus, als Varietät oder als phänotypische Spielart des Menschlichen, dass einem die eine Spielart fremder und unheimlicher sein kann als die andere, dass diese Spielart einem sympathischer und attraktiver vorkommen kann als jene, dass man diese ganzen verschiedenen Menschenformen in ihrer Mannigfaltigkeit mit dem allergrößten Interesse betrachten möchte, sich vertiefen möchte in die Details ihrer Erscheinungsweisen, dass man sie in jedem ihrer Merkmale begeistert vergleichen möchte mit den eigenen Sonderbarkeiten – und dass man sie dann trotzdem nicht diskriminieren, herabwürdigen, ausbeuten, abschlachten, ausrotten oder sonstwas will.

Die Egalitaristen können das ums Verrecken nicht nachvollziehen. Sie werden den Verdacht nicht los, dass man, wenn man Unterschiede wahrnehmen, messen und erforschen will, sich dieses Wissen dann unweigerlich auch als Herrschaftswissen zunutze machen will.

Diese Grundhaltung sollte diesen Menschen eigentlich sehr zu denken geben. Doch leider haben sie bislang in der Geschichte wenig Anzeichen dafür erkennen lassen, dass sie besonders kritisch mit sich selbst und ihren bequemen Anschauungen ins Gericht zu gehen gedächten.
Was ist für diese Leute so beängstigend daran, echte Fremdheit und Verschiedenheit zuzulassen? Sie predigen ja andauernd Vielfalt und Buntheit, aber ihre diesbezüglichen Vorstellungen gehen selten über Ethnokitsch hinaus.

Wenn Rassenkundler abstammungsbedingte, erscheinungsbildliche, physiologische und psychologische, in Skalen und Indices formulierbare Variationen der menschlichen Spezies feststellen, dann liegt darin doch offensichtlich die (selbstverständliche) Anerkenntnis einer grundlegenden Gleichartigkeit. Variation gibt es nur da, wo ein hinreichendes Maß an Gleichartigkeit gegeben ist.

Glauben die Gutmenschen wirklich, wenn jetzt zum Beispiel ein für allemal wissenschaftlich erwiesen wäre, dass die Population von Japan genetisch bedingt doppelt so intelligent sei wie die des Kongo, dass dann die Japaner dort einmarschierten, um alle Kongolesen zu versklaven oder auszurotten? Und dass dann die Europäer dazu applaudierten und sich sagten: „Recht so, jetzt kann man endlich legitimerweise die dummen Neger ausrotten, denn wo so viel Variation besteht, in der Hautfarbe, in der Blutgruppe und dann auch noch in der Intelligenz, kann man wohl nicht mehr von einem hinreichenden Maß an Gleichartigkeit reden, dann sind das ja wohl gar keine Menschen.“
Irgendwie dergestalt müssen wohl die Befürchtungen in den Gehirnen der Gutmenschen wabern, und daher atmen sie auf und freuen sich und beten es bei jeder Gelegenheit laut nach, wenn ihnen ein wohlmeinender Humanbiologe souffliert:
„Ob wir wollen oder nicht, wir sind ohnehin im Grunde alle Afrikaner.“(1)


Aha. Echt? Ganz gewiss? Denken wir doch sicherheitshalber kurz nochmal nach:

Die entscheidenden Wörtchen in diesem egalitaristischen Glaubensdogma des Herrn Ulrich Kattmann lauten wir und sind.
Was sind wir? Was bedeutet es, etwas zu sein? Wenn der Blick zurück in die Geschichte darüber bestimmt, wer oder was wir sind, dann sind wir „ohnehin im Grunde“ alles Mögliche. Dann sind wir Afrikaner und alles, was davor noch so auf unserem Zweig der Evolution liegt, bis zurück zum Urbakterium und immer weiter bis zum atomaren Sternenstaub.
Wie sinnvoll für unser Identitätsbewusstsein, für unser soziales Miteinander, für unser Gefühl in der Welt zu sein, ist es, wenn wir uns sagen, dass wir ohnehin im Grunde alle Bakterien sind?
Kann es Teil meiner Identität, meiner Selbstbeschreibung sein, dass wir alle mal Einzeller waren, dass wir alle mal spitzmausartige Wirbeltiere waren, dass wir alle Afrikaner waren? Ist ein derart beliebiges Wir überhaupt ein Wir?

