AFD, BFV, FUP und ALF

Jetzt, da die politmediale Anti-Rechts-Front mit Hilfe des Verfassungsschutzes die einzige Oppositionspartei so richtig in die Mangel nimmt*, juckt es einem ja geradezu in den Fingern, einen Mitgliedsantrag auszufüllen und der bösen AfD nun erst recht beizutreten. Bei mir jedenfalls juckt es ganz ungemein. Ich werde mich aber wohl zu beherrschen wissen. 

Es wäre etwas übertrieben, wollte ich mich als einen Mann von Prinzipien bezeichnen. Dazu bin ich gewiss zu experimentell veranlagt, zu abhängig auch von Tagesform, Vitamin-D3-Spiegel und Jahreszeiten. Aber ein paar Grundsätze gibt es doch, ein paar in den Charakter einbetonierte Wegweiser und Stoppschilder, an die ich mich konsequent bis zur Sturheit halte.

Eine dieser vor Ewigkeiten selbstgegossenen Gesetzestafeln verbietet es mir, jemals in eine Partei einzutreten. Und nur aus diesem Grund, aus Starrsinn und lebensästhetischer Stringenz, sehe ich davon ab, jetzt sofort in die AfD einzutreten.

Eigentlich müsste ich diesen Schritt tun. Aus Protest, aus Solidarität, aus Gerechtigkeitswut. Eigentlich müsste jeder, der je den Namen Voltaires im Munde geführt hat, jetzt in die AfD eintreten, um demonstrativ das zu tun, was all die aufrechten Demokratiewächter in Medien und Kulturbetrieb ständig fordern, nämlich: ein Zeichen zu setzen. Ein Zeichen gegen einen politisch instrumentalisierten Verfassungsschutz, der mit hanebüchener Willkür gegen eine unliebsame Oppositionspartei vorgeht, während er eine offen rechtsbrüchige und demokratieverachtende Regierung munter gewähren lässt.

Großen Spaß würde es mir insbesondere bereiten, Mitglied der AfD zu werden, sie dann aber nicht zu wählen. Aber, wie gesagt: Einen solchen auf die Spitze getriebenen Voltairismus muss ich mir leider aus Prinzip verkneifen.**

Apropos „eintreten“: Während ich dies schreibe, schleicht sich mir die Frage in den Sinn, ob es wohl denkbar sei, dass man mir demnächst des Nachts die Türe eintritt, denn – wer weiß – vielleicht ist der Verfassungsschutz auch bei mir schon beobachtungsmäßig zugange … allein schon deshalb, weil meine kleine publizistische Unternehmung so heißt, wie sie nun mal heißt. In Zeiten wie diesen kann schon ein unschuldiges Wort wie „Flügel“ möglicherweise reichen, um Verdacht zu erregen, zumal der Flügel bei mir sogar noch mit einer brutalen Löwenpranke kombiniert ist … die semantischen Praktikanten des BfV könnten das problemlos als ultrarechts und gewaltverherrlichend einstufen. Und da der Name „Höcke“ auch schon das eine oder andere Mal in meinen Texten auftauchte, und „Hitler“ auch, und dann auch noch „Götz Kubitschek“ und irgendwas mit Bomben und Krieg und Terror und was weiß ich, haben die Kölner Argusse mich vielleicht längst auf dem Schirm. So was reicht womöglich schon, um einfach aus Langeweile mal ein Schlapphutkommando rauszuschicken, das mich im Schlaf überrascht, um die Bude nach Umsturzplänen und NS-Devotionalien abzusuchen. 

Aber da können sie lange suchen, ich hab nämlich absolut … äh, Moment, ich hab doch was: Hinter mir im Regal, Luftlinie zwei Meter, steht „Mein Kampf“. Verdammt, keine gute Idee. Wie werd ich das los? Ins Altpapier werfen? Aber das ist die zweibändige kommentierte Ausgabe des IfZ, die war scheißteuer, und die ist riesengroß, bestimmt zu groß für die Papiertonne. Außerdem sitzt unten in der Tonne gewiss schon ein Special Agent und wartet nur darauf, dass ich Beweismaterial entsorge. Hm, was tun … soll ich mich heut Abend im Schutz der Dunkelheit ins Auto setzen, um den Nazikram von der nächsten Autobahnbrücke zu schmeißen? Oder besser alles im Schweinegehege im Wald verbuddeln?

