Das Mal an der Stirn (1)

In immer kürzeren Abständen wird uns der Slogan vom „Rassismus in der Mitte der Gesellschaft“ um die Ohren gehauen. Mein Befund lautet: Der Rassismus, der echte Rassismus, ist hierzulande ein marginales, verschwindend randständiges Problem. Das eigentliche Problem ist die voranschreitende Verpöbelung der Mehrheitsmenschen und die gleichzeitige Verzärtelung von Minderheiten. Farbige, die blöd angemacht und runtergemacht werden, sind meist keine Opfer von Rassismus, sondern Opfer von Verkommenheit.

 

(Dieser Text ist eine überdachte, überarbeitete und erweiterte Version eines Beitrags, der im März 20 schon mal erschienen ist.)

 

Komischerweise kenne ich keinen einzigen Rassisten, obwohl ich in der angeblich so rassistisch strukturierten Mitte der Gesellschaft heimisch bin. Mein Bekanntenkreis besteht aus Mitgliedern der Gesellschaftsmitte, wie sie im Buche steht, also zum Beispiel aus Studienräten, Grundschullehrerinnen, Sozialarbeitern und Sozialpädagoginnen, Grafik- und Webdesignern, Verwaltungsangestellten und Ladenbesitzerinnen; es gibt da Ingenieure, einen Dachdecker, einen Consultant, einen Marketing-Manager, eine Architektin, eine Opernsängerin, einen Vertriebsleiter, einen Schauspieler, ein paar MTAs, einen Steuerberater, eine Goldschmiedin, einen Hausmeister, einen Drucker, einen Apotheker. Solche Leute halt, Leute im Alter zwischen 25 und 55. Dazu einige Ruheständler, sowie vereinzelte Studenten, Azubis und Schüler.

Sie haben jahrelang eingehämmert bekommen, dass sie bestimmte Wörter nicht mehr gebrauchen sollen, und sie halten sich auch ohne viel Aufhebens daran. Allerdings – und vielleicht macht sie das zu Rassisten? – hat niemand von denen ein ernsthaftes Problem damit, wenn doch mal einer beiläufig „Neger“ oder „Rasse“ sagt. Niemand von denen käme beim Begriff „Neger“ auf die Idee, das seien Leute mit kleineren Gehirnen oder Leute, denen man nicht die Hand gibt oder die man nicht zu Bürgermeistern wählen könnte.
Niemand denkt bei „Rasse“ daran, er oder sie sei „Arier“ und gehöre zu einer „Herrenrasse“ und müsse alle anderen unterjochen oder so was. Es sind halt Wörter, mit denen man ungefähr das beschreibt, was man meint. Menschen mit Schlitzaugen sind für meine naiven Bekannten grundsätzlich Chinesen. Ich bin weit und breit der Einzige, der Japaner, Koreaner und Chinesen ungefähr auseinanderhalten kann.

Ich kenne keinen einzigen Rassisten. Ich habe in meinem ganzen Leben noch niemals einen Rassisten getroffen oder auch nur von weitem gesehen oder gehört. Ich nehme an, es gibt trotzdem welche. Man erkennt sie – soweit ich weiß – daran, dass sie Mitglied bei irgendwelchen Arian Brotherhoods sind und sich politisch oder handgreiflich dafür einsetzen, dass alle, die nicht aussehen wie sie, verprügelt, verstümmelt und vergast werden. Das sind Rassisten. Nicht aber meine Bekannten, die ab und zu mal „Neger“ sagen, wenn ihnen kein besseres Wort einfällt. Der deutsche Zeitgeist sieht das, wie gesagt, etwas anders, nämlich so, dass der Rassismus latent in uns allen wohnt und wuchert, speziell in Leuten, die solchen Deubelkram wie den hier vorliegenden schreiben. Und in Leuten, die so was lesen können, ohne Ausschlag und Kotzkrämpfe zu kriegen.

 

Ethnische, soziale und territoriale Herkunft?

Wer sich zuverlässig über die Flugrichtungen des Zeitgeistes unterrichten will, sollte hin und wieder die Verlautbarungen der Grünen Jugend zur Kenntnis nehmen. Sie bilden in ihrer klassensprecherischen Gutmenschlichkeit und ihrer hybriden Rechthaberei meist idealtypisch den pseudolinken, tugendterroristischen Mainstream ab. Streber- und Spießertum, infantil, pietistisch, von keiner Skepsis oder logischen Stringenz getrübt – und von Grammatik schon mal gar nicht.

