BRD oder RRRRD?

Es ist aus. Die einen Deutschen hassen die anderen Deutschen. Zum 30. Jahrestag des Mauerfalls sollten wir uns wie Erwachsene verhalten und eine Zwei-Staaten-Lösung erwägen.

Machen wir uns nichts vor. Dreißig Jahre nach dem Fall der Mauer müssen wir – so ernst wie es der Galgenhumor zulässt – über eine neue Teilung Deutschlands nachdenken. Gespalten ist das Land ja ohnehin schon. Es haben sich faktisch zwei Mentalitäten etabliert, die einander unversöhnlich, ja feindlich gegenüberstehen. Hier geht es nicht mehr um politische Konkurrenz hinsichtlich eines attraktiveren Zukunftsmodells, hier geht es nicht mehr um demokratischen Parteien-Wettbewerb. Hier geht es darum, dass die einen Deutschen die anderen Deutschen hassen, sie zum Schweigen bringen wollen und ihnen zu diesem Zweck bedenkenlos die Nazikeule über den Schädel ziehen oder auch ganz real die Köpfe einschlagen oder wegballern.

Die entscheidende Bruchlinie der gegenwärtigen Gesellschaft verläuft nicht so sehr zwischen Parteiprogrammen, Einkommensklassen und Bildungsschichten, nicht zwischen Ost und West, Stadt und Land, links und rechts, arriviert und abgehängt, progressiv und konservativ. Die eigentliche Bruchlinie verläuft zwischen denen, die den Postkulturalismus bejahen, und denen, die der entschwindenden Kultur nachtrauern oder sogar noch Hoffnung hegen, man könne wieder vollumfänglich zurückfinden zu einer Kultur.

Die einen begrüßen und bejubeln die Auflösung alles Deutschen, die Transformation alles Abendländischen in ein egalitär-globalistisches One-World-Wonderland. Die andern betrachten das Deutsche, das Abendländische – territorial und mental – als ihre historische Heimat und als ihren kulturellen Besitz, den sie sich nicht ohne Not nehmen lassen wollen. Sie wollen Deutsche und Europäer bleiben, während die anderen um jeden Preis „Menschen!“ werden wollen.

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Die bundesrepublikanischen Postkulturalisten verwechselten immer schon deutsche Kultur mit Nationalismus, Chauvinismus, Faschismus und Hitlerismus, mit Marschmusik und Kaiserherrlichkeit, mit Sportpalast und Wochenschau, mit Himmlers Ahnenerbe und Arno Brekers Kolossalstatuen.

Die Kulturalisten mögen unbeholfen gewesen sein in ihren Ausdrucksformen, sie fühlten vage noch etwas Deutsches in sich, konnten aber nie auf unbefangene Weise etwas Sehenswertes davon vorzeigen, meist kam nichts als Kitsch und verschämte Kompromisskultur heraus bei ihren Versuchen, sich irgendwie deutsch zu geben. Aber das ist nicht das Entscheidende. Kulturelle Ausdrucksformen, Lebensformen, Umgangsformen lassen sich ja glücklicherweise kultivieren. Wenn die Grundlage gegeben ist.

Entscheidend und grundlegend ist aber eben dieses vage Gefühl von Deutschheit, dieses Gefühl von Zugehörigkeit und Eigenheit. Es ist eine Empfindung, die auf dem selben Level von Selbstverständlichkeit rangiert, wie beispielsweise der Familienzusammenhalt und der Anspruch auf die Unantastbarkeit der eigenen Wohnung. Die Menschen, die sich auf naive, unhinterfragte Weise als Deutsche empfinden, sind tendenziell dieselben, die das Gefühl haben, es sei irgendwie angenehmer, eine Haustür zu haben, die man nach Belieben zumachen kann, einfach damit nicht plötzlich Leute im Bett liegen, die man da nicht haben will.
Es sind tendenziell dieselben, die das Gefühl haben, man sollte die Kinder, die man zur Welt gebracht hat, nicht einfach irgendeinem zufällig Dahergelaufenen in die Hand drücken und statt ihrer irgendwelche beliebigen andern Kinder adoptieren, weil ja eh alle gleich seien.
Es sind tendenziell dieselben, die das Gefühl haben, dass es irgendwie natürlicher sei, im Falle eines Brandes erst mal die dreijährige Tochter und die gehbehinderte Mutter aus dem Haus zu tragen als die sportlichen jungen Männer aus der Wohngemeinschaft nebenan.
Es sind tendenziell dieselben, die das Gefühl haben, dass es irgendwie natürlicher und einem lebenswerten Leben zuträglicher sei, wenn sie sich in ihrem Umfeld in ihrer Muttersprache unterhalten können und weder beim Einkauf, noch beim Arzt, noch in universitären Lehrveranstaltungen dazu genötigt werden, sich mit einer fremden Sprache herumzuplagen. 