Die Aussage „Wir sind“, wird umso sinnvoller, je kleiner und spezifischer und homogener die Gruppe ist, von der ich sage, sie sei mein Wir. Natürlich habe ich mit den Europäern mehr gemeinsam als mit der gesamten Menschheit. Natürlich habe ich mit der heutigen Menschheit mehr gemeinsam als mit der Gesamtheit der Menschen, die schon vor uns gelebt haben. Natürlich habe ich mit den Deutschen mehr gemeinsam als mit den Europäern usw.

Ja, wir können sagen, wir seien Afrikaner. Aber das ist ebenso willkürlich wie die Aussage, wir seien Deutsche. Wer es als angenehm empfindet, sich in der relativistischen Beliebigkeit einer undefinierten Gruppe aufzulösen, der kann sich als Afrikaner oder Weltbürger bezeichnen. Aber es steckt nicht mehr Faktizität oder Logik oder historische Korrektheit darin als in der Aussage „ich bin Westfale“. Die Wahl des Zeitpunktes, der darüber bestimmen soll, wer wir „im Grunde“ sind, ist ziemlich willkürlich. Ich kann ihn vor 200000 Jahren ansetzen, aber ebenso gut vor 2000 oder vor 200 Jahren.


Formulierungshilfe

Wenn man die Egalitaristen für ihr „Wir-sind-alle-gleich“-Dogma kritisiert, dann tun sie immer, als hätte man ihnen das Wort im Munde herumgedreht, als würde man sie böswillig missverstehen. Das sei ja wohl offenkundig nicht so gemeint, dass alle genau gleich aussähen und die gleichen Eigenschaften hätten, sondern dass sie in ihrem Menschsein gleich seien und deshalb die gleiche Würde hätten und so weiter. Das sei ja wohl logisch!
Besonders logisch kann man das wohl nur finden, wenn man in geistigen Dingen auch sonst eine gewisse Nonchalance und Skrupellosigkeit gewohnt ist, wenn man also eine grüne Politikerin oder ein sozialdemokratischer Journalist oder ein Sympathisant der Merkel-CDU oder ein sonstwie system- und zeitgeistkompatibler Konformist ist.

Wenn das, was die Egalitaristen sagen, nicht so gemeint ist, warum sagen sie nicht einfach genau das, was sie meinen?
Wenn man zum Ausdruck bringen will, dass alle Menschen in ihrem Menschsein gleich seien, dann sagt man: „Wir sind alle Menschen.“ Das wäre korrekt, wenn auch banal.

Wenn man zum Ausdruck bringen will, dass alle Menschen die gleiche Würde haben, dann sagt man: „Wir sind alle gleich würdig.“

Wenn man zum Ausdruck bringen will, dass alle Menschen die gleichen Rechte haben, dann sagt man: „Wir sind alle gleichberechtigt.“

Wenn man zum Ausdruck bringen will, dass man an ein übernatürliches, personales Wesen glaubt, welches unablässig identische Exemplare der Spezies Homo Sapiens herstellt, dann sagt man: „Wir sind alle von Gott als Gleiche geschaffen.“

Wenn man dagegen zum Ausdruck bringen will, dass alle Menschen ziemlich unterschiedlich aussehen, dass sie sehr unterschiedlich begabt sind, dass sie sehr unterschiedliche Interessen und Vorlieben haben, dass sie sehr unterschiedliche Lebenschancen und -risiken haben, dass sie sehr unterschiedlich von den Zufällen der Zeitläufte betroffen sind, dass sie sehr unterschiedlich in ihrem Temperament, in ihrem Appetit, in ihrem Stoffwechsel, in ihrer Triebstruktur, in ihrer immunologischen Widerstandskraft, in ihrer Lebenstauglichkeit, in ihrer Bedeutung für das Wohl und Weh anderer Menschen und der gesamten Menschheit sind, dass sie sehr unterschiedlich sind, in nahezu allem, was ihre subjektive Existenz, ihr Dasein und Sosein in der Weltwirklichkeit ausmacht, dann sagt man: „Wir sind alle nicht sonderlich gleich.“

Und wenn man zum Ausdruck bringen will, dass Menschen trotzdem in vielerlei Hinsicht große Ähnlichkeiten untereinander aufweisen, dass sie mit einer gewissen Variationsbreite um gewisse Mittelwerte typischer Eigenschaften und Merkmale sich gruppieren, dann sagt man: „Wir sind alle Menschen, die sich trotz ihrer individuellen Verschiedenheiten in sehr vielen Dimensionen des Lebens so sehr ähneln, dass sie sich zu Typen gruppieren lassen.“

