Brennende Bären, brennende Affen

Ein Nachruf

  – – –  

Zu den zehn, zwölf inneren Bildern, bei deren Betrachtung in mir für gewöhnlich der kaum bezähmbare Wunsch aufkommt, mich für immer von dieser elenden Welt zu verabschieden, sind zwei neue hinzugekommen. Eines, das ich tatsächlich am Bildschirm, als bewegtes Fernsehbild ansehen musste, und eines, das ich mir nur vorstellen musste, wobei es mit diesem „nur“ leider keinerlei abmildernde Bewandtnis hat, im Gegenteil: Das Fehlen eines echten Tatsachenbildes zwingt mich dazu, mir immer wieder alle möglichen Varianten vorzustellen, und wenn es mir irgendwann einmal nicht mehr gelingen sollte, diesem lebensfeindlichen Zwang zu widerstehen und den Bildern irgendetwas Kühl-Rationales oder Lustiges oder Zorniges entgegenzusetzen, dann werde ich mich wohl wirklich umbringen müssen.

Wovon ist hier die Rede? Ich rede von dem Bild eines brennenden Koalabären in Australien und von dem Bild der brennenden Affen im Krefelder Zoo.

Die Fakten: In Australien brennt seit Monaten der Busch, eine Fläche größer als Bayern ist eingeäschert, und wo Wald oder Busch brennt, da brennen gemeinhin nicht nur die Pflanzen, sondern auch die Tiere, die auf und von diesen Pflanzen leben, jene Tiere vor allem, die nicht fliegen können, deren Bewegungsmöglichkeiten von Natur aus zu gering sind, die zu langsam sind, die orientierungslos sind oder die einfach an Grenzen geraten, die sie nicht überwinden können. Eines von diesen langsamen, orientierungslosen Tieren war ein Koalabär, den ich für Augenblicke in irgendeiner Nachrichtensendung sah, er lief mit brennendem Fell über eine Straße, rechts und links der Straße stand eine Feuerwand aus lodernden Bäumen, er lief quer durchs Bild, ich weiß nicht wohin, ich muss wohl wünschen, in einen baldigen Erlösungstod. Es war nichts zu hören, ich weiß nicht, ob Koalas schreien können, vielleicht hat mich auch der Schrecken gnädigerweise betäubt und mein Hörvermögen zeitweise heruntergefahren. Der optische Eindruck reichte vollkommen aus. Ich brauchte vielleicht zwei, drei Sekunden, um zur Fernbedienung zu greifen und umzuschalten. Aber es war schon zu spät, das Bild wird ewig in meinem Kopf bleiben. Selbst wenn ich erführe, dass der Bär eine Sekunde später mit Wasser übergossen wurde und nur leichte Schäden erlitt, dass er gesundgepflegt wurde und alles einigermaßen glimpflich abging für ihn, so erinnert mich doch dieses Bild daran, dass tausende anderer Bären, Millionen anderer Tiere von den Flammen heimgesucht und wehrlos bei lebendigem Leibe gegrillt werden. Jetzt, in diesem Augenblick, da ich dies schreibe, und in Zukunft, mutmaßlich so lange es Wälder gibt, so lange es Bäume und Tiere gibt, so lange es die Sonne und den Planeten Erde mit seiner Atmosphäre samt Wetter gibt.

Ich mache mir nichts vor, was die Vorgänge in der Natur betrifft. Jede Nacht sterben Tiere unter meinem Fenster, in der kleinen Wildnis neben unserm Haus. Ich höre die Schreie, die langgezogenen Todeskämpfe, die Panik, das Entsetzen des überraschten Lebens, das den jagenden Feind nicht bemerkte und nun kreischend, fiepend, brüllend sich wehrt, bis nach manchem Aufbäumen die Schwäche, die nahende Ohnmacht nur noch ein Winseln zulässt, das bald in der Endgültigkeit verlischt. Jede Nacht sterben so Millionen in den Mäulern von Räubern, Nacht für Nacht ist der Erdball eingehüllt in das Geheul der Gepackten und Gerissenen.