Diese Regungen der Identität, dieses Bestehen auf dem Eigenen als dem Zukömmlicheren und Erstrebenswerteren ist das, was die Postkulturalisten vehement ablehnen, verdächtig und hassenswert finden. Wenn man deren beschränkte Terminologie übernehmen wollte, würde man das alles als „rechts“ bezeichnen. Muss man aber nicht. Es ist nämlich nicht rechts. Es ist einfach die Grundlage aller Kultur: etwas Natürliches als etwas Eigenes zu betrachten, sich verantwortlich dafür zu fühlen, es zu hegen und zu pflegen, es gedeihen zu sehen, es gegen Gefährdung von außen zu schützen. Es zu kultivieren.

Die, die das alles rechts finden, haben durch jahrzehntelange beharrliche Dauerindoktrination jedes Gefühl für das Eigene verloren. Manche haben es sogar in fanatischem Seelentraining, durch ideologische Abhärtung so weit gebracht, alle familiäre, nationale, kulturelle, naturrechtliche Spontanität in sich abzutöten, um sich fortan nur noch als Mensch, als Bewohner eines Planeten, als Kind des Universums zu begreifen.

Das kann ich – trotz der offensichtlichen Lächerlichkeit – nicht einmal komplett verurteilen. Ich hege eine gewisse Bewunderung für alles Radikale, alles was im positiven Sinne an die Wurzel geht und schonungslos an der eigenen, strengen Selbsterziehung arbeitet. Merkwürdig aber ist ja der Befund, dass solcher Entselbstungs-Globalismus mit einer konsumistisch-digitalistischen Enthemmung und Verblödung einhergeht, wie die Welt sie noch nie gesehen hat. Diese unheimliche, unheilige Allianz linksradikaler und maximalkapitalistischer Gewalten, getragen und medial multipliziert von einer unverhohlen totalitären Meinungsaristokratie bildet gegenwärtig wahrscheinlich die stärkste mentalitätsformierende Kraft aller Zeiten. 

Noch nie wurde es den Menschen so leichtgemacht, auf ihren Vorurteilen und Illusionen zu beharren, sich im Recht zu fühlen, mit bestem Gewissen und vollem Genuss das Falsche zu wollen und zu tun.
Und noch nie war es so anstrengend, bei Verstand zu bleiben, bei sich zu bleiben, menschlich zu bleiben.

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Halten wir fest: Eine Verständigung zwischen den beiden deutschen Menschenarten ist, ganz nüchtern betrachtet, nicht mehr möglich. Der Bruch zwischen denen, die noch von einer Kultur träumen, und denen, die nur noch Konsum und Selbstverwirklichung, humanitären Hedonismus, planetarische Zivilisation, „menschenwürdigen“ Massenindividualismus wollen, ist nicht mehr zu heilen.
So können wir nicht mehr zusammenleben. Es ist aus. Verhalten wir uns wie Erwachsene. Ziehen wir die Konsequenzen.
Ziehen wir eine Grenze. Deutschland ist groß genug. Teilen wir es auf, bevor wir uns gegenseitig das Leben vollends zur Hölle machen. 

Wie wäre es mit einer Volksabstimmung?
Man fragt die Menschen: „Wollt ihr in diesen oder in jenen Teil?“ Und je nach den Zahlen, die dabei herauskommen, wird das Staatsgebiet dann quadratmetergenau neu aufgeteilt. Grenzverläufe werden nicht ohne Weh und Leid zu ziehen sein, aber besser ein paar kalkulierbare Schmerzen als irgendwann die Katastrophe des Bürgerkriegs.