Das Männliche und das Weibliche sind zum Beispiel solche Typen. Wenn man alle Menschen diesen Typen zuordnet, dann liegen die Allermeisten in der Nähe eines dieser beiden Schwerpunkte, und einige liegen irgendwo auf der Strecke dazwischen, weil die Zusammensetzung aus Männlichem und Weiblichem bei ihnen weniger eindeutig und schwerpunktmäßig ist.
Das Introvertierte und das Extrovertierte sind zum Beispiel solche Typen.
Das Leptosome, das Athletische und das Pyknische sind zum Beispiel solche Typen.
Aus vielen Merkmalskomplexen lassen sich solche Typen erkennen. Es sind immer mehrere Merkmale, die typischerweise zusammen und voneinander abhängig auftreten, also Komplexe. Was ein Mann ist, was eine Frau ist, hängt ja nie nur von einem Merkmal ab, sondern von sehr vielen.
Aus der Vielgestaltigkeit der Erscheinungsformen des Lebendigen Typen zu erkennen, sie zu beschreiben, sie zu verstehen und dieses Verständnis zum Gedeihen des Menschlichen zu vertiefen, zu präzisieren und zu erweitern, ist eine der Hauptaufgaben der Wissenschaft.


Das, was die da alle sehen, gibt es offenbar

Richard Dawkins, ein Wissenschaftler, den man auch immer mal gern des Rassismus zeiht, geht erfreulich unverkrampft an die Sache heran und räumt immerhin ein, dass „die offenkundigen Unterschiede zwischen unseren diversen lokalen Bevölkerungsgruppen oder Rassen zu übersehen [… ] ein fast übermenschliches Maß an politischem Eifer“ erfordert.(2)

Dawkins stellt fest, dass die Interobserver-Korrelation bei Angehörigen unterschiedlicher Rassen gleichbleibt, wenn es darum geht, andere Menschen Rassen zuzuordnen.
„Die Gültigkeit über kulturelle Grenzen hinweg erinnert an anthropologische Befunde auf dem Gebiet der Farbwahrnehmung. Wie wir aus der Physik wissen, sind die Regenbogenfarben von Rot über Orange, Gelb, Grün und Blau bis Violett ein einfaches, ununterbrochenes Kontinuum der Wellenlängen. Dass bestimmte Wellenlängen aus dem physikalischen Spektrum herausgegriffen und gesondert betrachtet und benannt werden, hat keine physikalischen, sondern biologische und/oder psychologische Ursachen. Blau hat einen Namen. Grün hat einen Namen. Blaugrün hat keinen Namen. […] Was solche Benennungen angeht, besteht zwischen verschiedenen Kulturkreisen eine bemerkenswerte Übereinstimmung. Ganz ähnlich stimmen wir anscheinend auch in unseren Urteilen über Rassenzugehörigkeiten überein.“(3)

Kurz gesagt: Wenn hundert Schweden, hundert Chinesen und hundert Ruander alle unabhängig voneinander sagen: „Der da ist ein Negrider, der da ist ein Mongolider und der da ist ein Europider“, dann kann man davon ausgehen, dass so ein „Urteil auf einer zuverlässigen Grundlage getroffen wurde, auch wenn niemand weiß, um welche Grundlage es sich dabei handelt.“
Es ist aber – so würde ich zu behaupten wagen – nicht völlig abwegig, diese Grundlage als etwas Reales anzusehen, das man „Rasse“ nennen könnte. Das, was die da alle sehen und unterscheiden, gibt es offenbar.
Und es gibt das als psychobiologische Notwendigkeit (ungeachtet der fließenden Übergänge und des Fehlens von starren Grenzen) möglicherweise deshalb, weil es informativ ist, weil es unsere Unsicherheit vermindert, weil uns die Einteilung in Rassen mehr nützt als der zwanghafte (und ohnehin unmögliche) Verzicht darauf.


Welche Informationen werden durch die Zuordnung zu einer Rasse transportiert?

Wenn wir sagen „Jerome ist ein Afrodeutscher“, was wollen wir damit sagen? Wollen wir sagen, dass einige seiner Vorfahren auf dem Kontinent Afrika lebten? Wäre diese Information irgendwie relevant?
Wenn wir sagen, er sei ein Negrider, wollen wir dann Information darüber austauschen, dass er eine bestimmte Blutgruppe hat, dass er dies und jenes Gen besitzt, dass seine Hautleisten so oder so angeordnet sind?
Wenn wir sagen, er sei ein Farbiger, wollen wir damit etwas über seine Krankheitsrisiken, seine Ohrenschmalzproduktion, seine Schmeckfähigkeit sagen, oder über seinen Charakter, seine Begabungen, sein Sozialverhalten?