Ich schlafe trotz allem jede Nacht irgendwann ein, obwohl ich weiß, dass ich das nicht dürfte, obwohl ich weiß, dass ich wachen müsste über die Gejagten, sie schützen müsste vor den Klauen der Jäger, dass ich irgendwie eingreifen müsste in die grausame Gesetzmäßigkeit der Natur. Aber ich schlafe. Ich lasse der Welt ihren Lauf. Ich lasse die Tiere sterben, in den Fängen des Fuchses, in den Feuern der Wildnis.

Ich werde die Welt nicht ändern. Aber ich werde mich auch nie mit dieser Welt abfinden können. Ich werde mich für den Rest meines Lebens lediglich ablenken können von dieser empörend missratenen Welt, mal besser, mal schlechter.

Es wäre Aufgabe des Menschen, es wäre Sache der Menschheit, die Schrecken dieser skandalösen Schöpfung zu mildern, der mitleidenden Kreatur helfend zur Seite zu stehen, die Wildnis zu hegen, die Schwachen zu schützen, den Kreis der moralisch in Betracht Kommenden zu erweitern auf alles, was lust- und leidensfähig ist. Natürlich ist es vermessen, die Natur einer paradiesischen Parklandschaft annähern zu wollen, aber es wäre zur Abwechslung wenigstens mal eine sinnvolle Vermessenheit. Man könnte ja immerhin schon mal damit anfangen, die ohnehin stattfindenden naturhaften Grausamkeiten nicht noch menschlicherseits anzufachen. Ja, es hat auch ohne humanes Eingreifen durch hunderttausende von Jahren Brände gegeben, ein wenig Dürre und ein bisschen Geblitze reichen ja schon für ein feuriges Massensterben, dafür braucht es nicht einmal menschliche Idioten, die achtlos ihre Zigaretten wegwerfen, oder menschliche Schwerstverbrecher, die vorsätzlich Feuer legen, aus den verschiedensten profitlichen oder psychopathologischen Gründen.

Die Naturkräfte lassen mit größter Gleichgültigkeit das Allergrausamste geschehen, und es war auch ohne den Menschen mit seiner bewusstseinsstrotzenden Großhirnrinde schon Bewusstsein genug in der Welt, um all die sinnlose Quälerei als entsetzlich und deprimierend zu erleben. Schon bevor ein hominides Wesen die Augen aufschlug mit der Erkenntnis, dass es sterben wird, bevor ein Homo Sapiens Worte für die Tatsache fand, dass das Leben eine Kette kaum erträglicher Leiden sei, litten und trauerten Tiere, sie verendeten unter Qualen oder irrten herum als Waisen und einsam Übriggebliebene mit dem unbestimmt-vorbewussten Empfinden, dass etwas nicht richtig sei mit dieser Welt und mit der Erbarmungslosigkeit, mit der das einzelne Leben da hineingeworfen und wieder herausgerissen wird. 

Jeder, der je eine innige Beziehung zu einem Tier hatte, weiß, dass hinter diesen fremdartig-vertrauten Augen mehr als bloße biologische Reiz-Reaktions-Prozesse ablaufen. Jeder, der es wissen will, kann heute wissen, dass Tiere keine binären Automaten, keine Lust-Unlust-Maschinen sind. Sie sind auch keine Philosophen, kein Schimpanse wird je Schopenhauer-Niveau erreichen, aber Schopenhauer-Niveau erreicht auch nahezu kein Mensch. Wir alle sind Übergangserscheinungen, Missing Links, Zwischenstufen auf dem Weg zu einem Wesen, das in der Lage wäre, dem Geist und der Güte und dem selbstgegebenen Gesetz Herrschaft einzuräumen über seine destruktiven Triebe.

Ein Wesen, das diese Herrschaft als Aufgabe und Pflicht verinnerlicht hätte, wäre in der Lage zu verzichten, sich zu bezähmen um des Ganzen willen. Um der Gemeinschaft der Leidenden willen. Es könnte sich eingestehen, dass 7,8 Milliarden Exemplare der eigenen Spezies zu viele sind für das Gesamtökosystem, dass die 11 Milliarden, die wir in naher Zukunft erreichen werden, erst recht zu viele sind, und dass die etwa eine Milliarde, die noch im Jahre 1800 auf der Erde lebten, vielleicht gerade eben so erträglich gewesen sind. Und dass aus diesem Eingeständnis folgt, dass man den Prozess der ungeregelten Fortpflanzung regeln und steuern muss.
Das wäre ein Anfang.