In einem Text namens Streichung des Begriffes „Rasse“ findet man zum Beispiel diese ideologische Kostbarkeit:
„Die Theorie Menschen in „Rassen“ einzuteilen mündet darin, es gebe höher- und minderwertigere ‚Rassen‘.“
Man möchte jungen Menschen, die sich im Denken versuchen, nicht unnötig widersprechen, aber hier würde ich doch sagen: Nö. Eine Gruppierung ist noch lange keine Hierarchisierung. „Grouping“ ist nicht „Ranking“.

Aber die Jugendlichen haben ja noch mehr zu sagen. Das hier zum Beispiel:
„Zudem wird suggeriert, es gebe homogene Bevölkerungsgruppen, deren Mitglieder wesensgleich seien.“
Das, so würde ich zu bedenken geben, wird nur dann suggeriert, wenn man den Begriff Rasse so rassistisch verstehen will, wie die Grüne Jugend das tut. Muss man aber nicht. Es gibt offensichtlich verschiedene Grade ethnischer Homogenität. In Isolaten, auf entlegenen Inseln etwa mit jahrhundertelanger Endogamie, ohne Fremdkontakte, gibt es einen hohen Grad an Homogenität. Ob die Mitglieder solcher Populationen „wesensgleich“ sind, würde ich bezweifeln, aber höchstwahrscheinlich ist das, was Erich Fromm unter „Sozialcharakter“ verstand, bei ihnen sehr viel weniger diversifiziert als beispielsweise bei der Einwohnerschaft von New York.

Außerdem wollen die ambitionierten Jungpolitiker „den Begriff ‚Rasse‘ durch die Formulierung ‚ethnische, soziale und territoriale Herkunft‘ ersetzen.“
Das könnte man machen, wenn er durch diese Formulierungen verlustfrei ersetzbar wäre. Er ist es aber nicht. Wenn irgendwelche unternehmungslustigen Rassisten einen Subsahara-Afrikaner zu Tode treten, dann tun sie das nicht, weil er (ethnisch gesehen) vielleicht der Ethnie der Haddad, der Loma oder der Kpelle angehört, auch nicht, weil er (soziologisch gesehen) aus einem traditionellen Kleinbauernmilieu stammt und auch nicht, weil seine Herkunft (territorial gesehen) das Staatsterritorium von Togo oder Ruanda ist, sondern weil er die sichtbaren Merkmale seiner Rassenzugehörigkeit aufweist: eine dunkle Hautfarbe, eine bestimmte Haarstruktur verbunden mit einer bestimmten Kopfhaarumgrenzung, eine prägnante Lippenausprägung, einen breiten Nasenrücken und geblähte Nasenflügel, mehr oder weniger deutliche Prognathie und vieles mehr.
Dazu brauchen die Rassisten keine Blutuntersuchung und keinen Gentest. Sie sehen es einfach. Und sie sind nicht dadurch Rassisten, dass sie es sehen, sondern dadurch, dass sie brutale, skrupellose Unmenschen sind, die meinen, jemand mit krausem, schwarzem Haar, breiter Nase und dunkler Haut müsse mindestens drangsaliert, besser noch massakriert werden.

Das ist alles so bestürzend einfach und eindeutig, dass es auch der Grünen Jugend in ideologiefreien Momenten einleuchten müsste.

 

Ein Held der Verschiedenheitsignoranz

Es ist eine wirklich anspruchsvolle Frage, wie man Menschengruppen benennen soll. Vorausgesetzt, es gibt überhaupt Kriterien, entlang derer einzelne Homines sapientes sich so gravierend unterscheiden, dass eine kategorisierende Bezeichnung angebracht ist. Ich würde sagen, die gibt es durchaus.

Wenn die Firma einen neuen Mitarbeiter bekommt, den ich schon gesehen habe, und meine Kollegin, die ihn noch nicht gesehen hat, fragt mich: „Und? Was ist das für einer?“, dann kann ich nicht nur sagen: „Das ist ein Mensch.“
Ich werde, solange ich den Menschen nicht besser kenne – und erfahrungsgemäß lernt man manche Menschen ja nie besser kennen –, ich werde also einfach ein paar offensichtliche Äußerlichkeiten anführen, und es wäre wohl sehr gekünstelt, wenn ich die alleroffensichtlichsten Äußerlichkeiten verschweige, um nur nicht als jemand zu gelten, der Wert auf Ungleichheiten legt.
Wenn ich sage, dass der neue Kollege eine Frau ist, etwa 30 Jahre alt, blond, Brille, exzellente Qualifikationen, aber unerwähnt lasse, dass sie im Rollstuhl sitzt, am Tourette-Syndrom leidet, nur japanisch spricht, weil sie eben eine Japanerin ist, 200 Kilogramm wiegt und immer einen Rostbürzeltapaculo auf der Schulter sitzen hat, weil das in ihrer Religion nun mal das Krafttier aller Steampunks ist, dann werde ich in bestimmten progressiven Milieus vielleicht als Held der Verschiedenheitsignoranz gefeiert, aber die Frage ist eben, ob solches Heldentum, ob die Moralitäten solcher Milieus zur Entwicklung von Maximen allgemeinverbindlichen Handelns taugen können.