Norddeutschland bleibt links-grün-rot, eine Art Groß-Berlin oder Groß-Bremen, weltoffen, divers, infantil und bunt, voller Windräder und Stromtrassen, voller Massentierfabriken und Monokulturen, alle orthodoxen Muslime gehen dorthin, können sich dort religiös nach Belieben austoben, ebenso wie sämtliche Graffiti-Sprayer und alle modernistischen Stadtplaner. Spiegel– und SZ– und Zeit-Leser werden mit lebenslänglichen Gratis-Abos zur Umsiedlung ermuntert. Auf den Straßen fahren Elektroautos, die Menschen sprechen ein lässiges Pidgin aus Hauptschuldeutsch und Englisch, Herbert Grönemeyer wird Präsident, Bodo Ramelow wird Kanzler, falls Angela Merkel dereinst mal abtreten sollte. Und falls sie je sterben sollte, wird auf dem Platz der Republik ein Mausoleum errichtet, in dem die plastinierte Regentin für alle Ewigkeit angebetet werden kann.

Süddeutschland wird im allerweitesten Sinne grün-blau, was ungefähr bedeutet, dass zumindest für eine erste Übergangszeit Boris Palmer und Götz Frömming gemeinsam die Kanzlerschaft übernehmen. Falls es so was wie einen Kanzler noch geben soll, denn der neue Staat wird in etwa nach Schweizer Vorbild gestaltet. Es wird also eine echte Demokratie eingeführt. Es wird ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk eingeführt, der den Namen verdient. Es wird ein Wehrdienst eingeführt, den niemand verweigern wird, weil jeder das neue Gemeinwesen als etwas Schützenswertes erachten wird. In Vergessenheit geratene Selbstverständlichkeiten werden wiederbelebt, zum Beispiel werden (kein Witz jetzt) Recht und Gesetz wieder angewandt. Die Einwanderung wird nach den Erfordernissen der gesellschaftlichen Subsysteme gesteuert. Politisch Verfolgte erhalten selbstverständlich Asyl, illegale Migration wird selbstverständlich unterbunden. Wer sich unberechtigt in unserem Land aufhält, wird in den Norden abgeschoben, vorzugsweise in das Wohnzimmer von Katrin Göring-Eckardt oder in den Garten von Bischof Bedford-Strohm. Alle Juden (zumindest die, die im Gegensatz zu einigen ihrer medial sichtbaren Repräsentanten noch alle Tassen im Schrank haben) kommen zu uns, alle Antisemiten – egal welcher extremistischen Provenienz – werden in der Antarktis ausgesetzt. Auf den Straßen fahren Brennstoffzellenautos, zum Glück haben wir ja Audi, BMW, Mercedes und Porsche im Land, mit ein wenig politischem Druck sollten die das technisch doch wohl hinbekommen. Die Volkswagenrepublik im Norden soll ruhig ihre jetzt schon veralteten Batterieauto-Pläne durchziehen, das wird dann so laufen wie mit dem Trabi in der DDR. Die Energieversorgung bei uns im Süden läuft über eine revitalisierte und sicherheitsoptimierte Kerntechnik, vor allem aber über Photovoltaik und Geothermie. Unser sprachliches Ideal ist eine völlig natürliche und selbstverständliche Bilingualität, alle Kinder müssen mit Deutsch und Englisch aufwachsen, damit sie kommunikative Deutsche und gute Europäer werden. Außerdem ist Bilingualität erwiesenermaßen gut gegen Demenz. In puncto Präsidentschaft erneuere ich meinen Vorschlag, dass Richard David Precht dafür der Richtige wäre. Von mir aus auf Lebenszeit. Da ich nicht sicher bin, ob er nicht eher zu denen gehört, die erstmal in den Norden gehen, bis sie merken, dass man da als Geistesmensch keine Luft mehr kriegt, kann ich mir auch gut Norbert Bolz vorstellen oder Hamed Abdel-Samad. Und natürlich Anne-Sophie Mutter, aber die hat vermutlich keine Zeit für so was.

Der Norden kann von mir aus weiter „Bundesrepublik“ heißen. Das neue, das gute, das südliche Superdeutschland aber wird offiziell heißen: Romantisch-Realistische Rationalrepublik Deutschland. Kurz: RRRRD.
Ich vermute, es werden etwa 25 Prozent, vielleicht 30 Prozent, für den Süden optieren. Vermutlich sehr viele AfD-Wähler, viele von der CSU, sehr wenige Grüne, wahrscheinlich mehr Linke als Sozialdemokraten. Und die von der FDP? Wie immer unberechenbar.