Aber ich fürchte, vor einem solchen Anfang wird schon das Ende kommen. Das Wesen, das sich zu solcher Vernunft und Konsequenz, zu solch einer ästhetischen Ethik, zu solch einer praktisch sorgenden Ehrfurcht vor dem Leben entwickeln hätte können, wird sich vor seiner Verwirklichung ausgelöscht haben.
Es wird gierig und wachstumswollüstig, epidemisch und metastatisch den gesamten Lebensraum der Biosphäre überwuchern mit sich und seinen Hervorbringungen, mit all dem, was kein Mensch bräuchte, der Lebensziele jenseits von Habsucht, maßlosem Konsum, jenseits von permanenter Einverleibung und grenzenloser Expansion sein Eigen nennen könnte. Kein Mensch, der Maß und Grenzen kennte.

Der Mensch wird sich weiter ausbreiten und es einigen Artenschützern überlassen, diejenigen Spezies, die diesem Vermehrungsterror zum Opfer zu fallen drohen, notdürftig zu konservieren. Dafür gibt es Zoos. So sagen zumindest die Zoobetreiber, die natürlich nichts mehr mit den Wildfängern und Schaustellern früherer finsterer Zeiten zu tun haben, sondern eben Bewahrer und Bestandssicherer von genetischen Kostbarkeiten und Kuriositäten sind. Dass Milliarden von Individuen draußen in der Welt krepieren, ist für sie wohl auch bedauerlich, aber so lange ein paar Koalas, Orangs und Okapis als lebendes Backup hinter Gittern eingelagert sind, kann man die Art ja irgendwie mal nachzüchten. Artenschützer interessieren sich nun mal für Arten. Dass Arten nicht leiden, sondern nur das einzelne Tier, ist für sie nicht vordringlich von Belang.

Gewiss schmerzt es auch sie, wenn ihnen – durch eine dumme Ordnungswidrigkeit dreier Damen, die zum neuen Jahr ihre guten Wünsche per Himmelslaterne auf die Welt loslassen mussten – ein Affenhaus samt den dort Inhaftierten abgefackelt wird. Aber das sind menschliche Sentimentalitäten. Affen gibt es in den Zoos dieser Welt Gott sei Dank genug, um einen solchen gelegentlichen Verlust zu kompensieren.

Das Bild der brennenden Affen von Krefeld existiert, wie gesagt, nur in meinem Kopf, aber es scheint mir nicht allzu schwierig, dieses Bild in anderen Köpfen aufscheinen zu lassen. Jeder, der schon einmal ein paar Affen hinter den Gitterstäben oder den Glasscheiben eines Tierparks gesehen hat, und jeder, der schon einmal ein brennendes Haus gesehen hat, kann diese zwei Bilder übereinanderblenden und sich auch ohne höhere Fantasiebegabung einigermaßen vorstellen, welche visuellen und akustischen Szenen dabei entstehen, manch einer wird sogar den Geruch herbeihalluzinieren können, und ich vermute, man wird mit all dem nicht übermäßig weit von der Realität der Silvesternacht 2019/20 entfernt liegen.

Ist das, was da geschehen ist, eine Tragödie? Nein, es ist schlicht ein skandalöser Unfall. Eine Tragödie entsteht aus schuldloser Verstrickung in schicksalhafte Unausweichlichkeiten. Die Katastrophe von Krefeld war nicht unausweichlich, sie ist nicht schuldlos zustande gekommen. Die Schuldigen sind sehr deutlich auszumachen: Drei Frauen, die feiern wollten und verantwortungsloserweise ihre Feuerlaternen fliegen ließen, ohne sich Gedanken darüber zu machen, wer dabei alles zu Schaden kommen könnte. Und der Zoo, nicht nur dieser eine Zoo, sondern der Zoo als Institution insgesamt: eine Institution, die es für normal und gut und schön erachtet, Tiere in Gefangenschaft zu halten und auszustellen. Und die es – nebenbei bemerkt – offenbar nicht für nötig hält, ihren Schützlingen in den Gefahren der Silvesternacht besonderen Schutz zuteil werden zu lassen, durch eine gut ausgebildete und rund um die Uhr anwesende Wachmannschaft zum Beispiel.