Machen wir das Beispiel etwas einfacher: Der Neue ist ein Schwarzer, Farbiger, Afrikaner, Afrodeutscher, Neger, Mohr, Person of Colour, Negroider oder was auch immer die Sprachmode gerade hergibt. Was sage ich, wenn meine Kollegin fragt: „Und? Was ist das für einer?“

Eine Empfehlung der Sprachhygieniker lautet, die Selbstbezeichnung der betreffenden Gruppe zu übernehmen. In der (nicht sonderlich differenzierten) Annahme, dass sich afrikanisch-stämmige Menschen generell als „People/Person of Colour“ begreifen, müsste ich also antworten: „Der Typ ist um die Vierzig, Brille, so groß wie ich etwa, PoC.“

Was ist aber, wenn der Typ sich nicht als „PoC“ begreift, sondern als „Mohr“. Dass das vorkommt, wissen wir, seit der Kieler Gastwirt Andrew Onuegbu sein Restaurant „Zum Mohrenkopf“ nannte. Er hat weder ein Problem mit dem Wort „Mohr“ noch mit dem Wort „Neger“. Ein stolzer, erwachsener Mann, der sich nicht vorschreiben lässt, wovon er sich gekränkt zu fühlen hat.

Was ist – kleine Variation –, wenn meine Kollegin eine PoC ist, und dann kommt einer wie Herr Onuegbu als neuer Kollege, und sie sagt: „Ah, wie schön, endlich noch eine PoC im Kollegium, herzlich willkommen“?
Und er sagt: „PoC? Was soll das denn? Wieso reduzieren Sie meine Person auf meine Hautfarbe? Ich bin ein Mohr, das ist mehr als nur dunkle Haut, wissen Sie das nicht? Haben Sie sich nie mit Rassenkunde befasst? Gucken Sie mal, der Typ da hinten, der kommt offenbar abstammungsmäßig aus Indien, der ist viel dunkler als wir beide, der wäre wohl auch Person of „Colour“, oder? Der hat aber mit unserer Rasse rein gar nix zu tun. Also, was soll das? PoC?! Mohr sagt doch alles aus: Man weiß ungefähr, wo meine Wurzeln liegen, und man hat eine ungefähre Vorstellung davon, wie ich aussehe. Man hat, mit einem Wort: einen Typus vor Augen. – Wach auf, Sister, fang mal an, selbst zu denken.“

In die Diskussion, die sich darob entspinnt, schalten wir uns später wieder ein. Hier soll nur kurz darauf hingewiesen werden, dass auch der sympathische Andrew Onuegbu sich leider im Irrtum befindet, denn der „Mohr“ – eine Eindeutschung des „Mauren“ – ist eigentlich eine Herkunftsbezeichnung für einen mäßig dunkelhäutigen Menschen aus dem alten Mauretanien, was etwa dem heutigen Marokko entspricht. Dort sehen die Menschen aber völlig anders aus als jene, die aus Nigeria stammen. Menschen wie Herr Onuegbu sehen aus wie jene, die unsere Eltern und Großeltern noch – ohne sich viel dabei zu denken – „Neger“ nannten. Ich will keinesfalls darauf bestehen, dass wir sie weiterhin so nennen sollen, im Gegenteil, wir müssen uns eine wirklich treffende Bezeichnung überlegen. Die gibt es bislang tatsächlich nicht. Man könnte aber zwischenzeitlich schon mal darüber diskutieren, ob der Gebrauch des Wortes „Neger“ wirklich ein Verbrechen ist oder nicht vielleicht eher eine gedankenlose Ungenauigkeit.

 

Ist die Hautfarbe nicht relativ unerheblich?