Aber – oh Graus – ich hab ja noch viel mehr von solchen demokratiefeindlichen Machwerken. Wenn ich mich so umsehe … meine Wohnung, dieses grundordnungsgefährdende Extremistennest, ist geradezu gespickt mit den gefährlichsten geistigen Brandsätzen:
Ich sehe da Bücher von Rolf-Peter Sieferle und Karlheinz Weißmann. Publikationen von Gerd-Klaus Kaltenbrunner und Rudolf Rahlves. Ich besitze Max Nordaus „Entartung“ und Lange-Eichbaums „Genie, Irrsinn und Ruhm“; von Richard Wagner „Das Judentum in der Musik“ und von Peter Sloterdijk die „Regeln für den Menschenpark“. Mein Blick fällt zur Linken auf Paul de Lagardes „Deutsche Schriften“, zur Rechten auf Heinrich Hoffmanns Bilderbuch „Hitler wie ihn keiner kennt“. Hans Blühers „Deutsches Reich, Judentum und Sozialismus“ steht frech und taktlos neben Hermann Cohens „Deutschtum und Judentum“.
So sieht’s aus. Ich bin geliefert. Wenn die BfV-Schnüffler sich meine Bibliothek vornehmen, kann ich direkt die Tasche fürs Kittchen packen. Ich hab sogar Bücher mit Hakenkreuz drauf, Ernst Bertrams Nietzsche-Buch zum Beispiel. Überhaupt Nietzsche! Ich besitze etwa zweieinhalb Regalmeter von und über diesen Typen, der Frauen auspeitschen und den Übermenschen züchten wollte und der erwiesenermaßen den Führer zu seinen Taten angestiftet hat. Ich habe rassenkundliche und ethologische Schundliteratur, wo rassistische Bilder drin sind von Menschen mit Nasenringen und Federschmuck und Penisfutteralen. Ich besitze – beschämt gestehe ich es – Schriften von Ilse Schwidetzky und Irenäus Eibl-Eibesfeldt. Ach, gäb es ein Feuer unter meinem Fenster, dass ich all die schändlichen Schwarten und Scharteken dem verdienten Flammentod übergeben könnte!
Da wäre des Brennens und Loderns kein Ende … und siedend heiß fällt mir da ein, ich besitze sogar Druckwerke von Gunnar Heinsohn und Thilo Sarrazin, von Egon Flaig und Alexander Grau. Ja, von Monika Maron und, jetzt kommt’s, sogar das Buch von Björn Höcke, dem erwiesenen Rechtsextremisten. Ich habe obendrein mehrere leinengebundene Schmöker von Doktor Dolittle und Thomas Mann, in denen ganz oft „Neger“ drinsteht.
Und – was nützte noch alles Leugnen – im Regal steht zwischen Dostojewski und Dumas ein laut WamS „unfassbares Machwerk faschistoiden Charakters“, nämlich Wiglaf Drostes „Barbier von Bebra“.
Schöne Scheiße. Da werd ich mich wohl kaum beklagen können, wenn Haldenwangs Häscher mich demnächst im Morgengrauen auf eine Partie Waterboarding abholen. 

Meine einzige Chance wird wohl eine schleunige Umbenennung dieser Website sein. Statt „Flügel und Pranke“ vielleicht „Prügel und Flanke“ … klingt aber irgendwie nach Hooligans, also noch mehr nach einem Fall für den Verfassungsschutz, scheint mir.
„Zügel und Planke“, „Bügel und Schranke“, „Hügel und Ranke“ – alles Mist. Ich denk, ich unternehm erst mal gar nichts, außer vielleicht immer abends vorm Zubettgehen einen Teller Kekse und ein Tablett mit Pinnchen und Willkommensschnäpschen vor die Tür zu stellen. Vielleicht klingeln sie dann wenigstens, statt Krach und Kleinholz zu machen.

Zum Schluss aber noch ein Wort ganz ohne Witz: Wenn ihr lieben Leute vom BfV bei mir irgendwas finden wollt, dann solltet ihr jene Schubladen und Ordner durchwühlen, die mit Tierbefreiung zu tun haben. Denn wenn ich jemals irgendetwas Gesetzes- oder gar Verfassungswidriges tun sollte, dann wird es im Kampf für die Rechte der Tiere geschehen.
Ich warte sehnlichst auf den Tag, an dem mir von irgendwoher der Mut zuwächst, eine Tat zu tun, die die Befreiung unserer mit Flügeln und Pranken, mit Pfoten und Hufen, mit Flossen und Tatzen geborenen Brüder und Schwestern voranbringt. Wenn es nach mir geht, würde garantiert niemand verletzt werden bei einer solchen Tat, aber notwendigerweise wäre es eine Tat, die gegen jene menschengemachten Gesetze verstoßen müsste, welche es zulassen, dass zig Millionen von Tieren Tag für Tag gequält und getötet werden. Eine Tat gegen eine Verfassung, der die Würde der Tiere immer noch scheißegal ist. Gegen solch ein grauenhaft gedankenloses Grundgesetz werde ich hoffentlich irgendwann einmal mutig genug sein zu verstoßen.
Noch sehnlicher allerdings wünsche ich mir, es gelänge uns vorher, diese Verfassung zu ändern. Und die Menschen, denen die Gesetze dieses Staates immer noch weismachen, sie hätten das Recht, Tiere für ihren täglichen Gaumenschmaus nach Belieben zu entwürdigen.

Support the Animal Liberation Front!

 

* Am 12. März 2020 verkündete der BfV-Präsident Haldenwang (CDU), der AfD-„Flügel“ sei nun offiziell ein Beobachtungsfall. Der Zusammenschluss sei eine „erwiesen extremistische Bestrebung“, seine Gründer seien Rechtsextremisten.
Haldenwangs Tonfall und sein mimisches Gebaren während der Verkündigung bewegten sich irgendwo zwischen schadenfreudiger Süffisanz und dem Behagen des Rechthabers am längeren Hebel.
Man mag ihm menschlicher-, allzumenschlicherweise zugestehen, dass er sich abends am Kaminfeuer einen Extra-Asbach gönnt und die Beckerfaust ballt, aber vor Kameras sollte ein Behördenchef doch in der Lage sein, nüchterne Neutralität zu demonstrieren. Oder sie wenigstens zu heucheln.

** An der Diskussion darüber, ob das Voltaire zugeschriebene Bonmot „Ich missbillige, was Sie sagen, aber ich werde bis zum Tod Ihr Recht verteidigen, es zu sagen“ wirklich von Voltaire stammt, will ich mich hier nicht beteiligen. Es gibt jedenfalls seine Einstellung recht zutreffend wieder. Und meine auch.

 

 

© Marcus J. Ludwig 2020
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