Die Grenze wird ungefähr auf einer Linie von Trier im Westen bis Hof im Osten verlaufen. Je nachdem, wie viele für den Süden stimmen, können wir vielleicht Teile Thüringens und Sachsens mitnehmen. Ungern nur würden wir auf Eisenach und Weimar verzichten.
Aber es werden viele Opfer zu bringen sein. Das schöne Bonn werden wir kaum beanspruchen können. Das nordhessische Märchenbergland müssen wir sicher preisgeben, ebenso wie den Harz mit seinen Schönheiten, Quedlinburg, Wernigerode … das Lutherland, das Fontaneland, das Storm- und Buddenbrooksland werden verlorengehen. Und wir werden in Berichten und Bildern von drüben mitansehen müssen, wie all das der Verwahrlosung, dem Verfall, der Verpöbelung überlassen wird, wie all das nach und nach wie Berlin aussehen wird. Aber es hilft nichts. Wir müssen retten, was zu retten ist. Und das kann eben leider nur ein Teil des Ganzen sein.

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Warum übrigens wollen wir den Süden? Warum nicht den Osten? Es gibt gute Gründe, den deutschen Süden, den Südwesten vor allem, als das eigentlich deutsche Kerngebiet anzusehen, auf das sich eine Gesundschrumpfung zu konzentrieren hätte. Das hat offensichtlich mit dem Katholizismus zu tun, mit dem Erbe Roms, mit dem Weinbau und allem, was sich zwischen der geheimdeutschen Lyrik Stefan Georges und der Pfälzer Weltgemütlichkeit eines Helmut Kohl aufrufen lässt an traditionsreichen Horizonten, an urgründigen europäischen Heimatträumen und Erinnerungen an monumentales abendländisches Menschentum.
Den Augenblick, da der Kanzler der Einheit in einem übermenschlich großen Sarkophag in Speyer zu Grabe getragen wurde, kann ein Deutscher mit minimaler poetischer Veranlagung kaum anders empfinden denn als Endpunkt jenes Bogens, der sich von Georges Gedicht aus dem Jahr 1901 über das Jahrhundert spannt und zurück über das Jahrtausend, das mit den Saliern beginnt, in Staufern und Habsburgern manch staunenswerte Blüte hervorbringt, bis dann die Hohenzollern von Preußen aus dem Deutschtum ein ganz neues und anderes Gesicht geben. Und ihm die charakteristische Pickelhaube aufsetzen.
Ich war ganz sicher nie ein Kohl-Fan, es gab immer reichlich zu kritisieren, zu verlachen und zu verwünschen an dieser merkwürdigen Gestalt; aber immerhin wäre uns der Horror, den wir unter der Herrschaft der protestantischen Physikerin aus dem Preußenland erleben, unter der Führung des katholischen Historikers aus der Pfalz wohl erspart geblieben.

Das neue Deutschland aus dem Geiste des alten Südwestens wurzelt in Georges pfälzischem Urdeutschland, dort, wo das Deutsche am abendländischsten ist: in der römischen Provinz, dem Land des Weins, der katholischen Feierlichkeit, der heidnischen Kulte, der Naturgeister und Mittagsdämonen, Satyrn und Nymphen … Erscheinungen, von denen man naturgemäß nichts weiß in Rostock oder Cloppenburg. Und auch wenn wir uns hier permanent am Rande der Satire bewegen: Die Bonner Republik war im Sinne der grundlegenden Neuausrichtung des Landes zumindest ein Anfang. Oder weniger optimistisch gesprochen: ein Zwischenspiel. Denn mit der Restauration des politischen Mittelpunktes in Berlin war das Bonner Intermezzo nach fünf Jahrzehnten ja auch schon wieder vorbei. Und es bleibt vorbei.