Der Zoo ist wie der Schlachthof, der Zirkus, das Versuchslabor, das Jagdrevier, die Pferderennbahn, der Massenschweinestall, die Pelztierfarm, das Hühner-KZ ein Symptom der Pervertierung des Menschen im Umgang mit seinen Verwandten. Es gibt graduelle Abstufungen der Scheußlichkeit, keine Frage, aber all diesen barbarischen Einrichtungen ist gemein, dass sie heutzutage und hierzulande garantiert nicht existieren würden, wenn dort statt der Tiere Menschen gehalten, getötet, getestet, gezüchtet, gequält würden.

Ich weiß, dass sich spätestens an dieser Stelle meiner Betrachtung die meisten Leser endgültig ausklinken werden, weil ihnen die moralische Gleichsetzung von Mensch und Tier ums Verrecken nicht plausibel zu machen ist. Menschen seien nun mal keine Tiere, wer von Hühner-KZs rede, der wolle am Ende wohl auch das Wahlrecht für Korallen einführen und dergleichen. Ich kann hier nicht die ganze Tierrechtsphilosophie von „Animal Liberation“ bis „Zoopolis“ referieren. Es gibt hervorragende Bücher zu dem Thema, die geeignet sind, jedem, der bereit ist, konsequent zu denken, die Augen zu öffnen. 

Aber meine Erfahrung über Jahrzehnte sagt mir, dass die Leute, die sich hier gerade verabschieden, ihre Augen schlicht und einfach lieber geschlossen halten wollen. Sie ahnen die praktischen Konsequenzen, die ein konsequenter Gedankengang haben könnte, und sie haben eine Höllenangst davor, dass sie am Ende womöglich auf den Zoobesuch, auf ihr geliebtes Steak und ihr Frühstücksei verzichten müssten. Sie sind keine Sadisten, sie wollen der Kreatur nichts Böses, sie wollen nur nicht über die unmenschlichen Folgen ihres Handelns nachdenken.
So schlicht ist die Schlechtigkeit, so banal ist das Böse.

All denen, die sich hier davonstehlen, will ich lediglich nachrufen, dass ich ohnehin am Ende bin. Es gibt nichts mehr zu sagen. Es ist ja längst alles gesagt, hundert- und tausendmal, in Büchern, in Filmen, in Vorträgen und Dokus.
Man muss niemanden mehr groß aufklären. Alle wissen längst alles. Und sie haben sich entschieden. Ihr habt euch entschieden. Ihr wollt so leben, wie ihr lebt. Ihr wollt euch nicht ändern. Deshalb leiden zig Milliarden von Tieren, jahrein, jahraus. Deshalb gibt es den Zoo und den Schlachthof und alles, was an Tierverwertungsanstalten noch dazwischen liegt.

All das ist nicht vom Himmel gefallen oder spontan aus dem Boden gewachsen. Es ist Kultur. Schlechte, kranke, entartete Kultur. Es gibt all das, weil Menschen es so wollten und weiterhin wollen. Menschen wie ihr.

Ich will nachsichtig sein mit den Menschen früherer Jahrhunderte, ihre Grausamkeit, ihre Gedankenlosigkeit wird man mit einigem Zähneknirschen noch irgendwie „unschuldig“ nennen können. Sie wussten es nicht besser. Ihr aber wisst es besser, und ihr seid nicht unschuldig. Ihr werdet euch nicht herausreden können, ihr hättet nicht gewusst, was ihr tatet.

Wer heute Fleisch isst, tut das im vollen Bewusstsein, dass er ein Verbrechen begeht. 