Nein, wir wollen in der Regel allein Informationen über seine Erscheinung kommunizieren, über sein Aussehen, über seine Gesichtszüge, eventuell noch über seine Stimme.
Die Wissenschaft mag sich mit Jeromes Genen befassen, um etwa optimal abgestimmte Medikamente zu entwickeln. Was wir für das Alltagsleben in der „Mitte der Gesellschaft“ brauchen, ist allein ein bioästhetischer Kategorien-Begriff und darunter einen konkreten Namen, der Jeromes Typuszugehörigkeit möglichst informativ beschreibt.
Und da reicht für meinen Geschmack keineswegs aus, jemandem das Etikett „Afro“ anzukleben. Denn damit ist so gut wie nichts gesagt. Selbst wenn man „Afro“ für Subsahara-Afrikaner und deren Abkömmlinge reservierte, würde damit immer noch die enorme Vielfalt ignoriert, die innerhalb der negriden Spielart des Menschlichen existiert.
Um bei Fußballern zu bleiben: Jerome Boateng sieht kein bisschen so aus wie Antonio Rüdiger. Dass beide (teilweise) afrikanischer Abstammung sind, ist keine ausreichende Information.


Vokabular-Aufhübschung

Ich persönlich fände es nicht zu viel verlangt, sich ein paar hundert schöne Bezeichnungen auszudenken für das Zusammenspiel und das Mischungsverhältnis der verschiedenen rassischen Anteile. Das, was wir jetzt haben, ist einfach zu verbraucht, zu ungenau, zu kontaminiert mit Nebenbedeutungen.

Wenn jemand den Sohn von Boris Becker einen „Halbneger“ nennt, dann ist das – abgesehen davon, dass es beleidigend gemeint ist – vor allem deshalb falsch, weil er genauso gut ein „Halbweißer“ ist. Mal ganz abgesehen davon, dass seine Mutter, wenn ich sie recht vor Augen habe, auch keine „Negerin“ ist, sondern mindestens halb und halb gemischt. Noch bescheuerter wäre allerdings „Viertel-Neger“, denn wenn einer zu einem Viertel „Neger“ ist, dann ist er ja wohl eben kein „Neger“, sondern einer, der zu drei Vierteln irgendwas anderes ist. Im Falle von Becker junior also mutmaßlich ein „Dreiviertel-Weißer“.

Ist eigentlich in den Augen derer, die in jeder Verdünnung noch das Negerhafte herausstellen möchten, auch derjenige ein „Viertel-Neger“, dessen eine Großmutter „Negerin“ ist und dessen drei andere Großeltern Chinesen sind? Oder gilt diese Rechnung nur, wenn „Weiße“ beteiligt sind?

Genug – solche unlogischen Mathematisierungen sind so dümmlich, dass sie fast schon rassistisch sind. Es wäre allerdings, wie gesagt, nicht so abwegig, sich für die gängigsten Mixturen klangvolle Bezeichnungen auszudenken, in denen keine Bruchzahlen irgendwelche Reinheitsassoziationen wecken. Wenn ich wissenschaftspolitisch was zu sagen hätte, würde ich für eine solche Vokabular-Aufhübschung die originellsten Fantasy- und SciFi-Autoren engagieren. Die sollen ein paar schöne, griffige Namen ersinnen, die jeder sich merken kann. Das sollte doch wohl machbar sein. Bei Game of Thrones und Star Trek kann sich das Publikum ja auch hunderte von ausgedachten Völkchen und Spezies merken.


Fortsetzung folgt …


(1) Ulrich Kattmann: Warum und mit welcher Wirkung klassifizieren Wissenschaftler Menschen? In: Kaupen-Haas/Saller: Wissenschaftlicher Rassismus: Analysen einer Kon-tinuität in den Human- und Naturwissenschaften, Campus Verlag (1999). S. 65-83. Online unter: http://www.zukunft-braucht-erinnerung.
(2) Richard Dawkins, Yan Wong: Geschichten vom Ursprung des Lebens, Eine Zeitreise auf Darwins Spuren, Ullstein, Berlin 2008, Seite 559
(3) Richard Dawkins, Yan Wong: Geschichten vom Ursprung des Lebens, Eine Zeitreise auf Darwins Spuren, Ullstein, Berlin 2008, Seite 564 f.


© Marcus J. Ludwig 2020.
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