Deutschland entschied sich für Berlin als Hauptstadt. Weil das die eigentliche und echte Hauptstadt sei. Weil es auch ehrlicher und realistischer und rauer sei als das beschauliche Provinzstädtchen am Rhein. So etwa waren damals die Argumente.
Realistisch aber war es erst in jener Realität, die ihr euch schufet, ihr Narren! Berlin war immer eine Insel, es war schon immer falsch, hier das Zentrum der deutschen Lande zu suchen. Es war immer ein Zentrum des kreativen Vandalismus, das ja; eine Insel eskapistischer Verwahrlosung. Nie hatte das Leben dort irgendetwas zu tun mit dem Leben in Bonn oder Speyer oder Regensburg oder Ulm.
Wer sich für Berlin entschied, der wollte ein anderes Deutschland, und er bekam ein anderes Deutschland, dasjenige, das wir jetzt haben. Ein entgeistertes, entwertetes, vergammelndes, dysfunktionales Pöbelland.

Jaja, ich versteh schon die Faszination, die von Berlin ausgeht. Ich bin nicht unempfänglich für all die Reize dieser pulsierenden Zeitmaschine. Wer Fontane liebt, kann ja gar nicht anders, als sich für Berlin zu begeistern. Allerdings leider nur in der Phantasie. Wenn ich mal in echt da bin, sehe ich nichts von Fontanes Welt, ich spüre auch nichts von den Zwanzigern, vom Berlin Klaus und Erika Manns, Brechts und Döblins, von dem guten alten Sündenbabel. Ich finde auch nirgendwo die verbotenen Schrecken der Nazizeit. Dort, wo Hitlers Reichskanzlei zu bestaunen sein könnte, stehen Trivialbauten, wie man sie auch aus Paderborn und Pforzheim kennt. Ich sehe noch nicht mal das ruinenschöne Chaos der Einstürzenden Neubauten, der Ideal-Ära, das angeschickerte Charlottenburg des Harald Juhnke, nichts ist übriggeblieben von dem, was einen Menschen reizen könnte, der es genießt, seine literarischen, musikalischen, filmischen Imaginationen in der Realität zu spiegeln. Gar nix spiegelt sich da. Berlin ist der blindeste Spiegel, den dieses Land zu bieten hat.

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Wo der neue Regierungssitz, das neue politische Zentrum verortet wird, muss ich mir noch überlegen. Hängt ja auch vom Grenzverlauf ab. Hymne und Flagge muss man sich auch noch Gedanken drüber machen. Aber das sind Einzelheiten, die sich nach und nach schon ergeben. Abschließend will ich nur eines noch betonen: Da ich gewissermaßen der Staatsgründer bin, nehme ich mir die Freiheit, zu erklären, dass der neue Staat keine irgendwie rechte Veranstaltung sein soll. Er soll eine Veranstaltung des unbedingten Rechts sein, der geschichtsbewussten Kultur, des Ökorealismus, der radikal ethischen und ästhetischen Umwelt- oder besser Mitwelt-Politik, der wissenschaftlichen Freiheit, der klassischen Bildung, der gemeinschaftsdienlichen Wirtschaft. Eine Veranstaltung freier, mündiger, stolzer Bürger, die mit eigener Stimme sprechen, die aus Respekt vor dem Mitbürger und aus Selbstachtung Verantwortung übernehmen für das Gemeinwesen. Menschen, die in der Lage sind, Lebensziele jenseits von Konsum, Hedonismus, Rumgejammer, Ausstellung ihrer Absonderlichkeiten, Streit und Wichtigtuerei zu verfolgen. Menschen, die in der Lage sind, sich zu langweilen, ohne dabei drogensüchtig und kriminell oder fanatisch zu werden. Menschen, die der Muße fähig sind. Menschen, die auch mal einen Abend auf der Bank vor ihrem Haus verbringen können und in den Himmel gucken, ohne das Gefühl zu bekommen, etwas im Fernsehen oder auf Twitter zu verpassen. Menschen, die nicht bei jeder Lebensschwierigkeit nach dem Staat schreien und Gerechtigkeit verlangen. Menschen, die willens sind, sich um ihre Mitbürger und um ihre Umwelt zu kümmern, soziale und kulturelle Kontrolle auszuüben, Menschen, die dem Graffiti-Vandalen eine Strafpredigt halten, die er so schnell nicht vergisst, ihn zwingen, seinen Mist wegzumachen, und nicht einfach wegsehen und hoffen, dass das schon irgendwer anders machen wird.
Das wollte ich nur noch gesagt haben

 

© Marcus J. Ludwig 2019
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