Wer heute Lederschuhe trägt, erteilt dem Händler, dem Lieferanten, dem Hersteller, dem Schlachthof, dem Mann mit dem Bolzenschussgerät vorsätzlich den Auftrag, zu töten, damit die Lücke im Regal mit neuen Leichenteilen aufgefüllt werde.

Wer heute Milch trinkt, Butter, Quark, Sahne, Käse konsumiert, Eier verzehrt und all die Millionen Produkte, in denen Eier enthalten sind, der sagt laut und deutlich Ja zu all den Vergewaltigungen und Bestialitäten, zu all dem Elendsgeschrei, zu all dem Gemetzel, dem lebendigen Verwesen, dem in Krankheit und Wundfieber herumfaulenden Vegetieren, der sagt Ja zu unnennbaren Summen und Graden von Schmerz, und niemand kann sagen, „davon habe ich noch nie gesehen oder gehört“. Man wird es euch nicht durchgehen lassen, wenn ihr euch herauszureden, herauszuwinden versucht, man wird sich ekeln vor eurem Gejammer, eurem Lügengewinsel, ihr hättet nichts gewusst. Ihr habt alles gewusst.

Ihr wusstet, was in den Ställen, den Hallen und Baracken geschieht, ihr wusstet, wie unschuldige Kühe und Schweine und Hühner und Gänse leiden. Und es war euch einfach egal. 

Ihr wolltet die leckere Bratwurst auf eurem Grill – und das im Enthaarungs-Brühbad schreiend verendende Schwein war euch egal. 

Ihr wolltet euren gottverdammten Sahnejoghurt – und das Kälbchen, das der Mutter unter Gebrüll und besinnungslosem Seelenschmerz entrissen wurde, war euch egal. 

Ihr wolltet euer Rührei und euer Hähnchenbrustfilet – und die Milliarden und Abermilliarden in Stumpfsinn und Fäulnis gepferchten Vögel, lebendig vermodernd, verdämmernd, verrottend auf ihren gebrochenen Knochen, waren euch egal.

Ihr wolltet fressen und genießen, ihr wolltet behagliches Landfrauen-Soulfood für eure Liebsten auftischen, ihr wolltet ganze Kerle sein, die ihren Best Buddies richtig geiles Beef zum Barbecue auf den Rost schmeißen – und ihr gabt einen Dreck auf irgendwelche Ehrfurcht vor dem Leben, Ehrfurcht vor der Schönheit eines intakten Tierkörpers, Ehrfurcht vor der Anmut einer schmerzfreien Kreatur, vor ihren Bedürfnissen, ihrer Einzigartigkeit, ihrer Heiligkeit. Ihr wolltet fressen. Nicht irgendwelches schwuchteliges Gemüse, sondern Fleisch. Und Wurst und Käse. Und meintet auch noch, so was sei natürlicher und echter als so ein metrosexueller, ökomoralistischer Fake-Bratling aus Pflanzen.

Ihr, die ihr eure Kinder zu familiärem Freizeitvergnügen durch zoologische Gärten führt, um sie anglotzen zu lassen all die Gefangenen in ihrem sinnlosen Betonhöllendasein, ja, ihr, die ihr gleichzeitig eure Vorfahren verachtet dafür, dass sie Menschen in Käfige sperrten, exotische, schwarzhäutige, nasenberingte und federgeschmückte Wilde, um sie in Völkerschauen dem staunend gaffenden Publikum preiszugeben, ihr seid keinen Deut besser. Es werden Zeiten kommen – wenn noch Zeiten kommen, falls Homo Sapiens seine speziesistische Expansion, seine selbst- und weltmörderische Hypertrophie überleben sollte –, da dieses Urteil vielleicht Allgemeingut geworden sein wird, so allgemein, wie es heute die Verachtung für jene Menschenquäler ist, die andere Menschen zu Zootieren degradierten.