Die Sprachkorrektoren behaupten, dass man das N-Wort nicht benutzen (ja, nicht mal aussprechen) dürfe, weil darin die ganze Geschichte der Diskriminierung, der Ausbeutung, des Kolonialismus etc. enthalten sei. Ich weiß nicht, ob diese Leute schlichtweg das Wort „Neger“ mit dem Pejorativum „Nigger“ verwechseln, aber bei mir persönlich bedeutet das Wort „Neger“ keineswegs „Sklave“ oder „Völkerschau-Exponat“ oder so was. Es ist einfach die Alltagsversion des anthropologischen Fachwortes „Negrider“. Was allerdings auch irreführend ist, denn als Bezeichnung für einen dunkelhäutigen Menschen geht es an der Realität menschlicher Pigmentierungsvarianten vorbei. „Niger“ bedeutet „schwarz“. Es gibt aber keine schwarzen Menschen. Genauso wenig wie es weiße Menschen gibt. Es gibt vielleicht vereinzelte Menschen, die bei sehr schlechter Beleuchtung fast schwarz wirken, aber eigentlich alle Personen, die man als Farbige, Afros oder Neger kennt, sind mehr oder weniger braun. Wer Obama für einen Schwarzen hält, der halte ihn mal neben Ranga Yogeshwar oder Christiano Ronaldo. Die Drei haben ungefähr den gleichen Hautton. Obama als Schwarzen, als Neger oder auch nur als Farbigen zu bezeichnen, ist ziemlich absurd. Trotzdem ist natürlich ohne Weiteres zu erkennen, dass er einen afrikanischen Abstammungshintergrund hat, so wie man auch sieht, dass Yogeshwars Vorfahren aus Indien kommen und Ronaldos aus Südeuropa.

Man sieht hin und wieder Photoshop-Experimente, mit denen demonstriert werden soll, wie leicht man aus einem hellen Mitteleuropäer einen dunklen Afrikaner machen kann und umgekehrt. Die Ergebnisse dieser Manipulationen beweisen für den unbefangenen Betrachter immer das genaue Gegenteil. Es sieht grundsätzlich vollkommen lächerlich und unecht aus. Die phänotypischen Unterschiede betreffen eben nicht nur Hautfarbe und Haarstruktur, sondern wesentlich mehr sichtbare Merkmale.

Haben all die guten Antirassisten beispielsweise jemals zur Kenntnis genommen, dass typische Negride nicht nur dunklere Haut haben als typische Europäer, sondern auch wesentlich dickere, und dass diese Haut daher im Alter wesentlich weniger Falten bildet? (Und zwar im völligen Gegensatz zu den ebenfalls in Afrika beheimateten Khoisaniden, die wahrscheinlich von den Grünen ebenfalls als Afroafrikaner oder PoC bezeichnet würden, obwohl sie mit den Negriden gar nichts zu tun haben und im Gegensatz zu ihnen eine deutliche Gerontodermie aufweisen.)

Was übrigens relativ problemlos funktioniert, ist, einen Inder per Photoshop in einen Holländer zu verwandeln. Hier haben wir tatsächlich fast nur Pigmentierungsunterschiede. Nordide und Indide sind Spielarten der Europiden. Es gibt sehr helle Europide und extrem dunkle Europide.

Ist es nicht immerhin bemerkenswert, dass gerade die Rassenkunde uns darüber belehrt, dass die Hautfarbe relativ unerheblich ist?

 

Von innen und außen

Generell stellt sich bei allen menschlichen Variationen, die zur Diskriminierung herangezogen werden können, die Frage:
Soll man Menschen nach ihrer Befindlichkeit, ihrem Selbstempfinden benennen oder nach objektiv feststellbaren Realitäten? Bei beidem können wir uns erheblich täuschen. Ich fürchte aber, die Täuschungsanfälligkeit einzelner Menschen in Betreff ihrer selbst ist wesentlich größer, als diejenige der Menschheit über die Realität. Über Realitäten können wir uns in einem wissenschaftlichen Prozess über viele Generationen mehr und mehr klarwerden. Der einzelne Mensch mit seinem Selbstverständnis fängt dagegen immer wieder bei null an.

Menschen denken, sie seien dies und das. Es gehört zum Prozess der Erwachsenwerdung, dass die Realität ihnen im Lauf des Lebens klarmacht: Nein, das bist du nicht. Du machst dir etwas vor. Erkenne dich selbst, indem du sowohl nach innen horchst als auch darauf hörst, was wir anderen über dich sagen. Denn auch, wenn du in den Spiegel blickst, siehst du nicht „dich“. Du siehst „dich, während du in den Spiegel guckst“.

Wir aber, die wir dich wirklich von außen sehen, von der Seite und von hinten, und im Kontext mit vielen vielen anderen, die so ähnlich sind wie du, und solchen, die ganz anders sind als du, und solchen die in der Geschichte – der anthropologischen und der historischen Geschichte – so waren wie du, wir sehen etwas anderes. Das musst du dir nicht zu eigen machen. Aber nimm es zur Kenntnis. Und berücksichtige es in deiner Selbsterkenntnis.

 

Fortsetzung folgt . . . 

 

© Marcus J. Ludwig 2020.
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