Ihr seid um nichts weniger brutal, ihr seid bluttätig-frevlerische Verbraucher, ihr konsumiert das Leben der Leidenden, euer Platz in der Geschichte der Barbarei ist euch sicher. Die Zukunft, die unwahrscheinliche Zeit der Geläuterten, der unglücklich Davongekommenen, wird auf eure Gleichgültigkeit unter Würgen und Schluchzen zurücksehen. Eure Niedertracht wird in einem Atem mit jener von Nazi-Mitläufern und SS-Schergen genannt werden.

Ja, ich weiß schon, wie ihr, die ihr eh kaum noch zuhört, all das an euch abprallen lassen werdet, ich kenne die üblichen Reaktionen, ich höre schon das Gerede vom hohen moralischen Ross, vom erhobenen Zeigefinger, von der unerträglich arroganten Überheblichkeit, von Scheinheiligkeit und Pharisäertum. Ich weiß, dass die, die euch hier und da in euren Kirchen und Talkshows predigen und sanfte Vorhaltungen machen, solchen Anwürfen zuvorkommen, indem sie achtsamerweise „Wir“ sagen, sich selbst einbeziehen in die fehlerhafte Menschheit, sich kommunikationsstrategisch geschickt einreihen ins Heer der Sünder, um des psychopädagogischen Vorteils willen. Und weil es ja auch die Höflichkeit gebietet. „Wir haben Fehler gemacht“ klingt ja konzilianter als „Ihr habt Fehler gemacht“. „Wir müssen uns ändern, ich nehm mich da gar nicht aus“, so spricht der nette Artenschutz-Experte bei Frank Plasberg, der nachsichtige Bischof im Heute-Journal-Interview, der besonnene, gewandte Politiker im Radio. 

Ich aber bin kein Politiker und kein Artenschützer, ich bin nicht achtsam und gewandt, ich will auch eigentlich nichts mehr ändern, denn ich weiß: Ihr werdet euch nicht ändern. Ich will nur das noch, was mir einzig mit Worten auszurichten bleibt: Ich will euch verfluchen! Sonst nichts. Ich will euch für eine Sekunde wenigstens die Hölle fühlbar gemacht haben, in der ihr, wenn es sie gäbe – Gott, gäbe es sie doch! –, in Ewigkeit schmoren müsstet. Ihr! Ja, ihr!

Nein, ich sage nicht „Wir“, ich bezieh mich nicht höflicherweise mit ein in den Kreis der Angeklagten, ich nehme mich ausdrücklich aus, mich und die, die es schon begriffen haben. Ich rede nur mit euch, nur euch beschuldige ich, die ihr weiterhin nichts begreifen wollt, euch, die ihr beharren wollt auf eurem angemaßten Recht, die Schwachen auszubeuten, einzukerkern für euer Gaumenvergnügen, eure Konsumsucht, euer abgeschmacktes Amüsement.

Ja, ich bekenne mich zu dieser Überheblichkeit, zu dieser moralischen Hybris. Ich habe andere Fehler und Schwächen, mehr als genug. Ihr könnt mich wegen allem Möglichen vor Gericht zerren, ich habe genug verbrochen, um mir ein warmes Plätzchen im Höllenfeuer redlich verdient zu haben. Aber wenigstens dieses eine Kapitalverbrechen habe ich als solches erkannt, und seit ich es erkannt habe, habe ich es nie wieder begangen: Ein Tier, ein fühlendes, leidendes Wesen wie eine Sache zu behandeln. Wie ein Nahrungsmittel, wie ein Freizeitgerät, wie ein Ausstellungsstück, wie ein Kleidungsstück, wie ein Fortbewegungsmittel, wie ein Laborobjekt.

Träumt von brennenden Affen! Träumt von euren brennenden, brüllenden Brüdern und Schwestern, träumt in dieser einzigen Tiersprache, die ihr vielleicht versteht, der lodernden Sprache des Schmerzes. Träumt unter Tränen. Träumt von dem Schweigen der Erstickten. Träumt von der Stille der Erlösten. Träumt jede Nacht von eurem falschen Leben. Träumt, bis euch das Leben so unerträglich wird wie mir.
Glaubt mir, ich möchte euch anflehen. Aber ich muss euch verfluchen.

 

© Marcus J. Ludwig 2020
Alle Rechte vorbehalten.